Persönlichkeit: Wer bin ich wirklich?

Wer bin ich wirklich? Ein Leben, viele Ichs!

Es ist gar nicht so leicht, in jeder Situation authentisch zu sein. Und sich wohlzufühlen. Häufig fragt man sich: Wer bin ich wirklich? Denn ein Leben hat viele Ichs ... Doch das lernt man, indem man in sich hineinhorcht. So bleiben Sie bei sich!

Frau am Strand
© adobestock
Wer bin ich wirklich? Ein Leben, viele Ichs!

Rollen sind nützlich

Mit Freundin A gehen die Gespräche leise, fast literarisch, mit B gibt’s zuweilen derbes Gelächter und handfeste Themen. Mit C schwimmt man beim Tee im Bioladen auf der Naturwelle, mit D geht’s Stilettos tragend in die angesagte Gin-Bar. Und immer fühlt man sich gut. Das kann irritieren: Welches dieser vielen unterschiedlichen Ichs bin ich wirklich?

Irgendwann stellt sich diese Frage wohl jeder mal. Dabei scheint Skepsis oder sogar ein Vorwurf mitzuschwingen: Schauspielere ich manchmal nur? Bin ich vielleicht nirgendwo wirklich „echt“? Entwarnung gibt der Wuppertaler Psychiater Dr. Michael Depner. „Menschen sind wandelbar“, sagt er und zitiert dann keinen geringeren als William Shakespeare. Der nicht nur wusste, dass die Welt eine Bühne ist, sondern auch: „Players have their exits and their entrances“ (die Spieler haben ihre Ausgänge und Eingänge). Heißt: Stimme, Körperhaltung oder Blick können sich im Zuge eines Rollenwechsels blitzartig verändern. Rein in die jeweilige Szene. Raus aus der Szene. „Ob sich der Wechsel bemerkt oder unbemerkt vollzieht, entscheidet mit darüber, ob wir uns in uns und mit uns wohlfühlen“, erklärt Depner. Und dass „bewusst gespielte und im Idealfall sogar genossene Rollen“ der seelischen Gesundheit zuträglich seien. Im Gegenteil dazu könnten uns Rollen, die automatisiert ablaufen, schaden.

Siehe die Frau, die sich freizügig gibt, obwohl sie sich nach einer festen Partnerschaft sehnt – und die sich jahrelang wundert und beklagt, dass sie immer wieder an „die falschen“ Männer gerät. Einfach weil sie die verkehrten Signale sendet und auf diese festgelegt zu sein scheint. Fachleute sprechen von reflexartig wiedergegebenen Verhaltensmustern, die neben unserem echten, authentischen Ausdruck möglich seien. Und erklären, dass wir uns oft nur deswegen auf eine bestimmte Art und Weise geben würden, weil wir gelernt hätten, auf Bühnenapplaus zu warten. Auf diesen einen, hoffentlich wiederkehrenden Applaus.

In Krisenzeiten: Wie finde ich den richtigen Therapeuthen?

Wer bin ich wirklich?

Dabei gehört es ja gerade ein Stück weit zum Menschsein dazu, bislang unbekannte Bühnen zu betreten, einfach mal etwas Neues auszuprobieren – und eben nicht so zu reagieren, wie andere es von uns erwarten. Oder, noch wichtiger, wie wir selbst es von uns erwarten. Wir Erwachsenen sind einfach aus der Übung geraten – auch so könnte man es sehen. Waren schließlich mal das kleine Mädchen, das sich die selbst gebastelte Krone aufsetzte und mit „Ich bin eine Prinzessin“ Respekt einforderte. Waren der Junge, der das Klettergerüst zur Burg erklärte und sich selbst zum Ritter. Kinder brauchen dieses Ausprobieren, um ihren Platz im Leben zu finden, besagt die Entwicklungspsychologie. „Auch Erwachsene sollten sich ruhig immer mal wieder vor Augen führen, dass Rollen Werkzeuge sind, ohne die kein Mensch zurechtkäme“, sagt Michael Depner. Und dass es neben dieser einen stets viele weitere Möglichkeiten gibt zu sein. Mal nicht die Quirlige vielleicht. Die Leidende. Der Klassenkasper.

