Unerfüllter Kinderwunsch

Unerfüllter Kinderwunsch

Mit ungewollter Kinderlosigkeit umzugehen ist eine Lebensaufgabe. Sagt die Psychologin und systemische Familientherapeutin Heike Stammer. Sie hat einen psychologischen Ratgeber für Paare geschrieben, deren Wunsch nach einem eigenen Kind (noch) nicht in Erfüllung gegangen ist.

Unerfüllter Kinderwunsch
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Unerfüllter Kinderwunsch
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© Prof. Dr. Heike Stammer
Prof. Dr Heike Stammer: Prof. Dr Heike Stammer

Wie lange dauert es, bist eine Frau akzeptieren kann: „Ja, ich bin eine kinderlose Frau“?
Das ist fast immer ein jahrelanger Prozess. Selbst nach mehreren erfolglosen IVF-Versuchen bleibt ja oft noch ein Fünkchen Hoffnung. Die medizinischen Befunde sind bei einer Frau selten so, dass eine Schwangerschaft ganz und gar ausgeschlossen werden kann. Außerdem entwickelt sich die Fortpflanzungsmedizin ständig weiter. Neue Behandlungsformen (von denen viele in Deutschland verboten sind, aber die im Ausland durchgeführt werden können, wenn die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen), führen zu Überlegungen, ob nicht doch noch eine Chance besteht. Und ist der Mann eindeutig steril, steht zumindest theoretisch die Frage im Raum, ob die Partnerin mithilfe eines anderen Partners oder einer Fremdsamenspende ein leibliches Kind bekommen könnte. Das endgültige Annehmen der Kinderlosigkeit beginnt für die meisten Frauen erst mit den Wechseljahren.
Es ist also nicht mal eben so gemacht?

Nein. Wie schwer die Akzeptanz ist, möchte ich mit folgendem Beispiel zeigen: Stellen Sie sich einfach eine 37-jährige Frau vor, die bereits mehrere erfolglose reproduktionsmedizinische Behandlungen hinter sich hat und dann in der Presse liest, dass Halle Berry mit 46 Jahren schwanger geworden ist. Solche Meldungen sind für Betroffene häufig sehr schmerzlich, weil sie die Idee streuen, eine Schwangerschaft sei bei entsprechenden Anstrengungen jederzeit machbar, was definitiv nicht der Fall ist. Für Deutschland gilt: Jede zweite Frau, die sich in reproduktionsmedizinische Behandlung begibt, bleibt trotzdem dauerhaft kinderlos.

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Wann endet die Trauerphase?

Trauerarbeit muss immer wieder geleistet werden. Jedes Baby, das im Umfeld geboren wird, erinnert potenziell an das eigene Leid. Wenn die Kinder der Freundinnen Abitur machen oder selbst Eltern werden, fühlen sich viele Kinderlose erneut von etwas Wichtigem im Leben ausgeschlossen. Manche Frauen sind mit der Zeit sehr gut in der Lage, ihrem Leben durch andere Projekte einen Sinn zu geben und selbstbewusst die Vorteile ihres kinderfreien Lebens zu genießen. Anderen fällt es deutlich schwerer.

Wird die Trauer um das nie geborene Kind von Freunden und Familie unterschätzt?

Wir wünschen uns alle, weniger verletzlich zu sein. Wir können Leid bei anderen oft schwer ertragen. Wie stark jemand um den unerfüllten Kinderwunsch trauert, hängt von vielen Faktoren ab: wie ausgeprägt die Elternschaft zum eigenen Lebenskonzept gehört, welche anderen Möglichkeiten da sind, sich zu verwirklichen, wie viel andere Verluste und Misserfolge im bisherigen Leben schon zu verarbeiten waren, wie befriedigend die Partnerschaft und andere Lebensbereiche erlebt werden. Es spielt aber auch eine Rolle, wie stark das Umfeld kinderdominiert ist: In Großstädten sind kinderlose Frauen und Paare ein Teil der Normalität. In ländlichen Regionen fühlen sich viele als Versager, wenn sie die Norm der Gründung einer Kleinfamilie nicht erfüllen können, denn es bedeutet von vielen sozialen Aktivitäten ausgeschlossen zu sein, zum Beispiel von gemeinsamen Nachmittagen auf dem Spielplatz oder dem Mitjubeln auf dem Fußballplatz.

Oft fühlen Frauen sich unter Druck gesetzt, endlich mit dem Thema abzuschließen ...
Das ist sehr verständlich, denn die Freunde, die Familie wollen das Leiden der Frau nicht mehr miterleben müssen. Es entstehen oft Situationen, in denen sich alle unwohl fühlen. Jeder hat das Gefühl sich ständig kontrollieren zu müssen, um nicht in ein „Fettnäpfchen“ zu treten. Viele Frauen lösen diese Spannungen, indem sie sich zurückziehen, was ihre innere Not wiederum verstärkt, weil die Ablenkung durch Aktivitäten mit anderen fehlt.

