Glücklich geschieden

Glücklich geschieden - Ein neues Leben beginnt

Eine Ehe zu beenden fühlt sich an wie Versagen und schürt Angst vor der Zukunft. Dabei ist eine Trennung oft der Beginn eines besseren Lebens

Glücklich geschieden
© Karen Roach-Fotolia
Glücklich geschieden - Ein neues Leben beginnt

Glücklich geschieden - Ein neues Leben beginnt

Er war berührt, als er die vielen Briefe las. Jeder einzelne enthielt einen Rückblick, gewährte einen Einblick in ein ganz privates Drama. Man berichtete von Angst, Schmerz und Trauer. Das war verständlich. Schließlich schilderten die Briefeschreiber, wie sie ihre Scheidung erlebt hatten. Etwas anderes aber berührte Mathias Jung am stärksten: Es waren Worte wie Glück, Befreiung, Selbstvertrauen. Der Psychotherapeut aus Lahnstein hatte in einer Annonce dazu aufgerufen, die eigenen Scheidungserfahrungen aufzuschreiben. Mehr als 200 Antworten bekam er, vor allem von Frauen.

Über 90 Prozent enthielten eine mutmachende Botschaft: Die Scheidung sei die richtige Entscheidung gewesen. „Ganz gleich, ob sie selber die Verlassenden oder die Verlassenen waren: Alle kamen zu dem Schluss, dass die Trennung notwendig und sinnvoll war und sie von etwas Quälendem befreit und persönlich vorangebracht hat“, erzählt Jung. Eine Scheidung als Glücksbringer?

Wer frisch verheiratet ist, kann darüber bestimmt nur den Kopf schütteln. Und wer gerade mitten in einer Trennung steckt, empfindet das sicher als Hohn. Aber viele, die bereits seit ein paar Jahren geschieden sind, können das bestätigen. Denn wenn der erste Schmerz überwunden und das Leben weitergegangen ist, zeigt sich meist, dass der neue Weg sogar besser ist als der alte. „Die Trennung war hart für mich“, erzinnert sich Britta Wurm aus Linkenheim. Jahrelang hatte ihr Mann eine Affäre. Erst wollte sie das nicht wahrhaben, dann stritt er es ab, schließlich gab er es zu und wollte die Affäre beenden.

Als Britta Wurm bemerkte, dass er gelogen hatte, trennte sie sich. „Ich war wie gelähmt, er war schließlich die Liebe meines Lebens“, erzählt die 46-Jährige. „Monatelang habe ich mich abends bei meiner Freundin auf ihrer blauen Couch ausgeheult. Bis ich irgendwann merkte: Du musst endlich runter von dieser blauen Couch, du kannst so nicht weitermachen, dein Leben geht voran.“ Sie ging wieder aus, lernte neue Menschen kennen, verliebte sich.

Neuer Partner

Neuer Partner

Seit drei Jahren ist sie jetzt mit ihrem Partner zusammen. Seit Kurzem ist auch der vierjährige Scheidungskrieg beendet. Je größer der zeitliche Abstand zu ihrer Ehe, desto größer wird auch der innere Abstand zu ihrem Ex- Mann. „Hätte er die Affäre beendet, wäre ich damals bei ihm geblieben. Aber aus heutiger Sicht kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass wir je wieder glücklich geworden wären.“ Eine Ehe wieder zu kitten, wenn ein Partner jahrelang betrogen wurde, ist nicht einfach. Und manchmal auch nicht sinnvoll.

„Oft ist in diesen Beziehungen der letzte Respekt verloren gegangen“, sagt Kerstin Jensen, Scheidungsanwältin aus Kempen. „Vor allem der Partner, der fremdgeht, ist dann zu bösen Beleidigungen fähig, es entsteht eine sehr kalte Atmosphäre.“ Je länger dieser Zustand anhält, desto unerträglicher wird er. Desto tiefer sind die Partner in Vorwürfe und Verletzungen verstrickt, desto mehr leiden auch die Kinder. Eine Trennung erscheint hier oft als beste Lösung. Und nicht nur dann.

