Diagnose Brustkrebs: „Mein Blick auf die Welt hat sich geändert”

Diagnose Brustkrebs: „Mein Blick auf die Welt hat sich geändert”

Diagnose: Brustkrebs. Und jetzt? Die Welt dreht sich weiter, doch für sie selbst bleibt plötzlich alles stehen. Wie festgefroren hört sie den Arzt sprechen, ohne etwas davon aufnehmen zu können. Wie in Zeitlupe geht es mit der Bahn nachhause, ohne recht zu wissen, wie ihr eigentlich geschieht. Alles fliegt nur so an ihr vorbei. Dennoch ist dieser Moment für immer in ihre Erinnerung eingebrannt. Stephanie Neumann erhielt ihre Brustkrebs-Diagnose Anfang 2018 mit gerade einmal 43 Jahren, nachdem in ihrer rechten Brust ein bösartiger Tumor entdeckt wurde.

Brustkrebsmonat Oktober: Jede 8. Frau erkrankt in ihrem Leben an Brustkrebs

Mit diesem Schicksalsschlag ist Stephanie Neumann leider nicht allein: Bei etwa 69.000 Frauen wird in Deutschland jährlich ein Mammakarzinom festgestellt. Dabei ist jede vierte Brustkrebs-Betroffene sogar unter 55 Jahre alt. Rechtzeitig erkannt und behandelt, sind die meisten Erkrankungen laut Deutscher Krebsgesellschaft heilbar. Im offiziellen Brustkrebsmonat Oktober wird auf die Krankheit aufmerksam gemacht.

„Die Zeit ist ein ganz kritischer Faktor“, appelliert die mittlerweile Brustkrebs-Überlebende Stephanie Neumann. „Deshalb sollte jede Frau selbst etwas tun – und sich regelmäßig abtasten!“ Der Knoten in ihrer Brust wurde rechtzeitig entdeckt, etwa ein Jahr später hat sie ihre letzte OP überstanden. Die ehemalige Mode-Journalistin gewinnt eine neue Lebensperspektive und beschließt, anderen Betroffenen Mut zu machen. Mit Experten gründete sie die App Happie Haus, die an Brustkrebs erkrankten Frauen auf ihrer Reise ein kleines bisschen Sicherheit und Selbstbestimmung schenkt.

FürSie: Stephanie, wie hast du dich im Moment der Brustkrebs-Diagnose gefühlt?

Auf extreme Situationen reagiert man ja häufig nach dem psychologischen Muster: Fight, Flight, Freeze. Ich saß nur da und habe meinen Onkologen sprachlos angeschaut, während er mir professionell alle Details erklärte. Obwohl ich mich sehr gut an den Moment erinnere, weiß ich überhaupt nicht mehr, was er mir alles gesagt hat.

Zum Schluss habe ich eine einzige Frage gestellt, worüber ich sehr froh bin, und die lautete: „Was für Heilungschancen habe ich?“ Daraufhin kam eine Zahl um die 80 Prozent. Das hat mich aus meiner Starre gelöst. „Die 80 Prozent sind so nah an der 100, das schaffe ich“, hab ich gedacht.

Ich habe dann mich selbst und alle anderen in meinem Umfeld beruhigt. Ich habe erstmal weiter gearbeitet und mich nicht krankschreiben lassen. Anfangs war ich positiv gestimmt und motiviert. Da kamen natürlich noch ganz andere Zeiten, das muss man auch sagen.

Wie bist du mit der Krankheit umgegangen?

Ich war bei meiner Diagnose sehr naiv und uninformiert. Und ich habe mich dann auch dazu entschieden, mich außerhalb meines Ärztenetzwerks nicht zusätzlich zu informieren.

Mein Gynäkologe, ein alter weiser Mann hat bei der Überweisung über meinen Onkologen gesagt: „Der weiß, was er tut.“ Und dieser Satz hat mich begleitet, auch in schweren Momenten. Ich habe mich von Vertrauensperson zu Vertrauensperson gehangelt, und nichts gegoogelt.

Es ist für jeden anders, womit er sich wohlfühlt, aber ich kann nur raten: Wer sich einliest, Vorsicht vor Doktor Google. Man sollte nur seriösen Plattformen trauen, wie etwa dem Krebsinformationsdienst.

Vorsorge selbst in die Hand nehmen: Die Zeit ist ein kritischer Faktor

Was rätst du allen – auch gesunden – Frauen zum Thema Brustkrebs?

Die Zeit ist bei einer Krebserkrankung ein ganz kritischer Faktor. Hat der Tumor noch nicht gestreut, sind die Heilungschancen deutlich besser. Deshalb ist die Vorsorge extrem entscheidend.

Das Problem ist, und das ging mir vor meiner Brustkrebs-Diagnose selber so, dass man die Vorsorge als gesunder Mensch oft nicht ernst genug nimmt – vor allem nicht in jungen Jahren. Leider gehört Brustkrebs aber zu den häufigsten Krebserkrankungen, eine von acht Frauen erkrankt in Deutschland daran, jede zehnte ist dabei jünger als 45 Jahre.

