Angst vorm Zahnarzt: So wurde ich zum Angstpatient

Angst vorm Zahnarzt: Wenn Zahnbehandlungen zum Horror werden

Bis zu jenem Tag im Sommer war ich eine ganz normale Patientin, wenn es um Zahnärzte ging – aber dieser eine Tag machte mich für Jahre zur Angstpatientin. Unsere FÜR SIE-Redakteurin erzählt ihre Geschichte. Ob und wie man seine Angst in den Griff bekommen kann, erklärt unser Experte für Angstpatienten und Leiter der Zahnklinik Bad Wildungen Prof. Dr. Ricken.

Angst vorm Zahnarzt
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Angst vorm Zahnarzt: Wie es dazu kam

Seit meiner Kindheit gehe ich regelmäßig zur Zahnkontrolle, natürlich nicht gerne, aber es muss schließlich sein. Wie beim Frauenarzt sagt man sich: Augen zu und durch! Dadurch habe ich Gott sei Dank auch kaum Probleme mit meinen Zähnen gehabt.

An diesem Morgen vor ein paar Jahren im Sommer wachte ich mit derart pochenden Zahnschmerzen auf, bei denen klar war, dass ich schnell einen Zahnarzttermin brauchte. Die Symptome stellten sich zwar schon ein paar Tage vorher ein, ich hatte aber gehofft, dass sie vorübergehen würden. Da hatte ich mich aber gründlich geirrt, denn nun hämmerten sie mit voller Wucht in meinem Mund.

Ich rief meinen Zahnarzt an und bekam auch schnell einen Termin. Er röntgte meinen Zahn und und stellte eine Wurzelentzündung fest. Die pochenden Schmerzen sind typische Symptome dafür, wie ich seinerzeit lernte. Okay – da ich so etwas noch nie hatte, war ich wie gewohnt zuversichtlich, dass der Eingriff schon nicht so schlimm werden würde. Das war eine totale Fehleinschätzung und der Beginn meiner Karriere als Angstpatientin. 

Eine Horrorbehandlung, die mich prägte

Ich bekam eine Betäubungsspritze und mein damaliger Zahnarzt legte los – er stocherte in meinem Zahn herum und schnell merkte ich, dass die Betäubung nicht richtig wirkte. Er stieß das Nadelwerkzeug rein, das man für Wurzelbehandlungen verwendet, was einen Reflex bei mir auslöste – Arm und Faust schnellten unkontrolliert in die Höhe und schlugen ihm das Werkzeug aus der Hand. Ich stöhnte vor Schmerzen, er war schockiert über meine Reflexreaktion. Es folgten fünf weitere Behandlungen an dem Zahn, die ebenfalls eine Tortur waren. Obwohl er jedes Mal nachspritzte, traf er anscheinend nie die richtige Stelle. Mehr bringt bei so einer Sache leider nichts, wenn es nicht zielgerichtet ist. Ich schwor mir damals: So eine Behandlung werde ich künftig nur noch unter Vollnarkose durchführen lassen!

Meinen Zahnarzt wechselte ich nach diesem Erlebnis. Als später an einem anderen Zahn eine Wurzelbehandlung vorgenommen werden musste, brach ich ihn Tränen aus – noch bevor mein neuer Zahnarzt das böse W-Wort überhaupt zu Ende aussprechen konnte. So tief saß dieses Erlebnis noch! Er hatte Verständnis dafür und ich lernte, dass es auch Zahnärzte gibt, die richtig spritzen können. Die Behandlung verlief diesbezüglich ohne Komplikationen und ich spürte währenddessen keine Schmerzen.

Nichtsdestotrotz bedeutete seit der schlimmen Erfahrung jede Behandlung enormer Stress für mich – ich war vorher aufgeregt und hinterher regelrecht fertig. Körper und Geist befanden sich in einer Anspannung, die kaum zu beschreiben ist. Hinterher war ich so erschöpft, als hätte ich einen Marathon absolviert. Die emotionale Erschöpfung war fast noch schlimmer. Nach jeder Behandlung konnte ich eigentlich nur noch ins Bett gehen, weshalb ich solche Eingriffe stets auf den späten Nachmittag legte.

Mittlerweile habe ich Vertrauen zu meinem Zahnarzt gefasst, weshalb mir Eingriffe unter Vollnarkose erspart geblieben sind. Selbst eine Wurzelspitzenresektion habe ich zwar mit viel Angstschweiß, aber für meine Verhältnisse hervorragend gemeistert. Natürlich gehe ich immer noch ungerne zum Zahnarzt – da ich aber weiß, dass die Behandlungen vernünftig ablaufen, bin ich entspannter. Aber selbst heute noch bekomme ich nicht wirklich die Angst aus dem Kopf, dass mein Zahnarzt auf eine unbetäubte Stelle trifft und ich diesen unaussprechlichen Schmerz wieder ertragen muss. 

Auch für meinen Zahnarzt ist es heute übrigens entspannter, mich zu behandeln, denn Angstpatienten sind für sie und das ganze Team eine Herausforderung. Und es rührt mich ein bisschen, wenn die Schwestern mir sogar heute noch vor jeder Behandlung beruhigend die Hand auf die Schulter legen, Taschentücher bereit legen und beim kleinsten Zucken fragen, ob alles in Ordnung ist. Mein jetziger Zahnarzt beherrscht nicht nur sein Handwerk, sondern hilft seinen Patienten auch emotional. So geht Zahnarzt auch!

