Die Stärken der Frauen

Die Stärken der Frauen

Sich kümmern, Kontakte pflegen, kommunizieren: Typisch weibliche Eigenschaften sollen jetzt helfen, die Wirtschaftskrise zu überwinden - und die Welt friedlicher machen

Die Stärken der Frauen

Der Dalai Lama ist ohne Zweifel ein weiser Mann. Die Gedanken und Worte des charismatischen Oberhaupts der Tibeter haben Gewicht in aller Welt. Es sind Worte wie diese: „Will die Menschheit in Frieden leben, braucht sie die Liebe und das Mitgefühl, das Mütter ganz natürlich zum Ausdruck bringen. Diese Qualitäten sind bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern, daher ist es an der Zeit, dass weibliche Werte jene männlichen Werte ablösen, von denen die Gesellschaft seit Jahrtausenden beherrscht wird.“

Der Friedensnobelpreisträger formulierte diese Sätze in seinem neuen Buch „Der Weisheit des Herzens folgen“, das den Untertitel trägt „Warum Frauen die Zukunft gehört“. Nicht nur der Dalai Lama, 73, entdeckt derzeit das Potenzial, das in Frauen steckt. Die Europäische Union und die Telekom tun es ebenfalls – wenn auch aus anderen Gründen. Seit mehrere Studien belegen, dass Unternehmen mit hohem Frauenanteil in Führungspositionen die besten finanziellen Ergebnisse vorweisen, sind Frauen plötzlich in der Wirtschaft begehrt.

Besonnenheit ist weiblich


Besonnenheit ist weiblich

Beispiel Finnland. Dort ergab eine Untersuchung, dass Firmen, in denen weibliche und männliche Chefs etwa gleich stark vertreten sind, im Schnitt zehn Prozent mehr Gewinn machen als Unternehmen, deren Führungsetagen rein mit Männern besetzt sind.

Die Gründe dafür sind einfach: Frauen entscheiden auch im Job besonnener und vorsichtiger als Männer, die mit ihrer Risikofreude die Weltwirtschaft öfter mal ins Chaos stürzen.

Norwegen hat auf die Studien schon vor zwei Jahren reagiert – als erstes Land der Welt: 40 Prozent aller Aufsichtsratsposten in börsennotierten Aktiengesellschaften müssen in dem Skandinavien-Staat seither mit Frauen besetzt werden, sonst drohen den Unternehmen empfindliche Strafen. Andere Länder Europas bereiten ähnliche Gesetzentwürfe vor. Denn auch die EU fordert mehr weibliche Chefs und mehr Chancengleichheit. Begründung: Nur so könne die weltweite Wirtschaftskrise endlich überwunden werden.

In Deutschland ist die Telekom gerade dabei, die EU-Forderung in die Praxis umzusetzen: Mitte März verpflichtete sie sich als erstes Dax-Unternehmen, bis 2015 weltweit 30 Prozent Frauen in Führungspositionen einzusetzen.

Empathie statt Egoismus


Empathie statt Egoismus

Auch die Journalistinnen Katty Kay und Claire Shipman plädieren in ihrem Buch „Womenomics“ für den überlegten, weiblichen Führungsstil. „Der Konfrontation ziehen wir den Konsens vor, dem Ego Empathie“, sagen sie. Als typisch weibliche Qualitäten nennen die beiden Einfühlungsvermögen, flexible Problemlösung und die Fähigkeit, Menschen einzubeziehen. Ihr Fazit: „Es stellt sich heraus, dass es sehr nützlich sein kann, ,anders‘ zu sein.“

Noch vor wenigen Jahren zählte genau dieses „Anderssein“ eigentlich nur im Privatleben: Freundschaften und Beziehungen pflegen, sich um andere kümmern, den Alltag organisieren, die Familie zusammenhalten, das war – und ist – der Job der Frau. Wer erinnert sich nicht an den Werbespot, in dem eine Hausfrau ihre Arbeit so umschreibt: „Ich führe ein sehr erfolgreiches, kleines Familienunternehmen ...“ Geworben wurde passenderweise für Staubsauger.

