Beziehung: Wenn nur noch der Schein gewahrt wird

Alles Fassade: Wenn nur noch der Schein gewahrt wird

„Ihr seid doch so ein tolles Paar“ - denken immer alle Freunde und Verwandte bis sie hören, wie es in der Beziehung wirklich läuft. Vier Frauen schildern ihre Erfahrungen über das anfängliche Glück bis hin zu bitteren Enttäuschungen und warum der Schein nach außen gewahrt wird.

Paar hat Streit: Wenn nur noch der Schein gewahrt wird
© adobestock
Alles Fassade: Wenn nur noch der Schein gewahrt wird

Ehekrise: Die Wahrheit hinter der Fassade

Kaum etwas macht uns so glücklich und so unglücklich wie die Liebe. Für sie halten wir vieles aus, opfern uns auf, stellen eigene Bedürfnisse hintenan und bleiben in Beziehungen, obwohl sie uns längst nicht mehr guttun. Freunde und Nachbarn merken oft nichts von den heimlichen Krisen und Nöten, die verdrängen, was einst leicht und liebevoll war. Die Fassade glänzt und spiegelt nur das, was alle sehen wollen – oder sollen: innige Einigkeit, Harmonie, kluge Kinder, eine schicke Wohnung, die steile Karriere, Wohlstand, Perfektion.

Die Wahrheit ist aber: Hinter vielen dieser Hochglanzfassaden bröckelt es dramatisch. Finanzielle und seelische Abhängigkeiten bestehen, manchmal herrscht gar eine Atmosphäre der Angst, von der niemand etwas ahnt. Nur wenige Betroffene brechen ihr Schweigen.

Perfektionismus und Abhängigkeiten führen zum Wahren des Scheins

Aktuelle Zahlen zu dem Thema sind erschreckend: Laut dem Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) hat jede vierte in Deutschland lebende Frau schon einmal häusliche Gewalt in der Partnerschaft erfahren. Neben sexuell erzwungenen Handlungen, Schlägen und Tritten sind darunter auch Drohungen und soziale Kontrolle zu verstehen. Doch warum machen Frauen das mit? Warum bleiben sie in Beziehungen, die ihnen nicht guttun, in denen sie womöglich Erniedrigungen erleben, psychische gar physische Gewalt? „Die Angst vor einem Beziehungsende ist oft größer als die Angst vor den negativen Auswirkungen einer Abhängigkeit“, erklärt Paartherapeutin Manuela Komorek das häufige Zögern vieler Frauen. Einige lächeln nach außen hin die Probleme einfach weg. In einer Welt, die geprägt ist von Perfektionismus, sicher keine Überraschung. Andere schweigen aus Scham, um sich und die Familie zu schützen und alles zusammenzuhalten.
Viele hoffen auch schlicht darauf, dass der Ehemann sich ändert und schon bald alles wieder gut wird.

Auch die finanzielle Situation ist häufig ein triftiger Grund zu bleiben. Kein Wunder! Laut einer aktuellen Studie des Familienministeriums verfügen nur sechs Prozent der verheirateten Frauen im Alter zwischen 30 und 50 hierzulande über ein eigenes Nettoeinkommen, das höher ist als 2000 Euro. Der Großteil von uns Frauen, nämlich ganze 63 Prozent, hat nicht einmal eines von 1000 Euro – und 19 Prozent haben gar kein eigenes Einkommen.

4 Erfahrungsberichte

Heikes Mann schlägt zu, sie erträgt es und schweigt

Ihr Mann ist gewalttätig. Dennoch bleibt Heike bei ihm. Warum? Ein Erklärungsversuch!

