22. März 2010
Die Ernährungs-Ampel

Die Ernährungs-Ampel

Foodwatch-Chef Thilo Bode fordert die Einführung der Ernährungs-Ampel und eine bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln. Burger mag er trotzdem

Supermarkt
© Matty Symons - Fotolia
Die Ernährungs-Ampel

Herr Bode, gehen Sie eigentlich noch gerne essen?

Dr. Thilo Bode:

Dr. Thilo Bode, 61, studierte Soziologie und Volkswirtschaft.

2002 gründete er die Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch, deren Geschäftsführer er ist. Davor war Bode zwölf Jahre Geschäftsführer von Greenpeace.

Mit Foodwatch klärt er über Missstände auf, kämpft für Transparenz auf dem Lebensmittelmarkt. Er ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem „Abgespeist“, und lebt in Berlin

Mittlerweile gehe ich nur noch sehr ungern in Restaurants. Das ist traurig, denn ich liebe es, gut zu essen. Aber Lokale zu finden, bei denen man weiß, was man bekommt, und darauf vertrauen kann, dass mit den Lebensmitteln alles in Ordnung ist, ist sehr schwierig.

Was genau liegt Ihnen denn so schwer im Magen?

Ich kenne nun mal die Wege, über die zum Beispiel Gammelfleisch in Restaurantküchen landet und von dort, etwa als Gulasch, auf dem Teller des Gastes. Entsprechend misstrauisch bin ich.

Da hilft nur selber kochen?

Nur bedingt. Denn man muss ja die Zutaten irgendwo kaufen – also geht man in den Supermarkt. Und hat dort eine riesige Palette an Produkten vor sich, über deren Inhaltsstoffe man kaum etwas erfährt. Selbst der Zucker- oder Fettgehalt wird oft verschleiert. Deshalb setze ich mich auch vehement für die Einführung der Ampelkennzeichnung ein.

Worum geht es da eigentlich genau?

Verarbeitete Lebensmittel, zum Beispiel Tütensuppen, Fertigpizza oder Ketchup, enthalten oft versteckt große Mengen Zucker, Fett und Salz. Durch die Nährwert- Ampel auf der Verpackung würde auf einen Blick klar, wie hoch der Fett-, Zucker- und Salzgehalt pro 100 Gramm tatsächlich ist. Er wird jeweils in der absoluten Grammzahl angegeben, die Farben Rot, Gelb und Grün helfen zusätzlich bei der Orientierung, ob es sich um einen hohen, mittleren oder niedrigen Wert handelt. Das ermöglicht den schnellen und einfachen Vergleich zwischen mehreren Produkten.

Warum ist die Ampel so umstritten?


Das klingt nach einer guten Sache. Warum ist die Ampel so umstritten?

Die Nahrungsmittelindustrie wehrt sich dagegen, weil sie – auch wenn das platt klingt – davon lebt, dass die Lebensmittel zu viel Salz, Fett und Zucker enthalten. Weil diese Stoffe Geschmacksträger sind. Wenn die Kunden aber nicht genau wissen, wie viel davon drin ist, kommen gesundheitliche Bedenken gar nicht erst auf. Deshalb stehen diese Informationen, wenn überhaupt, nur versteckt und schöngerechnet auf den Verpackungen. Die Industrie trägt erhebliche Mitverantwortung dafür, dass Übergewicht zur Volkskrankheit geworden ist. Sie finden heute praktisch kein Nahrungsmittel mehr, das keinen Zucker enthält. Unser Zuckerkonsum hat sich seit den 50er Jahren verdoppelt.

Glauben Sie denn wirklich, dass die Deutschen sich gesünder ernähren, wenn die Ampel drauf ist?

Ich glaube nicht, dass die Leute dann automatisch gesünder essen. Aber sie bekämen echte Wahlfreiheit. Und ich glaube, in der Lebensmittelindustrie würde es einen Wettbewerb um vernünftige Nährwertgehalte geben. Weil kein Unternehmen zu viele rote Punkte auf seinen Produkten haben möchte.

Den meisten Menschen wäre doch schon viel geholfen, wenn sie einfach mehr Sport treiben würden.

Das sagt die Nahrungsmittelindustrie auch immer: Die Leute sollen sich mehr bewegen. Natürlich ist ausreichend Bewegung wichtig. Aber die Lebensmittelindustrie ist doch kein Fitnessstudio! Ihre Verantwortung liegt darin, gute Produkte zu verkaufen und die Inhaltsstoffe transparent zu machen. Alles andere sind Ablenkungsmanöver.

Laut einer Emnid-Umfrage sind 67 Prozent der Bürger für die Lebensmittel- Ampel. Verbraucherministerin Aigner favorisiert das sogenannte GDA-Modell („Guideline Daily Amounts“), bei dem die Nährwerte in Prozent des Tagesbedarfs angegeben werden. Ist das nicht auch gut?

Ich halte es für Irreführung.

Warum?

