Langschläfer sind vor Demenz geschützt

Langschläfer sind vor Demenz geschützt

Laut einer Studie stärkt jede Minute Schlaf das Gedächtnis. Und auch sonst können wir viel tun, um das Vergessen aufzuhalten.

Gesund schlafen
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Langschläfer sind vor Demenz geschützt

Kennen Sie das? Der Wecker klingelt – doch zwischen Daunendecke und Kuschelkissen ist es viel zu schön, als dass man aufstehen wollte. Allzu vernehmlich flüstert die innere Stimme, wie wunderbar es jetzt wäre, sich noch einmal umzudrehen und zehn Minuten weiterzuschlummern. Dieses Signal unseres Körpers hat eine Schutzfunktion für unser Gehirn, fanden amerikanische Wissenschaftler der Uni Rochester jetzt heraus.

Ihre Entdeckung ist die Sensation der Demenzforschung: Jede Extraminute Schlaf senkt das Risiko, im Alter geistig abzubauen. Die Beobachtung der Neurologen: Während wir schlummern, schrumpfen unsere Hirnzellen ein wenig – um Platz zu machen für Hirnflüssigkeit, die durch die Kanäle zwi-schen den Zellen rauscht. Und wie ein Dampfstrahler Abfallstoffe wegspült. Beta-Amyloide zum Beispiel, jene Eiweiße, die sich nach und nach ablagern und so Alzheimer auslösen können – die häufigste Form der Demenz (siehe Kasten). Die Forscher vermuten, dass auch bei der Entwicklung anderer Demenzformen Zellgifte beteiligt sind. Weil er das Hirn-Reinigungsprogramm aktiviert, ist ausreichend Schlaf die beste Versicherung gegen den extremen geistigen Abbau im Alter.

Dement zu werden ist eine der größten Sorgen vieler

„Nutzen Sie am besten jede Gelegenheit für diese Müllabfuhr“, rät Studienleiterin Dr. Lulu Xie. So profitiert unser Gehirn am Wochenende mehr von einem Mittagsschlaf als von einem mit Freizeitterminen vollgepackten Tag. Und von einer Party früher nach Hause zu gehen ist langfristig für das Denkvermögen gesünder, als die Nacht durchzumachen. Dement zu werden ist eine der größten Sorgen vieler. Die gute Nachricht: Die Wahrscheinlichkeit, im Alter „verwirrt“ zu werden, sinkt: 1991 litten noch 8,3 Prozent der Menschen über 65 Jahren an Demenz. Heute sind es 6,5 Prozent. Die mögliche Erklärung: Wir müssen uns heute mit mehr Technik auseinandersetzen, lernen stets dazu und verfügen so über ein trainierteres Gehirn als frühere Generationen. Zudem finden Forscher immer mehr körpereigene Schutzschilde gegen das Vergessen. „Wer sein Gehirn regel mäßig herausfordert, etwa eine neue Sprache lernt, hat schon viel getan“, sagt Professor Georg Adler, Leiter des Instituts für Studien zur Psychischen Gesundheit in Mannheim. Auch wichtig: Freundschaften pflegen. Im Austausch mit anderen halten wir unser Hirn auf Trab. Laut einer amerikanischen Studie sind ältere Menschen mit aktivem Sozialleben statistisch um 70 Prozent leistungsfähiger im Denken.