Wenn er gute Laune hat, ist mein Leben in Ordnung. Dann sind wir für kurze Zeit wirklich die perfekte Familie, die wir nach außen hin vorgeben zu sein. Eine, die immer zusammenhält und alles gemeinsam wuppt, die gern mit dem Wohnmobil nach Italien fährt, mit Freunden und Bekannten zusammen kocht und scheinbar nichts auszustehen hat. Doch diese Momente sind selten.
Unser Sohn ist elf. Auf Elternabenden und anderen Schulveranstaltungen tauchen wir stets im Doppelpack auf. Ich weiß, dass mich viele Frauen, deren Männer bis spätabends im Büro hocken und sich höchstens am Wochenende um die Familie kümmern, um diesen engagierten Vater und Ehemann beneiden. Am liebsten würde ich diesen Frauen die Wahrheit sagen, ihnen erzählen, dass mein Mann ein Kontrollfreak ist und dass das der einzige Grund dafür ist, dass wir immer und überall zu zweit erscheinen. Ich würde ihnen gern sagen, dass er die Nerven verliert, wenn er nicht weiß, wo ich bin und was ich tue. Dass es da schon reichen kann, wenn ich zu lange gebraucht habe, um den Müll runterzubringen.
Und ich würde ihnen erzählen, dass ich an guten Tagen für solche Verfehlungen nur angebrüllt werde, es an schlechten aber dafür eine setzt. Doch ich sage nichts, behalte die Wahrheit seit zehn Jahren für mich. Nur einmal wären wir fast aufgeflogen: Nach einem schlimmen Streit vor knapp zwei Jahren, heute weiß ich nicht einmal mehr den Auslöser, klingelte überraschend eine Bekannte bei uns. Das blaue Auge, das er mir gerade verpasst hatte, pochte, und meine Sonnenbrille war nicht greifbar. Meine Bekannte sah mich fragend an, und ich erzählte lachend, dass ich ja so was von ungeschickt sei und mir am Morgen die Autotür gegen das Gesicht geschlagen hätte. ‚Und ich dachte schon, du hättest dich geprügelt‘, sagte sie und lachte ebenfalls.

Einmal wollte ich ihn verlassen. Unser Sohn schlief, und wir hatten uns gerade von unseren Freunden verabschiedet, mit denen wir den 50. Geburtstag meines Mannes gefeiert hatten. Plötzlich drehte er total durch, weil ihm das Essen vom Partyservice, den ich ausgesucht hatte, nicht geschmeckt hatte. Er schrie und schimpfte, dann schubste er mich ins Gästezimmer und schlug mir mehrfach ins Gesicht. Schließlich schloss er mich in dem Zimmer ein und ließ mich bis zum nächsten Morgen darin. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so erniedrigt gefühlt. Als ich für mich und unseren Sohn schnell ein paar Sachen zusammenpackte, flehte er mich tränenüberströmt an, nicht zu gehen. ‚Wirf unser Leben nicht weg!‘, bettelte er. Ich blieb, auch unserem Sohn zuliebe, der an seinem Vater hängt. Aber sollte mein Mann ihm irgendwann auch nur ein Haar krümmen, gehe ich sofort. Momentan aber fehlen mir dafür Mut und Kraft.“

Verena und Klaus: Leben in Saus und Braus – auf Pump

S-Klasse, teurer Schmuck, großes Haus: Das Paar zeigt gern, was es (nicht) hat

Aufgewachsen bin ich in einfachen Verhältnissen. Ich trug die alten Kleider meiner beiden Geschwister auf, mit denen ich mir ein kleines Zimmer teilen musste. Es war einfach nie Geld da. Mein Vater starb früh, und das Gehalt meiner Mutter reichte vorne und hinten nicht. Ich hasste es, dass wir nichts besaßen. Kaum Spielzeug, keine Bücher, nicht einmal eine hübsche Vase. Nach dem Schulabschluss machte ich eine Ausbildung zur Krankenschwester. Von da an fing mein Leben an, Spaß zu machen. Ich konnte mir eine kleine Wohnung leisten, einmal im Jahr fuhr ich sogar in den Urlaub. Als ich vor 20 Jahren meinen Mann kennenlernte, ging das schöne Leben weiter.

