Warum sind wir so oft erkältet?

Warum sind wir so oft erkältet?

Im Winter erwischt es jeden mal. Der britische Pharmakologe Ron Eccles behauptet, dass wir dagegen (fast) machtlos sind

Warum sind wir jetzt so häufig erkältet?
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Warum sind wir so oft erkältet?

Professor Eccles, es tut mir leid, ausgerechnet heute habe ich einen dicken Schnupfen bekommen.

Das geht mir auch oft so. Manchmal habe ich das Gefühl, die Viren rächen sich an mir dafür, dass ich ihnen auf den Grund gehen will. Wenn ich auf einer Konferenz darüber sprechen soll, wie man Erkältungen vermeiden kann, habe ich mit Sicherheit genau dann eine triefende, rote Nase.

Dabei forschen Sie in Ihrem Common Cold Centre schon seit 20 Jahren über Schnupfen.

Ja, man sollte meinen, dass wir längst ein Gegenmittel gefunden haben müssten. Aber es gibt einfach zu viele unterschiedliche Erkältungs- Viren. Weit über 200. Es wird schneller einen Impfstoff gegen den Vogelgrippe-Virus geben, der ja nur ein einzelner Virus ist, als gegen Erkältungen. Außerdem verändert der menschliche Körper die Erkältungsviren beim Weitergeben. Die Viren werden also nicht weniger, sondern ständig anders.

Was reizt einen Wissenschaftler daran, eine Krankheit zu erforschen, die er niemals besiegen kann?

Das Thema. Es betrifft einfach jeden. Jeder hat eine Meinung dazu, jeder ist daran interessiert und jeder kann Erfahrungen beisteuern. Wäre ich Nuklearphysiker, würden die Leute sagen „Oh, interessant“, und das wär’s. So kann ich mich auch mit dem Taxifahrer oder den Freunden meiner Kinder über meinen Job unterhalten. Er bringt mich den Menschen näher.

Was kann ich tun?

Was hätte ich denn tun können, um meine Erkältung zu vermeiden?

Zum Beispiel regelmäßig Sport. Erwischt. Ich meine damit gar nicht stundenlang im Fitnesscenter auf einem Gerät zu schwitzen. Ich zum Beispiel gehe jeden Tag spazieren, rund 40 Minuten. Wenn man flott marschiert, werden die weißen Blutkörperchen aktiv. Das ist dann ein bisschen so, als brächte man eine Armee an den Start, um die Infektion zu bekämpfen.

Ich mache zwar zu wenig Sport, bin aber trotzdem viel seltener erkältet als so manche Freundin, die regelmäßig joggt.

Dann haben Sie womöglich ein sehr gutes Immunsystem. Das ist nämlich bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Trotzdem: Jeder bekommt mal eine Erkältung. Kinder haben in der Regel sieben bis zehn im Jahr, Erwachsene nur noch eine bis fünf. Im Laufe unseres Lebens bilden wir nämlich Antikörper. Im Alter, so um die 75, wird das Immunsystem allerdings schwächer und wir bekommen wieder mehr Erkältungen.

Kann ich mich außer durch Sport auch noch anders schützen?

Am besten waschen Sie sich regelmäßig die Hände und berühren weder Ihre Nase noch Augen. Die Viren gelangen nämlich über die Schleimhäute in den Körper.

Ich dachte, vor allem Vitamin C hilft gegen Erkältungen.

Die positive Wirkung von Vitamin C ist wissenschaftlich nicht eindeutig erwiesen. Im Moment liegt der Fokus eher auf Vitamin D, ein maßgeblicher Unterstützer des Immunsystems. Viele Menschen vermeiden aber ausgerechnet Vitamin- D-haltige Lebensmittel.

Worin ist denn dieses Vitamin enthalten?

In fettreichem Essen: Fisch und Milchprodukten wie Joghurt und Käse. In rotem Fleisch, Meeresfrüchten und Nüssen ist viel Zink – auch ein wichtiger Stoff für das Immunsystem.

Ernährung spielt eine wichtige Rolle

Ernährung spielt also eine bedeutende Rolle beim Schutz gegen Erkältungen?

Ja. Ausreichend Gemüse, frische Früchte, Fisch und Fleisch sind unerlässlich. Durch schlechte oder einseitige Ernährung entsteht ein Proteinmangel. Dadurch wird das Immunsystem so geschwächt, dass man sich sogar eine Lungenentzündung einfangen kann. Trotzdem haben auch Menschen, die auf ihre Ernährung achten, Erkältungen.