Bei ihren „Empfehlungen“ für den Tagesbedarf legen die Hersteller den Energiebedarf einer erwachsenen Frau zugrunde: 2000 Kalorien. Selbst bei Lebensmitteln für Kinder ist das der Richtwert, obwohl Kinder, je nach Alter und Größe, einen niedrigeren Bedarf haben. Außerdem gibt die Industrie die Nährwertgehalte beim GDA-Modell für eine willkürliche Portionsgröße an – eine halbe Tiefkühlpizza oder eine Handvoll Kartoffelchips zum Beispiel. Das führt dazu, dass Zucker-, Fett- und Salzwerte viel niedriger erscheinen, als sie eigentlich sind. Und weil nicht einmal alle Kartoffelchips-Hersteller dieselben Portionsgrößen verwenden, ist auch der Vergleich zwischen zwei Produkten nur mit dem Taschenrechner möglich.

Eine Schwäche haben aber beide Modelle


Das klingt einleuchtend. Eine Schwäche haben aber beide Modelle: Keines sagt etwas aus über Inhaltsstoffe wie Acrylamid oder chemische Zusätze. Wäre das nicht genauso wichtig?

Wir können nicht mit einer Kennzeichnung alle Probleme in den Griff bekommen. Bei der Ampel geht es um eine transparente Information über die wichtigsten Nährwerte – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Andere Probleme bleiben. So gibt es in der EU rund 350 zugelassene Zusatzstoffe – von denen ist die Hälfte gesundheitlich umstritten. Bestimmte Farbstoffe zum Beispiel oder Zitronensäure, die den Zahnschmelz angreift. Am besten wäre es, die umstrittene Hälfte einfach zu verbieten. Jeder dieser Stoffe ist ersetzbar – nur würde das meist die Produkte verteuern.

Von einem bewussten Verbraucher wird heute sehr viel verlangt: Er soll möglichst ökologisch, regional, fair gehandelt, gesund und nachhaltig einkaufen. Gibt es ein paar grundsätzliche Regeln, die das einfacher machen?

Nein, die habe ich auch nicht. Der Verbraucher kann durch einen Produktkauf nicht die Widersprüche zwischen Klimaschutz, Arbeitsbedingungen, Schadstoffgehalt, Nährstoffgehalt und Geschmack auflösen. Da kann er sich Tag und Nacht im Supermarkt aufhalten und abwägen – das schafft er nicht.

Ein unlösbares Dilemma?


Ein unlösbares Dilemma?

Nein. Es ist Aufgabe von Politik und Unternehmen, dafür zu sorgen, dass Produkte ins Regal kommen, welche die Umwelt nicht übermäßig schädigen, die nötige Transparenz bei den Inhaltsstoffen aufweisen und bei deren Herstellung humane Arbeitsbedingungen gelten. Dabei wird dem Verbraucher doch viel Macht zugesprochen – schließlich bestimmt die Nachfrage das Angebot. Der größte Schwindel, der dem Verbraucher eingeredet wird, ist, dass er Macht hat. Bewirken kann er nur etwas, wenn er sich mit anderen zusammentut.

Aber der Bio-Boom ist entstanden, weil die Nachfrage nach ökologisch produzierten Lebensmitteln so groß ist. Also hat der Verbraucher doch Macht!

Welcher Bio-Boom? Der Umsatz der Nahrungsmittelindustrie beträgt im Jahr 150 Milliarden Euro allein in Deutschland. Knapp fünf Prozent davon sind „Bio“ – das ist eine Nische.

Sind Sie eigentlich gern der „Stachel im Fleisch der Lebensmittelindustrie“, oder nervt es Sie auch manchmal?

Ich bin kein Ernährungsberater, sondern ein Kämpfer für Bürgerrechte. Es geht mir darum, dass man uns Verbraucher nicht gegen unseren Willen und unser Wissen täuscht und unsere Gesundheit gefährdet. Die politische Auseinandersetzung macht mir aber durchaus auch Spaß – weil ich weiß, dass man etwas ändern kann. Das ist ein tolles Gefühl.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Menschen in Ihrer Umgebung ständig das Gefühl haben, sich bei Ihnen rechtfertigen zu müssen für dieses und jenes.

Dann sage ich immer: „Ach, komm ...“ Als ich noch bei Greenpeace war, haben mir meine Bekannten immer sofort erzählt, welches Auto sie fahren, heute erzählen sie mir sofort, welche Chips sie kaufen. Dabei ist mir das eigentlich egal.

Und wenn Sie selbst gerade wenig Zeit und so richtig Appetit auf Fast Food haben, ist es Ihnen dann auch mal egal und Sie greifen einfach zu?

Fast Food muss ja nicht schlecht sein. Auch ich esse ab und zu einen Burger oder Pommes. Aber mich interessiert dabei die Qualität und ob ich ehrlich informiert werde. Und in dieser Hinsicht traue ich einer großen Hamburger- Kette manchmal sogar mehr zu als einigen Restaurants.

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