Das Potpourri ist bunt, nicht nur psychologisch – auch gesellschaftlich gesehen. Von einer „Multioptionsgesellschaft“ spricht der Soziologe Wolfgang Engler. Was so viel heißt wie: Anders als früher leben wir heute deutlich selbstbestimmter als in feudalen Gesellschaften, in denen die Geburt die soziale Rolle definierte. „Jeder bemüht sich und ist zugleich gezwungen, zum Erfinder seines sozialen Selbst zu werden“, sagt Engler. Logisch, die Möglichkeit zu wählen verheißt uns Freiheit. Aber es kann auch Druck aufbauen, wenn nicht klar geregelt beziehungsweise zumindest zwischen den Zeilen vorgegeben ist, wie man zu sein oder sich zu verhalten hat.

Raus aus der Zwangsjacke

Sprunghaft und schnelllebig, herausfordernd und Selbstdarstellung einfordernd – so ist sie, unsere Zeit. Und verlangt uns einiges ab. Das muss man aber nicht unreflektiert annehmen. Weniger Marionette sein, mehr Macher – damit ist man gerade in diesen Tagen generell gut beraten. „Genau damit kommen wir vom Rollenspiel in die Authentizität“, sagt dazu Dr. Depner. Tragen statt der Zwangsjacke einen Mantel, den wir gelegentlich auch mal an den Haken hängen können. Um dann vielleicht den Parka zu nehmen. Der Psychiater spricht vom selbstbewussten und zwanglosen Spiel mit den verschiedenen Facetten des eigenen Wesens. Eine von Schauspielern gern angewandte Übung kann helfen, das eigene „Rollen-Repertoire“ oder auch „RollenPotenzial“ zu durchleuchten: die abendliche Rückschau.

Dabei kommt es darauf an, sich in der Abfolge des Tages rückblickend so genau wie möglich zu beobachten: Wie bin ich in diese oder jene Situation gegangen? Wie habe ich mich da bewegt, gelacht, gesprochen? Manchmal hilft es, sich einem imaginären Gesprächspartner mitzuteilen. Das macht die Außenschau konkreter, und man bekommt ein Gefühl dafür, wie man zwischen den Rollen switcht. Von der eben noch bestimmt auftretenden Kundenbetreuerin zum Kind, das auch mit Mitte 40 in Gegenwart des Vaters wieder klein wird. Oder von der toughen Chefin, die nach Feierabend, als Mama, fürsorglich und weicher wird.

Welche Rolle mach ich?

Mit etwas Training gelingt es, die Übergänge zu erkennen. Um sich dann zu fragen: Welche meiner Rollen mag ich überhaupt? Und welche wäre ich lieber heute als morgen los? Michael Depner geht in Therapiegesprächen noch weiter und versucht, mit den Klienten zu ergründen: Was steckt dahinter, wenn ich mich immer wieder so oder so verhalte, obwohl ich es eigentlich gar nicht will? „Die Opferrolle, ein Klassiker, hängt zum Beispiel oft mit einer Kindheit zusammen, in der klein gehalten oder gar misshandelt wurde.“

Doch der Experte mahnt zur Vorsicht: „Nicht immer lassen sich Rollen biografisch erklären.“ Menschen kämen bereits mit einer gewissen „Grundausstattung“ zur Welt. Da gibt es zum Beispiel tatkräftige und eher abwartende Typen. Je nachdem, was im späteren Leben für Erfahrungen gemacht würden, könnten sich angelegte Muster verstärken. Der Tatkräftige, der trotz größter Anstrengungen immer wieder scheitert, braucht vielleicht einen Sündenbock. Der Schüchterne, der in Gruppen stets untergegangen ist, hat gelernt: Wenn ich den tollen Hecht mime, nimmt man mich eher wahr. Grundsätzlich ist gegen solch schützende Strategien nichts einzuwenden, sagt Dr. Depner. Vorausgesetzt allerdings, eine Rolle bleibt Rolle und wird nicht zum Stereotyp. Genau das passiert, wenn man aus einem bestimmten Verhaltensmuster nicht mehr herauskommt. Wenn das „liebe Kind“ zum Beispiel lieb bleibt, obwohl die Rolle eindeutig Nachteile mit sich bringt, etwa in Meetings mit lauter gestandenen Frauen. Oder wenn ein unfreundlicher Kellner die Suppe vor ihm hinknallt. Wo der authentische Mensch Grenzen zieht, bleibt das stereotype liebe Kind durchgängig weich.