Mein erster Rat ist deshalb dringend, sich regelmäßig selbst abzutasten. Überlassen Sie die Vorsorge nicht nur einmal im Jahr den Ärzten! Man selbst kennt seinen Körper am allerbesten.
Verlassen Sie sich dabei unbedingt auf Ihr eigenes Bauchgefühl. Es kommt vor, dass man nach der ersten Untersuchung wieder weggeschickt wird. Wenn Sie sich damit nicht gut fühlen, beobachten Sie Ihren Körper weiter und gehen Sie ruhig ein zweites Mal zum Arzt.
Das ist mir selbst passiert: Ich habe meinen Tumor per Zufall beim Duschen ertastet. Beim ersten Arztbesuch hieß es, alles sei gut. Doch dann veränderte sich der Knoten.
Deshalb mein dringender Rat: Tasten Sie sich selber ab und hören Sie auf Ihr eigenes Gefühl.

Hier finden Sie die offizielle Anleitung der Deutschen Krebsgesellschaft, um die eigene Brust abzutasten >>

Was hat dir während der Erkrankung geholfen?

Ich glaube, was wirklich hilft, ist bei sich zu bleiben. Man muss sich fragen: „Was brauche ich?“, und auf seine eigenen Bedürfnisse hören. In einer so schweren Situation muss man seinen eigenen Weg gehen und sich nicht verbiegen oder es anderen recht machen. Wenn man noch dreimal zur Praxis rennt und nachfragt, um sich sicherer zu fühlen, dann macht man das. Am Ende geht es nur darum, dass man sich in einer Zeit, in der so gar nichts sicher ist, wenigstens ein bisschen sicher fühlt.

Während so einer Krankheit geht man irgendwie auch auf eine Art Reise zu sich selbst. Ich persönlich habe immer gern Yoga gemacht und dann angefangen, zu meditieren.

Nicht zu unterschätzen sind außerdem liebe Nachrichten. Freunde und Familienmitglieder, die sich einfach mal melden und sagen „Ich denk grad an dich“. Das hat mir persönlich total viel Kraft gegeben. Auch in den Zeiten, in denen ich es nicht geschafft habe, darauf zu antworten – nette Nachrichten haben mich sehr getragen.

© Stephanie Neumann
Die Erkrankung stellte Stephanie Neumann auf harte Proben – doch sie kämpfte tapfer weiter.

Hast du noch einen Tipp, wie das persönliche Umfeld unterstützen kann?

Mir persönlich hat ein relativ normaler Umgang gutgetan. Das ist wohl aber bei jedem ganz verschieden, und kann auch tagesformabhängig sein. An einigen Tagen habe ich zu meiner Glatze gestanden, mich geschminkt und gestylt. An anderen Tagen wollte ich nicht, dass meine Krankheit erkannt wird, und habe eine Perücke getragen.

Deshalb wäre mein Rat, einfach direkt zu fragen. „Wie geht’s dir heute?“, „Ist es okay, wenn wir darüber sprechen?“, „Was brauchst du gerade?“, „Wie kann ich dir helfen?“. Vor allem in den schweren Zeiten braucht man regelmäßig Menschen, die einen auffangen.

Neue Lebensperspektive nach Krankheit: Gründung der App Happie Haus für Brustkrebs-Betroffene

Was hat sich für dich durch die Krankheit verändert?

Es hat sich total viel verändert. Wäre ich ein Haus, wäre ich immer noch dasselbe Gebäude, aber mit einem anderen Ausblick. Mein Blick auf die Welt hat sich geändert, und auch auf mich selbst. Ich habe noch mehr Wertschätzung für das Leben bekommen. Natürlich kommt mit der Zeit auch der Alltag wieder durch, aber der Blick auf die Dinge ändert sich. So eine Krankheit relativiert schon einiges. Es ist gut, sich das immer mal wieder vor Augen zu führen. Durch die Krankheit habe ich auch entschieden, meinen Beruf zu wechseln.

Wie kamst du dazu, dich an die Entwicklung deiner App Happie Haus zu trauen?

Rantrauen ist genau das richtige Wort, denn ich komme ja ursprünglich überhaupt nicht aus dem digitalen Bereich. Die Idee hatte zwei Impulse: Zum einen meine eigene Erfahrung mit der Krankheit, zum anderen tatsächlich die Corona-Pandemie.

Ich habe eine Yogalehrer-Ausbildung gemacht und eine Zusatzausbildung für Yoga bei Krebs. Die Kurse konnten während der Pandemie plötzlich nur noch online stattfinden. Da kam die Idee für eine App auf, die Brustkrebspatientinnen ganzheitlich unterstützt.

Was kann die App und wie unterstützt sie während der Brustkrebserkrankung?

Für mich ist die App wie ein Haus mit vielen Türen – deshalb auch der Name Happie Haus. Hinter jeder Tür verbirgt sich ein sicherer Raum mit einem unterstützenden Angebot. Das reicht von informativen Texten, zum Beispiel zum Thema Nebenwirkungsmanagement über Videokurse bis hin zu Livekursen wie Yoga, Meditation oder Psychoonkologie, wo dann auch die Möglichkeit zum Austausch mit anderen besteht. Ganzheitlichkeit ist uns wichtig.

Das Programm wird von Experten speziell auf Brustkrebspatientinnen entwickelt und zugeschnitten. Das sorgt für Vertrauen und Sicherheit. Die Angebote sind dabei alle freiwillig, ohne Plan oder Druck. Mit der App wollen wir den Frauen ein wenig Selbstwirksamkeit in einer schweren Zeit bieten.

Hier finden Sie alle Infos sowie die Download-Links zur Happie Haus App >>

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