Wenn Männer fremdgehen

Wenn Männer fremdgehen

Nina (46) entdeckt das Doppelleben ihres Freundes. Sechs Jahre hatte er eine andere. Neben der Enttäuschung, neben dem Schmerz beschäftigt sie nur eine Frage: Warum, zum Teufel, habe ich nie etwas davon gemerkt?

Mann und Frau liegen zusammen im Bett - Betrügt er sie?
© iStockphoto/thinkstock
Wenn Männer fremdgehen

Typ stilles Wasser, so kam Maik mir vor, als wir uns kennenlernten – nur sein Äußeres fiel aus dem Rahmen. Der edle Kaschmirpulli, die klobige Uhr – so was trägt eigentlich keiner, der nicht auffallen will. Mich reizte seine Widersprüchlichkeit von Anfang an. Schnell trafen wir uns regelmäßig. Nicht in Edellokalen, wie von ihm vorgeschlagen, sondern für Spaziergänge. Draußen in der Natur kamen wir uns näher und näher. Erzählten uns die intimsten persönlichen Dinge. Philosophierten über das Leben und wie man als Mensch leben müsste. Und ich hatte den Eindruck, dieser nachdenkliche, leise Mann zeigte mir in diesen langen Spaziergängen sein wahres Ich. Heute denke ich anders darüber.

Gibt’s das? Einen Mann, der zwei Leben gleichzeitig lebt?

Denn Maik hat zwei Leben und Lieben parallel gelebt, sechs Jahre lang. Und ich habe es nicht bemerkt. Gibt es das? Die Bombe platzte während einer seiner angeblichen Geschäftsreisen. Seine Worte, als wir telefonierten, hab ich noch genau im Ohr: „Ich vertraue dir, und du vertraust mir.“ Fordernd klang das. Dabei hatte ich doch nur vorgeschlagen, ich könne ihn ja später mal im Hotel anrufen. „Darf ich das etwa nicht?“ Dass er so eine Grundsatzsache daraus gemacht hat, ist ihm zum Verhängnis geworden.

Ich googelte das Hotel, von dem er den Namen genannt hatte. Sah ein unscheinbares Haus, da stimmte was nicht, als Expansions-Manager eines international tätigen Unternehmens buchte er nie unter vier Sternen, wenn er Kunden traf. „Wo seid ihr denn abgestiegen?“ – Ich schrieb eine SMS. „Sylt in der Hauptsaison, sonst alles dicht“, schrieb er zurück. Da griff ich zum Hörer, wollte mich verbinden lassen. „Name unbekannt“, hieß es. Eine Affäre – natürlich war das mein erster Gedanke. Aber schon der zweite Gedanke war, dass es Affären in vielen Langzeitbeziehungen gibt. Und vielleicht überlegte er ja bereits, wie er es wiedergutmachen konnte, und ließ deswegen nur die Mailbox rangehen. „Hier möchte dir jemand was sagen“, meinte er knapp, als er am Abend endlich zurückrief. Und reichte den Hörer weiter. „Ich bin seit sechs Jahren Maiks Freundin ...“, hörte ich eine mir fremde Stimme. „Und ich seit sieben“, antwortete ich reflexartig.

Ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln

Die Zeit danach war ein nicht enden wollender surrealer Traum, in dem nichts, aber auch gar nichts logisch, erklärbar zusammenpasste. Ich wollte aber verstehen, begreifen. Und machte mich auf die Suche nach Spuren in der Vergangenheit eines Mannes, der mir von einem Tag auf den anderen so fremd geworden ist, dass ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln. Hätte ich misstrauischer sein müssen? Es „verdächtig“ finden, dass es so lange mit unserem Zusammenziehen nicht klappte?

80 Kilometer Autobahn hatten uns im Alltag getrennt. Wir führten eine Wochenendbeziehung. Unzählige Eigentumswohnungen haben wir uns immer wieder angesehen. Jedes Mal gab es einen anderen Grund, weshalb am Ende nichts daraus wurde. Mal war ein Objekt Maik nicht „chic“ genug, mal wollte er vor dem Kauf die nächste Steuernachzahlung abwarten. Hingehalten aber fühlte ich mich nie.

Maik hat mich immer auf Händen getragen

Mir Blumen gebracht, mich mit Massagen bei Kerzenschein verwöhnt. Liebe braucht keinen Bausparvertrag, um gedeihen zu können, mit solchen Sprüchen hab ich mich über Wasser gehalten. Vertrauen wollte ich, mich einlassen, bedingungslos. Er fand meine Haltung „reif“. Ich suchte Hilfe. Ging zu einer Therapeutin. Wollte vor allem eins beantwortet haben: Stimmt etwas nicht mit mir? Warum habe ich nichts bemerkt? Ich, die Personalchefin eines mittelständischen Unternehmens mit 700 Angestellten? Eine Frau mit Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen und Realitätssinn.

