Manchmal geht es nicht anders Wir wollen uns trennen: Aber wie macht man es richtig?

Was, wenn ein klarer Schnitt kein Schicksalsschlag ist – sondern eine echte Chance, um zu wachsen und das eigene Glück (wieder) zu finden? Gehen oder bleiben? Akzeptieren oder ändern? Diese Fragen hat sich wohl jeder schon gestellt, der in einer Krise oder einer unglücklichen Beziehung feststeckte. Aber wenn wir uns trennen wollen: Wie macht man es richtig? Was unsere unsere Paartherapeutin Eva-Maria Zurhorst rät ...

Trennung Paar Wir wollen uns trennen: Aber wie macht man es richtig? © iStock

Der „Nach­Beziehungs­Schmerz“ ist bei Frauen größer

Einige überlegen Wochen­, andere sogar jahrelang, ob eine Trennung der richtige Weg sein könnte. Kein Wunder, denn die Gründe zu blei­ben wiegen schwer: familiäre Verantwortung, Mitleid mit dem Partner, Furcht vor finanziellen Problemen und Folgen wie etwa einem Umzug. Ganz zu schweigen von dem Schmerz und der Leere, die nach einer Trennung lauern. 

Forscher fanden heraus, dass dieser „Nach­Beziehungs­Schmerz“ – auch „PRG“, kurz für Post­ Rela­tionship Grief – bei Frauen aus­geprägter ist als bei Männern. Dafür erholen wir uns aber auch deutlich schneller von einer Trennung, wie eine Studie der Binghamton University und des University College London belegt. Vielleicht finden wir deshalb auch häufiger den Absprung: Zwei von drei Trennungen gehen heute von der Frau aus. Bis in die späten 70er­ Jahre hinein bestimmten Männer die Ehe, und auch gesetzlich galt 
in Deutschland bis 1977 die Pflicht der Ehefrau zur Haushaltsführung. Aus heutiger Sicht unglaublich! Doch auch wenn wir Frauen mitt­lerweile die treibende Kraft sind beim Thema Abschiednehmen, bleibt die Frage: Wie geht Trennung richtig? So, dass Kinder und Selbst­wert gleichauf glimpflich aus der Sache herauskommen? 

Natürlich ist es in vielen Fällen sicher sinnvoll, sich professionelle Begleiter zu suchen, die mit Abstand auf die raue See unserer Gefühle blicken. Aber vielleicht können wir uns selber tiefer hei­len, als wir denken. Damit die Trennung ihre verborgene Kraft entfalten kann, müssen wir sie
 als Freund betrachten. Als guten Freund sogar, der uns in ein neues, besseres Leben begleitet. Der dafür sorgt, dass wir an dem Schmerz wachsen, und uns auf Dinge auf­merksam macht, die wir im Vorfeld schlicht verdrängt haben. 

Zugegeben: In der ersten Phase kurz nach einer Trennung, wenn der Schmerz Oberhand hat und unsere Identität wankt, fällt das schwer. Das Gute aber: Genau diese Phase ist die kostbarste. Dann ist der Moment, um ehrlich auf den vermeintlichen Scherbenhaufen zu blicken und sich zu fragen: Was war denn so unerträglich? Was hat mir so wehgetan? In dieser Phase lernen wir, wer wir sind und was wir wirklich brauchen. Ohne unse­ren Freund, die Trennung, kämen wir gar nicht an diesen Punkt. Vielleicht meinte der Literatur­wissenschaftler C. S. Lewis genau das, als er schrieb: „Not bereitet gewöhnliche Menschen auf ein außergewöhnliches Leben vor.“ 

Die Trennungsgeschichte von Verena Becker

„Mein Weg war heftig und sicher nicht die feine Art – aber ich hatte keine Wahl“ 

Zwei Jahre kämpft Verena Becker (51) um ihre Beziehung. Will bleiben – für ihre Tochter Lina (11) und für sich, weil sie selbst ein Trennungskind war. Doch es klappt nicht. In einer Nacht im April entschließt sie sich zu gehen. Inzwischen weiß sie: Es war der einzig richtige Schritt. Nie werde ich vergessen, wie wir an unserem ersten Date vor zwölf Jahren das Restaurant verließen und er plötzlich meine Hand nahm. Ein magischer Moment. Es fühlte sich an, als hätte mich ein Blitz getroffen. Ich verliebte mich Hals über Kopf. Mit Frank, dachte ich, konnte mir nichts pas­sieren. Sein sicheres Auftreten, die präzise Art, mit der er sprach, seine Zuverlässigkeit.

