Wenn der Mann eine Affäre hat Wie Positives aus einem Seitensprung entstehen kann

Als Kathrin von der Affäre ihres Mannes erfährt, bricht für sie eine Welt zusammen. Doch manchmal kann aus Trümmern etwas Neues und sogar Besseres entstehen, rät Beziehungscoach Markus Ernst.

Paar hat Streit Wie Positives aus einem Seitensprung entstehen kann © iStock

Bilder vor Augen: verschwitzte Körper, zerwühlte Laken

Das Schlimmste, sagt Kathrin rückblickend, seien die Nächte gewesen. Ohne es zu wollen, malte sie sich immer wieder aus, wie es wohl war zwischen ihrem Mann und der anderen. Wie er ihren jungen Körper berührte, die glatte Haut streichelte, den prallen Busen liebkoste. Es waren immer die gleichen Bilder, die sich partout nicht verscheuchen ließen: verschwitzte Körper, zerwühlte Laken, zwei Menschen innig, glücklich und vertraut.

Kathrin, die in Wirklichkeit anders heißt, sitzt an einem sonnigen Spätsommertag in ihrem Garten in der Nähe von München. Sie trägt ein grünweiß gestreiftes Hemdkleid. Die dunklen Locken hat sie hochgesteckt. Die 51-Jährige erzählt ihre Geschichte in ruhigen, sortierten Sätzen. „Wenn die Bilder, die mir Nacht für Nacht den Schlaf raubten, zu schlimm wurden, bin ich spazieren gegangen, stundenlang durch die Dunkelheit. Manchmal hat die Bewegung geholfen, den Schmerz, die brennende Wut, die Rachegefühle zumindest ein wenig abzumildern.“ Zwei Jahre ist es her, dass Kathrin von der Affäre ihres Mannes erfahren hat. „Hätten wir das Interview damals geführt, hätte ich gesagt, die Katastrophe ist ohne Vorwarnung über mich hereingebrochen. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt.“

„Er hoffe, dass ich ihm verzeihen würde.“

Die Sache sei schnell erzählt, sagt sie: Er, Architekt, musste monatelang mehrmals im Monat für ein Projekt nach Hamburg. Dort hat er die andere kennengelernt. Als das Projekt beendet war, habe er auch die Affäre beendet. „Niemals werde ich diesen nass-grauen Sonntagabend im November vergessen. Unsere 17-jährige Tochter war bei ihrem Freund und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder ebenfalls unterwegs. Der ,Tatort‘ hatte gerade angefangen, als mein Mann den Fernseher ausschaltete und in wenigen Worten umriss, was passiert war. Dabei hatte er es nicht einmal geschafft, mich anzugucken. Am Ende sagte er noch, dass ihm alles wahnsinnig leid tue und er hoffe, dass ich ihm verzeihen würde.“ Was sie dann fühlte, sagt Kathrin, könne sie bis heute nicht wirklich beschreiben. „Mein Herz fing an zu rasen, mir wurde schlecht und wahnsinnig heiß. Ich konnte die Situation nicht erfassen. Was passierte hier gerade? Was passierte mit meinem Leben, mit meiner Ehe, nach zwanzig Jahren? Ich fühlte mich wie in einer Welle, die mich mitgerissen hatte, herumwirbelte, ich wusste nicht, wo oben und unten war, und hatte keine Ahnung, ob ich jemals wieder auftauchen würde.“ In ihrem Garten bei München kämpft Kathrin einen Moment lang mit den Tränen. Sie trinkt einen Schluck Wasser. Dann sagt sie: „Ich hatte komplett die Kontrolle über mein vermeintlich geordnetes Leben verloren. Inzwischen habe ich erkannt, dass es genau das war, was ich gebraucht habe.“

An jenem Abend vor zwei Jahren blieb sie äußerlich ganz ruhig. Sie brüllte nicht, sie schmiss keine Teller. Sie stellte ihrem Mann nur ein paar Fragen, die er mit einem kurzen Ja beantwortete. Ist sie jünger? Ungebunden? Ist die Sache wirklich zu Ende? Die Frage nach dem Warum verkniff sie sich, zu groß war die Angst vor der Antwort. In der ersten schlaflosen Nacht legte Kathrin ihren Ehering ab und rief ihre beste Freundin an. Ihr Mann übernachtete im Büro.