Kachelmann kommt mir in den Sinn. Der Mann mit seinen sieben Frauen. Naive Hascherl, urteilte ich damals. Und: Wie können Frauen nur so blöd sein! Und jetzt frage ich mich selbst, immer wieder: Wie hat er das bloß gemacht? Mich so zu täuschen. Stets die richtige Zahnbürste im Becher, das entsprechende gerahmte Bild auf dem Sideboard zu haben, wenn ich, was selten vorkam, bei ihm übernachtete. Niemals mit den Namen durcheinandergekommen zu sein. Ich war die Frau fürs Wochenende. Dieses Muster habe ich inzwischen erkannt.

Er wollte immer zu mir. „Du tust mir so gut, bei dir komme ich runter“, sagte er jeden Freitagabend, wenn er von einer anstrengenden Woche in seinen „sicheren Hafen“ einfuhr, wie er es nannte. „Jeder Mensch macht so was“, sagt die Therapeutin. „Rollen spielen.“ Mag sein. Ich bin im Job auch eine andere als mit meinen Freundinnen. Aber es gibt doch in jedem Menschen so etwas wie ein Zentrum. Wo sich die verschiedenen Ichs oder meinetwegen auch Rollen treffen und sich zu einer Persönlichkeit zusammenfügen. Fehlt dieses Zentrum bei Maik? „Vielleicht hatte er nie die Chance, er selbst zu werden“, sagt die Therapeutin. Da sah ich ihn wieder vor mir, wie er von seinen Eltern stets mit schrankfertig gebügelter Wäsche zurückkam. Komisch hatte ich das gefunden, es aber nie weiter hinterfragt.

Diese Frau wusste von mir genauso wenig wie ich von ihr

Hinterfragt habe ich auch nicht, warum er mich in all den Jahren nie seinen Eltern vorgestellt hatte. Krank seien sie. Sonderlich. Nervig. Ein Paar, das in seiner eigenen Welt lebe. Über Name und Ort fand ich seine Eltern. Fuhr hin. Sie wirkten rüstig und gar nicht krank. Allerdings ging von der Mutter eine Kälte aus. So, als wäre sie kein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Informationen kamen bruchstückhaft. Ja, eine Freundin hätte er. Ja, die beiden seien viel zusammen unterwegs. Plötzlich verstand ich. Dubai, Monaco: Das waren keine Geschäftsreisen, sondern Urlaube mit seiner Geliebten, Freundin. Oder was ist diese Frau, die seit sechs Jahren parallel an unserer Seite lebte?

Die andere war also bei seinen Eltern eingeführt. Von mir hatten sie nie etwas gehört – eins zu null für die andere. Aber mit mir hatte er sich verlobt. Eins zu eins. Sie ein weiteres Mal sprechen, nur sie allein, das war wichtig. Ihre Nummer bekam ich über Umwege raus. Sie wirkte jung am Telefon. „Was wollen Sie?“, fragte sie vorwurfsvoll. Verkehrte Welt. Diese Frau wusste genauso wenig von mir wie ich

Diese Frau wusste von mir genauso wenig wie ich von ihr

Das wurde mir erst klar, als sie einfach auflegte. Maik schien sich tatsächlich in zwei Welten bewegt zu haben, die nicht zueinander in Konkurrenz standen. Pseudologie – diesen Begriff, den meine Therapeutin fallen ließ, habe ich gegoogelt. Manche Menschen tragen den Zwang in sich, zu lügen und zu täuschen. Eine Krankheit! „Mit einer klassischen Affäre hättest du dich leichter getan“, sagt meine beste Freundin.

„Wenn ich dich nicht hätte ...“, sagte er oft, wenn er kam und wir stundenlang auf meiner Couch kuschelten. Oder uns mit Freunden trafen, ganz ungezwungen, zum Raclette-Essen oder zu einem Video-Abend. Es klang, als würde er sich selbst noch mal neu kennenlernen – jenseits von Leistungsdruck und Leben aus dem Koffer. Innig sei es gewesen zwischen uns, sagen die, die uns gemeinsam erlebt haben.

Wetten hätte man abgeschlossen. Wird Nina doch noch Mutter? Es tut weh, so etwas zu hören. Aber es hilft auch. Daran zu glauben, dass von außen alles ganz normal schien mit uns. Dass mit mir und meiner Wahrnehmung alles stimmte. Dass ich nicht verrückt war. Sondern „nur“ eine Frau, die geliebt, die vertraut hat. Und das würde ich so gern noch einmal können. Mit einem Mann, der nur ein und nicht zwei Gesichter hat. Aber bis dahin, prophezeit meine Therapeutin, sei das noch ein langer Weg.
aufgezeichnet von Elisabeth Hussendörfer

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