Er war Maurerpolier und verdiente gut. Für unser Eigenheim mit Pool im Keller, den ich mir so sehr gewünscht hatte, nahmen wir einen Kredit auf, den wir heute noch abzahlen. Einige Jahre später folgten weitere Kredite, weil mein Mann sich als Bauunternehmer selbstständig machte. Die Firma lief gut, und wir fingen an, uns immer öfter etwas Besonderes zu gönnen: Statt an die Ostsee ging es nun in die Karibik. In unserer Garage standen eine S-Klasse und ein Mini Cabrio.

Geburtstagsgeschenke fielen immer üppiger aus, mal überraschte mein Mann mich mit teurem Schmuck, mal beschenkte er sich selbst großzügig: eine edle Uhr, ein Motorrad, ein Skiurlaub mit seinen Freunden. In unserem Bekanntenkreis waren wir wer – und ich genoss das Gefühl. Doch dann offenbarte Klaus mir vor einem halben Jahr, dass es der Firma schon lange nicht mehr gut geht und er bereits Leute entlassen musste. Wenn nicht bald ein Wunder geschieht, werden wir in naher Zukunft alles verlieren. Briefe der Bank häufen sich, unser Haus steht bereits kurz vor der Zwangsversteigerung.

Unserer Familie und unseren Freunden haben wir immer noch nichts von unseren Sorgen erzählt. Plötzlich ohne etwas dazustehen ist uns beiden unfassbar unangenehm. Als ich kürzlich mit einigen Freundinnen in der Stadt unterwegs war und so tun musste, als würde mich in den Geschäften nichts interessieren, fühlte ich mich wieder wie das kleine Mädchen, das sich nichts leisten kann und sich an den Schaufenstern die Nase platt drückt. Nachts liege ich wach und grüble darüber, wie lange wir den schönen Schein noch aufrechterhalten können. Und vor allem ist meine große Sorge, wie es danach weitergehen soll.“

Christian, der Narzisst

Erst Seelenverwandter, dann Kontrollfreak: von der Liebe zu einem manipulativen Partner

Das erste halbe Jahr war wie ein Rausch. Ich lernte Christian zufällig in einem Restaurant kennen. Er war wahnsinnig charmant, eloquent und großzügig. Er bestellte den besten Wein, und noch bevor die Flasche leer war, war ich verliebt. Ich war Ende 20, hatte gerade einen neuen Job als Assistentin der Geschäftsleitung in einer Marketing-Agentur angefangen und war Single. Er: zehn Jahre älter, erfolgreicher Unternehmer und seit Längerem getrennt lebend von seiner Frau – das behauptete er zumindest. Dass er zu dem Zeitpunkt noch mit seiner Frau zusammen war, erfuhr ich erst viel später.

Nur eine Lüge von vielen. Wir wurden rasch ein Paar, konnten uns stundenlang unterhalten, über Literatur und Musik, machten Städtetrips. Ich genoss und war mir sicher, meinen Seelenverwandten gefunden zu haben. Das erste Mal stutzig wurde ich, als er immer öfter unaufgefordert in Restaurants für mich bestellte und mir in Gesellschaft anderer regelmäßig über den Mund fuhr, sodass ich mir wie ein dummes Schulmädchen vorkam. Darauf angesprochen, hörte er gar nicht richtig zu, und ich hatte das Gefühl, gegen eine Wand zu reden. Sowieso war er nicht kritikfähig – im Gegenteil! Am Ende einer Diskussion drehte er meine Vorwürfe oder Wünsche, was sich zwischen uns ändern möge, immer so hin, dass vordergründig alles an mir lag und ich diejenige war, die sich schuldig fühlte. Ich wurde zunehmend unglücklicher.