Im August 2007 zogen wir zusammen, und im Oktober war ich schwanger. Linas Geburt machte unser Glück perfekt, denn ich war damals 39 Jahre alt, und wir hatten das Thema Kinder eigentlich längst abgeschlossen. Umso glückli­cher war ich über das Geschenk ihrer Geburt. Da stand ich. Mit einem Mann, der mich auf Händen trug, einem Kind und neuer Wohnung. Ich fühlte mich unglaublich aufgehoben und umsorgt. Wir kauften ein Wohnmobil, reisten zum Gardasee und nach Südfrankreich, wo wir fortan jeden Sommer verbrachten. Es war toll! 

Doch Stück für Stück veränderte sich unsere Be­ziehung. Franks Fürsorge um Lina und mich wurde zum Gefängnis. Er wollte jeden meiner Schritte kon­trollieren. Und ich? Gab nach. Ich hörte auf zu tanzen, traf mich seltener mit Freundinnen. Trotzdem war er rasend eifersüchtig und flippte regelmäßig aus. So wie an Silvester, als ein Freund sich betrunken an meine Schulter lehnte. Wir mussten direkt gehen. Immer häufiger fühlte ich mich wie zugeschnürt, hatte das Gefühl, im Krieg zu sein. Für ihn dagegen war die Welt in Ordnung. Er verstand nicht, was mich quälte, und wollte darüber auch nicht sprechen. Stattdessen knall­ten die Türen, und wir stritten. Schrie er, schrie ich zurück. Ich verwandelte mich von der fröhlichen Frau, die andere zum Lachen brachte, zu einer unberechen­baren Kämpferin. Aufbrausend und verbittert. 

Eines Nachmittags stand ich vor dem Spiegel und blickte in mein verbiestertes Gesicht. Ich begriff, dass sich etwas ändern musste. Ab dem Moment begann ich heimlich, nach Wohnungen für Lina und mich zu suchen. Ich wusste, dass Frank mich niemals gehen lassen würde. Die Trennung heimlich vorzubereiten war meine einzige Chance. Meistens suchte ich nachts nach Immobilien, wenn Lina schlief. Ich lag in dieser Zeit oft bei ihr im Bett, weil sie nicht alleine schlafen konnte. Nächtelang füllte ich online Warenkörbe bei Ikea, Westwing und Co. Bis auf meine Tante und ein Freund wusste niemand etwas von meinem Plan: Sollte es wieder eskalieren, würden wir ausziehen. 

Dann kam der Tag, den ich wohl nie vergessen werde. Es war Mitte April, ein Donnerstagabend, wenige Tage nach einem großen Streit – es ging wieder mal um eine Verabredung, die ich absagen sollte. Ich saß mit einem Glas Wein im Wohnzimmer. Wütend, weil Frank mich in diese Situation gebracht hatte. Wütend, weil ich mich und Lina so lange verraten hatte. Wütend, weil Freunde es mir schon lange vorhergesagt hatten. „Um den Mann beneidet dich keiner, Verena“, schallte es in meinem Kopf. Und dann machte es klick. Meine Entscheidung stand fest: Morgen ziehen wir wirklich aus. 
Am nächsten Morgen rief ich ein Umzugsunterneh­men an. Frank war bereits im Büro. Ich hatte also bis zum späten Nachmittag Zeit, meinen Plan durchzu­ziehen. Um elf rollte der Umzugswagen an, um zwölf waren alle Kartons eingeladen.

Ich weiß noch, dass 
ich panische Angst hatte, mich könnten die Nachbarn sehen. Was hätte ich sagen sollen? Während Lina nichts ahnend in der Schule lernte, halfen mir mein Onkel und meine Tante beim Auspacken und Aufbauen in der neuen Wohnung. Frank legte ich einen Dreizeiler auf den Küchentisch: „Hallo Frank, es tut mir leid. Ich hätte es mir anders gewünscht. E­-Mail folgt. Verena.“ Rückblickend weiß ich: Mein Weg war heftig, und sicher nicht die feine Art, aber es war für mich der einzig mögliche. Mich zu trennen hat mein Leben gerettet. Auch wenn Frank mir bis heute – knapp acht Monate danach – droht, böse und dann wieder weinerliche Nachrichten schickt: Lina und ich sind glücklicher. Ich durfte erfahren, dass man sein Leben drehen kann – egal, wie schwierig es scheint. Die Trennung hat mir gezeigt, wie stark ich bin. Viele in meinem Umfeld haben sogar mehr Respekt vor mir. Und das Schönste: Ich kann machen, was ich will. 