„Auch wenn sich Paare über Jahre hinweg auseinandergelebt haben und tief in der Sprachlosigkeit versunken sind, wenn jegliche Zärtlichkeit abhanden gekommen ist und keine Annäherung mehr gewünscht wird, ist eine Scheidung für die Partner und die Kinder das Beste“, sagt der Psychologe Mathias Jung. Ganz so offensichtlich ist es für die Betroffenen in dem Moment meist noch nicht. Viele zögern, obwohl ihnen schon lange klar ist, dass die Ehe keine glückliche Zukunft mehr hat, obwohl sie insgeheim ahnen, dass sie geschieden zufriedener sein könnten. Aber wieso trennt man sich so ungern? „Nichts ist schwieriger als loslassen“, nennt Jung als Hauptgrund. „Denn vor der Ankunft des Neuen haben wir instinktiv mehr Angst als vor dem Bestehenbleiben des Bekannten.“ Auch wenn dieser bekannte Zustand unglücklich macht, dauere es lange, bis man bereit sei, ihn zu beenden. Schließlich könne im Neuen auch immer eine Gefahr lauern. „Viele Menschen ziehen deshalb das bekannte Unglück dem unbekannten Glück vor.“

Gründe für das Zögern

Gründe für das Zögern

Einen weiteren Grund für das Zögern vor einer Scheidung – vor dieser finalen Trennung – sieht Mathias Jung in dem „Terror des Eids“, den eine Eheschließung mit sich bringt. Man schwöre sich bei der Heirat ewiges Zusammenbleiben in guten wie in schlechten Zeiten. Ein Scheitern sei in diesem Bekenntnis völlig ausgeschlossen. „Das überfrachtet die Ehe, es baut sich ein ungeheurer Druck auf: Man will auf keinen Fall versagen, will die gesellschaftliche Erwartung, dass eine Ehe dauerhaft zufrieden und glücklich machen muss, erfüllen.“ Dass eine Trennung oftmals als Versagen empfunden wird, bestätigt auch die Scheidungsanwältin Andrea Koch aus Heilbronn.

In der Regel passiere dies, wenn Kinder im Spiel sind. „Vor allem Frauen fühlen sich schuldig“, sagt sie. Vorwürfe wie „Ich habe es nicht geschafft, meinen Kindern ein gutes Zuhause zu bieten“ oder „Ich nehme meinen Kindern ihren Vater, wenn ich mich von ihm scheiden lasse“ seien bei ihnen weitverbreitet. Koch verwundert das nicht. Ihre Erklärung für die weiblichen Schuldgefühle: „Frauen stellen sich in der Ehe oft zurück, sobald Kinder da sind. Sie funktionieren dann nur noch, denken weniger an sich selbst. Diese Fixierung auf die Familie führt dazu, dass sie bei einer Trennung – oder schon beim Gedanken daran – eher Schuldgefühle entwickeln als der Mann.“

Doch nur den Kindern zuliebe zusammenbleiben? Irgendwann geht das einfach nicht mehr. Auch Caudia Marx aus Morbach hat lange gezögert. Die 46- Jährige ließ sich 17 Jahre nach der Hochzeit scheiden. Eigentlich hätten sie und ihr Ehemann von Anfang an nicht zusammengepasst, sagt sie. Der Gedanke an Scheidung kam ihr dennoch lange Jahre nicht in den Sinn, und als er kam, verdrängte sie ihn. Vor allem wegen der Kinder. „Ich habe mir nicht zugetraut, sie allein zu versorgen. Außerdem wollte ich ihnen auch nicht ihren Vater nehmen. Dabei hatten die Kinder genaugenommen ohnehin keinen Vater, so wenig wie er sich um sie gekümmert hat.“ Natürlich hoffen viele auch über Jahre hinweg, dass es wieder besser wird, dass die Probleme verschwinden und die Beziehung zu ihrem Ursprungsglück zurückkehrt. So war es bei Anneli Wegner aus Karlsruhe. „Am Anfang der Beziehung ist alles rosarot. Man übersieht zu Beginn ja auch vieles“, sagt sie.