Was dem Herz hilft, hilft auch dem Verstand

„Ansonsten gilt: Was dem Herz hilft, hilft auch dem Verstand“, erklärt Professor Adler. Das bedeutet: Man sollte Normalgewicht anstreben, sich regelmäßig bewegen, Blutdruck sowie Zucker-und Cholesterinspiegel nicht zu stark ansteigen lassen. Der Anti-Demenz-Lebensstil kann auch gut schmecken: So sollten etwa Antipasti öfter auf den Tisch. Denn „Mittelmeerkost“ mit viel Gemüse und pflanzlichen Ölen kann das Demenzrisiko senken. Zum Nachtisch sind Beeren ideal – deren Anthocyan-Farbstoffe können ebenfalls das Gehirn schützen. Wie auch Kaffee: Laut einer finnischen Untersuchung erkranken Kaffeetrinker deutlich seltener an Demenz als Koffein-Abstinenzler. „Zudem kann eine gute Versorgung mit Folsäure vor dem Vergessen schützen“, so Professor Adler. Das Vitamin steckt vor allem in Spinat, Fenchel, Vollkornbrot und Nüssen. 300 Mikrogramm empfehlen Experten pro Tag – die liefern etwa 300 Gramm Spinat. Was laut dem Demenzexperten unserem Geist aber besonders guttut: „Leben Sie möglichst ausgeglichen und stressfrei“, rät Professor Adler. Und dazu trägt ebenfalls der entspannende Schlaf bei.

Hilft Spermidin gegen Demenz?

Nach neustem Forschungsstand hilft auch das körpereigene Kleinmolekül Spermidin dabei, die Gehirnleistung zu stabilisieren. Es unterstützt nämlich die Zellen dabei, alte oder beschädigte Zellteile zu entsorgen. Auch über die Nahrung nehmen wir Spermidin zu uns.
Eine Studie testet derzeit die Wirksamkeit von Spermidin in Form von Kapseln als Nahrungsergänzungsmittel. Die Ergebnisse seien bisher vielversprechend, jedoch lediglich als Ergänzung zu einer ausgewogenen Ernährung und einem gesunden Lebensstil anzusehen, heißt es hier.

Demenz
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Wissenswertes:
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Zwei von drei Demenzkranken werden zu Hause gepflegt. Eine Aufgabe, die von den Angehörigen oft viel Geduld verlangt. Und Ideenreichtum, meint Pflege-Experte Martin Moritz von der Angehörigenschule Hamburg. Hier verrät er Tricks, die Patienten den Alltag erleichtern und die Pflegenden entlasten.

Ist Alzheimer gleich Demenz?

Morbus Alzheimer ist eine spezielle Form der Demenz. Bei diesen Patienten (ca. 70 Prozent aller Betroffenen) kennt man die körperliche Ursache: giftige Eiweißbruchstücke, die sich im Gehirn abgelagert haben. Diese Hindernisse stören die Kommunikation der Nervenzellen. Die Folgen sind (ebenso wie bei den 30 Prozent Dementen, die diese Ablagerungen nicht haben) unter anderem Störungen von Gedächtnis, Orientierung und Sprache und später auch die Fähigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten.

 

Interview mit Martin Moritz, Leiter der Angehörigenschule in Hamburg

Martin Moritz ist Leiter der Angehörigenschule in Hamburg (www.angehoerigenschule.de)

Wie kann ich einem Demenzkranken das Leben vereinfachen und verschönern?

Generell gilt: Alles, was den Alltag sinnlicher und Sprache verzichtbar macht, hilft. Kaufen Sie ein Kuscheltier, das der Patient halten und streicheln kann. Schauen Sie gemeinsam Filme, die speziell für Demenzkranke produziert wurden – mit wenigen Schnitten und Dialogen, dafür mit umso mehr Nahaufnahmen. Auch ist es gut, sich immer wieder bewusst zu machen, dass Demenzkranke nicht so sehr darauf reagieren, was man sagt, sondern wie man es sagt. Sie nehmen Stimmungen sehr gut wahr. Das lässt sich positiv nutzen, indem man öfter mal ein Kinderlied anstimmt. Erinnerungen aus der Kindheit verschwinden als Letztes. Wahrscheinlich wird der Betroffene bald mitsummen. Und entspannen – weil beim Singen im Gehirn positive Gefühle abgerufen werden. Übrigens bei jedem Menschen. Deshalb tut Singen nicht nur den Kranken gut, sondern auch den Pflegenden.

Was sollte ich eher vermeiden?

