Kann ein Seitensprung die Ehe retten?

Kann ein Seitensprung die Ehe retten?

Ja – sagt Beziehungs-Coach Wolfram Zurhorst. Wer fremdgeht, zeigt: Bei uns stimmt etwas nicht. Ein schmerzhafter Moment, der eine echte Chance sein kann.

Ein junges Paar küsst sich leidenschaftlich im Sonnenuntergang
© rez-art/ iStock/ Thinkstock
Kann ein Seitensprung die Ehe retten?

Er ist ziemlich direkt, manche würden vielleicht sagen: frech. Beziehungs-Coach Wolfram Zurhorst (45) bringt gern auf den Punkt, was er zu sagen hat – auch wenn es um das sensible Thema Seitensprung geht. Vor einigen Jahren hatte er selbst eine Affäre. Seine Frau, Beziehungsberaterin Eva-Maria Zurhorst (51), und er haben das Drama überwunden und sind heute wieder glücklich. Was empfindet er, wenn er an diese Zeit zurückdenkt? Die Antwort kommt prompt: „Ich bin dankbar, dass es passiert ist.“

Herr Zurhorst, Sie sagen vermutlich: „Meine Affäre hat meine Ehe gerettet.“

So ungefähr. Meine Affäre hat uns gezeigt, was alles fehlt und dass es nicht reicht, sich einfach als Paar routiniert durch den Alltag zu schleppen. Seitdem sind meine Frau und ich ehrlicher miteinander. Ich hatte von Kind an nie gelernt, zu Hause auch mal verrückt und unangepasst zu sein. So habe ich mich dann auch automatisch in meiner Ehe zurückgenommen. In meiner Affäre habe ich dann erlebt, was ich wirklich möchte: lebendig sein mit einer Frau. Heute kann ich das auch als Ehemann und Vater. Dafür mussten meine Frau und ich allerdings lernen, uns zu konfrontieren. Seitdem gibt es viel mehr Nähe zwischen uns, aber auch viel mehr Wagnis. Der Vorteil: So braucht’s keine Affäre mehr.

Jeder Dritte in einer festen Beziehung geht fremd. Warum machen wir das?

Weil Paare im Lauf der Jahre immer weniger miteinander reden. Dabei geht die Arbeit ja erst richtig los, wenn die erste Verliebtheit vorbei ist und sich der Alltag einschleicht. Diese Arbeit vermeiden Frauen wie Männer gern. Da ist es dann verlockend, sich seine Anerkennung ohne Stress und Konfrontation in einer Affäre zu suchen.

In Umfragen steht Treue aber ganz oben auf der Wunschliste an den Partner.

Treue und Vertrauen sind ein wichtiges Fundament. Aber die Kunst besteht darin, dabei lebendig und ehrlich zu bleiben. Deshalb bin ich auch dagegen, einfach zu sagen: Der Bösewicht ist fremdgegangen! Und die Arme ist betrogen worden. Viel hilfreicher, aber sicher auch erst mal schmerzlicher, ist es, sich als Betrogener einzugestehen, dass man selbst schon lange keine Lust mehr hatte und dass man sich nur nicht getraut hat, das auszudrücken und für Veränderung zu sorgen.

Aber ehrlich: Wo läuft es denn perfekt?

Ich würde sagen, in keiner Langzeitbeziehung. Das bringt mich direkt zum Thema Sexualität: Die geht irgendwann in eine neue Phase über. Aber bevor das passiert, passiert erst mal nichts mehr. Viele sagen dann: Um Himmels willen, wir haben keinen Sex mehr, jetzt ist echt alles im Eimer! Es kann sein, dass dann einer fremdgeht. Die Sex-Flaute aber kommt sicher. Das ist ein Punkt, der sehr wertvoll ist. An dem man die Ärmel hochkrempeln und neu auf den anderen zugehen kann.