Eifersucht

Eifersucht

Die Eifersucht ihres Mannes zum Beispiel, die fiel ihr nicht negativ auf. Im Gegenteil: Sie fühlte sich zunächst eher geschmeichelt. „Ich hätte nie gedacht, dass es so schlimm werden kann. Und als es dann extrem wurde, habe ich immer noch gehofft, dass sich das wieder legt.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt – vor allem in der Liebe. Scheidungsanwältin Andrea Koch kennt das: „Wenn Mandanten zu mir kommen, sind die meisten schon seit Langem nicht mehr glücklich, deshalb wollen sie sich ja scheiden lassen.

Viele von ihnen hängen unbewusst aber noch an der Illusion, es könne wieder so werden wie früher.“ Das Festklammern an diesem heimlichen Wunschtraum werde bei Frauen noch gefördert durch die Angst vor den Folgen einer Scheidung, so Koch. Ihnen sei oft nicht bewusst, was sie finanziell erwartet und welche Rechte sie haben. „Diese Unwissenheit verängstigt natürlich.“ Hinzu komme, dass viele Frauen sich gar nicht zutrauen, die Zusammenhänge zu begreifen, sagt die Anwältin. „Wenn sie dann aber feststellen, dass ihr Verständnis wächst, wächst auch ihr Selbstbewusstsein, sie fühlen sich dann stärker und unabhängiger.“

Tatsächlich scheint für viele Frauen die Scheidung der Beginn eines ganz neuen Ich-Gefühls zu sein. Psychotherapeut Mathias Jung: „Natürlich ist jede Trennung sehr schmerzhaft und muss erst einmal verarbeitet werden. Aber Frauen berappeln sich in der Regel relativ rasch und schneller auch als Männer.“ Sie achten wieder mehr auf ihre Bedürfnisse, verwirklichen sich selbst, gewinnen Selbstvertrauen – und genießen diese neu gewonnene Lufthoheit über ihr Leben. Das ging auch Claudia Marx so: „Vorher habe ich meinem Mann zuliebe meine Interessen unterdrückt und den Frust runtergeschluckt. Ich bin richtig geschrumpft im Laufe der Ehe, habe mich selber aufgegeben. Mit der Scheidung habe ich mich aus einem Käfig befreit, den ich mir selber gebaut hatte. Für mich ging da plötzlich eine ganze Welt auf.“

Das Leben nach der Ehe

Das Leben nach der Ehe zu füllen fällt Frauen in der Regel nicht schwer. Da werden neue Freundschaften geknüpft und Freizeitaktivitäten ausprobiert oder lang aufgeschobene Hobbys realisiert. Und wer vorher den Beruf vernachlässigt oder aufgegeben hat, fängt wieder an zu arbeiten. Weil es finanziell notwendig ist, sicher. Aber das Gefühl, eigenes Geld zu verdienen, ist auch Balsam fürs Ego.

So beginnt ein neuer Abschnitt, Stück für Stück lässt man das alte Leben hinter sich, die Trauer, den Schmerz, und tastet sich im neuen voran. Nicht immer läuft das glatt, vor allem die Kommunikation mit dem Ex ist meist eher holprig. Psychologen empfehlen deshalb, zu einem Mediator zu gehen. Viele karitative Einrichtungen bieten kostenlose Gespräche mit solchen Streitschlichtern an. Sie helfen den Betroffenen, auch den Kindern, einen normalen, friedlichen Umgang zu finden. Das Ziel ist klar: Wenn schon Trennung, dann so glücklich wie möglich – und zwar für alle.

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