Psychotherapeutische Hilfe Wie finde ich einen guten Therapeuten?

Immer mehr Menschen benötigen psychotherapeutische Hilfe. Doch wie finde ich einen Therapeuten, der zu mir passt? Und wie vermeide bzw. überbrücke ich lange Wartezeiten von mehreren Monaten? Was Experte Dr. Andreas Hagemann rät.

Therapeut und Patient: Wie erkenne ich einen guten Therapeuten? Wie finde ich einen guten Therapeuten? © Fotolia

Wie finde ich einen guten Therapeuten? Die Hürden

Dr. Hagemann

Dr. Andreas Hagemann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ärztlicher Direktor der Röher Parkklinik in Eschweiler bei Aachen. Diese Privatklinik für Psychosomatik ist spezialisiert auf Angst- und Panikstörungen, chronische Schmerzen, Burnout und Depressionen. 

Einen guten Zahnarzt kennt fast jeder. Aber einen Psychotherapeuten? Obwohl immer mehr Menschen fremde Hilfe bei Problemen in Anspruch nehmen, halten sie Empfehlungen in Grenzen. „Es ist zwar längst kein Tabu mehr, bei psychischen Krisen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber offen darüber sprechen tun die wenigsten“, erläutert Dr. Andreas Hagemann, Ärztlicher Direktor der Röher Parkklinik in Eschweiler bei Aachen.

Für Verwirrung bei der Expertensuche sorgt oftmals die Vielzahl der Berufsbezeichnungen. Auch die verschiedenen Therapieangebote bzw. methodischen Schwerpunkte stellen viele vor eine Herausforderung: Benötige ich eine Verhaltenstherapie oder sind eher die systemische oder tiefenpsychologisch-fundierte sowie die analytische Vorgehensweise das Richtige? 

„Bei einigen Erkrankungen kann dies relativ eindeutig beantworten werden,“ betont Dr. Hagemann. So lassen sich beispielsweise Phobien erfahrungsgemäß gut und zuverlässig in einer Verhaltenstherapie behandeln. „Bei anderen Erkrankungen ist dies jedoch nicht so eindeutig und die verschiedenen Therapieschulen gleichen sich immer mehr an“, so der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. „Hilfreiche Aspekte der Verhaltenstherapie beispielsweise finden sich in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie wieder und umgekehrt.“ 

Akutsprechstunden beim Psychotherapeuten

Doch egal, welche Therapie gewünscht wird, generell ist es bis zur ersten Sitzung in der Regel ein langer Weg. Wartezeiten von drei, vier Monaten sind üblich. Wer nicht so lange warten will oder kann, dem empfiehlt sich als „Erste-Hilfe-Maßnahme“ die vor einigen Jahren eingeführte „Akutsprechstunde beim Psychotherapeuten“. Der Vorteil: „Betroffene können kurzfristig mit einem Therapeuten über ihre Probleme sprechen und sich über geeignete Therapiemöglichkeiten beraten lassen“, berichtet Dr. Hagemann. Der Nachteil: Da ca. zehn Prozent der therapeutischen Kapazität durch die Akutsprechstunden gebunden werden, dauern die Wartezeiten für eine reguläre Therapie oftmals noch länger. Zudem müssen sich Betroffene nach der ersten Entlastung nicht selten jemand Neuem anvertrauen.

Stimmt der gegenseitige Sympathiefaktor?

Wichtiger als die passende Therapiemethode und ein kompetenter Experte ist der zwischenmenschliche Aspekt: „Ohne gegenseitige Passung wird eine vertrauensvolle, konstruktive Zusammenarbeit schwierig“, betont Dr. Hagemann. „Deshalb sollten Patienten im Erstgespräch unbedingt darauf achten, ob „die Chemie“ stimmt.“ 

Drückt sich der Experte so aus, dass ich ihn verstehe? Geht er auf meine Fragen und Bedürfnisse ein? Wo liegen dessen therapeutische Schwerpunkte? Und entspricht auch das Ambiente der Praxis meinen Vorstellungen? Kurzum: Fühle ich mich dort wohl?  All diese Fragen sollte man sich vor dem ersten Gespräch gut überlegen (und sich eventuell entsprechende Notizen machen). „Nicht unerheblich ist auch die Frage, ob ich mich einer Therapeutin oder einem Therapeuten anvertrauen möchte - oder ob dies eher keine Rolle spielt“, weiß Dr. Hagemann aus jahrelanger Praxis. 

Stellt sich wider Erwarten nach den ersten Sitzungen heraus, dass man die falsche Wahl getroffen hat, so ist in der Regel ein Therapeuten-Wechsel kein Problem (vorausgesetzt, es ist alternativ auch ein Therapieplatz vorhanden). Die ersten fünf Sitzungen werden daher auch probatorische Sitzungen genannt. „In dieser Zeit können Patient und Behandler feststellen, ob sie zueinander passen“, so der Experte.  Bestehen Zweifel über die empfohlene Therapieform ist es ratsam, einen anderen Experten um eine Zweitmeinung zu bitten.

So sichern Sie sich einen Sprechstunden-Termin

Einen Überblick über alle kassenärztlich zugelassenen Therapeuten der Region und deren Behandlungsmethoden bieten die Krankenkassen. Auch Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen helfen weiter und sollen innerhalb von vier Wochen einen Termin zur Sprechstunde vermitteln. 

Tipp: Da Sie eh erstmal auf eine Warteliste gesetzt werden, wenden Sie sich gleich an mehrere Therapeuten. „Das erhöht die Chance auf einen schnellen Therapiebeginn“, betont Dr. Hagemann. Ist trotz Dringlichkeit kein Therapieplatz in Aussicht, so können (Tages-)Fachkliniken eine gute Alternative sein. Dabei gilt: „Egal ob Angsterkrankung, Burnout oder Depression - je früher die Therapie beginnt, desto effizienter und schneller erfahrungsgemäß der Behandlungserfolg.“ 

Experten im Überblick

  • Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sind Ärzte, die sich oft auf die Verordnung von Medikamenten spezialisiert haben, vom Grundsatz her das psychotherapeutische Arbeiten erlernt haben. 
  • Fachärzte für psychosomatische Medizin sind Ärzte, die die Zusammenhänge zwischen psychischen und körperlichen Erkrankungen in den Fokus stellen und sehr oft auch psychotherapeutisch vorgehen. 
  • Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie sind Fachärzte verschiedener Richtungen, die für sich erkannt haben, dass viele Erkrankungen in ihrer ärztlichen Praxis auf psychische Ursachen zurückzuführen sind. Aus diesem Grund haben sie sich in der Psychotherapie weitergebildet.
  • Psychologische Psychotherapeuten sind Psychologen, die sich im Gegensatz zu etwa Psychologen in der Wirtschaft intensiv mit der Behandlung psychischer Erkrankungen beschäftigt haben.
  • Heilpraktiker haben eine Prüfung abgelegt, die sie befähigen soll psychotherapeutisch tätig zu werden. 
     

Datum: 13.02.2020

Schlagworte: