Ist Retinol wirklich eine Wunderwaffe gegen Falten?

Ist Retinol wirklich eine Wunderwaffe gegen Falten?

Niemand trägt gern Falten im Gesicht, auch wenn wir die Zeichen der Zeit, und unserer Lebensweise, natürlich nicht aufhalten können. Aber muss man sich nun komplett geschlagen geben? Retinol soll DIE Wunderwaffe gegen Falten sein – aber ist das wirklich so? Wir haben Dermatologin und Venologin Dr. Estefanía Lang, Ärztin von Dermanostic gefragt!

Ist Rentinol WIRKLICH eine Wunderwaffe gegen Falten? Unser Interview mit Dermatologin Dr. Estefanía Lang

FS: Was ist Retinol und ist die Wirksamkeit wirklich bestätigt?

Dr. Lang: Retinol stammt aus der Gruppe des Vitamin A. Das fettlösliche Vitamin wurde bereits 1913 entdeckt und 20 Jahre später aus der Leber von Fischen isoliert. Seitdem wurde in zahlreichen Studien die Wirksamkeit im Bereich der Zellerneuerung nachgewiesen und in medizinischer Literatur festgeschrieben. Deshalb ist Retinol eines der am häufigsten eingesetzten Antioxidantien in der Kosmetikindustrie

FS: 
Für welche Altersgruppe ist Retinol, auch bekannt als Vitamin A, geeignet bzw. ab welcher Faltentiefe? Manche Frauen sehen mit 50 frischer aus als 30-Jährige … Ist Retinol vorbeugend ratsam?

Dr. Lang: 
Der Hautaufbau in der Oberfläche (Epidermis) und in der Tiefe (Dermis) ist von Frau zu Frau individuell. In der heutigen Zeit ist eine Vielzahl an ästhetischen Behandlungsmöglichkeiten etabliert. Dazu zählen Botulinumtoxin (im Volksmund als Botox® bekannt), Filler (z.B. Hyaluronsäure) und Fadenlifting (Fäden unter der Haut zur Straffung). Ein erfahrener Arzt kann durch solche Behandlungen tatsächlich tiefe Falten aufheben, ohne dass der Betrachter die Behandlung wahrnimmt.

Das Ergebnis sieht natürlich aus, wenn die Dosis stimmt. Solche Behandlungen werden jedoch in der Gesellschaft kontrovers diskutiert. Retinol kann das Hautbild verfeinern, Poren wirken dadurch kleiner. Tiefe Falten kann Retinol jedoch nicht aufheben. Besser ist eine Prävention durch regelmäßige Anwendung solcher Präparate, sodass kleine Knitterfalten (z.B. um die Mundpartie) gezielt vorgebeugt werden. Die Pflege mit Retinol kann ab dem 25.-30. Lebensjahr präventiv begonnen werden. 

estefanialang.jpg
© Dr. Estefanía Lang
Dr. med. Estefanía Lang, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie absolvierte ihre Facharztausbildung an der Hautklinik der Universitätsklinik Düsseldorf. Sie promovierte mit magna cum laude und publizierte darüber hinaus in international renommierten Fachbüchern (Harrisons Innere Medizin und Bolognias Dermatology). Mehr Informationen über www.dermanostic.com.
Nebenberuflich gründete sie DERMA-TO-LOGIN, eine Online-Plattform mit Kursen und Podcasts für Ärzte. Sie ist seit Jahren im ambulanten Bereich der Dermatologie mit Schwerpunkt Hauttumoren tätig.

FS: 
Zeigt frei verkäufliche Kosmetika mit Retinol überhaupt eine Wirkung? Vielfach sind ja nur Derivate, beispielsweise in Form von Retinyl-Palmitat enthalten, während beim Hautarzt oder der Kosmetikerin Retinoide verwendet werden, die mehr aktive Eigenschaften zeigen.

Dr. Lang:
 Die Wirkung von Retinol und Retinoiden ist in zahlreichen internationalen Studien erwiesen.
Aber Achtung: Retinol ist nicht gleich Retinoide. Retinoide werden ausschließlich ärztlich verschrieben und können als Kapseln eingenommen oder als Creme aufgetragen werden. Sie haben entzündungshemmende Eigenschaften und bremsen die Aktivität der Talgdrüsen. Es kommt zu einer Besserung der Akne und anderen Erkrankungen, die durch eine erhöhte Talgdrüsenaktivität entstehen. Retinoide haben einen stärkeren Effekt als Retinol, welches im Bereich Kosmetologie verwendet wird und im Drogeriemarkt u.a. erworben werden kann.

Retinol-Ester (= Retinyl Palmitate, Retinyl Linoleate, oftmals inkorrekterweise als Retinol Palmitate genannt) stellen eine Retinol-Vorstufe dar, die in der Haut mittels einer chemischen Reaktion in Retinol umgewandelt wird. Anders gesagt: Retinyl-Palmitat ist eine inaktive Form des Retinols, daher weniger potent und somit sanfter zur Haut. Denn je nach Hauttyp kann Retinol zu Entzündungen führen im Sinne von Rötungen oder spannender und ggf. auch schuppiger Haut. Daher ist Retityl-Palmitat eine sanfte Alternative.

Reines Retinol oxidiert zu einer Zwischenstufe und dann zur Retinolsäure (Tretinoin). Bei Retinol wird empfohlen, eine geringe Konzentration zu wählen, sodass es nicht zu reizend wirkt. 

FS: 
Sind Retinol-Produkte für alle Hauttypen geeignet, vor allem die verschreibungspflichtigen, konzentrierten Produkte?