Unliebsame Rollen ablegen

„Gezielte therapeutische Fragen“, die stereotype Rollen aufbrechen können, empfiehlt Dr. Depner. Das kann man auch zu Hause für sich allein probieren: Was willst du mit diesem immer wiederkehrenden Muster erreichen? Willst du diese Rolle wirklich weiterspielen? Wie kämst du möglicherweise anders ans Ziel? Der daraus folgende Schritt ist etwas schwieriger: zu versuchen, sich des gewohnten Musters in der nächsten herausfordernden Situation gerade nicht zu bedienen. „Drehpunkt“ nennt man es im Theater, wenn ein Schauspieler gezielt einen Haltungs- und Stimmungswandel vollführt. Wenn er, der eben noch fröhlich und ausgelassen agierte, auf der Bühne melancholisch wirkt. Oder umgekehrt. Mit etwas Übung kann das auch im Alltäglichen gelingen. Was nicht heißt, dass wir einen tief in uns angelegten Charakterzug grundsätzlich zu manipulieren vermögen. Aber der Weite und Wandelbarkeit des eigenen Inneren eine Chance geben und damit unliebsamen Rollen weniger Macht, das geht.

Trauen wir uns also ruhig mal was. Sprachlich, stimmungsmäßig und auch sonst. Indem wir uns im Gespräch einen Tick offener geben, Themen von uns aus ansprechen, bei der Party eben nicht wie sonst abwartend irgendwo am Rand stehen bleiben, sondern tanzen gehen. Der kurzfristig wie luftleer erscheinende Raum, der entsteht, wenn das vertraute Verhaltens-Repertoire wegfällt, ist ein Teil dieses Prozesses, sagt Dr. Michael Depner. Genau darum gehe es: diesen Moment der Unsicherheit auszuhalten. „Denn in diesem Vakuum werden wir kreativ. Geben wir uns die Möglichkeit, uns neu zu erfinden.“ Und das keineswegs nur, indem wir alte Rollen fallen lassen. Schon das gewachsene Bewusstsein um die eigene Vielschichtigkeit bringt uns ein Stück mehr zu uns selbst.

Interview mit Kommunikationstrainerin Jenny Simanowitz

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© Jenny Simanowitz
Jenny Simanowitz selbst hat mehrere Rollen: Trainerin, Dozentin, Mutter, Autorin („Performance Coaching“, Beltz). Die gebürtige Südafrikanerin studierte Literatur und Schauspiel in Kapstadt und Cambridge. An ihrem „happy business-Institut“ in Wien zeigt sie, wie wir antrainierte Handlungsmuster durchschauen können. Sie beschäftigen sich seit 20 Jahren mit dem menschlichen Rollenverhalten. 
Immer wieder trifft Jenny Simanowitz auf Menschen, die von sich behaupten, nie eine Rolle zu spielen. Geht das überhaupt?

Sie beschäftigen sich seit 20 Jahren mit dem menschlichen Rollenverhalten. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Dass, obwohl wir alle ständig die Rollen wechseln, Rollen oft ein schlechtes Image haben. Man „spielt“ eine Rolle, sagen wir.

Wie definieren Sie den Begriff „Rolle“?

Eine Rolle besteht für mich aus drei Elementen: Sprache, Körpersprache und Stimme. Wenn sie übereinstimmen, ist das ein ziemlich verlässliches Zeichen, dass der Mensch authentisch agiert. Wer genau hinschaut, sieht in der Regel schnell, ob jemand das ausdrückt, was er wirklich denkt. Ob er zum Beispiel wirklich selbstbewusst ist oder nur so tut.

