13. Juni 2012
Kinderlos in Deutschland

Kinderlos in Deutschland

Frauen, die nicht Mutter sind, gelten häufig als egoistisch. Oder sie ernten mitleidige Blicke. Bestseller-Autorin Tanja Kinkel kennt sich mit beidem aus – und ist es endgültig leid.

Kinderlos in Deutschland: Eine Frau möchte keine Kinder haben und schirmt Vorurteile von sich ab
© istockphoto
Kinderlos in Deutschland

Wenn ich frühere Klassenkameraden wiedertreffe oder nach längerer Zeit bei Familienfeiern meine Onkel und Tanten wiedersehe, werde ich immer wieder gefragt: „Und, wie sieht es aus? Wird es nicht bald Zeit für dich, eine Familie zu gründen?“ Auch neue Bekanntschaften landen spätestens bei der zweiten oder dritten Frage beim Thema: „Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder?“ Auf mein Nein folgt dann oft Erstaunen. Kaum jemand glaubt, dass eine Frau über 40 hundertprozentig glücklich sein kann, wenn sie nicht in einer festen Beziehung lebt und Nachkommen hat. Warum eigentlich? Es käme mir nie in den Sinn, die Wertigkeit anderer Menschen darüber zu definieren.

Natürlich denke ich manchmal über mein Alter nach, über meine abnehmende Fruchtbarkeit. Ich bin 42, wahrscheinlich werde ich kinderlos bleiben. Aber ist das denn so schlimm? Bin ich ein Egoist, weil ich keine Kinder habe? Fehlt meinem Leben dann der Sinn? Ich finde: Nein! Auch wenn mir manche etwas anderes einreden wollen. Ich habe das große Glück, einen Beruf zu haben, der mich erfüllt – und durch meinen Erfolg kann ich etwas für andere erreichen. Ich glaube an die soziale Gemeinschaft und bin absolut dafür, sich für die nächste Generation einzusetzen. Aber es gibt verschiedene Arten, das zu tun: Manche gründen eine Familie, andere finden es sinnvoller, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Besser, als zwanghaft Kinder selbst zu zeugen und sie in eine Welt zu setzen, in der sie häufig nicht wirklich willkommen sind, ist es meiner Ansicht nach, jene Kinder zu unterstützen, die bereits auf der Welt sind. Auf unserer Erde leben viele Millionen Kinder in größter Not. Deshalb habe ich den Verein „Brot und Bücher“ mitgegründet. Damit setzen wir uns für die Bildung von Kindern in der Dritten Welt ein und helfen in Deutschland dem Erich-Kästner-Kinderdorf, das körperlich und seelisch missbrauchten Kindern ein neues Zuhause gibt.

Ich verstehe zwar, warum ein Staat wie Deutschland daran interessiert ist, dass möglichst viele Kinder geboren werden. Irgendeiner muss ja schließlich die Parteien, den Staatshaushalt und später unsere Rente zahlen, uns im Alter pflegen und ernähren. Aber deswegen darf man doch nicht mit einer Sondersteuer für Kinderlose liebäugeln, wie es einige Politiker tun! Als Historikerin kann ich nur den Kopf schütteln: Was für eine hoffnungslose Idee... Das hat schon der römische Kaiser Augustus versucht, als er Bußgelder für Kinderlose einführte. Was sich dadurch vor allem vermehrte, war die Anzahl der Ehescheidungen.

Und ganz abgesehen davon: Der Staat engagiert sich selbst doch viel zu wenig. Jeden zweiten Tag wird in Deutschland ein Kind unter sechs Jahren umgebracht – aber um vernachlässigte und misshandelte Kinder zu retten, fehlt es den Kontrollorganen an Geld. Auch die bessere Ausstattung von Kindergärten und Schulen sowie die angemessene Honorierung von Kindererziehern scheitern am Geld. Stattdessen investiert Deutschland in Rüstung, in neue Steuerbeihilfen für Großkonzerne oder Agrarbarone. Wenn ich mir das verdeutliche, dann habe ich Verständnis für alle, die keine Kinder in dieses Land setzen.

Sicher, ab und zu gibt es Situationen, in denen ich es bedaure, keine Kinder zu haben. Wenn ich zum Beispiel an einem schönen Tag Eltern mit ihren Sprösslingen im Park beobachte, denke ich manchmal: „Ach, es wäre schön, wenn ich das auch hätte!“ Aber dieses Gefühl führt ganz sicher nicht dazu, dass ich nach Hause laufe, mich an den Computer setze und eine verzweifelte Annonce verfasse: „Single-Frau, 40 plus, sucht Vater für künftige Kinder – möglichst schnell!“ Ich hätte mir durchaus vorstellen können, Mutter zu werden. Wenn ich mir hätte sicher sein können: Mein Partner wird immer für sein Kind da sein – was auch immer zwischen uns passieren mag. Aber dieser Mann ist mir nicht begegnet.

Kinderlos in Deutschland:

Wie viele Frauen in Deutschland haben keine Kinder?

