Wann ist es zu spät für ein Kind?

Wann ist es zu spät für ein Kind?

Ein Baby mit Ende 20 oder doch lieber mit Mitte 40? Und was ist, wenn es mit dem Nachwuchs einfach nicht klappen will? Unsere biologische Uhr tickt in ihrem ganz eigenen Rhythmus. Und irgendwann stellt sich die Frage: Wann ist es zu spät für ein Kind? 3 Frauen erzählen ihre Geschichte - was unsere Expertin rät!

Wann ist es zu spät für ein Kind?
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Wann ist es zu spät für ein Kind?

Kinder kommen immer später

Viele Jahrhunderte lang hatten Frauen Angst, zu früh und ungewollt schwanger zu werden. Heute können wir die Sache planen, haben (meist) selbst in der Hand, wann und ob wir ein Kind wollen. Das macht das Ganze allerdings nicht leichter. Im Gegenteil, die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt beschäftigt uns mehr denn je. Oft vertagen wir das Thema Nachwuchs Jahr um Jahr, wollen erst im Job so richtig Fuß fassen, und die Fernreise, auf die wir uns schon so lange gefreut haben, ist ohne Kind auch unkomplizierter. Manchmal fehlt schlicht der richtige Mann für die Familienplanung. Das Alter von Erstgebärenden hat sich in den vergangenen 40 Jahren um fünf Jahre nach hinten verschoben. Frauen sind heute im Schnitt knapp 30, wenn sie ihr erstes Kind bekommen, Akademikerinnen sogar 35 – Tendenz steigend.

Aber gibt es überhaupt den richtigen Zeitpunkt zum Kinderkriegen? Ist das Projekt Baby wirklich immer planbar? Und was tun, wenn die Natur einen Strich durch die Rechnung macht, die Diagnose „unfruchtbar“ lautet und die große Sehnsucht unerfüllt bleibt? Drei Frauen erzählen von ihren Erfahrungen – von ihrem Glück und von ihrer Verzweiflung.

Drei Frauen erzählen ihre Geschichte

„Alles wie geplant“

Luisa Linsenmeyer (30) wurde mit 29 das erste Mal Mutter

Ich habe schon als kleines Mädchen und auch später als Teenager davon geträumt, auf jeden Fall irgendwann ein Kind zu bekommen. Damals dachte ich, mit 24 wäre es perfekt. So alt war meine Mutter, als sie mich bekam. Als ich dann 24 war, habe ich aber gemerkt, dass ich noch nicht bereit bin und noch Zeit für mich brauche. Mein Job in einer PR-Agentur machte mir riesigen Spaß, und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, da rauszugehen und eine Pause zu machen.

Als ich dann mit 29 geheiratet habe, spürte ich, dass ich nun so weit war. Auch mein Mann hatte sich immer gewünscht, spätestens mit 30 Vater zu werden. Nach der Hochzeit setzte ich die Pille ab und war zu unserer großen Überraschung schon einen Monat später schwanger. Und dann bekamen wir, wie geplant, tatsächlich noch mit unter 30 unseren Sohn. Inzwischen denke ich, Kinderkriegen ist weniger eine Frage des biologischen Alters als vielmehr des gefühlten richtigen Zeitpunktes. Und der ist individuell und bei jeder Frau anders. Das kann mit 30, aber auch mit 40 oder 50 der Fall sein. Ich glaube, die beste Version von sich selbst als Mutter ist man, wenn man mit sich und seinem Leben zufrieden ist. Und das war ich eben mit 29.

Bei uns war alles absolut stimmig für ein Kind, wir als Paar und unsere Lebensumstände. Im Moment erhole ich mich noch von der Schwangerschaft und genieße die Zeit mit meiner kleinen Familie. Gedanken an weiteren Nachwuchs haben wir noch nicht. Aber vielleicht kommt in ein paar Jahren der Moment, in dem wir uns ein zweites Kind wünschen. Wenn unser Sohn Vito etwas größer und selbstständiger ist und versteht, was da gerade in Mamas Bauch wächst, ist das bestimmt total schön. Aber wir lassen uns Zeit. Auch wenn ich weiß, dass es dann vielleicht nicht wieder so schnell klappt oder vielleicht sogar zu spät ist. Es kommt, wie es kommen soll.

