18. März 2010
Depressionen: Wenn die Seele den Körper krank macht

Wenn die Seele den Körper krank macht

Beschwerden ohne organische Ursache: Wenn die Seele den Körper krank macht, hilft nur eine Therapie. Je früher, desto besser.

Wenn die Seele den Körper krank macht
© Maxim Malevich-Fotolia
Wenn die Seele den Körper krank macht

Wenn die Seele den Körper krank macht

Als die Krankenschwester zum ersten Mal vor Johannes Kruse sitzt, klagt sie über Herzbeschwerden. Sie habe bereits mehrere medizinische Tests hinter sich, sagt sie – alle ohne Befund. Die 35-Jährige scheint kerngesund. Johannes Kruse aber weiß: Ihre Schmerzen sind dennoch real.

Erstmal reden

Der Psychosomatiker der Universitätsklinik Gießen macht im nächsten Schritt das, was er täglich mit Patienten tut: Er lässt die Frau reden. Sie erzählt von ihrer Scheidung. Vom Exmann, der noch immer im gleichen Haus wohnt. Und von seiner neuen Freundin. Als sie das nächste Mal in die Sprechstunde kommt, fängt die Patientin plötzlich an zu weinen. Sie sehe es ja schon selbst, sagt sie unter Tränen. „Ich habe gar keine Herzprobleme. Ich bin depressiv.“

Hohes Infarktrisiko

Dass Patienten so schnell die psychischen Hintergründe ihrer Beschwerden erkennen, passiere selten, sagt Kruse. Dennoch ist der Fall der Krankenschwester typisch: Er zeigt, wie massiv sich negative Empfindungen auf den Körper auswirken können. So haben Menschen mit Depressionen ein doppelt so hohes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, als Menschen ohne Depressionen. Frauen, die missbraucht wurden, leiden später oft unter Unterleibsschmerzen, für die keine organische Ursache gefunden werden kann. „Was genau im Körper geschieht, ist noch nicht erforscht“, sagt Johannes Kruse.

Psyche und Körper

Klar ist: Unsere Erfahrungen aus Beziehungen, Job und vor allem der Kindheit bestimmen, ob wir krank werden oder gesund bleiben. Zwar kann nicht jedes Magengeschwür allein auf die Psyche zurückgeführt werden. Aber genauso wenig ist jede Krebserkrankung ausschließlich körperlich bedingt. Denn das Zusammenspiel zwischen Psyche und Körper ist vielfältig, schwierig zu durchschauen und kaum vorherzusagen.

Psyche und Körper werden im Wechselspiel betrachtet

Dass wir bei Nervosität schwitzen, das Herz laut schlägt, wenn wir Angst haben, oder wir bei Trauer weinen, kennt jeder. Unser Gehirn wandelt ständig Eindrücke und Reize in körperliche Reaktionen um, zum Beispiel über die Ausschüttung von Hormonen. Meist können wir dem Herzklopfen oder dem Schwitzen einen Auslöser zuordnen.

Unbewusste Ängste

Manchmal aber wird der Herzschlag auch dann beschleunigt, wenn es keinen offensichtlichen Anlass gibt. Dann sind oft unbewusste Ängste oder unverarbeitete Verletzungen der Grund. Psychosomatisch werden diese Beschwerden deshalb genannt, weil sie von der Psyche auf den Körper (altgriechisch: Soma) wirken. Typisch sind zum Beispiel Beklemmungen oder ein Engegefühl im Hals, Kopf- oder Bauchschmerzen und allgemeine Erschöpfung. Experten schätzen, dass bei etwa 40 Prozent aller Patienten, die zum Hausarzt gehen, die Ursachen der Beschwerden hauptsächlich psychisch bedingt sind.

Schmerzen als Vehikel

Und dann gibt es Patienten, die tatsächlich organische Probleme haben – wie Migräne oder Verspannungen – und bei denen die Ausprägung der Krankheit von der Psyche beeinflusst wird. Angst vor dem Schmerz kann diesen noch verstärken, sodass er unter Umständen chronisch wird. Oft tingeln die Patienten von Arzt zu Arzt: Durchschnittlich sieben verschiedene Mediziner suchen chronisch Schmerzkranke auf, bevor sie psychologisch behandelt werden. Gelöst sind ihre Probleme dann aber noch lange nicht: Schließlich kommt es jetzt massiv auf ihre Mitarbeit an.