Treue ist für die Deutschen das Wichtigste – theoretisch

Laut Umfragen ist für fast 80 Prozent der Deutschen Treue der wichtigste Wert im Leben. Dabei klafft allerdings zwischen Wunsch und Wirklichkeit eine Lücke. Statistisch gesehen sind etwa 25 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer schon mal fremdgegangen. Auch gilt Untreue nicht nur in Deutschland als der häufigste Grund für Trennungen und Scheidungen. Die Entdeckung einer Affäre oder eines Seitensprungs ist ein Schock. Experten vergleichen den Schmerz darüber mit traumatischen Erlebnissen, wie sie etwa körperliche Misshandlungen darstellen können. Untreue bedeutet Verrat auf so vielen Ebenen: Täuschung, Zurückweisung, Demütigung – all die Dinge, vor denen uns die Liebe eigentlich schützen soll.

Wenn derjenige, dem wir vertrauen, derselbe ist, der einem ins Gesicht lügt und einem damit ein Minimum an Respekt verweigert, stellt das die Welt auf den Kopf. „Sicher ist eine Trennung oder Scheidung nach einer Affäre manchmal unvermeidlich, klug oder schlicht die beste Lösung für alle“, sagt die renommierte Paartherapeutin Esther Perel. „Aber ist es die einzig richtige Wahl?“ Die 61-Jährige Belgierin mit Praxis in New York will Paare dazu ermutigen, Untreue immer im Kontext der Beziehung zu betrachten. Wo liegen die Schwierigkeiten? Auf welcher Ebene fühlen sich die Partner vom anderen nicht gesehen, ihre Wünsche nicht ernst genommen? „Wenn Beziehungen unschön werden, kann Fremdgehen in der Ehe ein Weckruf sein, endlich aufmerksam zu werden“, schreibt Perel in ihrem aktuellen Buch „Die Macht der Affäre. Warum wir betrügen und was wir daraus lernen können“ (Harper Collins, 22 Euro). 

Schwarz-Weiß- Denken und einseitige Schuldzuweisungen, so die Expertin, bringen niemanden weiter. „Ich sage nicht, dass Affären gut sind, aber sie können Prioritäten verändern und so nicht nur Belastungsprobe sein, sondern auch Entwicklungshelfer, die Paare reifen lassen.“ Sie betont, dass es dabei oft nicht von Bedeutung sei, dass jedes Detail der Affäre auf den Tisch kommen muss. Wichtiger sei es, die Bedeutung der Außenbeziehung zu begreifen.

Nach dem Seitensprung – wie geht es weiter?

Die ersten Wochen nach der Beichte lebte Kathrin wie im Tunnel, unfähig, eine Entscheidung darüber zu treffen, wie ihr Leben weitergehen sollte. Ihre beste Freundin riet ihr, den untreuen Gatten vor die Tür zu setzen, so hatte sie es vor Jahren auch getan. Doch so impulsiv war Kathrin nicht. Im Job ließ sie sich krankschreiben, merkte aber nach ein paar Tagen, dass sie ihre Arbeit als Erzieherin brauchte, um sich wenigstens für ein paar Stunden von der Sache abzulenken. Wenn ihr Mann da war, schlichen die beiden umeinander herum. Auch er litt und grübelte, das sah sie ihm an. Wenn ein Geheimnis gelüftet wird, sagt Esther Perel, erleide oft auch derjenige, der betrogen hat, einen Schock: „Meist wird ihm dann erst bewusst, was er getan hat.“ Denn in den seltensten Fällen seien Langeweile oder Skrupellosigkeit Motivation fürs Fremdgehen, sondern schlicht unerfüllte Sehnsüchte.

Kathrin und ihr Mann redeten in jener Zeit nur das Nötigste miteinander. Aber das taten sie im Grunde seit Jahren. „Während meiner nächtlichen Spaziergänge hatte ich viel Zeit, über unsere Beziehung nachzudenken, in der sich schon lange Sprachlosigkeit und Gleichgültigkeit breitgemacht hatten. Ich fand das nicht toll, es ist im Laufe der Jahre einfach passiert. Bis zu der Sache war es mir aber irgendwie auch egal gewesen.“ Nun aber spielte sie nicht nur die Trennung durch, checkte Finanzen und Besitztümer. Zum Glück waren die Kinder fast erwachsen. Sie wollte vor allem der Frage auf den Grund gehen, wie es so weit kommen konnte. „Durch den Verrat meines Mannes ging ich durch intensive Gefühle: Wut, Trauer, Einsamkeit und Misstrauen. Es mag komisch klingen, aber dadurch veränderte sich mein Blick nicht nur auf meine Ehe, sondern auch auf mich. Plötzlich sah ich mein Leben wie durch ein Brennglas.“

„Bis dass der Tod uns scheidet“ – um jeden Preis?

