28. November 2020
Kuckuckskinder: Wenn die Wahrheit ans Licht kommt

Kuckuckskinder: Wenn die Wahrheit ans Licht kommt

Wie fühlt es sich an, wenn auf einmal klar wird: Papa ist gar nicht Papa? Zwei Betroffene über den Moment, der ihr Leben veränderte, als sie erfahren, dass sie Kuckuckskinder sind.

Kuckuckskinder: Wer bin ich?

Diese Frage haben wir uns wohl alle schon gestellt. Und das ist völlig normal, sagen Experten – denn der Wunsch, die eigene Identität zu erfassen und einzuordnen in ein größeres Bild, ist tief in uns verankert. Wir alle möchten wissen, woher wir kommen – um zu verstehen, was uns ausmacht. Was aber, wenn die eigenen Wurzeln nicht die sind, die sie zu sein schienen? Wenn sich herausstellt, dass der Mann, der oft viele Jahre lang die Vaterrolle einnahm, nicht der der biologische Papa ist? Kaum vorstellbar. Doch sogenannte Kuckuckskinder erleben genau das. Sie müssen lernen, mit der Entwurzelung umzugehen – jedes auf seine Weise. Bedrohlich ist sie allemal. Schließlich kommt die Wahrheit – für die meisten – wie ein Schlag aus dem Nichts.

Angekommen: Natalie Lange* (32)

"Lerne mehr über deine Vorfahren" – das ist der Slogan, mit dem eine bekannte Website für Ahnenforschung wirbt. Wie spannend, denkt Natalie. Und schickt eine DNA-Probe ein. Das Ergebnis aber, das ihr per Mail zugeschickt wird, bringt ihre Welt ins Wanken. Natalie sitzt gerade in einer Autobahnraststätte, als die Nachricht aufploppt. Darin steht, dass sie türkische Wurzeln hat – und dass der Mann, den sie als Vater kennt, nicht mit ihr verwandt sein kann. „Ich spürte, wie es mir den Boden unter den Füßen wegriss“, erzählt sie heute. „Ich weiß nicht mehr, wie ich es nach Hause geschafft habe.

Ich habe mich immer über meinen Papa identifiziert. Er war meine Welt – auch noch in den Jahren, nachdem meine Mutter sich von ihm getrennt hatte.“ Am Abend ruft Natalie ihre Mutter an.

„Aber die behauptete, das sei alles Quatsch. Das Labor habe sicher einen Fehler gemacht.“ In den Tagen darauf ist Natalie kaum ansprechbar. „Ich glaube, ich hatte einen Nervenzusammenbruch“, sagt sie heute. Dennoch fährt Natalie zu dem Mann, der sie aufwachsen sah. Und der zu diesem Zeitpunkt nichts ahnt. Vor seiner Tür bricht sie erneut in Tränen aus. „Der Weg zu meinem Herzenspapa war mein schwerster Gang. Ihm, dem einen, der alles für mich getan hat, die Wahrheit zu sagen – das tat mehr weh, als sie selbst zu erfahren.“ 

Obwohl sie emotional am Ende ist, sucht sie nach ihrem biologischen Vater. Über die Website werden ihr mögliche Verwandte angezeigt. Eine von ihnen stellt den Kontakt her. Natalie telefoniert mit ihm, ihrem biologischen Vater. Vereinbart ein Treffen. „Es war direkt eine Verbindung da“, sagt sie. „Noch heute schreibt er mir jeden Tag.“ Auch ihre genetische Familie konnte sie kennenlernen. Gut ein Jahr ist das nun her. „Ich bin froh darüber, wie mein Leben verlaufen ist“, sagt sie. „Meine Kindheit war sehr schön. Wer weiß, ob sie als Gastarbeiterkind so unbeschwert gewesen wäre.“ Nur eines treibt sie noch um: „Von der Mentalität her bin ich Deutsche, nicht Türkin. Dass dieses Gefühl komplett gegen meine Wurzeln spricht, verwirrt mich.“

Noch immer auf der Suche: Lina Aldinger* (36)

Die Eltern erzählen es ihr am Tag ihrer Scheidung. „Du bist ein Kuckuckskind, Lina“, sagen sie. Viel mehr sagen sie nicht. Mit ihrer Mutter und dem neuen Mann zieht sie ein paar Straßen weiter. Ihren Herzenspapa wird sie viele Jahre nicht wiedersehen. Lina Aldinger ist damals fünf Jahre alt. „Am schlimmsten war die Trennung von meinem sozialen Papa, den ich von jetzt auf gleich nicht einmal besuchen durfte“, erinnert sie sich. Angeblich, weil er nicht will. Eine Lüge, wie sich später herausstellt.