Wir wollen uns trennen: Aber wie macht man es richtig? Dazu unsere Expertin Eva­-Maria Zurhorst 

Eva-Maria Zurhorst „Liebe kann alles“

„Liebe kann alles“ – für alle, die sich nicht länger bremsen lassen wollen, entfacht Eva-Maria Zurhorst mit ihrem Buch eine sanfte Revolution der Weiblichkeit.
arkana, 20 Euro 
 

„Lieben heißt nicht leiden. Es ist wichtig, das zu verstehen.“ 

Seit über 20 Jahren leistet Paartherapeutin Eva-Maria Zurhorst erste Hilfe bei Beziehungsproblemen. Sie weiß: Liebe kann alles und ist auch in Herzschmerz-Zeiten nicht weit. Mit uns sprach sie über die Chancen einer Trennung – und wie sie am besten gelingt.

Frau Zurhorst, woran erkenne ich, dass meine Beziehung am Ende ist?
Wenn Gewalt, Lügen oder Fremd­gehen zum Alltag werden. Dann ist klar: Jetzt muss ich gehen – 
vor allem dann, wenn der andere partout nicht bereit ist, sich helfen zu lassen. Denn oftmals werden solche Wiederholungstaten von Unterbewusstsein gelenkt.

Stichwort „Conscious uncoupling“, also die Trennung ohne Schlammschlacht. Geht das überhaupt?
Es ist sicherlich der beste Weg, aber den kann man nicht erzwin­gen. Dazu braucht es tiefe Einsicht. Wahrhaftig zu fühlen, dass ich gehen darf, dass es richtig ist, dass ich keine Schuldgefühle, keine Angst vor Einsamkeit und finan­ ziellem Ruin habe, ist der Schlüssel zu einer harmonischen Trennung. Aber das ist ein innerer Prozess. Erst wenn ich wirklich fühle und verstehe, warum mir diese Bezie­ hung nicht gibt, was ich brauche, kann ich bewusst gehen.

Und was ist mit Mitleid? Okay – oder fehl am Platz?
Mitleid hilft niemandem. Im Gegenteil: Dieses Gefühl „Wenn ich gehe, leidet der andere“ kann eine eigentlich tote Beziehung über Jahre am Laufen halten. In dem Fall ist es wichtig zu erkennen, dass eine Trennung für den ande­ren auch eine Chance sein kann. Wenn man geht, dann ist er oder sie gezwungen, wieder eigene Stärke zu entwickeln und aus dem Leid einen Weg herauszufinden.

„Bei einer Trennung geht es nicht um Schuld oder Wut, sondern darum zu lernen, für sich selbst zu sorgen“

Welche Rolle spielt Selbstliebe beim Thema Trennung?
Sie ist der Schlüssel. Nur wer erkennt, dass eine Trennung sich nicht um Wut und Schuld dreht, sondern darum zu lernen, selbst für sich zu sorgen, kann friedlich gehen. Das Bild einer Pflanze ist in diesem Zusammenhang hilfreich: Steht sie am richtigen Platz, wird sie blühen. Wenn die Pflanze nicht blüht, heißt das nicht, dass sie falsch ist – sondern dass sie nicht die richtigen Bedingungen hat.

Woher kommt der Mut zu gehen?
Irgendwann wird der Leidensdruck hoffentlich so groß, dass ich los­lassen muss. Oder aber ich stärke mich, indem ich mir eine Freundin schnappe, die mir auf die Finger haut, sobald ich jammern will.

Der Moment ist da: Wie beginnt man ein Trennungsgespräch?
Am besten ist, man setzt sich und zeigt, so gut es geht, was man fühlt. Aber rechnen Sie nicht damit, dass der andere nett mit Ihnen umgeht.

Wo trennt man sich am besten?
Zu Hause, weil es einen Raum für die Verabschiedung geben muss. Gefühle brauchen Platz.