Dr. Lang: 
Bei empfindlicher Haut sollte eine Verwendung von Konzentrationen in einer sehr geringen Dosierung gestartet werden und maximal auf 0,3% Retinol steigern. Trotzdem können Hautveränderungen in Form von Flecken, Trockenheit, Schuppung, Rötung und Sonnenempfindlichkeit auftreten. Diese Symptome führen aufgrund von Irritationsreaktionen häufig zu einem eingeschränkten Nutzen der Produkte sowie zu einer verminderten Nutzung (2). Verschreibungspflichtige Produkte bedürfen immer einer ärztlichen Konsultation – vor Ort oder per App, da falsche Anwendungen im schlimmsten Fall zu Rissen in der Haut führen könnnen.

FS: 
Kann man Retinol-Produkte mit anderen Kosmetika unbedenklich kombinieren oder muss man mit Wechselwirkungen rechnen. Wenn ja, welche Kombinationen sollte man meiden?

Dr. Lang:
 Retinol führt zu einer gewünschten Reizung der Haut – dadurch wir die Zellerneuerung stimuliert und das Hautbild verfeinert sich. Zusätzliche reizende Stoffe, wie z.B. Vitamin C sollten nicht unmittelbar in hohen Dosen kombiniert werden. Ein Peeling vorab kann verhelfen, dass das Retinol in die Tiefe gelangt. Gleichzeitig besteht ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Hautausschlages mit ggf. Schuppung, da die Haut nun deutlich empfindlicher ist. 

Daher sollte man die frei verkäuflichen Kosmetika mit Retinol von den ärztlich verordneten Retinolen unterscheiden. Bei den in frei verkäuflichen Kosmetika verwendeten Retinol kann man andere Kosmetika auftragen. Bei den ärztlich verschriebenen Retinoiden können Patienten Sonnenschutz- und Tagescremes problemlos anwenden. Bei der Kombination mit Präparaten wie Vitamin C sollten Patienten zurückhaltend sein, denn oftmals kann beides zusammen je nach Dosis zu einer ungewünschten Hautreizung führen.

 

Was ist eigentlich Hyaluronsäure?
Hyaluronsäure steckt in vielen Kosmetikprodukten und gilt als Anti-Aging-Wunder. Sie spendet und bindet Feuchtigkeit und soll Falten mindern. Doch was genau ist...
Weiterlesen

FS: 
Früher hieß es oft: Anti-Aging-Produkte sind überflüssig, weil sie gar nicht in die tieferen Hautschichten eindringen und wirken können. Sie seien eine reine Marketing-Erfindung. Eine normale Tagespflege würde es auch tun. Stimmt das überhaupt noch so? Schließlich werden wir mit High-Tec-Produkten so überflutet, dass man kaum noch weiß, was WIRKLICH hilft.

Dr. Lang: 
Die Antwort ist einfach. Die obere Hautschicht (Epidermis) kann durch Hautpflege und Kosmetika gut gestärkt werden. Durch rückfettende Maßnahmen können weniger Viren, Pilze und Bakterien die Haut durchdringen. Um Wirkstoffe in die Tiefe zu bringen, sollte die Creme sogenannte Nanopartikel enthalten. Peelings und Massagen können dies ebenso fördern, die Ergebnisse sind jedoch nur geringfügig messbar. 

Deutlich wichtiger ist eine Pflege von innen und außen, sodass die Wirkstoffe, die wir als Antioxidantien kennen (wie Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E) durch die Blutbahn die Zellen erreicht. Eine gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse ist essentiell für ein strahlendes Hautbild. Ein Beautygeheimnis: ein frisch gepresster Orangensaft täglich sowie Tomatenmark anstatt Butter als Brotaufstrich wählen. Und dennoch gilt: eine Unterstützung von außen kann den letzten Schliff verleihen. 

FS: Beauty-Mythen – nennen Sie uns jeweils ein Beispiel: Welche Pflege, Beauty-Routine etc. ist im Kampf gegen Falten wirklich wirksam und was ist Quatsch?

Dr. Lang: 
Das wirksamste Mittel gegen Hautalterung ist der Sonnenschutz. Daher sollten täglich Produkte verwendet werden, die sowohl gegen UVA als auch UVB wirken. 
Ein Mythos ist, dass mehrfache tägliche Gesichtswäschen und häufige Peelings einen langanhaltenden Verjüngungseffekt haben. Tatsächlich kann ein Austrocknen der Haut die Folge sein, da die schützende Lipidschicht (Fettschicht) weggewaschen wird. 

Was gut hilft: Eine Pflege am Abend mit Wirkstoffen, die in Studien sich als wirksam erwiesen haben. Als Feuchtigkeitsspender eignen sich Hyaluronsäure, Panthenol (Provitamin B5) und Milchsäure (Lactat) und als hautverfeinernd L-Ascorbinsäure (Vitamin C), Niacinamid (Vitamin B3), α-Tocopherol (Vitamin E) und Retinyl-Palmitat sowie Retinol (Vitamin A-Derivate). Fazit: morgens UV-Schutz auftragen und vor dem Schlafengehen das Gesicht mit lauwarmem Wasser waschen und anschließend mit einem Produkt eincremen, was man gut verträgt und im besten Falle einige dieser Stoffe enthält.

Tanja Seiffert: Vielen Dank für das Interview!

 

Bibliographie:
1. McCollum & Davis. The necessity of certain lipids during growth. J Biol Chem 2013. Bd. 15, S. 167–175.
2. McDaniel DH, Mazur C, Wortzman MS, Nelson DB. Efficacy and tolerability of a double-conjugated retinoid cream vs 1.0% retinol cream or 0.025% tretinoin cream in subjects with mild to severe photoaging. J Cosmet Dermatol. 2017 Dec;16(4):542-548.

Lade weitere Inhalte ...