1. Februar 2021
Lockdown und Psyche: Wann professionelle Hilfe holen?

Lockdown und Psyche: Wann Sie sich professionelle Hilfe holen sollten

Der Lockdown schlägt uns aufs Gemüt – doch ab wann wird es gefährlich und was können wir überhaupt dagegen tun? Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gibt die wichtigsten Antworten rund um das Thema Depression und Niedergeschlagenheit während des Corona-Lockdowns.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie müssen wir mit dem Lockdown leben: Kontaktbeschränkungen, wegfallende Freizeitaktivitäten, Isolation oder fehlende Privatsphäre sind nur einige der Faktoren, die uns das Leben schwer machen. Viele Menschen leiden psychisch unter den Maßnahmen – doch, wann sind wir niedergeschlagen und ab wann handelt es sich um eine ernstzunehmende Depression? Wir haben mit Prof. Ulrich Hegerl, dem Vorsitzenden der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gesprochen. Woran Sie eine Depression erkennen, wo Sie Hilfe finden und die wichtigsten Tipps, um mental durchzuhalten.

© Katrin Lorenz
Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Schlägt uns die Pandemie auf die Psyche?

FürSie: Prof. Hegerl, bemerken Sie eine Veränderung in Ihrem Berufsalltag seit Beginn der Corona-Pandemie? Häufen sich die Anfragen Betroffener, die Hilfestellung benötigen?

Ja, bei unserem deutschlandweiten Info-Telefon Depression und auch auf unseren Social-Media-Kanälen (www.facebook.com/DeutscheDepressionshilfe und www.instagram.com/stark_gegen_depression/) melden sich viele Menschen mit Depression, die zum Beispiel mit den Kontakt-Beschränkungen zu kämpfen haben und für die sich durch die Maßnahmen gegen Corona die medizinische Versorgung verschlechtert hat.

Unsere Befragungen haben gezeigt, dass bei fast der Hälfte der Betroffenen wichtige Behandlungen ausgefallen sind. Hinzu kommt, dass die Maßnahmen gegen Corona zu Verhaltensänderungen führen, die ganz speziell den Verlauf depressiver Erkrankungen negativ beeinflussen oder sogar neue Krankheitsphasen auslösen können: Dazu gehören die schlechtere Tagesstrukturierung mit vermehrtem Grübeln, der gestörte Tag-Nacht-Rhythmus mit längeren Bettzeiten und die geringere körperliche Betätigung.

All das wird mit massiven gesundheitlichen Folgen für viele der fünf Millionen Menschen mit depressiven Erkrankungen einhergehen. Entscheidend ist die richtige Balance zwischen den Maßnahmen gegen Corona einerseits und der psychischen Belastung andererseits. Bei Verengung der Sicht auf das Infektionsgeschehen wird man diese Balance nicht finden.

FS: Isoliert allein zu Hause oder andersherum kaum Privatsphäre in der Großfamilie, Unsicherheit, Kontrollverlust: Der Lockdown schlägt vielen von uns auf das Gemüt. Warum genau ist das so?

Die Menschen haben Sorge vor einer Infektion mit dem Coronavirus. Viele sind belastet durch Stress im Homeoffice mit gleichzeitiger Kinderbetreuung, sind bedrückt durch soziale Distanzierung, leiden unter fehlendem Sport oder beruflicher Existenzbedrohung oder ärgern sich über sich selber, weil sie noch mehr Stunden mit Netflix oder sozialen Medien verbracht haben.

Das sind normale menschliche Reaktionen und hat wenig mit psychischen Erkrankungen zu tun. Viele leiden auch nur unter Langeweile, die auch eine Geißel der Menschheit ist.

© Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Anzeichen von Depression: So unterscheidet sie sich von Niedergeschlagenheit

FS: Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, Lethargie – Symptome wie diese empfinden viele von uns während der Corona-Pandemie. Ab wann sind derlei Empfindungen nicht bloße Stimmungsschwankungen?

Wenn nichts mehr Freude macht und Dauererschöpfung mit Hoffnungslosigkeit und finsteren Gedanken sich einstellen, dann ist es höchste Zeit, sich professionelle Hilfe zu holen.

Depressiv Erkrankte berichten auch, dass sich eine Depression ganz anders anfühlt als ein Zustand nach Schicksalsschlägen, Misserfolgen oder anderen negativen Lebensereignissen. Für den Fachmann ist es ist es in der Regel gut möglich eine depressive Erkrankung von einer Befindlichkeitsstörung abzugrenzen.

Typisch für die Depression ist die Neigung zu Schuldgefühlen, ein permanentes Gefühl der inneren Anspannung („fühle mich permanent wie vor einer Prüfung“), Tagesschwankungen mit Morgentief, und das Gefühl der inneren Versteinerung. Manche berichten auch, es sei, als ob ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen werden würde.

Depression ist eine schwere Erkrankung wie andere Erkrankungen auch und für die Diagnose zuständig sind der Facharzt (Psychiater), der Psychologische Psychotherapeut oder der Hausarzt.

