Höher, weiter, schneller Das Streben nach Glück: So leben Sie zufriedener

Das Streben nach Glück: zufriedener leben Das Streben nach Glück: So leben Sie zufriedener © iStock

Statt Glück empfinden wir Druck

Glücksmomente sind manchmal ganz klein - aber sie laufen uns im täglichen Leben häufig über den Weg. Doch im Trubel von Job, Haushalt, Partner und Freundeskreis übersehen wir sie allzu leicht. Das Lob des Chefs, der unser abgeschlossenes Projekt würdigt, fliegt ungehört an unseren Ohren vorbei. Das freundliche Lächeln des Kioskbesitzers, der für uns nach unserer Lieblingszeitung sucht, nehmen wir nicht einmal wahr. Statt Glück empfinden wir Druck: Es könnte schließlich alles noch ein bisschen besser, glitzernder und aufregender sein. Das zumindest machen Fernsehen, Werbung und Social-Media-Kanäle wie Instagram uns glauben. „Uns wird vorgemacht, dass das nächsthöhere Ziel nur ein Fingerschnippen entfernt liegt“, erklärt Coach und Autorin Kim Fleckenstein („Deine Zeit ist jetzt“). „Als müssten wir uns nur ein bisschen mehr anstrengen, und dann läuft es schon.“

„American Dream“: Erfolg spich Glück ist ganz leicht?

Doch so einfach ist es eben nicht. Kennen Sie das Klischee vom „American Dream“? Es stammt aus der Zeit der ersten amerikanischen Einwanderer und besagt, dass jeder Mensch, ganz unabhängig von seinen Voraussetzungen und seiner Herkunft, mit harter Arbeit ein Leben in Wohlstand, Freiheit und Glück erreichen kann. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ sagte man früher auch dazu. Heute nennt man sie Selbstoptimierung: die Vorstellung, dass alles möglich ist, wenn man nur sein Bestes gibt. Ein Blick in die Welt der Z-Promis lässt es nur allzu leicht erscheinen: Reality-Formate wie „Big Brother“ oder „Goodbye Deutschland!“ machen aus Normalos Menschen, die auf der Straße um Autogramme gebeten werden. Auch Instagram spielt eine große Rolle: Kylie Jenner, jüngster Spross des Kardashian-Clans, ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist mit freizügigen Fotos auf ihren Social-Media-Kanälen berühmt geworden, 145 Millionen Menschen folgen ihr dort (zum Vergleich: Das sind so viele Menschen, wie Russland Einwohner hat). Kylie, laut „Forbes“-Magazin jüngste Selfmade-Milliardärin der Welt, sieht immer perfekt aus – mit strahlender Haut, perfekter Frisur und den neuesten Klamotten. Die 22-Jährige blendet junge Frauen mit einer optischen Illusion, die sie mithilfe von Fotofiltern kreiert – und die es in der Wirklichkeit gar nicht gibt. 

Erschreckend: 56 Prozent der Deutschen denken, dass sie in ihrem bisherigen Leben nicht viel Glück hatten.

Sie ist nicht die Einzige: Partnerbörsen locken in ihren Werbespots mit der Idee, der perfekte Partner stünde gleich an der nächsten Ecke. Fitness-Queen Sophia Thiel verspricht allen, die ihr Online-Sportprogramm buchen, nicht nur einen schlanken Körper, sondern auch: Glück. Oder man muss nur einen Marathon laufen, schon ist man der glücklichste Mensch. Immer neue Apps wollen unseren Schlaf optimieren, uns an Termine und Ruhepausen erinnern und unsere Schritte zählen. Kein Wunder also, dass kleine Glücksmomente unbemerkt an uns vorbeiziehen, wenn unser Blick sich auf schier unerreichbare Ziele fokussiert. Könnten wir tatsächlich glücklich sein, wenn wir hübscher wären oder dünner, mehr Urlaub machen würden oder einen tolleren Job hätten, reicher wären oder woanders leben würden? Im Gegenteil. Ausgerechnet das übereifrige Streben nach dem ganz großen Glück macht unglücklich, fanden Forscher der Rutgers University Newark heraus. Das Team teilte in einem Statement mit: „Auf der Jagd nach Glück scheint Zeit zu verschwinden, wenn Glück als Ziel betrachtet wird, das stetige Anstrengung erfordert. Die Suche nach dem Glück geht ironischerweise auf Kosten der Zufriedenheit.“ Warum das so ist, erklärt unsere Expertin. „Das Problem ist: Wir Menschen sind grundsätzlich eher schlecht darin, unser eigenes Verhalten vorauszusagen“, so Kim Fleckenstein. „Ich kaufe ein Theraband und eine Faszienrolle, weil Instagram und Werbung mir sagen, dass ich schlank und fit sein muss. Nur habe ich vielleicht gar nicht die körperlichen Veranlagungen, um einen Waschbrettbauch auszubilden. Ich habe mich also total überschätzt und falle in ein tiefes Loch der Enttäuschung.“

