"Warum krank sein, wenn man auch gesund sein kann?"

"Warum krank sein, wenn man auch gesund sein kann?"

Krankheiten passen nicht ins Bild unserer „gedopten“ Gesellschaft, behauptet der Autor Bert Ehgartner und plädiert dafür, wieder mehr auf den Körper zu hören

Warum krank sein auch gesund sein kann
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"Warum krank sein, wenn man auch gesund sein kann?"

Herr Ehgartner, Sie sagen: Wer ab und zu krank ist, bleibt auf lange Sicht gesund. Wann hat es Sie zuletzt erwischt?

Vor rund drei Monaten hatte ich einen viralen Infekt mit allem, was so dazugehört – Erkältung, Glieder-schmerzen, Abgeschlagenheit. Nach zwei Tagen ging es mir aber schon wieder besser.

Und warum war dieser Infekt nun gut für Ihre Gesundheit?

Weil er so etwas wie eine Feuerwehrübung für meinen Organismus darstellte. Oder anders gesagt eine Bewährungsprobe, damit mein Immunsystem nicht ein-schläft. Übrigens eine Erklärung dafür, warum jeder Erwachsene im Schnitt zwei bis drei solcher Erkrankungen pro Jahr durchlaufen sollte.

Unser Immunsystem muss also im Training bleiben …

Genau. Es gab Zeiten, da wurde das Immunsystem von der Forschung eher als primitiver, starrer Militärapparat verstanden, der Feinde wie Bakterien und Viren bekämpft. Heute weiß man, dass es sich um einen ausgereiften und faszinierenden Apparat handelt, den die Wissenschaftler neben dem Gehirn als zweites denkendes und lernendes System des Menschen bezeichnen. Wenn wir zur Welt kommen, ist unser Immunsystem kaum entwickelt und besitzt noch keine Gedächtnisfunktion.

Bert Ehgartner:

„Viele haben die Fähigkeit zu fiebern verloren. Wer krank ist, leidet eher unter diffusen Schmerzen, fühlt sich matt.“

Das muss auch so sein, damit es während der Schwangerschaft nicht mit den „fremden Zellen“ der Mutter in Konflikt gerät. Erst nach und nach „lernt“ das Immunsystem durch den Kontakt mit Keimen und Bakterien, das heißt durch erfolgreich bekämpfte Infekte, und gewinnt Immunität gegen Krankheitserreger. Dieser Reifungsprozess ermöglicht es ihm, bis ins hohe Alter für uns die Rolle des Gesundheits-Schutzengels zu übernehmen.

Wenn Kinder krank sind, heißt es: Ab ins Bett. Viele Erwachsene aber gehen mit Erkältung zur Arbeit – eine zusätzliche Belastung fürs Immunsystem?

Ja, jeder Arzt rät Ihnen, sich auszukurieren, weil es sonst lebensgefährliche Folgen haben kann. Ich erzähle oft die Geschichte eines Fitnesstrainers. Er ist trotz Grippe zur Arbeit gegangen, weil ihm niemand seine Aufgaben abnehmen konnte. Die Infektion schlug ihm aufs Herz – heute lebt er mit Spenderorgan. Ohne Notoperation wäre er schon tot. Es gibt ernst zu nehmende Warnzeichen, seinen Körper zu schonen. Nur so kann das Immunsystem den nötigen Reparaturprozess abschließen. Und schließlich bringt es auch dem Arbeitgeber nichts, wenn ich als Virenschleuder meine Kollegen anstecke.

Trotzdem trauen sich viele Menschen gar nicht mehr, krank zu sein


Trotzdem trauen sich viele Menschen gar nicht mehr, krank zu sein – aus Angst vor Job- oder Imageverlust.

Ja, Kranksein wird heutzutage sowohl von Ärzten als auch von der Werbung als ein beherrschbares Übel gesehen. Wenn man sich mal mit Beschwerden ins Bett legt, fühlt man sich geradezu minderwertig. Denn Krankheiten passen nicht ins Bild der „gedopten“ Gesellschaft, die einem vermittelt, wir müssten immer leistungsfähig, stark, lustig und schön sein. Aber krank zu sein hat eben in vielen Fällen den beschriebenen biologischen Zweck, uns langfristig gesund zu halten.

Welche Rolle spielt Fieber bei diesem Prozess?

Auch jedes Fieber ist ein Trainingscamp fürs Immunsystem. Viele Menschen haben heutzutage die Fähigkeit zu fiebern verloren, die Temperatur steigt gerade mal über 37 Grad.

Woran liegt das?

Homöopathen haben die Beobachtung gemacht, dass Kinder, die häufig mit Antibiotika oder fiebersenkenden Medikamenten behandelt werden, auf einen Infekt nicht mehr mit kurzem, hohem Fieber reagieren können. Das setzt sich im Erwachsenenalter fort. Krankheiten werden dann ohne deutliche Symptome, sondern eher verbunden mit diffusen Schmerzen, Müdigkeit und Schwächegefühl wahrgenommen.