Als er anfing, mein Handy zu kontrollieren, weil er mir vorwarf, ich würde ihn betrügen, trennte ich mich das erste Mal von ihm. Danach hat er wahnsinnig um mich gekämpft, war wieder der charmante Christian wie am Anfang. Ich war geschmeichelt und happy. Bis alles wieder von vorn anfing. Seit zwölf Jahren sind wir mit zig Unterbrechungen ein Paar. Ich komme einfach nicht von ihm los, obwohl ich inzwischen weiß, dass er ein Narzisst ist und mir diese Beziehung unendlich viel Kraft raubt. Vor einigen Jahren las ich einen Artikel zum Thema und erkannte meinen Lebensgefährten in allen Punkten wieder. Heute weiß ich, dass einer wie er gar nicht lieben kann. Wenn ich mal wieder meine Sachen packe, kämpft er lediglich um mich, weil er es nicht ertragen kann, verlassen zu werden. Bei allem, was er tut, geht es immer nur um ihn, darum, sein Ego aufzupolieren. Und um Machtgefühle. Ich weiß, der beste Schutz vor Narzissten ist ein gesundes Selbstwertgefühl. Menschen, die sich abgrenzen können, sind für sie in der Regel uninteressant. Und genau daran arbeite ich.“

Er bringt das Geld nach Hause

Claudia weiß, dass ihr Mann eine andere hat. Eine Trennung kann sie sich aber finanziell nicht leisten.

Meine Mutter war eine echte Vollzeit-Mama und immer für mich und meine Brüder da. Sie hat uns Tag für Tag liebevoll umsorgt, während mein Vater ganz klassisch das Geld nach Hause gebracht hat. Für mich war schon früh klar, dass ich meinen Kindern auch so eine Mama sein möchte. Ich wollte die ersten Lebensjahre unserer zwei Töchter hautnah miterleben. Als die Mädchen in der Schule waren, haben mein Mann und ich beschlossen, dass ich weiterhin zu Hause bleibe und ich 'erst mal‘ nicht zurück in meinen Job als Speditionskauffrau gehe. Finanziell konnten wir's uns leisten - der Job hat mir auch nicht wirklich gefehlt. Das gebe ich gerne zu.

Meine Freundinnen hatten jedoch alle eine Anstellung, meist in Teilzeit. ‚Ich möchte mein eigenes Geld haben‘, hat meine Nachbarin Kerstin immer zu mir gesagt. Und auch meine Freundin Beate pochte auf ihre finanzielle Unabhängigkeit. Beeindruckend, aber für mich kein Thema. Ich war so happy als Mutter und Hausfrau – es kam mir gar nicht in den Sinn, mich finanziell abzusichern oder gar Geld zur Seite zu schaffen, wie meine Freundin Anita es heimlich machte.

Bis zu jenem Donnerstag vor zwei Jahren. Der Tag, an dem ich erfuhr, dass mein Mann eine Geliebte hat und fremdging. Er hatte sich bei seinem E-Mail-Account nicht richtig ausgeloggt, sodass ich mehr oder weniger zufällig in seinen Posteingang stolperte und dort lauter Nachrichten zwischen ihm und seiner Simone fand. Ich war schockiert. Während ich ihm den Haushalt schmiss und ihn liebevoll umsorgte, vergnügte er sich mit einer anderen – das absolute Klischee! Mein erster Gedanke, noch während ich die E-Mails las: Scheidung! Ich muss hier weg! Am liebsten hätte ich ihn sofort im Büro angerufen und angebrüllt. Ich war stinksauer und wahnsinnig verletzt. Aber je mehr ich darüber nachdachte, was ich ihm gern alles an den Kopf werfen wollte, desto klarer wurde mir: Wohin sollte ich denn gehen? Und: mit welchem Geld? Ich hatte – und habe – keinerlei Rücklagen. Keinen Cent. Klar, ich könnte wieder arbeiten gehen. Aber wer stellt mich denn noch ein? Über 50, quasi ohne Berufserfahrung? Mir bleibt also nur eines: Ich tue so, als wäre nie etwas gewesen. Und lächle.“

Hilfe & Beratung

Das Hilfeteleton „Gewalt gegen Frauen“ erreichen Sie unter: 08000 116 016. Weitere Informationen finden Sie online über den Bundesverband Frauen gegen Gewalt e. V. (bff), Infos: frauen-gegen-gewalt.de

Haben Männer tatsächlich Bindungsangst oder warum gerate ich immer an den Falschen? Laut Expertin greift ein klarer Mechanismus.
Weiterlesen
Lade weitere Inhalte ...