Was gegen depressive Gefühle hilft

FS: Bewegung und frische Luft sollen angeblich auch dem Geist guttun: Was können wir selbst gegen Gefühle der Niedergeschlagenheit tun?

Körperliche Bewegung kann eine antidepressive Behandlung unterstützen. Deshalb sollte man sich für die Woche regelmäßigen Sport vornehmen. Man sollte vermeiden, sich tagsüber hinzulegen oder auch früher ins Bett zu gehen und länger liegen zu bleiben.

Für depressiv Erkrankte aber auch viele andere Menschen ist es so, dass eine über acht oder neun Stunden hinausgehende Bettzeit nicht zu Erholung, sondern sogar eher zu einer gedämpften Stimmung und einer größeren Müdigkeit führt.

FS: Was ist Ihre Empfehlung, wie man sich in der aktuellen Zeit mental über Wasser hält? Machen neue Hobbys und Online-Aktivitäten als Ersatz Sinn?

Ein Ratschlag ist, einen Wochenplan zu machen und sich für jede Stunde etwas vornehmen. Da wird es Pflichten wie die Hausarbeit geben, aber auch Angenehmes oder Erholsames.

Und dann liegt in jeder Krise auch eine Chance für etwas Neues. Finde ich in meinem Adressbuch alte Bekannte und Freunde, mit denen ich mal wieder skypen könnte? Wann mache ich Sport? Welche Hobbys wollte ich schon immer anfangen oder wieder aufnehmen? Welches dickere Buch könnte ich zur Hand nehmen?

Ohne einen richtigen Plan fällt vieles, an das man mal denkt, dann doch hinten runter. Wir können auch den Scheinwerfer unserer Aufmerksamkeit ein Stück weit lenken und darauf achten, dass es außer dem hundertsten Corona-Podcast noch viel anderes interessantes gibt.

FS: Für die Paare unter uns: Was können wir tun, um unsere Beziehung in diesem Ausnahmezustand mit allen den Stimmungsschwankungen und dem fehlenden Freizeitausgleich aufrechtzuerhalten?

Manche Paare freuen sich vielleicht, mehr gemeinsame Zeit zu haben, andere haben das Gefühl, zu viel aufeinander zu hocken. Hier ist es schwer, generelle Ratschläge zu geben. Sich zusammen zu setzen und in aller Ruhe auch hier gemeinsam einen Wochenplan zu überlegen, kann manchmal hilfreich sein. Wenn ich durch den Park gehe, habe ich den Eindruck, dass beispielsweise mehr Menschen entdecken, wie schön ein gemeinsamer Spaziergang sein kann.

FS: Gibt es Soforthilfe-Tricks, wenn es uns besonders schlecht geht?

Wer länger als 2 Wochen eine gedrückte Stimmung hat, nichts mehr Freude macht, permanent erschöpft ist, hartnäckige Schlaf- und Appetitstörungen hat, begleitet vom Gefühl der Ausweglosigkeit – der sollte zum Arzt gehen. Das ist das Wichtigste. Depression ist eine schwere Krankheit, die wie andere schwere Erkrankungen auch konsequent behandelt werden muss.

Für mentale Stärke: Das sollten wir vermeiden

FS: Was sind absolute No-Gos für unsere mentale Gesundheit? Ist es toxisch, dem Gefühl nachzugeben, sich im Bett zu verkriechen oder tut uns eine solche Auszeit sogar gut?

Ich empfehle Patienten, dass sie bei sich genau den Zusammenhang zwischen Schlaf und der Stimmung beobachten. Bin ich, wenn ich früher ins Bett gehe und länger liegen bleibe, tatsächlich am nächsten Tag frischer? Viele werden feststellen, das Gegenteil ist der Fall.

Wenn sie früher ins Bett gehen und länger liegen bleiben, fühlen sie sich noch erschöpfter und noch bedrückter. Dann kam man etwas gegensteuern und zum Beispiel schauen, dass man nicht länger als 8 oder 8,5 Stunden jeden Tag im Bett ist und sich auch tagsüber nicht hinlegt.

FS: Was können wir in dieser herausfordernden Zeit über unsere Psyche lernen – auch für die Zukunft?

Viele Berufstätige, die bisher in das Räderwerk des Arbeitsalltags eingespannt waren, müssen lernen, sich selbst zu strukturieren, auch ihre freie Zeit sinnvoll zu gestalten. Nicht jedem fällt das leicht.

Andere, die um ihre berufliche Existenz fürchten, sind gezwungen, sich neu zu orientieren. Viele machen ganz neue Erfahrungen außerhalb der Routinen.

Bei allem Negativem gelingt es vielen, dieser Krise auch Positives abzugewinnen und manche Errungenschaften unserer Gesellschaft nicht mehr nur als selbstverständlich anzusehen.

Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige

  • Erste Ansprechpartner: Hausarzt, aber auch der Psychotherapeut oder Psychiater
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei)
  • Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression: www.deutsche-depressionshilfe.de
  • Fachlich moderiertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch: www.diskussionsforum-depression.de
  • Hilfe und Beratung bei den sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter
  • Für Angehörige: Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen www.bapk.de und www.familiencoach-depression.de
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