Schmerzfrei leben So wird das Leben leichter

Statt nur mit Medikamenten oder gar dem Skalpell auf das Problem loszugehen, betreten Therapeuten neue Wege im Kampf gegen das chronische Leiden. Und finden dabei den Schlüssel zu einem leichteren Leben

Schmerzfrei leben So wird das Leben leichter © AdobeStock


Schmerzfrei leben? Das Gehirn speichert Schmerz ab

Gelernt ist gelernt. Schon seit Kindertagen wächst mit jeder Erfahrung von Schmerz unsere Kompetenz, ihn auch zu verarbeiten, dadurch Gefahren immer besser einschätzen und vermeiden zu können. Sobald wir es nämlich spüren – etwa durch eine Verletzung von Haut oder Knochen, ein Problem in Rücken oder Knie oder Entzündungsprozesse im Gewebe –, fordert akutes Schmerzempfinden eines sofort: unsere volle Aufmerksamkeit, um zu handeln, damit der Organismus keinen weiteren Schaden nimmt und der Körper in den Reparatur-Modus schalten kann. Ein an sich cleveres und in der Regel kurzes Notfallprogramm – von dem hierzulande rund 28 Prozent der Menschen jedoch nur träumen können. Denn bei ihnen hat Schmerz seine sinnvolle biologische Warnfunktion verloren. Heißt: Rund 23 Millionen stehen permanent unter Beschuss.

Etwa von Prostaglandin, einem Alarmbotenstoff, der an Nerven-Enden andockt und quälende Schmerzreize über das Rückenmark zum Gehirn jagt. Teils aus bekannten, teils aus Gründen, die unterschiedlicher nicht sein können und Ärzten oft verborgen bleiben. Immerhin: Die steigende Zahl von Patienten mit chronischen Schmerzen hat Medizin und Forschung im Laufe der Jahre zu tieferen Einsichten und neuen, umfassenden Therapieformen geführt, in denen nicht mehr nur der Körper, sondern ein weiterer, schwerer fassbarer Protagonist im komplexen Zusammenspiel des individuellen Schmerzgeschehens eine tragende Rolle spielt: unsere Psyche. Inwieweit diese Erkenntnis chronischen Schmerzpatienten helfen kann, hat uns Professor Dr. Dr. Thomas Tölle, Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZIS) am Klinikum rechts der Isar in München, erklärt. 

Einem Empfinden auf der Spur

„Viel zu viele Patienten irren viel zu lange mit Schmerzen durch unser Medizinsystem, obwohl inzwischen bekannt ist, wie man ihnen gut helfen könnte“, sagt Professor Tölle. „Trotzdem lassen wir sie sich oft darin ‚verlieren‘ – bis ihr Leidensweg sie schließlich in spezialisierte Zentren führt.“ Auch dort sei die Bereitschaft, das Seelenleben vertrauensvoll in die Hände der Schmerzmediziner zu legen, jedoch nicht automatisch vorhanden, meist aus Angst vor negativen Bewertungen. Bedauerlich, denn: „Mit dem Blick auf das Innenleben der Patienten unterstellt niemand, dass Schmerzen da sind, weil er oder sie einen psychischen Knacks hat“, betont Professor Tölle. „Wenn jemand viele Jahre unter Schmerzen leidet, deshalb lange nicht gearbeitet hat, womöglich die Beziehung daran zerbrochen ist, hinterlässt das Spuren.“ 

Die Psyche nimmt laut dem Schmerzexperten gerade durch solche Belastungen unweigerlich negativen Einfluss auf den Genesungsprozess. „Der Zustand kann sich nicht einfach so verbessern, weder durch eine x-te OP noch durch die doppelte Medikamentendosis“, erklärt der Neurologe. Besserung biete laut Professor Tölle, der auch Psychologe ist, oft der verbale Einstieg, der es Patienten leichter macht, die psychische Komponente im Laufe der Therapie überhaupt in Erwägung zu ziehen. In vielen Fällen zeige sich auf dieser Basis mit der Zeit eine deutliche Ver- besserung der Lebensqualität. Nicht zuletzt weil sich Patienten durch Zuwendung ermutigt fühlen, mit ihrem Schmerz anders, bewusster, besser umzugehen. „Schmerzpatienten profitieren zudem enorm vom Austausch in Selbsthilfegruppen“, so Professor Tölle. „Die Bereitschaft, Erfahrungen anderer Betroffener für sich zu nutzen, ist größer, als dem Rat etwa von Familienmitgliedern oder Freunden zu folgen.“ Ein Gewinn sei dies auch für Schmerztherapeuten: Behandlungswege, die in die falsche Richtung geführt haben, werden gar nicht weiterverfolgt. 