Und woran liegt das dann?

Zu wenig Schlaf, Stress – all das schwächt das Immunsystem und macht uns anfällig. Auch der Kontakt mit anderen Menschen, insbesondere mit Kindern, ist bedenklich. Lehrer zum Beispiel können sich noch so perfekt ernähren, sie werden immer mehr Erkältungen haben als etwa Verwaltungsangestellte. Ideal wäre, sich den Viren gar nicht erst auszusetzen, volle U-Bahnen zu meiden, oder sich zumindest oft die Hände zu waschen, um den Viren so gar nicht erst die Chance zu geben, in die Schleimhäute zu kommen. Seit ich erkältet bin, schläft mein Freund auf dem Sofa, weil er Angst hat, sich anzustecken.

Macht das Sinn?

Grundsätzlich ja. Man kann sich natürlich im Bus oder im Büro anstecken, aber viel wahrscheinlicher ist, dass es zu Hause passiert. Schließlich ist man dort viel länger und näher mit der erkälteten Person zusammen.

Abstand halten

Wie lange sollte man in solch einem Fall Abstand voneinander halten?

Solange Sie Symptome haben. Das kann ja ein paar Tage dauern. Allerdings. Aber ehrlich gesagt ist es egal, wo Ihr Freund schläft. Wenn man in derselben Wohnung lebt, wird man sich zwangsläufig anstecken. Schließlich hinterlassen Sie auf allem, was Sie anfassen Viren: Türklinken, Fernbedienung etc. Früher oder später wird er diese Oberflächen auch berühren müssen und sich dann irgendwann an die Nase fassen. Ich könnte wetten, dass er Ihre Erkältung auch bekommt. Er kann also getrost im Bett schlafen – das können Sie ihm ruhig von mir ausrichten –, den Schnupfen bekommt er so oder so.

Und was kann ich zur Linderung meines Schnupfens tun?

Sie könnten heute Abend ein heißes Bad nehmen. Das erhöht die Körpertemperatur und wärmt die Nase. Viren mögen keine Hitze. Das funktioniert aber nur in den ersten 24 bis 48 Stunden. Zusätzlich könnten Sie etwas richtig Scharfes essen, mit Chili, Knoblauch oder Pfeffer. Dann läuft die Nase und die Viren werden über die Sekrete ausgeschieden. Natürlich hilft auch Echinacea oder etwas mit Ginseng. Ein 100-prozentiges Mittel gibt es aber leider nicht.

Kann es sein, dass ich mich erkältet habe, weil ich vor ein paar Tagen so schrecklich kalte Füße hatte?

Ja und nein. Wir haben in Tests gezeigt, dass sich das Risiko, eine Erkältung zu bekommen, erhöht, wenn man der Kälte ausgesetzt war. 90 unserer Studenten mussten ihre Füße für 20 Minuten in kaltes Wasser stecken, 90 andere Studenten nur in einen leeren Eimer. Die Teilnehmer der ersten Gruppe hatten nach zwei Tagen doppelt so viele Erkältungssymptome wie die der anderen Gruppe. Bei Kälte ziehen sich die Gefäße zusammen, und das verhindert die Aktivität der weißen Blutkörperchen, die gegen die Viren kämpfen könnten. Aber weder meine Studenten noch Sie haben sich erkältet, weil sie kalte Füße hatten. Entscheidend ist der Kontakt mit den Viren. Und gegen die kann sich der Körper eben wenig effektiv wehren, wenn ihm kalt ist.

Unser Experte:

Prof. Ron Eccles, 60 Der Direktor des Common Cold Centers der Universität Cardiff beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Erkältungen. Er testet Erkältungsmittel im Auftrag der Hersteller, zum Beispiel von „Wick“

Gibt es denn Hoffnung, dass Sie irgendwann ein Mittel gegen Erkältungen finden?

Im Moment sieht es nicht so aus. Das größte Problem ist, wie gesagt, dass es so viele unterschiedliche Viren gibt. Bisher ist es unmöglich, eine Medizin zu entwickeln, die gegen mehrere Viren gleichzeitig wirkt. Aber vielleicht gelingt es uns in der Zukunft. Oder wir können unser Immunsystem so verbessern, dass wir keine Symptome mehr bekommen. Ich glaube aber, solange es Menschen und somit Nasen gibt, wird es Erkältungen geben.

Plötzlich sendet der Körper ungewohnte Signale. Ärzte sagen: Die meisten davon gehen bald vorüber und sind ungefährlich.
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