18. Mai 2011
Diagnose Magersucht

Diagnose Magersucht

Hanna-Charlotte ist 1,62 Meter groß und wiegt dabei nur 36 Kilogramm. Ihre Ess-Störung entwickelte sie vor drei Jahren. Wie erlebt die Abiturientin ihre Magersucht, was bedeutet es für die Mutter? Ein Schicksal, zwei Perspektiven.

Diagnose Magersucht
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Diagnose Magersucht

Die Mutter
Angelika Blumroth (50) betreut autistische Schulkinder

Wenn ich meiner Tochter zwei Kartoffeln auf den Teller lege, antwortet sie: „Ich esse nur anderthalb.“ Ich sage: „Zwei Kartoffeln müssen sein.“ Hanna: „Eindreiviertel.“ Ich: „Zwei.“ Hanna: „Eindreiviertel, und dazu ein Stückchen Fleisch.“ Manchmal habe ich es so satt, mit ihr um jeden Bissen zu ringen! Seit über drei Jahren bestimmen zermürbende Ess-Verhandlungen und zähe Mahlzeiten unseren Alltag, weil die Magersucht meine Familie im Griff hat. Wenn ich nachts aufwache, schleiche ich an Hannas Bett, um zu sehen, ob sie noch atmet. Denn mit 36 kg bei 1,62 Metern ist sie extrem untergewichtig. Dreimal ließen wir sie bereits in eine Klinik einweisen. Doch jetzt ist sie volljährig und hat entschieden: „Ich will nicht mehr in die Klinik, Mama, ich möchte bei dir bleiben.“ Ich habe daher eine Abmachung mit ihr getroffen: Solange sie kein Gramm abnimmt, kann sie bleiben. Ist das richtig? Ich weiß es nicht. Ich will nur, dass sie nicht verhungert. Und dass Hannas jüngere Geschwister (12 und 14) so normal wie möglich leben können. Das ist jeden Tag ein Kraftakt.

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Wie es zu ihrer Magersucht kam? Schwer zu begreifen. Hanna war damals fast 16, hatte ihre erste feste Beziehung, ging auf Partys. Und auch ich lernte jemanden kennen. Von Hannas Vater hatte ich mich getrennt, als sie ein Kleinkind war. 2007 ist er gestorben. Auch meine zweite Ehe scheiterte. Mama, du brauchst wieder einen Mann, hatte Hanna immer gesagt. Als Peter dann in unser Leben trat, passte ihr das gar nicht. Sie reagierte zickig, besonders bei den gemeinsamen Mahlzeiten: „Kein Hunger“, „Schmeckt nicht“, „Hab’ schon gegessen“. Ich hielt das für pubertäre Bockigkeit. Wer macht mit seinem Partner Schluss, nur weil die Beziehung der Teenager-Tochter nicht passt?

Dass mehr als Protest dahintersteckt, wurde mir bald klar. Hanna, die immer schon schlank und sportlich war, nahm innerhalb von einem Dreivierteljahr elf Kilo ab! Ich hakte vehement nach, was los ist. Schloss uns beide einmal sogar im Bad ein, damit sie damit rausrückte. Sie weinte – und wusste es nicht. Doch ich wusste: Wir brauchten Hilfe, dringend, sie wurde immer weniger. Wenn ich heute grüble, was falsch gelaufen ist, komme ich auf Väter, die sich aus allem heraushielten, Hannas Fixierung auf mich, ihr braves, angepasstes Wesen, ihren großen Ehrgeiz. Selbst jetzt ist Hanna trotz ihres Zustandes, in dem sie sich kaum auf etwas konzentrieren kann, eine sehr gute Schülerin. Nur ist sie nie zufrieden mit dem, was sie leistet. Ich fand Hanna immer gut, wie sie ist. Habe ich ihr das nicht oft genug gesagt? Wenn ich mittags von der Arbeit komme, bleibe ich manchmal im Auto sitzen, heule und frage mich: Wie lange schaffe ich das noch? Peter kommt zu kurz. Für Freunde oder Hobbys bleibt weder Zeit noch Energie. Für mich selbst auch nicht. Dann reiße ich mich zusammen, gehe ins Haus und bin bereit für eine neue Mahlzeit, ein neues Ringen.