Einmal Patient, immer Patient?

Ob Kopfschmerzen oder gar Migräne oder steifer Nacken – normalerweise stecken wir Schmerzen gut weg, etwa durch Ruhe, Bewegung oder Schmerzmittel. Problematisch wird es, wenn das Schmerznetzwerk, dem unser Gehirn angeschlossen ist, länger als drei Monate hochtourt, Schmerzen „chronisch“ werden und die Psyche involviert wird. Warum? 

Weil die Schmerzverarbeitung nämlich genau in den Hirnarealen stattfindet, die auch für andere Lebensbereiche relevant sind. Etwa um die eigene Persönlichkeit darzustellen, unser soziales Umfeld zu organisieren und Lebensziele zu definieren. „Schmerz verschlimmert sich in einem unruhigen Netzwerk“, so Professor Tölle. Das bedeutet: Gibt es beispielsweise schwelende Konflikte in der Beziehung, schaltet beim Schmerzpatienten alles auf Alarm, ohne dass er sich dessen bewusst ist. Stresshormone fluten den Organismus, folglich verschlechtert sich sein Zustand durch die psychische Belastung. Genau da setzt die psychosomatische Schmerztherapie an. Sie will helfen, belastende Faktoren sichtbar zu machen und zu verändern. Denn „chronisch“ bedeute laut Professor Tölle nicht zwangsläufig, dass es so bleiben muss.

„Es gibt an jeder Stelle Ausgänge“, so Professor Tölle. „Der Körper ist dynamisch, er macht neue Erfahrungen. Lebensumstände können sich zum Positiven wandeln, dann verändert sich auch der Schmerz.“ Ziel des Neurologen ist es, Schmerzpatienten ernst zu nehmen, sie mit ihren Schmerzen als Ganzes zu betrachten und ihnen über differenzierte Diagnosewege zu umfassenden Behandlungsmethoden und somit zu mehr Lebensqualität zu verhelfen. 

Was sind Schmerz-Reize?

Schmerzreize werden von sogenannten Nozizeptoren wahrgenommen. Das sind „Schmerzfühler“, die in der Haut, in Muskeln, in Gelenken sowie auf den Organen sitzen. Werden diese erregt, etwa durch einen mechanischen Reiz (z. B. einen Stoß), einen chemischen Reiz wie bei Entzündungen oder einen Temperaturreiz durch Hitze, leiten sie Schmerzimpulse zum Rückenmark und weiter in bestimmte Hirnareale. 

Cannabis als Medizin 

Immer stärker rückt die Hanfpflanze Cannabis in den Fokus der Schmerztherapie. Der Grund: die darin enthaltenen Cannabinoide Tetrahydrocannabinol (THC) und Kannabidiol (CBD). THC ist für die berauschende Wirkung verantwortlich, Kannabidiol zeigt einen antipsychotischen Effekt und ist an verschiedenen Rezeptoren aktiv. Neben den antipsychotischen Eigenschaften hat CBD antioxidative, entzündungshemmende, schmerzlindernde, angstlösende sowie schlaffördernde und Übelkeit mildernde Wirkungen. Ärzte dürfen Cannabis als Medikament in der Schmerztherapie verschreiben. 
 
Unser Experte: Schmerz-Experte Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Thomas R. Tölle ist Neurologe und Psychologe sowie Mitglied verschiedener nationaler und internationaler Gesellschaften auf den Gebieten Neurologie und Schmerz.

Datum: 27.09.2019

Autor: Alexandra Suhlig

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:
Tapen gegen Schmerzen
Anti-Schmerz-Übungen
 

Schlagworte: