8. Februar 2011
Sehnsucht nach Geborgenheit

Sehnsucht nach Geborgenheit

Ein schönes Wort – und ein noch schöneres Gefühl: Wer Geborgenheit spürt, ist stark. Wer sie vermittelt, gewinnt. Warum man anderen und sich selbst kein wertvolleres Geschenk machen kann

Sehnsucht nach Geborgenheit
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Sehnsucht nach Geborgenheit

Vergangene Woche traf ich mich mit meinem alten Freund Juan Antonio. Er ist Lehrer an einem Madrider Gymnasium und verbrachte ein paar Tage in Hamburg, um sein Deutsch aufzufrischen. Wir saßen im Café, der Regen prasselte gegen die Scheiben, und wir schlürften heißen Kakao aus altmodischen Tassen. „Ist das geborgen“, sagte Juan Antonio und strahlte. „Du meinst wohl eher gemütlich, oder?“, fragte ich und versuchte zu beschreiben, was das Wort „Geborgenheit“ eigentlich bedeutet – was gar nicht so einfach ist. Denn im Spanischen, wie auch in vielen anderen Sprachen, existiert es gar nicht. Geborgenheit beinhaltet Sicherheit und Schutz, aber noch viel mehr: Nähe, Wärme, Vertrauen, Zufriedenheit, Körperkontakt, innere Ruhe, Zugehörigkeit und Heimat – eben all das, was wir brauchen, um glücklich, ausgeglichen und leistungsfähig zu sein.

Die Macht der Berührung

DIE MACHT DER BERÜHRUNG

Babys und kleine Kinder können ohne Schutz, Fürsorge und Körperkontakt nicht überleben. Auch für Erwachsene ist Geborgenheit ein wesentlicher Faktor für Wohlbefinden und Gesundheit. Wer sich geborgen fühlt, spürt weniger Stress und entspannt leichter. Ein vielschichtiges Empfinden, das auf verschiedenen Wegen zu erreichen ist, zum Beispiel durch ein hohes Selbstvertrauen: „Damit fühlen wir uns in uns selbst geborgen und sicher“, erklärt Dr. Hans Mogel, Professor für Psychologie an der Universität Passau und einer der wenigen Experten, der diese komplexe und beglückende Gefühlslage wissenschaftlich erforscht.

Auch ein vertrautes Umfeld, eine stabile Bindung zu Kollegen, Freunden und Verwandten, kann Geborgenheit geben, ebenso finanzielle Sicherheit, die uns vor täglichen Existenzängsten bewahrt, und vor allem: viel liebevoller Körperkontakt. Eine angenehme Berührung, ein Streicheln, ein liebevoller Händedruck, zärtliche Umarmungen, Massagen – berühren wie berührt zu werden führt zur Freisetzung des „Wohlfühlhormons“ Oxytocin. Die lokale Durchblutung wird verbessert, gleichzeitig nimmt die Konzentration des Stresshormons Cortisol ab, Blutdruck und Pulsfrequenz sinken. „Geborgenheitsempfindungen sind ganz heitlich. Wir nehmen sie mit allen Sinnen wahr, mit Körper, Geist und Seele gleichermaßen“, erklärt Mogel.

Der Wert der Beständigkeit

DER WERT DER BESTÄNDIGKEIT

Geborgenheit schützt und wärmt die Seele wie ein dicker, kuscheliger Mantel den Körper. Wird er fadenscheinig, frieren wir. Immer mehr Menschen beklagen die zunehmende Kälte im Miteinander und in der Gesellschaft. In Zeiten, in denen Geld knapp, die Wirtschaft unberechenbar ist und der Job am seidenen Faden hängt, werden verbindliche, enge Kontakte zu Ausnahmen. Wir sind auf dem Sprung und misstrauisch: Wer weiß, welche Krisen und Enttäuschungen die Zukunft bereithält? Vieles, das Menschen in der Vergangenheit Geborgenheit geschenkt hat, befindet sich in Auflösung: die Heimat, verbindliche Werte, lebenslange Beziehungen, die Verbundenheit mit einer Firma.