Ob er eine Rolle spielt also?

Das hat damit nichts zu tun. Wir alle spielen Rollen, immer. Statt „spielen“ sage ich übrigens gern „verwenden“. Oder „aneignen“. Jeder eignet sich im Laufe des Lebens zahlreiche Rollen an. Und jeder ist immer mehrere Rollen gleichzeitig. Ich selbst bin etwa Trainerin, Tochter, Frau ...

Nehmen wir Frau. Das ist doch eine Tatsache, keine Rolle?

Aber sicher ist es das. Im Jahr 2020 eine Frau zu sein ist etwas anderes als 1950. In Österreich oder Deutschland Frau zu sein ist etwas anderes als in Südamerika. Es ist ein Irrglaube, die Frauenrolle unabhängig von den Erwartungen zu sehen, die in der jeweiligen Kultur und dem Zeitgeist existieren. Selbst wenn ich mich von diesen Erwartungen abgrenze, bin ich ja nicht frei von ihnen. Im Gegenteil, ich habe auf sie reagiert und meine Rolle anders definiert. Ob die Rolle dann noch stimmig „gespielt“ wird, ist eine andere Frage.

Wie meinen Sie das?

Verhaltensforscher stellen sogar bei beruflich hoch qualifizierten Frauen in Ländern mit einem fortgeschrittenen Grad an Emanzipation weiterhin häufig ein Verhalten fest, das Unterwürfigkeit demonstriert, zum Beispiel durch häufiges Augenblinzeln. Wenn Körpersprache und verbal Geäußertes wie „ich bin stark, ich bin unabhängig“ nicht zusammenpassen, kommt das Erscheinungsbild des Menschen in eine Schräglage. Dann passiert, was wir meinen, wenn wir sagen: Sie oder er ist nicht authentisch.

Ich bin ich, sagen viele. Alles andere sei nicht authentisch.

Für mich ist genau das Gegenteil der Fall. Je bewusster wir uns der gespielten oder übernommenen Rollen werden, desto authentischer werden wir.

Wie kann das Bewusst-Werden gelingen?

Indem man einen Abstand zwischen dem eigenen Inneren und der Rolle einnimmt. Dafür genügt schon ein gelegentliches Innehalten. In meinen Seminaren frage ich gern: Welche Rolle würdest du dir selbst geben? Den Witzbold? Den romantischen Helden? Den Bösewicht? Als Zweites frage ich: Welche Art von Rolle möchtest du im echten Leben nie spielen? Und als Drittes: Was wäre hier deine Lieblingsrolle? Diese Art der SelbstAnalyse kann helfen, uns und unsere Möglichkeiten besser kennenzulernen.

Heißt das, Rollen sind nichts Starres, wir selbst gestalten sie durch unsere Vorstellungen und Erwartungen aktiv mit?

So ist es. Manchmal, wenn ich unterrichte, komme ich verkleidet in den Seminarraum. Vielleicht mit einem schmutzigen Gewand, wie ein Clochard. Oder auch wie eine Hollywood-Diva, übertrieben geschminkt und in Glitzerkleidern. Nach etwa zehn Minuten gehe ich raus, ziehe mich um, komme zurück. Dann reden wir: Wie war das für euch?, frage ich. Rollen ein“ Und warum? Ob eine Rolle als stimmig wahrgenommen wird, hat ganz viel damit zu tun, wie wir uns diese Rolle vorstellen. Davon sind wir nicht frei. Sonst könnten wir die Frau in schmutzigen Hosen als Expertin akzeptieren? Genau! Wer sagt denn, dass sie wegen dieser Äußerlichkeiten nicht gut Wissen vermitteln kann? Aber das können wir uns nicht vorstellen. Es passt nicht ins Bild und ist damit nicht möglich. Sich das klarzumachen kann sehr hilfreich sein.


Text und Inteview: Elisabeth Hussendörfer

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