Wenn dieser wertvolle Punkt kommt …

… Moment, ganz weltfremd bin ich ja auch nicht: Erst mal ist das vor allem schmerzhaft. Wichtig ist dann aber, sich ehrlich zu fragen: Was habe ich eigentlich in letzter Zeit getan, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der wir uns wirklich nahe sein können? Wer sich in Haushalt und Arbeit verrennt und nicht mit dem Partner redet, braucht sich am Ende der Woche nicht zu fragen, woher jetzt bitte die Leidenschaft kommen soll.

Fast die Hälfte der fremdgehenden Männer sagt: „Es ist einfach passiert.“ Was muss man sich denn darunter vorstellen?

Ja, das klingt verrückt. Tatsächlich ist es aber so, dass die Wenigsten das planen. Der Frust in der Ehe schaukelt sich hoch, die wenige Nähe wird unerträglich. Dann ist da plötzlich eine Frau, die zuhört, bewundert. Und der Mann fühlt sich wieder angenommen.

Gehen Frauen anders fremd als Männer?

Frauen suchen durchaus auch nach erfüllendem Sex. Aber so oft höre ich einen Satz von diesen Frauen, der lautet: „Endlich fühle ich mich verstanden.“ Frauen suchen häufiger nach Leidenschaft und Nähe.

Wenn nun einer fremdgegangen ist, was raten Sie: Beichten oder Klappe halten?

Beichten!

In jedem Fall?

Ja. Ein Seitensprung kann unglaublich hilfreich sein, in einer Ehe aufzuzeigen, was schon lange nicht mehr funktioniert und gefehlt hat. Vorausgesetzt, man traut sich, den Partner offen damit zu konfrontieren.

Und wenn das dazu führt, dass die Beziehung ganz in die Brüche geht?

Buchtipp: Sehen Sie's doch mal so! Schlimm genug, wenn die Beziehung in der Krise steckt – noch schlimmer, wenn Paare keinen Weg finden, darüber zu reden. Anhand konkreter Situationen zeigt Wolfram Zurhorst Lösungen auf. „Der Beziehungsretter“, 16,99 Euro, Arkana Verlag
Klarheit ist in jedem Fall gut. Durch einen Seitensprung haben Paare die Chance zu erkennen: Deine Bedürfnisse, Sehnsüchte kann ich nicht mit dir teilen. Ich stelle mir für mich etwas anderes vor –wir müssen uns trennen.

Kann eine Ehe funktionieren, in der einer fremdgeht, weil er „es öfter braucht“?

Nein, auf Dauer kann das nicht gut gehen: Diese Paare entfernen sich einfach innerlich immer weiter voneinander.

Fremdgänger sagen aber: Geliebte tun, was der Partner nie zu tun bereit wäre.

Ich würde sagen: Geliebte tun, wofür man sich zu Hause schämt! Der Job wäre für den, der fremdgeht, sich einzugestehen, dass er sich in seiner Familie oder Beziehung für seine Bedürfnisse schämt.

Gründe und Erfahrungen


„Ich treffe mich heimlich mit drei anderen Frauen“ Thomas (45)

Alles war prima, bis unsere Kinder kamen: Da wurde meine Frau ein anderer Mensch. Früher war sie schön, lustig, Star jeder Party, jetzt ist sie ernst und erzieht nicht nur die Kinder, sondern mich gleich mit. Außerdem hat sie in der Schwangerschaft extrem zugenommen und wiegt 20 Kilo mehr als früher. Unser zweites Kind ist sechs Jahre alt, aber sie tut nichts, um die Pfunde loszuwerden. Im Internet nach einer Affäre zu suchen war ein logischer Schritt für mich. Heute habe ich drei feste Frauen, die ich regelmäßig treffe – alle verheiratet, damit wir auch wirklich das Gleiche wollen. Eine Geliebte, die Weihnachten mit mir verbringen will, wäre für mich der Horror. Ansonsten treffe ich mich rund einmal die Woche mit einer anderen Frau: Als IT-Berater bin ich oft unterwegs, meine Frau merkt davon nichts. Meistens treffen wir uns bei den Frauen, denn ihre Männer lassen sie oft allein. Mit ihnen kann ich Sachen ausprobieren, zu denen Sabrina, das weiß ich nach 15 Jahren Ehe, niemals bereit wäre. Mit einer war ich sogar mal im Swingerclub. Wir wollten einfach mal gucken, wie das so ist. Das Ganze erfordert natürlich eine gewisse Organisation: Ich habe ein Extra-Handy für die anderen. Letztens habe ich es aus Versehen mit ins Haus genommen, es aber gerade noch rechtzeitig bemerkt. „Ich geh Zigaretten holen“, habe ich gesagt und es schnell ins Auto geworfen. Scheiden lassen will ich mich nicht, ich bin gern Familienvater. Und eigentlich auch ganz zufrieden – so, wie alles jetzt ist.

