15. März 2010
Wo Frauen das Sagen haben!

Wo Frauen das Sagen haben!

Der Argentinier Ricardo Coler besuchte die Mosuo, ein Volk in Südchina, wo Frauen das Sagen haben. Seine Erkenntnis: Männer sind dort überaus glücklich

Wo Frauen das Sagen haben!
© Susanne Güttler-Fotolia
Wo Frauen das Sagen haben!

Herr Coler, Sie haben Ihr Buch über Ihre Erlebnisse in einer matriarchalen Volksgruppe „Das Paradies ist weiblich“ genannt. Was finden Sie als Mann denn so paradiesisch an einer von Frauen beherrschten Gesellschaft?
Zuerst denkt man natürlich, dass es nur für die Frauen paradiesisch ist. Sie haben das Sagen, das Geld, den Besitz, die Kinder und bestimmen. Aber bei den Mosuo sind auch die Männer glücklich. Sie arbeiten kaum, können jeden Abend das Bett mit einer anderen Frau teilen, haben keine Verpflichtungen gegenüber den Kindern und wohnen ihr Leben lang bei ihrer Mutter.

Leben ohne Schuhe
© Enrique Ramos Lopez/ iStock/ Thinkstock
Frauen & Männer: Wir haben weiter zu der einerseits schwierigen andererseits wunderschönen Männer-Frauen Beziehung geforscht:
- Beziehungssucht- So haben Sie bessere Chancen bei Männern- Meint er es ernst?

Und das stört die Mütter nicht?
Die kennen das ja nicht anders.

Die Frauen haben zwar die Macht, müssen aber auch die ganze Arbeit machen? Das klingt für mich so, als sei es nur ein Paradies für Männer.
Sie müssen das anders sehen. Ein Matriarchat ist nicht einfach das Gegenteil eines Patriarchats. Es ist komplett anders. Klar, die Frauen sind die Anführerinnen und haben den Besitz, Männer müssen um Geld bitten, sobald sie ins Café gehen wollen, und wenn eine Familie arm ist, wird eher die Tochter zur Schule geschickt als der Sohn. Dass die Frauen mehr arbeiten, liegt daran, dass sie glauben, dass Männer für viele Aufgaben einfach nicht geeignet sind. Also bedienen sie ihre Gäste selbst. Ich durfte nicht einmal beim Abwasch helfen.

Aber was machen die Männer denn den ganzen Tag?
Sie machen Musik und spielen Schach. Nur für die ganz harten, körperlich schweren Arbeiten werden sie herangezogen. Und um die wirklich wichtigen Entscheidungen zu treffen – sagen zumindest die Frauen. Zum Beispiel, ob man ein Haus baut.

Sie haben ja auch schon andere Matriarchate besucht. Wieso interessieren Sie sich als Mann überhaupt so sehr für weibliche Kulturen? Wenn ich das so genau wüsste. Tatsächlich habe ich ähnliche Gesellschaftsformen in Indien, Mexiko, Australien und Papua-Neuguinea besucht. Frauen sind für Männer ja irgendwie unverständlich – wahrscheinlich wollte ich deshalb herausfinden, wie die Geschlechter in einem völlig anderen System miteinander klarkommen.

Die Gesellschaft


Und? Glauben Sie, dass es im Matriarchat zwischen Mann und Frau harmonischer zugeht als bei uns?
Zumindest funktioniert die Gesellschaft besser. Die Mosuo stehen ökonomisch besser da als andere Gemeinschaften in ihrer Nähe. Und die familiären Bindungen sind viel stärker als bei uns. Wir gehen ja davon aus, dass Frauen an der Macht es Männern gleichtun, also auch gewalttätig sind und zum Beispiel Kriege führen. Bei den Mosuo aber ist Gewalt generell verpönt. Wenn jemand aggressiv war, schämt er oder sie sich danach dafür. Und dann gibt es noch die Besuchsehe …

Was ist das?
Die Mosuo heiraten nicht. Brauchen sie auch nicht, denn die Frauen haben ja den Besitz und die gesamte Familie wohnt unter einem Dach. Es muss also niemand versorgt oder abgesichert werden. Besuchsehe bedeutet dort, dass jede Frau theoretisch jeden Abend einen anderen Mann in ihr Schlafzimmer lassen kann. Am Morgen geht der dann wieder zu seiner Familie zurück, also ins Haus seiner Mutter und Schwestern.

Klingt ziemlich unromantisch.
Na ja, anders eben. Natürlich verlieben sie sich auch. Und wenn sie das tun, wechseln sie auch nicht mehr den Partner. Aber wenn die Liebe vorbei ist, ist eben auch die Beziehung vorbei. Da sie nicht verheiratet sind und es keine gemeinsamen Besitztümer gibt, macht solch ein Beziehungsende natürlich weniger Schwierigkeiten als bei uns.

