Ayurveda und Wellness

Ayurveda und Wellness

Wie gut passen asiatische Heilmethoden zu unserer Kultur? Sehr gut, sagen viele Therapeuten, doch noch besser sei die Kombination mit europäischen Kräutern und Therapien wie Kneipp.

Ayurveda und Wellness
© Claus Mikosch-Fotolia
Ayurveda und Wellness

Ayurveda ist der Bestseller unter den alternativen Heilmethoden. Er ist exotisch, klingt nach dem Traum vom langen gesunden Leben und endloser Glückseligkeit. Jeder kennt diese himmlischen Bilder von vierhändigen Synchronmassagen, Stirngüssen mit warmem Öl, Bädern in duftenden Kräuteressenzen. Das ist zwar nur eine Seite der altindischen Gesundheitslehre, doch sie hat in den vergangenen Jahren einen wahren Boom ausgelöst: In den Kurorten gehört Ayurveda mittlerweile zum Standardprogramm, und auch ungezählte Wellness-Hotels bieten entsprechende Treatments an. Aber lassen sich asiatische Behandlungsmethoden wie Ayurveda oder auch die traditionelle chinesische Medizin (TCM) tatsächlich 1:1 auf unsere Kultur übertragen? Viele Heilkundler entwickeln inzwischen europäische Varianten, oder sie kombinieren gleich östliche und westliche Methoden.

Medikamente aus China

Ein unzulässiger Mix? Nein, denn Experten schätzen, dass Ayurveda das älteste ganzheitliche Heilsystem der Welt ist und wahrscheinlich seine Spuren über die Jahrtausende nicht nur in Asien (und der traditionellen chinesischen Medizin), sondern auch in Afrika und Europa hinterließ. Es gibt beispielsweise verblüffende Parallelen zur Wassertherapie des bayerischen Pfarrers Kneipp aus dem 19. Jahrhundert. Bei beiden Heilmethoden geht es nicht wie in der heutigen Schulmedizin um einzelne Symptome, sondern um die ganzheitliche Betrachtung des Patienten. Ernährung, Bewegung und seelische Ordnung sind bei Kneipp und Ayurveda die Grundpfeiler der Gesundheit, und Krankheit gilt als eine Störung im Gleichgewicht des Körpers. Auch wenn sich die Behandlung der Beschwerden dann bisweilen stark unterscheidet, spielen Kräuter und Wasser stets eine entscheidende Rolle.

Medikamente aus China und Indien sind wiederholt wegen zweifelhafter Inhaltsstoffe und Verunreinigungen ins Gerede geraten. Nicht nur deshalb setzen viele Therapeuten bei der Auswahl der Kräuter auf hiesige Heilpflanzen. So arbeitet Ralph Steuernagel, Ayurveda- Arzt in Bad Homburg und Leiter des Ayurveda-Kurzentrums Bad Nauheim, seit Jahren daran, die indischen Substanzen in den Rezepturen durch einheimische zu ersetzen. „Bei zwei Dritteln ist mir das bereits gelungen“, sagt Steuernagel. Er hat den Begriff „EurAsia Med“ geprägt und setzt in seiner Praxis Ayurveda, TCM und europäische Heilmethoden à la Kneipp ein. Es gehe ihm nicht darum, das klassische Medizin- System des Ayurveda zu verwässern, betont Steuernagel, „sondern dieses System im Jahr 2009 für europäisch denkende Menschen zu nutzen“. Dazu gehöre auch, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen. Steuernagel nennt das Beispiel Ghee: Das geklärte Butterschmalz gilt in der reinen Ayurveda- Lehre als das beste Fett überhaupt. „Das muss man aus der Tradition verstehen. In Indien kannte man lange Zeit nur drei Fette. Heutzutage kennen wir jedoch über 30 Speiseöle und wissen, dass Ghee Cholesterin enthält. Es sollte deshalb nur sparsam verwendet werden.“

Brech- und Abführkuren

Brech- und Abführkuren, die im Ayurveda üblich sind, bleiben den Kurgästen von Ashish Bhalla erspart. „Diese Methoden sind für Europäer viel zu heftig, sie passen nicht zur hiesigen Kultur“, sagt der Allgemeinmediziner und Ayurveda-Arzt im Kneipp- und Gesundheitszentrum Barmherzige Brüder in Schärding in Österreich. Ashish Bhalla favorisiert eine europäische Variante der indischen Gesundheitslehre, er kombiniert Ayurveda häufig mit Kneipp und TCM. „Die drei Heilmethoden haben vieles gemeinsam. Gerade Ayurveda und Kneipp lassen sich wunderbar vereinbaren.“ Zur Entschlackung und Entgiftung verordnet er seinen Kurgästen lieber Salz- oder Heublumenwickel, die unmittelbar auf die Leber wirken und die schon Pfarrer Kneipp erfolgreich einsetzte. Dazu gibt es Tees, die aus blutreinigenden Bitterstoffen wie Faulbaumrinde oder Brennnessel bestehen. „Wir verwenden viele Kräuter aus Europa.“

Der Kurarzt verschreibt nicht jedem Patienten eine Kombination aus Ayurveda, TCM und Kneipp. Wenn etwa Gelenkbeschwerden mit Krampfadern einhergehen, sind die so beliebten Ayurveda-Massagen mit warmem Öl leider tabu. „Da hilft die Kneippsche Hydrotherapie.“ Auch der „Shirodhara“ genannte Stirnguss kann zwar Verspannungen lösen und Schmerzen lindern, ist aber für Menschen mit akuten psychischen Störungen ungeeignet. „Keine Methode ist grundsätzlich besser als die andere. Bei jedem Patienten muss individuell geklärt werden, was seine innere Ordnung durcheinandergebracht hat.“

Ayurveda in Europa:

Kneipp- und Gesundheitszentrum Barmherzige Brüder, Schärding am Inn, Österreich, einwöchiges Kurpaket ab ca. 990 Euro p. P., Tel. 00 43/0 77 12/ 32 21, www.barmherzige-brueder.at.

Ayurveda-Kurzentrum Bad Nauheim, Ayurveda-Weekend im DZ, 475 Euro p. P., Tel. 0 60 32/9 99-54 60, www.ayurveda-badnauheim.de.

Allgemeine Informationen über Ayurveda: www.ayurveda-portal.de. Buchtipp: Sabine H. Seur/Elisabeth Zintl: „Euroveda. Das Beste aus West und Ost“, CO.IN. Verlag, 22,80 Euro, www.euroveda.de.

Viele Einrichtungen arbeiten zwar weiter nach den alten Ayurveda-Regeln – samt unangenehmer Abführ-Prozedur und eher trostlosen Diäten. Doch die sanfte europäische Variante hat Zukunft und passt ideal zum Wellness- Gedanken: Gesundbleiben und Gesundwerden dürfen durchaus mit Genuss einhergehen. Das wusste schon Pfarrer Kneipp. Er riet zu Mäßigung in allen Lebenslagen („große Abendmahlzeiten füllen die Särge“), erlaubte aber leckere Hausmannskost und Bier. Ralph Steuernagel will auch Ayurveda sinnlicher machen: „Der europäische Ayurveda lehnt nichts ab.“

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