Seit 25 Jahren waren Kathrin und ihr Mann ein Paar. Kennengelernt hatten sie sich auf einer Party, und als sie im Gespräch bemerkt hatten, dass sie in München quasi Nachbarn waren, verabredeten sie sich häufiger. Sie mochte seine fröhliche Art, seinen unkonventionellen Blick auf die Dinge. Sie besuchten Ausstellungen, gingen auf Konzerte von Billy Bragg und Eurythmics, kochten zusammen Pasta und unterhielten sich stundenlang. Nach sechs Monaten zog sie bei ihm ein. Fünf Jahre später sagten sie aus vollem Herzen Ja, sogar vor Gott, und entschieden sich dabei bewusst für die Formel „Bis dass der Tod uns scheidet“. 

„Ich weiß noch genau, wie wir nach der Geburt unseres zweiten Kindes in unser Haus gezogen sind“, erzählt Kathrin. Ich war damals so unfassbar glücklich und stolz. Nun saßen wir zu viert an unserem runden Esstisch wie ein Glücksklee.“ Eifersucht spielte in ihrer Beziehung nie eine Rolle. Auch nicht, als Kathrins Mann sich selbstständig gemacht hatte und von da an viel unterwegs war. Doch der typische Alltagsstress machte auch vor ihnen nicht halt. Kathrin kümmerte sich neben ihrem Job um Kinder und Haushalt. „Mir ist passiert, was Millionen Frauen auch passiert: Plötzlich steckt man in einer Rolle, in der man sich in eine komische Richtung entwickelt. 

Plötzlich war ich Familienministerin, wollte und musste immer alles im Griff haben, alles kontrollieren.“ Anfangs hatte ihr Mann noch gefragt, ob er sie unterstützen könnte. Doch das, sagt Kathrin, traute sie ihm kaum zu. Nur sie wusste, was die Kinder gerade brauchten, was sich die Schwiegereltern zur goldenen Hochzeit wünschten, welches Essen aufzutischen war, wenn Freunde kamen. Kurz: Nur sie wusste, was für alle das Beste war. „Was ich früher an meinem Mann geliebt hatte, nämlich die Dinge lockerer zu sehen und das Leben einfach mal auf sich zukommen zu lassen, nervte mich nun. Ich hatte mich zu einer Furie mit Kontrollzwang entwickelt.“ Ihr Mann zog sich mehr und mehr zurück, arbeitete viel, verkroch sich abends mit einem Buch oder einem Film. Aber nicht nur als Vater, Freund und verlässlichen Partner wies Kathrin ihn immer wieder ab, auch als Liebhaber.

Sex gab es kaum noch – das allein ist aber zu einfach

Sex hatten die beiden vielleicht zwei-, dreimal im Jahr. „Ich war oft viel zu müde, und wenn ich endlich Ruhe hatte, dachte ich an alles, aber nicht daran, mit meinem Mann zu schlafen.“ Doch sein Fremdgehen allein auf die fehlende Körperlichkeit zu reduzieren wäre zu einfach. Zwar ist sexueller Frust laut Umfragen der häufigste Grund für einen Seitensprung, doch oft steckt mehr dahinter. „Beim Fremdgehen tut man etwas Verbotenes“, sagt Esther Perel. „Und genau das gibt einem ein Gefühl von Freiheit und Macht über das eigene Leben.“ Der unverbindliche Seitensprung als kurze Flucht aus den alltäglichen Zwängen ist übrigens kein typisch männliches Phänomen. Frauen tun es ganz genauso, und zwar sogar mit steigender Tendenz.

Einmal, nach einem ihrer nächtlichen Spaziergänge, platzte die Wut aus Kathrin heraus. Sie weckte ihren Mann auf der Couch, brüllte ihn an, er habe sie und die Familie verraten. „Mit meinen Fäusten trommelte ich wie wild gegen seinen Brustkorb, bis ich schließlich auf der Couch zusammensackte und wir beide bitterlich weinten. Wir beweinten uns, unsere Ehe und das, was aus uns geworden war. Mein Mann legte vorsichtig den Arm um mich, ich ließ es geschehen. Er sagte, er habe sich neben mir die letzten Jahre schrecklich einsam gefühlt, und plötzlich war da diese Frau, die ihm zuhörte, sich für ihn interessierte, ihn attraktiv fand. Seine Worte klangen so klischeehaft, dennoch trafen sie mich mitten ins Herz. Und mir wurde klar: Nicht seine Affäre bedrohte unsere Beziehung. Die wirkliche Bedrohung ging von unserer Unfähigkeit zu kommunizieren aus und von der Tatsache, dass wir beide gefühlsmäßig unsere Ehe schon lange vor dem Betrug verlassen hatten.“

Für die Expertin Perel steht fest: Lügen und Betrug haben sich in Beziehungen oft schon jahre-, manchmal jahrzehntelang vor der Affäre festgesetzt. „Tag für Tag sehe ich, was Betrug anrichten kann. Aber ich sehe auch, was schlechte Beziehungen anrichten.“ Sie erzählt von Paaren, die Sex haben und einer hasst diesen Sex seit Jahren, sagt aber nichts. Paare sprechen nicht darüber, dass sie sich voreinander ekeln, miteinander langweilen, an sich zweifeln oder sich ein anderes Leben wünschen. Sie verbiegen sich, sind lieber unglücklich und das nur, um die Beziehung nicht zu gefährden. Dabei haben wir doch heute mehr denn je die Freiheit zu entscheiden: gehen oder bleiben?