„Und am Abend fragte ich ihn: Gibt es eine andere?“ Conny (39)

"Tschüss, Schatz, ich hau ab“, rief mein Ehemann. Ich starrte auf die Haustür, die eben hinter ihm ins Schloss gefallen war. Hatte er tatsächlich ein Hemd angehabt? Um bei seinem Kumpel Fußball zu gucken? Komisch. Als er nach Hause kam, war es vier Uhr morgens. Im Nachhinein ist es leicht zu sagen: Da hättest du doch etwas merken müssen! Vielleicht wollte ich die Zeichen nicht sehen. Neue Unterhosen. Das Handy, das er plötzlich akribisch bewachte. „Ist Tom wieder im Büro?“, fragte meine Mutter eines Sonntags beim Kaffee. „So viele Überstunden …“ Ich merkte, wie ein dünnes Seil in mir zerriss. In dem Moment fügte sich alles zusammen. Abends fragte ich ihn: „Gibt es eine andere?“ Erst lachte er. Dann: „Es ist einfach so passiert. Eine neue Kollegin. Dieses Gefühl, dass jemand mich so sehr will. Zehn Jahre Ehe, bei uns ist alles ein wenig eingeschlafen, findest du nicht?“ Danach war da nur noch Wut. So einfach hatte er sich davongestohlen. Der Alltag fraß doch uns beide auf, nicht nur ihn! Ich schrie ihn an, er solle sofort abhauen. Das tat er. Und schrieb noch in derselben Nacht eine SMS: „Verzeih mir, du bist die Einzige für mich.“ Als ich mich am nächsten Tag bei meiner Freundin ausheulte, schwieg sie lange. War sie etwa nicht auf meiner Seite? Doch, natürlich, sagte sie. „Aber Bernd ist kein Typ, der einfach so eine andere Frau aufreißt. Vielleicht redest du noch mal mit ihm? Zehn Jahre wirft man doch nicht einfach so weg.“ Ich frage mich jetzt, ob nicht Bernd diese zehn Jahre längst weggeworfen hat.

Warum wir fremdgehen

Dass wir in ein fremdes Bett steigen, hat Gründe – welche genau, fragte das Seitensprung-Portal ashleymadison.com 1085 weibliche und 937 männliche Mitglieder, die alle verheiratet sind.

Flaute im Ehebett! 81,4 Prozent der Männer und 68 Prozent der Frauen empfinden ihr Sexleben als unerfüllt – unter den täglichen Belastungen bleibt der Sex auf der Strecke.
Seitensprung als Kick im Alltag! Die Suche nach dem Abenteuer treibt 61,2 Prozent der Männer und 63,5 Prozent der Frauen in eine Affäre.
Fantasien ausleben! Liebe und Zuneigung prägen langjährige Ehen – mit dem Partner neue Fantasien auszuleben ist für viele unvorstellbar. 55,8 Prozent der Männer und 58,5 Prozent der Frauen wollen mit ihrer Affäre eine Seite von sich ausleben, die sie ihrem Partner nicht zeigen können.
Neue Praktiken ausprobieren! 43,2 Prozent der Männer und 48,8 Prozent der Frauen wollen neue Stellungen, Hilfsmittel und Praktiken ausprobieren.
Endlich wieder Komplimente! Vom Partner nicht mehr gesehen und vernachlässigt zu werden ist für 40,8 Prozent der Männer und 74,7 Prozent der Frauen der Grund für ihren Seitensprung.

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