Flirten


Geht es beim Flirten auch so pragmatisch zu? Haben da auch die Frauen das Heft in der Hand?
Nein, das ist ganz erstaunlich. Die Frauen, die tagsüber die ganze Arbeit gemacht, die Männer herumkommandiert und angeschrien haben, werden abends fast schüchtern. Sie putzen sich heraus, tanzen am Feuer, senken verschämt den Blick, wenn ein Mann sie anspricht, und erröten schnell.

Für die Liebe geben sie also ihre Rolle der starken Frau auf.
Ja, womöglich, weil es für eine starke Frau nicht einfach ist, einen Mann zu bekommen. Da sind die Mosuo-Frauen eben so intelligent, abends ihre Rolle abzugeben. Dann dürfen sich die Männer mal für ein paar Stunden stark fühlen.

Wie muss ein Mann denn sein, damit sich eine Mosuo-Frau in ihn verliebt? Das Wichtigste ist ihnen, dass sie sich gut mit dem Mann unterhalten, über die Arbeit und die Familie sprechen können. Und guter Sex spielt natürlich auch eine große Rolle.

Ein Kennzeichen der Jugend ist ja das Aufbegehren gegen die Eltern und deren Lebensart. Akzeptieren die jungen Mosuo ihre Gesellschaftsform widerspruchslos?
Die Konflikte zwischen Jung und Alt liegen in der westlichen Welt ja daran, dass die jungen Menschen raus wollen, um ihren eigenen Weg zu finden. Die Mosuo verlassen ihr Zuhause aber nie, sie gründen keine neue Familie. Sie bleiben ihr Leben lang dort wohnen, wo sie geboren wurden. Und der Besitz wird nicht aufgeteilt, es gibt also auch keine Erbstreitigkeiten. Aber es muss natürlich geklärt werden, wer den Vorstand im Haus übernimmt.

Das ist nicht einfach die älteste Frau?
Nein, das macht diejenige mit dem stärksten Charakter. Wenn eine Tochter besonders energisch ist, kann sie auch schon in jungen Jahren Familienoberhaupt werden. Die Matriarchin meiner Gastfamilie war beispielsweise erst 26.

Das Zusammenleben


Hatten Sie denn nach Ihrem Aufenthalt bei den Mosuo den Eindruck, dass das Matriarchat die perfekte Form des Zusammenlebens ist?
Für uns, die wir in einer ganz anderen Kultur aufgewachsen sind, ist das schwer zu beurteilen. Die Gewaltlosigkeit der Mosuo ist sicher ein erstrebenswertes Ideal. Und auch die Tatsache, dass ihnen das Wohl ihrer Familie wichtiger ist, als reich zu werden. Das fand ich sehr beeindruckend.

Aber? Ich könnte es nicht ertragen, den ganzen Tag herumkommandiert zu werden und als Vater keine Rolle zu spielen. Während meines Aufenthaltes wollte eine der Mosuo-Frauen ein Kind von mir. Ich sagte ihr: Das geht nicht, schließlich wohne ich auf der anderen Seite der Erde und kann mich nicht kümmern. Das Argument konnte sie nicht verstehen. Ich würde auch nicht jede Nacht eine andere Frau haben wollen. Wenn ich verliebt bin, will ich nur diese eine.

Also eher kein Modell, das auch bei uns funktionieren würde?
Ich denke schon, dass wir grundsätzlich besser leben, wenn Frauen das Sagen haben. Zumal ich nicht glaube, dass wir je eine wirklich gleichberechtigte Gesellschaft bekommen.

Aber sind wir nicht auf einem guten Weg? Immerhin gibt es mittlerweile Frauen in Führungspositionen und Frauen, die Familie und Beruf wollen.
Da bin ich mir nicht so sicher. Eine Frau kann im Westen zwar Präsidentin werden, aber eben nur, wenn sie sich mit der männlichen Rolle identifiziert. Der einzige Unterschied ist dann, dass sie einen Rock trägt. Ich glaube, die westliche Welt kann man nur führen, wenn man den patriarchalen Stil übernimmt. Ich hoffe aber, dass die Weiblichkeit einen stärkeren Einfluss auf unsere Gesellschaft bekommt. Dann werden die zwischenmenschlichen Beziehungen besser und die Solidarität stärker.

Klingt fast so, als seien Sie ein Frauenversteher geworden.

Ricardo Coler:

Ricardo Coler, 53, ist Arzt, Journalist und Fotograf. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Buenos Aires. Mehrere Monate verbrachte Coler in Südchina, im Grenzgebiet zu Tibet bei den Mosuo, einem der letzten Matriarchate der Welt. Sein Buch über das Volk der Mosuo, „Das Paradies ist weiblich“, ist im Aufbau Verlag erschienen und kostet 17,95 Euro.


Tatsächlich habe ich aufgehört zu sagen: Frauen möchten dies oder denken das. Ich habe gelernt, dass es Frauen gibt, die weder heiraten noch ihre Kinder teilen wollen.

Hat es Ihre eigene Ehe verändert?
Na ja, es gibt immer noch Momente, in denen ich meine Frau nicht verstehe.

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