Der Frankfurter Psychoanalytiker Robert Schurz diagnostiziert in einem Essay: „Eine wesentliche Gefährdung der menschlichen Psyche liegt im Verlust der Geborgenheit.“ Weiter erklärt er: „Geborgenheit entsteht durch Bekanntheit, Gewöhnung, Vertrauen und beständige Interaktion. Nun ist unsere Zivilisation aber geprägt durch einen beständigen Wechsel der Lebensumstände, was verharmlosend als Flexibilität und Mobilität ausgegeben wird.“ Auf den Verlust von Geborgenheit reagiere die Psyche mit Angst, so der Psychoanalytiker. Tatsächlich nehmen nicht nur psychische Erkrankungen, sondern auch psychisch bedingte Arbeitsausfälle stark zu: „In den letzten zehn Jahren gibt es eine Steigerung um 80 Prozent“, sagt Helmut Schröder, einer der Herausgeber des „Fehlzeiten- Report 2010“ der AOK.

Die Wärme der Familie

DIE WÄRME DER FAMILIE

Laut einer Umfrage des Instituts Emnid für den WDR setzen 77 Prozent der Deutschen den Begriff „Heimat“ mit Familie gleich. Und das, obwohl Familie heute längst nicht mehr automatisch „Vater, Mutter und zwei Kinder“ bedeutet, sondern jede dritte Ehe geschieden wird und jedes Jahr etwa 150 000 Kinder eine Trennung erleben. Warum dennoch eine Mehrheit Sicherheit und Schutz in dieser Institution sucht und auch findet, erklärt die Hamburger Psychologin Dr. Angelika Faas so: „Alternative Familienformen haben zwar unter Umständen schwierigere Rahmenbedingungen als die klassische Familie.

Aber die Chance auf Glücksgefühle und Lebenszufriedenheit ist bei ihnen genauso groß wie in allen konventionellen Familien auch.“ Geborgenheitsforscher Hans Mogel hat festgestellt: „Je älter wir werden, desto bedeutsamer wird die Familie für unsere Geborgenheitsgefühle, besonders gilt das für Frauen. Vielleicht, weil uns im höheren Alter immer bewusster wird, was für ein Schatz es ist, mit seinen Lieben vereint zu sein, egal ob als Patchwork-, Groß-, Klein- oder Ein-Eltern-Familie mit vertrauten Freunden.“

Der Zauber der Jahreszeiten

DER ZAUBER DER JAHRESZEITEN

Die Tage sind kurz, Nieselregen hält uns davon ab, die Wohnung zu verlassen. Im Herbst und Winter orientieren wir uns räumlich und seelisch stärker nach innen – und die Sehnsucht nach Geborgenheit wird größer. Kaum einer hat dieses Gefühl so wunderbar eingefangen wie Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Herbsttag“: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ Im unwirtlichen Herbstwetter und der winterlichen Dunkelheit spüren wir die Verletzlichkeit des menschlichen Daseins doppelt. Die beste Zeit also, um unsere Lieben – und vielleicht auch die neue Nachbarin – zur Kaffeerunde oder zum Abendessen einzuladen. Und wenn alle wohlig satt sind und sich gute Gespräche entwickeln, erwächst aus der Gemütlichkeit gar nicht so selten – Geborgenheit.

Ein wertvolleres Geschenk kann man sich selbst und anderen kaum machen. Und so ist es kein Wunder, dass „Geborgenheit“ in einem internationalen Wettbewerb einst zum zweitschönsten Wort der deutschen Sprache gekürt wurde. Juan Antonio nippt an seinem Kakao, schaut auf die verregnete Scheibe und schüttelt den Kopf: Nein, er meine nicht „gemütlich“, sondern „geborgen“. „Geborgenheit – es una palabra muy bonita!“, sagt er: ein sehr schönes Wort – und ein noch schöneres Gefühl.

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