Ein Leser-Brief
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Die Tochter
Hanna-Charlotte Blumroth (19) macht gerade Abitur

Manchmal brauche ich eine Stunde, bis ich weiß, was ich anziehe. Ich möchte gut aussehen, aber andere nicht erschrecken. Mein Verstand weiß, dass ich echt mager bin, aber ich nehme mich anders wahr: schlank, so schlank wie Victoria Beckham oder Paris Hilton. Dass die nicht viel wiegen, finden doch auch alle okay. Bis ich knapp 16 war, hat meine Figur mich nicht interessiert. Es ging mir gut damals, ich hatte einen Freund, ging auf Partys, war begeistert von Leichtathletik, Tanzen, Basketball. Dann fand ich plötzlich, dass mein Bauch zu dick ist. Keine Ahnung, woher das kam. Es war einfach da.

Du hast einen ganz flachen Bauch, sagten Mama und mein Freund. Trotzdem machte ich zum ersten Mal in meinem Leben Sport, um abzunehmen. Zur gleichen Zeit lernte Mama Peter kennen. Eigentlich hatte ich mir einen Freund für sie gewünscht, doch als ich merkte, dass es ihr ernst mit ihm ist, wurde ich eifersüchtig. Ich war unzufrieden, und um das Gefühl loszuwerden, um mich wieder erfolgreich zu fühlen, trainierte ich mehr – und entdeckte mehr Stellen an meinem Körper, die wegmussten: an den Oberschenkeln, den Hüften. Ich trainierte noch mehr, aß noch weniger, bis ich den Hunger nicht mehr spürte.

Ich weiß, dass ich meiner Familie wehtue. Dabei ist sie das Wichtigste für mich. Meinen leiblichen Vater hätte ich gern besser kennengelernt. Derzeit ist in meinem Leben nur Platz für Magersucht, Mama und Schule. Es ist eine Sucht, von der ich abhängig bin. Mir ist klar, dass meine Organe versagen können. Aber das ist für mich genauso wenig fassbar wie ein Autounfall. Natürlich will ich gesund werden. Aber in eine Klinik? Nein! Ich möchte studieren, Kinder haben, erfolgreich sein.

Wie Hungern entsteht

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„Früher dachte man, Anorexia nervosa, also Magersucht, sei eine rein psychische Krankheit. Heute wissen wir aus Zwillingsstudien: Die Bedeutung von genetischen Faktoren ist ziemlich hoch. Das können zum Beispiel Essstörungen bei Eltern und Großeltern sein sowie ererbte Eigenschaften wie hohes Leistungsstreben“, sagt Professor Dr. Stefan Ehrlich vom Universitätsklinikum Dresden. Der Arzt und Hirnforscher leitet dort den Bereich für essgestörte Kinder und Jugendliche. Welche Gene genau verantwortlich sind, ist noch nicht klar.

Zahlen und Fakten :

An Anorexia nervosa erkranken jährlich 0,5 bis 1 Prozent der Frauen in Deutschland, die meisten im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Männer sind seltener betroffen. Etwa die Hälfte kann geheilt werden. Bei manchen ist der Krankheitsverlauf so schlimm, dass sie sterben. Experten kommen auf Zahlen zwischen 5 und 14 Prozent.

Steckt ein Mensch in der Hungerspirale, verändern sich Hirnfunktionen: Das Sättigungszentrum ist gestört, das Gefühl, was eine Belohnung ist, verändert sich. Und die Dichte der grauen Zellen nimmt genau in den Regionen des Gehirns ab, die mit der Verarbeitung von Körperbildern zu tun haben, wie Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum herausfanden. So kommt es, dass die meisten Magersüchtigen ihren Körper nicht mehr realistisch wahrnehmen. In den Mittelpunkt der Behandlung rücken deswegen immer stärker Verhaltens- oder Körperbildtherapien. „Wir wollen allen Familienmitgliedern helfen, mit den Veränderungen im Familiensystem besser umzugehen. Vor allem Mütter sind so belastet, dass sie oft nicht die Kraft für notwendige Veränderungen haben“, sagt Professor Ehrlich.

Können Eltern etwas tun, um die Krankheit zu verhindern? Laut Deutscher Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie kann ein gesundes Selbstwertgefühl vor Magersucht schützen. Die Experten raten: das Kind nicht zu großem Leistungsdruck aussetzen, keine Vergleiche mit anderen ziehen, ehrliche Komplimente machen.

Infos und Adressen, wo Angehörige und Betroffene Hilfe finden: www.bundesfachverbandessstoerungen.de

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