„Johann ist für mich ein kleines Wunder.“

Adrienne Friedlaender (57): Mit Mitte 40 kündigte sich Sohn Nr. 4 an – als sich die Hamburgerin schon in den Wechseljahren wähnte

Ein Haus voller Kinder war schon immer mein Traum. Meine ersten beiden Söhne bekam ich mit 30 und 32. Und da dachte ich schon: Nun wird es aber höchste Zeit. Als ich nach der Scheidung meinen zweiten Mann kennenlernte, wünschten wir uns noch ein gemeinsames Kind. Mit 40 brachte ich meinen dritten Sohn zur Welt. Voller Dankbarkeit. Denn ich wusste: Vom 35. Lebensjahr an nimmt die Fruchtbarkeit rapide ab. Und dann blieb fünf Jahre später meine Regel aus. Ich stand im Drogeriemarkt und überlegte, ob ich einen Schwangerschaftstest kaufen sollte – oder lieber einen Test zum Nachweis der beginnenden Menopause. Überwältigt vor Freude betrachtete ich zwei Stunden später das kleine blaue Kreuz auf dem Teststäbchen. Meine Frauenärztin bestätigte am nächsten Tag das Ergebnis.

Diese späte Schwangerschaft erlebte ich anders als die anderen. Neben der Freude waren da auch eine Menge Angst und die Sorge, ob alles ohne Komplikationen verlaufen würde in meinem Alter. Auch meine Energiereserven waren nicht mehr wie damals mit 30. Drei Kinder wollten versorgt werden, und der Alltag ließ mir wenig Atempausen. Trotz Glückshormonen und Euphorieschüben lag ich abends oft schon um 20 Uhr völlig erschöpft im Bett. Nach der Geburt aber kam die Zeit, in der ich von meinem Alter und der Erfahrung profitieren konnte: Ich hatte nicht mehr ständig Angst, etwas falsch zu machen. Weder musste ich mich in die Mutterrolle einfinden noch meine Partnerschaft neu definieren. Ich las keine Ratgeber mehr, vertraute lieber meinem Gefühl für das Baby. Diese Routine, meine Ruhe und Gelassenheit habe ich als großen Gewinn empfunden. Wenn Johann Abitur macht, werde ich 62 Jahre alt sein. Die Zeit, die ich meinen Jüngsten in seinem Leben begleiten kann, ist kürzer als bei den anderen. Aber mein letztes Baby ist für mich ein kleines Wunder und ein großes Glück.

„Das Schlimmste war die enttäuschte Hoffnung.“

Julie von Bismarck (43): Jahrelang versuchte sie mit allen Mitteln, schwanger zu werden

Als ich schwanger wurde und mein Mann und ich beim ersten Ultraschall nach einigen Wochen den Herzschlag unseres Kindes sahen, waren wir überwältigt vor Freude. Bei der zweiten Routine-Untersuchung veränderten vier Worte des Arztes unser Leben: „Ich sehe keinen Puls.“ Was hatte ich falsch gemacht? Selbstvorwürfe und die Trauer um unser Baby brachten mich fast um den Verstand. Ich klammerte mich an die Aussage des Arztes, dass ich jederzeit wieder schwanger werden könnte. Jeden Monat war ich mir absolut sicher, dass es jetzt geklappt hat. Ich steigerte mich in das Gefühl hinein, schwanger zu sein, und spürte alle nur erdenklichen (eingebildeten) Schwangerschaftsanzeichen. Ich glaubte selbst den negativen Tests nicht. Erst die Menstruation zerstörte jedes Mal Hoffnung und Zuversicht „Alles ist in bester Ordnung. Sie brauchen nur das richtige Timing“, meinten die Experten. Mit Sex nach Kalender überschritten wir für unseren Kinderwunsch die erste Grenze von vielen. Unser gesamter Alltag war von dem Gedanken bestimmt: Wird es dieses Mal klappen?

Alles ordneten wir diesem einen Ziel unter. Kommentare wie „Ihr dürft euch nicht so unter Druck setzen, wenn ein Kind kommen möchte, kommt es auch“ oder „Fahrt einfach mal in den Urlaub“ waren ebenso unerträglich wie die Bemerkungen, die ich nach der Fehlgeburt zu hören bekommen hatte: „Das passiert doch ständig, das ist doch nicht so schlimm.“ Sicher empfindet jede Frau anders, wenn es mit dem Wunsch, ein Baby zu bekommen, nicht klappt, aber die unsensiblen Ratschläge und Bewertungen waren für mich sehr belastend. In unserer Gesellschaft fehlt es da an Offenheit und Verständnis. Ich begann, meine Gefühle zu verschweigen, distanzierte mich und war schließlich ziemlich isoliert in meinen Bemühungen, wieder schwanger zu werden. Es folgten Operationen, Tabletten, Spritzen und endlose, qualvolle Hormonbehandlungen.

