Pro und contra: Macht Impfen wirklich Sinn?

Pro und contra: Macht Impfen wirklich Sinn?

Von Masern bis zur Grippe – mittlerweile existieren für 14 Krankheiten Impfempfehlungen. Einige sind umstritten.

Pro und contra: Macht Impfen wirklich Sinn?
© Adam Gregor-Fotolia
Pro und contra: Macht Impfen wirklich Sinn?

Schluckimpfung ist süß. Kinderlähmung ist grausam.“ Wer in den sechziger Jahren groß wurde, dem klingt der Spruch heute noch im Ohr. Mit dieser einprägsamen Formel ging die erste moderne und großflächige Impfkampagne in Deutschland an den Start. Eine Erfolgsstory: Mittlerweile ist ganz Europa frei von Polio, Kinderlähmung zählt hierzulande zu den verblassten Schrecken wie Pest und Pocken.

Doch Impfungen gelten deshalb noch lange nicht als überflüssig. Ganz im Gegenteil: Die Zahl der amtlich angeratenen Standardimpfungen lag noch nie so hoch wie heute. Vom Säugling bis zum Senior empfehlen die sechzehn Experten der Ständigen Impfkommission (STIKO) vierzehn verschiedene Impfstoffe: angefangen mit Vakzinen gegen Pneumokokken, Keuchhusten und Masern bis hin zur Grippeimpfung ab sechzig.

Seit 2007 wird der sogenannte Impfkalender der STIKO komplett von den Krankenkassen bezahlt. Dazu kommen noch Reiseimpfungen, aber auch Indikationsimpfungen speziell für gefährdete Personen – etwa die Immunisierung gegen die Viruserkrankung FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis). Diese wird in süddeutschen Risikogebieten durch Zecken übertragen. Wer alle Empfehlungen inklusive Auffrischungen einhält, der bekommt im Laufe seines Lebens fünfzig und mehr einzelne Impfdosen. Diese massive Einwirkung auf das Immunsystem behagt längst nicht allen Menschen. In der Kritik stehen vor allem die Impfungen, die in den letzten Jahren hinzukamen.

Impfungen mit Nebenwirkungen

Am heftigsten tobt der Streit beim Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs, der 2007 für junge Mädchen zugelassen wurde. Die Vakzinen sollen eine spätere Ansteckungmit Humanen Papilloma-Viren (HPV) verhindern, die beim Sex übertragen werden. Erst vor einigen Monaten kritisierte eine Gruppe von dreizehn Wissenschaftlern, das die Wirksamkeit der Impfung nicht belegt sei.

Ebenfalls umstritten ist die saisonale Grippeimpfung, die von offiziellen Stellen vor allem für Ältere und chronisch Kranke – etwa Diabetiker – empfohlen wird. Bei diesen Menschen kann eine Influenza Schlimmeres auslösen, etwa Herzrhythmusstörungen oder eine Lungenentzündung. Solche Komplikationen sollen mit der Impfung vermieden werden. „Doch dafür fehlt ein echter Nachweis. Es ist nicht belegt, dass geimpfte Menschen seltener ins Krankenhaus müssen oder sogar eine höhere Lebenserwartung haben als ungeimpfte“, sagt der Münchner Kinderarzt und Buchautor Dr. Martin Hirte („Impfen – Pro und Contra“, Knaur Taschenbuch). Er stützt sein Urteil auf eine Studie der internationalen Ärzte-Vereinigung Cochrane Collaboration, die medizinische Therapien nach strengen Kriterien bewertet.

Zu den ebenfalls viel diskutierten Vorsorgemaßnahmen zählt die seit Sommer 2004 für Kleinkinder empfohlene Impfung gegen Windpocken. „Varizellen sind eine harmlose Kinderkrankheit, die in über 99,99 Prozent der Fälle problemlos ausheilt“, weiß Hirte. „Von Komplikationen sind vor allem Erwachsene bedroht. Diese werden zukünftig vermehrt mit Windpocken kämpfen, weil die Impfung niedrigere Antikörperspiegel erzeugt als die natürlichen Windpocken – und man sich leichter anstecken kann.“

Trotz aller Kritik gilt: Für den Großteil der Impfungen gibt es kaum Alternativen. Impfungen gegen Tetanus schützen vor einem lebensgefährlichen Bakterium, das über Wunden in die Haut eindringt. Die Immunisierungen gegen Diphtherie oder Kinderlähmung verhindern ein mögliches Wiederaufflackern dieser Epidemien. Und die Masernimpfung wird mittlerweile auch von ehemaligen Gegnern als nötig betrachtet – um die Erwachsenen zu schützen. Haben Eltern die Kinderkrankheit nicht mehr selbst durchgemacht, könnten sie trotz früherer Impfung von ihren erkrankten Sprösslingen angesteckt werden – was zu heftigen Komplikationen führen kann.

Risiko im Blick


Rikiko im Blick

Der Pathologe Ulrich Bonk über die gängige HPV-Impfpraxis.

Professor Dr. Ulrich Bonk:

Vorsitzender des Tumorzentrums der Bremer Krebsgesellschaft. Er unterrichtet zurzeit Ärzte und Krankenschwestern in Äthiopien, wie sie Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs unter dem Mikroskop erkennen.

Soll man seine 12-jährige Tochter heute gegen Gebärmutterhalskrebs impfen – oder lieber nicht?

Ich rate Ihnen, sich gründlich zu informieren. Fragen Sie einen Gynäkologen, der sich Zeit nimmt für eine ausführliche Erklärung. Auch Frauengesundheitszentren, das Internet und Krankenkassen liefern Informationen, um Pro und Contra genau abzuwägen.

Warum ist diese Impfung plötzlich so stark in der Kritik?

Der Impfstoff wurde eingeführt, ohne dass Gewinn und Schaden ausreichend bewertet wurden. Der Hersteller wollte das Mittel rasch auf den Markt bringen. Zudem gab es Krankenkassen, die die Kostenübernahme ankündigten, obwohl noch keine offizielle Impfempfehlung vorlag. Vor einigen Monaten hat ein Wissenschaftlerteam die vielen Unsicherheiten der Impfung offengelegt.

Schützt die Impfung doch nicht?

Es steht leider nicht fest, dass sie tatsächlich Krebs verhindert. Es ist bislang nur bewiesen, dass geimpfte Frauen weniger Krebsvorstufen aufweisen.

Was bringt sie dann wirklich?

Die Impfung kann die Ansteckung mit den beiden Virustypen HPV 16 und 18 verhindern, die Krebs am Gebärmutterhals auslösen können. Es besteht jedoch die Gefahr, dass bei geimpften Frauen andere Viren vom selben HPV-Typ die Rolle des Krebsauslösers übernehmen.

Und wie geht es nun weiter?

Derzeit wird die Studienlage neu bewertet. Der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen überprüft, ob die HPV-Impfung auch zukünftig als Kassenleistung gelten soll.

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