Das ewigen Streben nach mehr Glück macht unzufrieden

Kim Fleckenstein

Unsere Expertin: Kim Fleckenstein ist Coach, NLP- Master und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie schreibt Bücher, z. B. „Ab heute lass ich endlich los“. Info: kimflecken- stein.com

Wir erkennen irgendwann gar nicht mehr, was eigentlich schon längst gut ist an uns und unserem Leben. Vielleicht träumen wir von einem Mann, der größer und witziger ist als unserer. Übersehen aber, dass der, den wir haben, uns Tee kocht, wenn wir krank sind, und mindestens einmal am Tag eine liebevolle SMS schreibt. Oder vielleicht hoffen wir schon seit Jahren, endlich befördert zu werden und ganz viel Geld zu verdienen. Obwohl wir eigentlich froh sind, dass wir jeden Abend so früh Feierabend machen können, dass immer Zeit für die Freundinnen bleibt.

„Glück ist kein Dauerzustand. Es ist menschlich, auch mal traurig zu sein“, sagt der Londoner Psychiater Rafael Euba.

Letztlich geht es darum, Grenzen zu erkennen – die eigenen, ganz persönlichen, aber auch die gesellschaftlichen. Nein, nicht jeder kann seinen Körper in die perfekte Form trainieren. Es kann auch nicht jeder singen, obwohl die Castingshows dieser Welt uns das weismachen wollen. Und es kann nicht jeder reich werden – auch wenn immer mehr Instagram-Sternchen diesen Eindruck erwecken. Eine Sehschwäche kann man beheben, ungeschickte Hände aber nicht. Haare kann man färben, zu kurze Beine aber nicht länger machen. Man kann sich gesund ernähren, aber das Altern nicht aufhalten. Und ganz ehrlich: Das macht überhaupt nichts! Im Gegenteil: „Wir sind nun mal keine Roboter, wir sind Menschen und werden nie perfekt sein und immer Fehler machen“, sagt Kim Fleckenstein. Es gibt also kein größeres Ziel, auf das man hinarbeiten, keinen Zustand des Glücks, den es zu erreichen gilt. Glück ist niemals dauerhaft.

Es geht eher darum, kleine Hinweise und Chancen wahrzunehmen, die das Leben uns anbietet. Serendipität heißt die Fähigkeit, einen Zufall in etwas Gutes zu verwandeln. Das kann man üben: Im Zug liest eine Frau Ihr Lieblingsbuch? Sprechen Sie sie an! Vielleicht entsteht ein interessantes Gespräch. Ihr Stammrestaurant ist voll, aber beim neuen Veganer nebenan gibt’s einen Tisch? Probieren Sie ihn aus! So schärft sich der Blick für das kleine Glück, auf das es wirklich ankommt.

Schweden empfinden Glück, wenn sie in der Natur sind – etwa mit ihrem Boot.

Kleine, aber feine Anreize fürs alltägliche Glück

  • Neue Reize sorgen für Hochstimmung im Gehirn. Es reicht schon, in der Dusche laut zu singen oder die Haare mit der linken Hand zu kämmen.
  • Öfter mal spazieren gehen: Aktiv sein und bleiben macht uns innerlich stark – und happy.
  • Tun Sie doch einfach mal gar nichts. Wenigstens fünf Minuten lang.
  • Anstatt zu sagen: „Das kann ich nicht“, fragen Sie sich: „Was kann ich gut?“ So lenken Sie den Blick auf Ihre Stärken. Jeder kann irgendetwas gut.
  • Essen Sie in einem Restaurant, ohne vorher die Karte zu studieren. Gehen Sie in ein Museum, ohne das Programm zu kennen. Wer sich selbst öfter mal überrascht, trainiert seine Bereitschaft, Glück an unerwarteter Stelle zu finden.
  • Ich trinke zu viel Kaffee oder bin immer zu früh: Wer zu seinen Macken steht, hat den Kopf frei für andere Dinge.
  • Was ist schön um mich herum? Finden Sie jeden Tag eine tolle Kleinigkeit.

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Datum: 30.10.2019
Autor: Jessica Kohlmeier

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