Was den Betroffenen schon ungemein hilft: Vermeiden Sie es möglichst, Fragen zu stellen. Denn das setzt Demenzkranke unter Druck. Schaffen Sie lieber Situationen, die man ohne Worte versteht. Ziehen Sie also morgens die Vorhänge auf und halten Sie einen Pulli hoch, statt zu fragen: „Willst du nicht endlich aufstehen?“ Stellen Sie einen roten Kaffeebecher auf das weiße Tischtuch – so erkennt man den Becher leichter. Und kleben Sie zum Beispiel das Foto einer Kloschüssel an die Badezimmertür. Das hilft bei der Orientierung.

An wen kann ich mich wenden, wenn in meiner Familie jemand dement wird?

Sich um einen Demenzkranken zu kümmern ist ein Marathon, keine Kurzstrecke. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Lasten auf mehr als zwei Schultern zu verteilen – und zwar von Anfang an. Deshalb empfehle ich, so bald wie möglich einen Termin bei einem Pflegestützpunkt zu machen. Den gibt es in vielen Landkreisen. Dort wird man kostenlos über die zahlreichen Unterstützungsangebote und Gelder vom Staat informiert. Statt sich aus falscher Scham zurückzuziehen, sollte man so offen wie möglich mit der Situation umgehen. Also etwa Freunde oder Verwandte bitten, bei der Bürokratie zu helfen. Und dann einen ebenfalls kostenlosen Angehörigenkurs besuchen. Dort lernt man unter anderem, wie man den Alltag mit Demenzkranken besser bewältigt.

Was kann ich noch tun, um mich nicht in der Pflege aufzureiben?

Ganz wichtig finde ich den Austausch mit anderen Angehörigen, etwa in einer Selbsthilfegruppe. Es erleichtert den Umgang mit Demenzkranken sehr, wenn man merkt, dass andere die gleichen schwierigen Episoden zu bewältigen haben wie man selbst. Etwa dass der Kranke sich zurückzieht. Oder in Stress-Situationen Dinge sagt, die ihm früher nie über die Lippen gekommen wären. Durch die Gespräche mit anderen Pflegenden bekommt man auch etwas mehr Distanz zum Kranken. Das klingt vielleicht kaltherzig, bedeutet aber das Gegenteil: Eine gewisse Distanz hilft, Demenzkranke gut pflegen zu können. Weil man Veränderungen im Charakter nicht persönlich nimmt – sondern als Teil der Krankheit sehen kann.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man jemanden in einem Pflegeheim unterbringt?

Nein. Die Kranken leiden ja auch, wenn Angehörige sich in der Pflege aufreiben und erschöpft sind. Auch haben viele demenzkranke Männer zum Beispiel ein Problem damit, Kontrolle abzugeben - und zu akzeptieren, dass die Tochter sagt, was zu tun ist. Dann ist es für Betroffene oft sogar besser, wenn sie in einem Heim professionell gepflegt werden.

Hier gibt’s Hilfe

Demenzvorbeugung
Wolf D. Oswald: Aktiv gegen Demenz. Hogrefe, 19,95 Euro. Wiegele/Poulaki: Hilfe, ich werde vergesslich! Was Sie für Ihr Gedächtnis tun können und wie man Demenz erkennt. Reinhardt, 17,90 Euro.
Für Angehörige
Vasak/Unterluggauer: Verwehte Erinnerung. Demenz-Patienten verstehen und begleiten. Molden, 19,99 Euro. Krallmann/ Kottmann: Ein Fahrrad erzählt. 50 kurze Geschichten zum Vorlesen bei Demenz. Reinhardt, 9,90 Euro. Mitsing-Buchreihe für Demenzkranke: SingLiesel, je 29,95 Euro.
Internet-Tipps: www.warnzeichenvergesslichkeit.de (Infos, Hintergrundwissen), www.deutsche-alzheimer.de (Veranstaltungen, Adressen), www.ilsesweitewelt.de (Filme für Demenzkranke).

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