Psychologisch behandeln

„Viele fühlen sich und ihren Schmerz nicht ernst genommen, wenn sie zum Psychologen geschickt werden“, sagt Regine Klinger, Psychologin an der Universität Hamburg. Diesen Patienten muss Klinger erst mal erklären, dass in ihren Körpern Prozesse ablaufen, die nur psychologisch gut behandelt werden können.

Traumata aufarbeiten


Körper gezielt entspannen

Schmerzen ohne direkte organische Ursache treten besonders oft bei denen auf, die ein ständiges „Ich muss“ im Kopf haben. Diese Patienten müssen lernen, auf einen gesunden Schlaf-wach- Rhythmus zu achten, sich regelmäßig zu bewegen. Häufig empfehlen Psychologen Techniken wie autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation, bei denen der Körper gezielt entspannt wird.

Therapeutische Gespräche

Noch wichtiger aber sind therapeutische Gespräche. „Manchmal muss dabei die gesamte Familie eingebunden werden“, sagt Regine Klinger. Denn bei chronischen Schmerzen fungiert die Krankheit möglicherweise als Vehikel, um Aufmerksamkeit zu erlangen. „Das passiert sicherlich nicht bewusst“, sagt die Psychologin. Hilfreich ist in solch einer Situation, dass die Angehörigen auch dann Zuwendung schenken, wenn der Betroffene gerade keine Schmerzen verspürt. Generell ist Schmerzempfinden eine komplexe Angelegenheit. Denn negative Eindrücke werden von jedem anders verarbeitet, je nachdem, welche Erfahrungen man mit körperlichen und seelischen Schmerzen gemacht hat.

Traumata aufarbeiten

Wer etwa als Kind kaum feste Bindungen erfahren hat, entwickelt als Erwachsener schneller Verlustängste. Bei Schwierigkeiten in der Beziehung fallen die körperlichen Reaktionen dann deutlich stärker aus. Trotzdem muss solch eine Situation nicht immer gleich Beschwerden hervorrufen – aber oft werden bestehende Leiden verstärkt. So untersuchten schwedische Forscherinnen 100 Frauen, die unter einer Verengung der Herzkranzgefäße litten. Wenn die Frauen Eheprobleme hatten, verstärkte sich diese Verengung im Laufe der Jahre. Bei Frauen, die zufrieden waren, bildeten sie sich häufig zurück.

So finden Sie Hilfe


Hinterfragen

Wer seine psychisch bedingten Krankheitssymptome bekämpfen will, sollte sich deshalb Fragen stellen, wie: Wo liegen meine Konflikte? Was belastet mich? Je früher behandelt wird, desto besser. Denn das Gehirn „lernt“ Schmerz regelrecht, sodass ein Reiz immer schneller zu einer körperlichen Reaktion führt. Viele Patienten verlangen dann eine immer höhere Dosis ihrer Medikamente. Dabei ergab eine Studie des Universitätsklinikums Mainz, dass von 280 Patienten mit psychisch bedingten Schmerzen 82 Prozent Schmerzmittel einnahmen, ohne dass eine wesentliche Linderung eintrat.

Sind Medikamente wichtig?

„Trotzdem verzichten wir bei der Behandlung natürlich nicht völlig auf Medikamente“, sagt Regine Klinger. „Es sollen ja gerade beide Aspekte betrachtet werden: Psyche und Körper.“ Eigentlich könnte man die Trennung zwischen psychisch und organisch verursachten Schmerzen auch aufheben: „Das Gehirn gehört schließlich auch zum Körper. Wenn also die Ursache für ein Leiden auf Gehirnaktivitäten zurückzuführen ist, dann kann man nicht einfach sagen, es gebe keine körperliche Ursache.“

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