Sie meinen, wir greifen zu schnell zu Antibiotika?

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Antibiotika zählen zu den wichtigsten Heilmitteln, die die Medizin hat. Zweifelsohne hat man damit unzählige Menschenleben gerettet und schwere Krankheiten besiegen können. Aber ist einmal so eine „Wunderwaffe“ gefunden, ist die Verführung groß, sie inflationär zu benutzen. Eine Studie im Auftrag der AOK ergab kürzlich, dass noch nie so viele Antibiotika verschrieben wurden wie im letzten Jahr. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir uns mit der allzu häufigen Anwendung von Antibiotika auch resistente Keime und Bakterien heranzüchten, die wir nicht mehr beherrschen können. Jede Antibiotika-Kur ist etwa auch ein Risikofaktor, dass sich eine Allergie verfestigen kann. Andererseits haben mir Ärzte bestätigt, dass sich Allergien und Autoimmunkrankheiten auch wieder bessern können – meist als Folge von einem fieberhaften Infekt, den man bewusst zugelassen hat.

Woher weiß ich als Patient, wann ich ein Antibiotikum nehmen soll und wann nicht?


Aber woher weiß ich als Patient, wann ich ein Antibiotikum nehmen soll und wann nicht?

Aufklärung statt bedingungsloses Verschreiben durch die Ärzte ist wichtig. Eine Untersuchung hat gezeigt: Patienten, die eine positive Einstellung zu Antibiotika hatten, verließen die Praxis mit 90-prozentiger Sicherheit mit einem Rezept für ein Antibiotikum. Wer kritischer eingestellt war, dem wird nur mit 10-prozentiger Wahrscheinlichkeit eines verschrieben. Es kommt also darauf an, welche Einstellung man dem Arzt vermittelt. Als Patient habe ich auch eine Verantwortung.

Angenommen, ein Kind ist krank. Ist es nicht der erste Gedanke der Eltern, ihm sofort Linderung zu verschaffen?

Vor allem beim ersten Kind sind Eltern oft überfordert. Es wird rund um die Schwangerschaft von Risiken gesprochen, es ist weniger eine Zeit des frohen Hoffens als des bangen Abwartens. Wichtig ist, dass sich unsichere Eltern einen Kinderarzt auswählen, der kompetent berät, der beruhigt, Hausbesuche macht und seine Handynummer raus gibt, so dass man ihn im Notfall erreichen kann. Eine gute Taktik ist zum Beispiel die Ausstellung eines Rezeptes durch den Arzt, das jedoch nur „zur Not“ in der Apotheke eingelöst werden soll – wenn sich das Befinden des Kindes, etwa bei Mittelohr- oder Halsentzündung, innerhalb von 48 Stunden nicht bessert. Studien ergaben, dass 62 Prozent der Medikamente nicht abgeholt wurden, und dennoch waren die Eltern beruhigt, weil sie etwas in der Hinterhand hatten. Im Fall von bakteriellen Entzündungen bei kleinen Kindern wirken Antibiotika ohnehin schlecht. Man sagt: Mit Antibiotika dauert die Krankheit sieben Tage, ohne eine Woche.

Sie haben selbst fünf Kinder – wie haben Sie denn deren Mittelohrentzündungen durchgestanden?

Wir haben ein altes Hausmittel angewendet: Zwiebeln anrösten und in ein Tuch schlagen, dann aufs Ohr legen. Die ätherischen Öle der Zwiebel haben die Schmerzen im Nu gelindert. Bei Fieber sind noch immer die guten alten Wadenwickel eine Soforthilfe. Die Fürsorge schafft auch einen ganz intensiven und wichtigen Kontakt zwischen Eltern und Kind. Ein Arzt hat mir erzählt, er habe als Kind eine Lungenentzündung gehabt und erinnere sich sehr gerne an diese Zeit, weil er sich von seiner Mutter so umsorgt fühlte.

Wie kann ich mein Immunsystem im Erwachsenenalter trainieren, außer auf Antibiotika zu verzichten?

Man sollte möglichst nicht rauchen. Und keine Fiebersenker nehmen. Und was ist mit Abhärtung? Es kommt darauf an, wie wir unseren Organismus schützen. Laut einer internationalen Studie litten Finnen nach einer Kältewelle weniger häufig unter Grippesymptomen als im Vergleich die Italiener. Das lag zum einen daran, dass Finnen Kälte eher gewohnt sind als Italiener. Aber die entscheidende Erklärung war diese: Die Italiener trugen einfach keine geeignete Winterbekleidung. Wir müssen uns also nur warm genug anziehen.

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