Interview mit Prof. Dr. Lutz Ricken, Leiter der Zahnklinik Bad Wildungen

Prof. Dr. Lutz Ricken - Leiter Zahnklinik Bad Wildungen
© Prof. Dr. Lutz Ricken
“Es muss schnell, effektiv und schmerzfrei behandelt werden, um den Teufelskreis zu durchbrechen.“
Prof. Dr. Lutz Ricken ist Leiter der Zahnklinik Bad Wildungen. Die Klinik ist spezialisiert auf Angstpatienten.

Nicht jeder Patient hatte ein schlimmes Erlebnis beim Zahnarzt, was eine begründete Angst nach sich zieht. Warum haben einige Menschen trotzdem extreme Angst vorm Zahnarzt? 

Der Kopf und der Mund im Besonderen sind sehr sensible Bereiche. Viele Patienten, die vor anderen Eingriffen nur geringe Angst haben, leiden daher unter besonderer Angst, wenn es um den Kopf geht. Hinzu kommt, dass wir schon im Kindesalter konditioniert werden: Selbst Kinder, die noch nie beim Zahnarzt waren, können sehr ängstlich sein, weil ihnen in ihrem Umfeld suggeriert wird, wie schlimm der Besuch beim Zahnarzt ist. Hier spielen also tatsächliche Erlebnisse und überlieferte Erlebnisse eine Rolle. 

Die Behandlung von Angstpatienten: Wie unterscheidet sich diese von “normalen“ Patienten?

Die Planung der Behandlung muss dem Patienten einen Lösungsweg aufzeigen, wie man trotz der Angst an das Behandlungsziel gelangt. Mit den verschiedenen Betäubungs- und Narkoseverfahren ist es möglich, dass der Patient die angstbesetzten Momente einer Behandlung nicht miterleben muss. Wir können im Dämmerschlaf oder auch unter Narkose alle Behandlungen durchführen, die für den Patienten belastend sind. Mit der Zeit stellt sich dann ein Vertrauensverhältnis ein, welches es möglich macht, dass kleinere Behandlungen, wie beispielsweise Zahnreinigungen auch ohne besondere Maßnahmen durchgeführt werden können. Da unser Konzept darauf beruht, so gründlich und nachhaltig zu sanieren, dass in Zukunft nur noch kleine erhaltende Massnahmen notwendig sind, können auch Angstpatienten eine völlig normale Mundgesundheit erlangen. 

Bis sich ein Angstpatient auf eine Zahnbehandlung einlässt, sind Zahnschäden oft immens fortgeschritten: Wie wirken Sie auf die Patienten ein, dass sie sich behandeln lassen?


Da wir auf Angstpatienten spezialisiert sind, werden wir direkt konsultiert. D.h. der Schlüsselmoment, in dem sich der Patient zur Behandlung entschieden hat, fand schon vorher statt. Meist berichten die Patienten, dass Angehörige auf sie eingewirkt haben, das Problem der Zahnbehandlung endlich anzugehen. 

Wie äußert sich die Angst bei Ihren Patienten? 

Man merkt, dass diese Patienten meist mit zwei starken Emotionen zu kämpfen haben: Zum Einen mit Angst, aber häufig auch mit Schamgefühl. Zu wissen, dass der daraus resultierende Zustand für den Arzt etwas Alltägliches ist und deshalb keine Äußerungen des Erstaunens oder gar Vorwürfe kommen, macht es vielen Patienten leichter. 

Können Sie von einem besonders schweren Fall berichten? 

Fast alle Patienten sind „schwere Fälle“, weil sie meist erst nach einem jahrelangen Leidensweg bei uns erscheinen. Sehr oft ist es so, dass sich nach der Behandlung nicht nur das Erscheinungsbild geändert hat, sondern bei vielen Patienten sich auch die gesamte Lebenssituation im Beruflichen wie im Privaten verbessert hat. 

Welche Präventivmaßnahmen, zum Beispiel Anlaufstellen, gibt es, damit erst gar keine schlimmen Schäden entstehen? 

Die erste Anlaufstelle ist immer der Hauszahnarzt, aber daran scheitert es dann meistens schon. Es gibt psychologische Beratungen für den Umgang mit Ängsten und speziell auch mit Zahnarztphobien. Doch letztendlich muss schnell, effektiv und schmerzfrei behandelt werden, um den Teufelskreis zu durchbrechen. 

Was passiert, wenn ein Angstpatient vorm Tag der Behandlung kneifen möchte? 

Wir haben geschultes Personal, das dann versucht, auf den Patienten einzuwirken. Hilfreich ist natürlich auch immer die Unterstützung durch die Familie. Am Ende ist es aber wie bei anderen Problemen auch, der Betroffene muss die Initiative ergreifen. 

Was können Menschen mit Angststörungen mittel- und langfristig tun – wie können Sie ihre Ängste loswerden und kann man diese Ängste überhaupt jemals vollständig loswerden? 

Die Gewöhnung und das Vertrauensverhältnis sind die entscheidenden Faktoren. Vollständig wird die Angst nicht verschwinden, wenn der Patient sich aber darauf verlassen kann, schmerzfrei behandelt zu werden, kann mit der Restangst umgegangen werden. 

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