Wir waren zwischen die Räder der Reproduktionsmedizin geraten, aus denen es für mich, trotz hoher Risiken, kein Entkommen gab. Eines Tages zog mein Mann einen Schlussstrich. Er hatte verstanden, dass dieser Weg für uns kein gutes Ende nehmen würde. Wir wählten einen anderen, entschieden uns für eine Leihmutter in Kalifornien. Um diese allerletzte Möglichkeit annähernd finanzieren zu können, verkauften wir so gut wie alles, was wir besaßen. Inzwischen sind wir überglückliche Eltern einer Tochter. Ich bin daher sehr froh, dass aufgeben für mich in all diesen Jahren keine Option war.

Expertenrat von Dr. Almut Dorn

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© Dr. Almut Dorn
Dr. Almut Dorn ist Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Gynäkologische Psychosomatik. Sie unterstützt Paare in ihrer Hamburger Praxis bei ungewollter Kinderlosigkeit und Kinderwunschbehandlung. Mehr Informationen auf almutdorn.de
„Kinder sind für viele sinnierend.“

Die Diagnose der Unfruchtbarkeit ist für viele ein Schock. Oft fühlen sich die Frauen wertlos und ungenügend, hadern mit Schuldgefühlen und verlieren manchmal sogar den Lebensmut. Was tun, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt?

Wie kann es Frauen gelingen, sich von ihrem Kinder­ wunsch zu verabschieden und mit dieser tiefen unerfüllten Sehnsucht umzugehen?

Dem Abschied von einem Leben mit eigenen Kindern geht meist eine lange, frustrierende Phase voraus. Den Kinderwunsch wird man ja nicht so einfach los. Ohne Trauer gelingt das nicht. Ich rate eher dazu,
alle Gefühle, auch die negativen, traurigen, wütenden, neidischen zuzulassen, um dann möglichst als Paar gemeinsam neue Aufgaben und Herausforderungen im Leben zu suchen, die einem Sinn geben. Dabei kann eine psychosoziale Beratung oder Psychotherapie helfen, da diese Umorientierung ganz individuelle Wege braucht. Eine Liste mit Fachkräften findet sich zum Beispiel auf der Homepage des Beratungsnetzwerkes Kinderwunsch in Deutschland www.bkid.de.

Was raten Sie Betroffenen noch, um wieder mehr Lebensfreude zu spüren?

Paare sollten sich klarmachen, dass Kinder nicht nur glücklich machen. Sie bedeuten auch Stress und Verzicht. Studien zur Lebensqualität zeigen das deutlich. Die Lebensfreude hängt viel mehr von inneren als von äußeren Faktoren ab. Was das für jeden Einzelnen bedeutet, muss sehr individuell herausgefunden werden.

Viele Paare schaffen sich Hund oder Katze an ...

Ja, ein Haustier kann das Bedürfnis, sich zu kümmern und fürsorglich zu sein, zum Teil durchaus erfüllen.

Viele Frauen kämpfen mit der Last von Schuld­ gefühlen: „Warum haben wir so spät angefangen?“, „Wie konnte ich damals die ungewollte Schwanger­ schaft abbrechen?“ Wohin damit?

Schuldgefühle sind nicht selten, führen aber auf Dauer zu depressiven Stimmungen. Wichtig ist, sich mit seinem „früheren, jüngeren Ich“ auszusöhnen. Entscheidungen wie zum Beispiel ein Schwangerschaftsabbruch können ja nie aus der Zukunft heraus getroffen werden. Dass der Kinderwunsch häufig aufgeschoben wird, ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Thema. Kinder und Job sind bei uns immer noch schwer zu ver- binden. Aber mit jedem Jahr, das wir warten, sinkt die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden.

Ungewollte Kinderlosigkeit ist ein Problem für beide Partner. Was können Paare tun, damit die Liebe an dieser Belastung nicht zerbricht?

Sie sollten sich auf keinen Fall zurückziehen und isolieren. Wichtig ist natürlich, miteinander zu reden, aber sich auch jeweils mit anderen Vertrauten auszutauschen. Nicht selten leidet auch die Sexualität unter gezielten Versuchen, schwanger zu werden. Paare sollten versuchen, sich bewusst Auszeiten von diesem Ziel zu nehmen. Das kann hilfreich sein, um die Lust aneinander nicht zu verlieren.

Welche Möglichkeiten gibt es, vielleicht auf eine ganz andere Art und Weise Familienglück zu erleben?

Patenschaften oder enger Kontakt zur nächsten Generation innerhalb der Familie oder des Freundeskreises können trösten. Natürlich denken viele Paare mit einem unerfüllten Kinderwunsch über Adoption oder Pflegekinder nach. Bei den Jugendämtern kann man sich darüber informieren. Häufig gestellte Fragen zum Theman Adoption!

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