Wie können sich Eltern und Kinderlose einander besser begegnen?
Eine Patentlösung gibt es leider nicht. Das Beste ist immer noch, miteinander zu reden und dem Anderen, der Anderen mitzuteilen, wie man sich in einer bestimmten Situation gefühlt hat. So wächst Verständnis füreinander. Es ist fast immer eine große Erleichterung für alle, wenn das Thema und der damit verbundene Schmerz keine Tabuthemen sind, sondern im gemeinsamen Alltag auftauchen dürfen.

Mit Schamgefühl und Vorwürfen umgehen

Wie kann eine Frau mit dem Schamgefühl umgehen, dass sie nicht in der Lage war, ein Kind zu gebären?
Für mich ist es immer wichtig den Frauen mitzugeben, dass es eigentlich keine besondere Leistung ist, schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen. Es ist ein Geschenk, das leider manchen Frauen verwehrt wird. Die Fähigkeit Kinder zu bekommen, qualifiziert auch nicht automatisch zur Elternschaft. Nicht wenige Paare, die das Glück hatten, ohne Probleme Kinder zu bekommen, scheitern an der Erziehungsaufgabe und sind von dem Alltag mit Kindern vollkommen überfordert. Wichtig ist mir die Botschaft: Paare, die Kinder bekommen, haben es nicht verdient, weil sie die bessere Eltern sind.
Manche Frauen machen sich Vorwürfe, dass sie die Familienplanung so lange hinausgeschoben hat, bis es zu spät war ...
Solche Gefühle sind verständlich. Doch jede Frau sollte wissen, dass nicht sie individuell versagt hat. In der Gesellschaft, in der wir heute leben, gibt es gute, objektive Gründe, eine Schwangerschaft nach hinten zu verschieben. Wir wissen, dass junge Männer heute immer weniger bereit sind, sich auf eine lebenslange Verantwortung für eine Familie einzulassen. Und die aktuelle Familienpolitik signalisiert Frauen klar, dass sie die Ehe nicht länger als Versorgungsinstanz betrachten darf. Das alles hat zur Folge, dass immer mehr Frauen sich erst um eine gute Ausbildung und ein sicheres berufliches Standing kümmern, bevor sie daran denken, Kinder zu bekommen. Wir müssen als Gesellschaft einen Weg finden, Frauen aus diesem Dilemma rauszuhelfen.
Wie kann ein Paar damit umgehen, wenn die Kinderlosigkeit von einem der Partner wesentlich schmerzlicher empfunden wird als von dem anderen?
In der Beratungsarbeit versuchen wir zu vermitteln, dass eine unterschiedliche Bewältigung nicht zwingend eine Belastung sein muss, sondern auch als Ressource für das Paar erlebt werden kann. Viele Männer fühlen sich dem Leid ihrer Frauen gegenüber hilflos und versuchen die starke Schulter zu sein, an die die Frau sich anlehnen kann. Die Frauen nehmen dieses Verhalten dann als mangelndes Einfühlungsvermögen wahr oder gewinnen den Eindruck, dass dem Mann der Kinderwunsch gar nicht so wichtig war. Gibt es solche Verstrickungen, kann eine Paarberatung sehr hilfreich sein, diese Kommunikationsknoten wieder zu entwirren. Der Mann kann sich dann leichter erlauben, seinen Kummer über die Situation zu zeigen und erlebt sogar, dass es für seine Frau eine Entlastung sein kann, nicht immer diejenige sein zu müssen, die das Leid ausdrücken muss.

Gehen Männer und Frauen grundsätzlich unterschiedlich mit der ungewollten Kinderlosigkeit um? Oder ist das mehr eine Frage der Persönlichkeit?

Es hängt sowohl von der Persönlichkeit als auch vom Geschlecht ab. Für Frauen sind Kinder oft noch identitätsstifender als für Männer. Aber es gibt natürlich auch Konstellationen, wo die Männer stärker leiden. Häufig, wenn sie selbst die definitive Ursache für die Kinderlosigkeit sind. Seiner Frau kein Kind schenken zu können, ist gerade für eher depressiv strukturierte Männer schwer zu verkraften. Gleichzeitig fällt es Frauen häufig sehr viel leichter, sich professionelle Hilfe zu suchen. Männer haben meist deutlich weniger Möglichkeiten, sich ihren Kummer von der Seele zu reden.
Man hört nie auf, kinderlos zu sein. Welche Bewältigungsstrategien können helfen, wenn der Schmerz bleibt oder immer wieder hervorkommt?
Der erste Schritt ist, den Schmerz zu akzeptieren. Menschen, die bei bestehendem Kinderwunsch auf ein eigenes Kind verzichten müssen, erleben häufig eine ähnliche Trauer wie Menschen, die ein Kind verloren haben. Von denen erwarten wir auch nicht, dass dieser Schmerz aufhört. Er gehört zu ihrem Leben dazu und hinterlässt Narben, die sich immer wieder melden. Wir wissen, dass eine bewusste Neuorientierung auf andere Lebensziele bei der Bewältigung hilft. Eine Einzel- und/oder eine Paarberatung kann diesen Prozess unterstützen und vorantreiben.
Buchtipp:
Heike Stammer/Tewes Wischmann: „Der Traum vom eigenen Kind - Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch (Rat und Hilfe)“, 188 S., Kohlhammer, 19,90 Euro

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