„Er wollte mich sehen, sogar adoptieren, erzählte mir meine Mutter sehr viel später.“ Doch der neue Mann der Mutter ist klar dagegen. „Das Kind braucht einen Schnitt“, sagt er. Und Linas Stiefvater ist sehr durchsetzungsstark. Niemand widersetzt sich ihm. Die Mutter nicht – und auch nicht der Mann, der fünf Jahre lang ihr Vater war. Immer wieder klettert Lina damals über den Zaun, läuft die Straße entlang zum Haus ihres sozialen Vaters, klingelt. Vergeblich. 

Mit 18 startet sie einen neuen Versuch, ihren Herzenspapa wiederzufinden. Von ihrer Mutter erfährt sie, wo er lebt. Sie ruft ihn an, er freut sich. Doch als sie dann endlich nach 13 Jahren wieder vor ihm steht, kommt alles anders als erwartet. „Ich weiß noch, wie unwohl und unwillkommen ich mich fühlte“, sagt sie heute. Statt herzlich und warm wirkt ihr Papa reserviert. „Seine damalige Frau fuhr mich irgendwann zurück zum Bahnhof und versicherte mir, dass er sich gefreut hätte. Er sei überfordert mit der Situation, einfach unsicher. Doch ich habe mich nach diesem Treffen nicht getraut, ihn noch einmal zu kontaktieren.“

Das sagt die Expertin, Psychologin Anja Paulmann

FS: Was ist die häufigste Reaktion, wenn Menschen erfahren, dass sie Kuckuckskinder sind?
Die, die vorab schon Zweifel hegten, fühlen sich oft erleichtert, wenn die Wahrheit auf den Tisch kommt, weil eine Last abfällt. Aber natürlich bleibt so ein Einschnitt ein kritisches Ereignis. Für Menschen, die nichts ahnen, ist die Wahrheit oft ein Schock, der sie in eine Krise stürzt. Die Reaktion hängt also davon ab, wie überraschend die Neuigkeit ist. Gleichwohl können beide Reaktionsmuster zeitgleich oder zeitlich verzögert auftreten.

FS: Was ist das Schwierigste, das ein Kuckuckskind bewältigen muss?
Dass es oft keine Unterstützung bei der Aufarbeitung innerhalb der Familie erfährt und das eigene Erleben der Wahrheit nicht ernst genommen wird. Die Betroffenen wollen etwas über die Umstände erfahren, um zu verstehen, wie es zu dieser Vaterschaft kam. Viele Mütter und soziale Väter blockieren das, weil die Thematik für sie abgeschlossen ist oder sie sie verdrängen.

FS: Gibt es Umstände, die eine Verarbeitung leichter machen?
Ja, wie in allen Krisen ist es hilfreich, offen darüber sprechen zu können. Es ist gut, Vertraute zu haben. Gesamtgesellschaftlich betrachtet wäre eine öffentliche Diskussion über das Thema wünschenswert, auch mehr Forschung.

FS: Sie haben eine Studie zu den Bewältigungsmechanismen durchgeführt. Konnten Sie dabei Ähnlichkeiten ausmachen? Die meisten Betroffenen suchen in dem emotionalen Chaos aktiv den Austausch mit den Eltern. Sie benötigen so viele Infos wie möglich, um eine neue Identität zu finden bzw. die alte anzupassen. Sie suchen das Gespräch aber auch, um die Beziehung der Eltern zu klären und zu stabilisieren. Auffällig ist, dass sich fast alle Kuckuckskinder mit ihren Eltern – auch dem genetischen Vater – aussöhnen möchten. 

*Namen auf Wunsch geändert
Text: Cora Remmert

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