In Sachen Beruf und Karriere dagegen waren typisch weibliche Qualitäten bisher wenig gefragt. „Jahrzehntelang glaubten Frauen (...), dass sie so sein müssten wie Männer, um voranzukommen. Wir mussten lauter sprechen, unsere Gefühle besser verbergen und breitere Schultern vorweisen, diese fürchterlichen Schulterpolster in den 1980er Jahren müssen ja einen Grund gehabt haben“, schreiben die Autorinnen von „Womenomics“. Der Versuch, die Männer nachzuahmen, zeigte allerdings wenig Erfolg: In den deutschen Großunternehmen ist der Anteil weiblicher Führungskräfte im Top-Management mit gerade einmal 2,4 Prozent noch immer traurig gering.

Vermeintliche Schwächen werden Stärken

Dass vermeintliche Schwächen von Frauen nun zunehmend als Stärken entdeckt werden, begrüßt auch die gefragte Management-Trainerin und Autorin Sabine Asgodom: „Die Wirtschaftskrise hat viele zum Nachdenken gebracht. ,Ich kann alles und bin der Größte‘, diese männliche Haltung ist gescheitert.“ Allerdings bezweifelt die Münchnerin,dass heutiges Umdenken auf echter Einsicht beruht: „Es ist nicht die große Frauenfreundlichkeit ausgebrochen.“ Sondern? „Erfahrene männliche Führungskräfte werden knapp. Und außerdem kann man sich mit dem Thema im Moment profilieren.“

Sich kümmern, zuhören, im Team arbeiten, Bedenken äußern, Menschen mitnehmen und motivieren, das sind für Sabine Asgodom weibliche Stärken, durch die sich nicht nur im Berufsleben plötzlich neue Möglichkeiten auftun. In einem Vortrag spitzte sie ihre Meinung in sieben amüsanten Thesen zu – und kam zu dem gleichen Schluss wieder sehr viel sanftmütiger formulierende Dalai Lama: Es liegt jetzt in den Händen der Frauen, den Lauf der Dinge zu ändern, und zwar, weil sie anders denken und handeln als Männer. Allerdings, so Asgodom, wird das nicht von allein passieren: „Frauen können nur die Welt retten, wenn sie ins Risiko gehen, mit ihrer Überzeugung, mit ihrer Klugheit, mit ihrer Unsicherheit, mit ihrer Unangepasstheit, mit ihren vermeintlichen Defiziten, die sich als Geschenk entpuppen werden. Also wenn sie sich trauen, sich einzumischen.“ (Den Vortrag können Sie im Internet unter www.frauen-retten-die-welt.de nachlesen.)

Den Lauf der Dinge ändern

Mehr Emotionalität – weniger Härte: An den weiblichen Eigenschaften, mit denen Frauen die Kindererziehung, die Partnerschaft sowie langjährige Freundschaften gelingen, orientieren sich mittlerweile immer mehr Männer. Gerade die jüngeren Generationen bis 40 verändern ihr Verhalten im Privaten. Teilen sich mit ihren Lebenspartnerinnen ohne Murren die Hausarbeit, gehen sonntags mit auf den Spielplatz, stellen Überstunden wenn möglich zurück, um mehr Zeit für die Beziehung zu haben. Auch Unternehmen begreifen, dass sich weibliche Stärken in männlichen Köpfen verankern müssen: Soziale Kompetenz, Empathie, Organisationstalent und emotionale Intelligenz sind mittlerweile ein fester Bestandteil von männlichen Management-Trainings. Wenn sich alle Hoffnungen, die auf weiblichen Stärken beruhen, tatsächlich erfüllen,werden Frauen die großen Gewinner dieses Jahrhunderts sein. Allein die Tatsache, dass die Wirtschaft dringend weibliche Fachkräfte braucht, eröffnet nie da gewesene Chancen. Außerdem: flexible Arbeitszeitmodelle, mit denen sich Job und Familie besser unter einen Hut bringen lassen als bisher, scheinen endlich möglich. Wir sollten diese Chancen nutzen und zeigen, was wir können.

Buchtipps:

„Der Weisheit des Herzensfolgen“, Dalai Lama, DTV, 14,90 Euro.
„Womenomics“, Claire Shipman und Katty Kay, Eichborn Verlag, 19,95 Euro.

Die Aktion Equal Pay Day macht auf die klaffende Gehaltslücke aufmerksam, die immer noch zwischen Männern und Frauen besteht. Doch welche Gründe gibt es dafür?...
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