Von den heute 44- bis 48-jährigen Frauen haben rund 21 Prozent keine Kinder. Solche hohen Werte erreichen in Europa sonst nur Österreich und die Schweiz.
Bei älteren Generationen ist dieser Anteil übrigens deutlich geringer: Nur elf Prozent der heute 69- bis 79-jährigen Frauen in Deutschland sind kinderlos geblieben.
Quelle: Statistisches Bundesamt

Mit Egoismus hat meine Kinderlosigkeit nichts zu tun. Genau dieses Vorurteil – ich sei eine Karrierefrau, die nur an sich denkt und deshalb keine Kinder hat – ist mir aber schon oft begegnet. Ich empfinde diese Argumentation als rückständig und engstirnig. Offensichtlich sind wir das klassische Rollenbild noch nicht ganz losgeworden. Es wird propagiert, Frauen sollten selbstlos sein, sich der Kindererziehung widmen – alles andere sei selbstsüchtig. Ich frage Sie (und das ist eine rhetorische Frage): Werden Männer, die Karriere machen, für selbstsüchtig gehalten? In Sachen Emanzipation muss sich hierzulande noch viel bewegen!

Immerhin: Ich habe den Eindruck, dass ein Wandel in der Gesellschaft stattfindet, ein Prozess in Gang gekommen ist, dass Vorurteile gegenüber Anderslebenden langsam abgebaut werden: Wir haben derzeit eine kinderlose Kanzlerin, die in zweiter Ehe verheiratet ist, einen Außenminister, der bekennender Homosexueller ist, und einen Bundespräsidenten, der als Pastor in wilder Ehe lebt – und diese Regierung gilt als konservativ! Das macht doch Mut für die Zukunft, oder?

Biologische Gründe Spielen kaum eine Rolle

INTERVIEW: Prof. Dr. Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, selbst zweifache Mutter, hat sich intensiv mit Kinderlosigkeit in Deutschland beschäftigt.

Warum bleiben immer mehr Frauen kinderlos? Macht uns die Natur zunehmend einen Strich durch die Rechnung?

Nein, das ist ist nicht der Hauptgrund. Nur etwa fünf Prozent aller Frauen können biologisch bedingt keine Mutter werden. Es gibt aber deutlich mehr kinderlose Frauen – bei den heute 44- bis 48-Jährigen sind es gut 20 Prozent.

Aus welchen Gründen entscheiden sich diese Frauen denn gegen Kinder? Heute heißt es ja oft, dass die Geburtenrate in Deutschland höher wäre, wenn man Kinder und Job besser unter einen Hut bekäme.

Die Unvereinbarkeit von „Kind und Karriere“ spielt tatsächlich eine große Rolle bei diesem Thema. In Ländern, in denen es gute Ganztags-Betreuungsplätze gibt, in denen Müttern die Rückkehr in die Arbeitswelt also erleichtert wird, ist die Geburtenrate höher als bei uns. Frankreich gehört zum Beispiel dazu, Belgien auch. Und die skandinavischen Länder. Anders als bei uns sind dort auch weniger Leute der Meinung, dass es dem Kleinkind schadet, wenn die Mutter erwerbstätig ist.

Deutschland hinkt in dieser Hinsicht wirklich hinterher. Und setzt jetzt mit dem Betreuungsgeld für Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita geben wollen, sogar noch einen drauf.

Allerdings! Wir waren gerade dabei, die Wiedereinstiegsmöglichkeiten für Mütter durch den Ausbau von Kleinkinderbetreuung zu verbessern. Und jetzt will man fürs Zuhausebleiben eine Prämie zahlen – angeblich, damit die Wahlfreiheit erhalten bleibt. Das ist doch weder Fisch noch Fleisch.

Was sagen Ihre Kollegen dazu?

Kaum jemand aus der Wissenschaft hält das Betreuungsgeld für eine sinnvolle und zeitgemäße Maßnahme.

Stimmt es eigentlich, dass wir Deutschen aussterben, wenn weiterhin so wenige Kinder geboren werden?

Ich halte die Debatte für müßig. Das Problem ist nicht, dass wir aussterben. Das Problem ist vielmehr, dass wir überaltern. Deshalb ist es sinnvoll, Gründe für die Kinderlosigkeit zu untersuchen. Aber man darf Paare nicht dazu drängen, Kinder zu bekommen, um das Rentensystem zu retten.

Sie selbst haben zwei Töchter, die vier und sieben Jahre alt sind. Wie bekommen Sie Familie und Beruf unter einen Hut?

Ich lebe in Rostock. Im Osten Deutschlands ist das Betreuungssystem für kleine Kinder viel besser ausgebaut als in Westdeutschland. Man wird dort – anders als im Westen – auch nicht als Rabenmutter betrachtet, wenn man Vollzeit arbeitet. Ich bin also kein „bunter Vogel“, sondern eine von vielen.

Die Leserbriefe zu diesem Artikel finden Sie hier.

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