Kathrin und ihr Mann haben sich fürs Bleiben entschieden. Nach langen, offenen und auch schmerz- haften Gesprächen wollen sie ihrer Ehe eine zweite Chance geben. „Wir haben wieder angefangen, zusammen zu kochen und auf Konzerte zu gehen, kleine Schritte, die sich aber ziemlich gut anfühlen.“ Ihr Blick füreinander, sagt Kathrin, habe sich verändert, und auch ihr Blick für sich selbst sei wertschätzender geworden. „Wenn die alte Kathrin durchkommt, die alles kontrollieren will, weise ich sie in die Schranken. Und auch mein Mann drückt rasch auf die Stopptaste, wenn er anfängt, sich zurückzuziehen, und kauft lieber für uns Kinokarten. Eines weiß ich gewiss: Ohne die Affäre wären wir inzwischen vielleicht getrennt. Oder noch schlimmer: Wir würden weiterhin schweigend und einsam nebeneinanderher leben.

Rat des Experten: Nach der Affäre: Wie kann der Neuanfang gelingen?

Markus Ernst
Ist der Partner fremdgegangen, bedeutet das für viele das Aus der Beziehung. Zu groß sind Schmerz und Enttäuschung. Doch manchmal kann darin auch die Chance stecken, die Beziehung neu zu ordnen. Wie? Darüber haben wir mit Diplom-Psychologe Markus Ernst gesprochen.

Welche Voraussetzungen braucht es für einen Neustart?
Eines der größten Probleme in Beziehungen ist die mangelnde Kommunikation. Oft werden Dinge unter den Teppich gekehrt. Es wird nicht über Bedürfnisse gesprochen, auch und vor allem im sexuellen Bereich. Wer seiner Beziehung nach einer Erschütterung wie einem Betrug eine neue Chance geben will, sollte also unbedingt bereit sein, offen über alles zu reden. Und natürlich müssen beide Partner den Neustart auch wirklich wollen.

Was ist noch wichtig?
Man muss reflektieren. Was war los in unserer Beziehung? Wie ist es zu der Affäre oder dem Seitensprung gekommen? Dabei sollten die Dinge nicht verharmlost werden, nach dem Motto: Es war nur eine Nacht. Oder: Wir waren betrunken. Es gibt natürlich unterschiedliche Tiefen beim Fremdgehen. Aber es wird immer so sein, dass derjenige, der fremdgeht, irgendetwas vermisst, das er so zu kompensieren versucht. 

Die Aufarbeitung der Beziehung kann ziemlich schmerzhaft sein. Ist therapeutische Hilfe ratsam?
Ich habe schon erlebt, dass Paare das gut allein hinbekommen haben, weil sie sehr geduldig miteinander waren, verständnisvoll, offen und sich wirklich auf Augenhöhe begegnet sind. Wenn Paare aber an einem bestimmten Punkt immer wieder in alte Muster und Rollen zurückfallen und es Vorwürfe hagelt, macht es auf jeden Fall Sinn, sich Rat und Hilfe bei einem Coach oder einem Therapeuten zu holen.

Gehen Männer und Frauen eigentlich unterschiedlich mit dem Thema Fremdgehen um?
Männer sind im Stolz gekränkt. Sie bearbeiten das Thema eher auf einer oberflächlichen Ebene, neigen zum Beispiel dazu, den, mit dem sie betrogen wurden, schlecht zu machen. Frauen reflektieren da mehr, neigen aber leider oft dazu, die Schuld nur bei sich zu suchen.

Aus Ihrer Erfahrung: Wagen viele Betroffene einen Neustart?
Laut einer aktuellen Parship-Studie ist für fast 90 Prozent der Befragten eine Affäre ein absolutes No-go und ein Trennungsgrund. Schaut man sich diese Ergebnisse an, ist die Chance, dass beide Partner einen Neustart wollen, ziemlich gering. 

Was machen Paare richtig, die eine stabile Beziehung führen?
Man kann es gar nicht oft genau sagen: Sie reden miteinander. Und sie interessieren sich füreinander, bleiben offen und neugierig. Wenn beide dann auch noch ähnliche Wertvorstellungen und Ziele haben, dann kann im Grunde nicht mehr viel schiefgehen.

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