Was sollte man vermeiden?
Beschuldigungen. Was nicht heißt, dass ich nicht sagen darf, was ich nicht mehr ertrage. Machen Sie sich klar: Meist hat der andere alles gegeben, was er zu geben hatte.

Die Tage danach: Welche Trennungsschmerz-Medizin hilft?
Sehen Sie den Schmerz wie eine Wehe. Sagen Sie sich: Ich fühle das jetzt, aber ich atme durch und bleibe präsent, nehme an, was ist. Bei diesem Prozess wird etwas Neues geboren. Auch wichtig: Freunde, die nicht zulassen, dass Sie im Schmerz versinken.

Wann lässt der Schmerz nach?
Da hat jeder Mensch sein eigenes Tempo. Die Schmerzphase ist wichtig. Sie bringt Erkenntnisse und hilft einem, von ungesun­dem Verhalten und Klammern loszulassen. Am Ende steht ein leerer Topf mit Erde, in dem ein neues Pflänzchen wachsen kann.

... in eine neue Richtung?
Ganz genau. Oftmals stellt man in dieser Phase fest: Ich brauche vielleicht einen ganz anderen Typ Mann – einen, der einem früher vielleicht nie aufgefallen wäre. 

Es scheint, als könnten Trennungen uns zu wahrer Kraft führen ...
Absolut. Mir ist kolossal wichtig, dass Frauen erkennen: Lieben heißt nicht leiden – darum geht es auch in meinem Buch. Eine Frau, die Verantwortung für sich über­ nimmt, kann sich und auch anderen enorm viel Gutes tun. Um das zu erreichen, müssen wir lernen, uns auf Dinge zu fokussieren, die uns guttun.

Wie gelingt das?
Indem wir aus uns heraus lernen zu lieben. Das klingt seltsam, kann aber wahre Wunder wirken – wenn man weiß, wie. Meditation ist da­ für sehr geeignet. Dazu ein Tipp: Denken Sie während des Meditierens einmal an eine Freundin und schicken ihr Liebe. Das fühlt sich gut an. Und Untersuchungen belegen: Wer Liebe auf jemand anderen richtet, heilt etwas in sich.

Gehen oder bleiben? Eine schwierige Wahl 

Der amerikanische Beziehungswissenschaftler John Gottman beobachtet Paare und ihr Verhalten seit vielen Jahren. Er ist sich sicher: Fünf kommunikative Verhaltensmuster lassen erkennen, wann es höchste Zeit ist zu handeln. Ein kleiner Leitfaden: 

KRITIK 
„Nie bringst du den Müll runter“, „Immer muss ich alles selber machen.“ Solche Sätze sind gefährlich: Laut Gottman schließen Worte wie „immer“, „nie“ oder „jedes Mal“ Vergangenheit und Zukunft mit ein und sind direkte Angriffe auf den anderen. 

VERTEIDIGUNG 
Wer angegriffen wird, wehrt sich, klar. Doch genau das führt zu Problemen. Denn in dem Moment, in dem wir versuchen, uns zu verteidigen oder uns zu erklären, fühlt sich der andere in seiner – vielleicht berechtigten – Kritik übergangen. 

VERACHTUNG 
Kommt diese Gefühl ins Spiel, ist das Ziel nur noch, den anderen bewusst zu verletzen. Die Ursache liegt oft in Problemen, die schon lange bestehen, aber nie gelöst wurden – oder in schwe­lenden negativen Gedanken über den Partner, die nie ausgesprochen und geklärt wurden. 

RÜCKZUG ODER MAUERN 
Die Situation ist typisch: Einer sagt, was ihn stört – und der Kritisierte zieht sich zurück, verweigert strikt den Dialog. Oft führt dieses Verhalten zu Frust – auch bei dem, der die Kritik ausgespro­chen hat. Denn was soll man tun, wenn der andere nicht spricht? Wer schweigt, verhält sich also auf seine Weise aggressiv. 

MACHTDEMONSTRATION 
An diesem Punkt ist das Interesse am Partner komplett gewichen. Die Zeit der Rücksichtname ist endgültig vorbei. Dafür rückt tiefe Wut in den Vordergrund. Jede noch so kleine Schwäche vom Partner wird genutzt, um ihn zu verletzen. Spätes­ tens in dieser Phase gilt: Es ist Zeit, die Reißleine zu ziehen und neue Wege zu gehen. 

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