23. Februar 2012
Hunde-Flüsterin Maike Maja Nowak

Hunde-Flüsterin Maike Maja Nowak

Die Berlinerin Maike Maja Nowak braucht weder Leckerlis noch Trillerpfeife. Unsere Autorin und ihr Labrador haben die Hundetrainerin besucht.

Maike Maja Nowak
© jalag-syndication.de
Hunde-Flüsterin Maike Maja Nowak

Wie erklärt man, dass man 350 Kilometer Autofahrt zu einer Hundeschule auf sich nimmt? Gut, sie ist absolut einzigartig. Ein weiter Weg ist es trotzdem. Am besten fange ich an, als alles begann. Kurz vor Weihnachten. Da geriet ich durch Zufall an meinen ersten Hund.

Spitz Welpe
© iStockphoto/Thinkstock
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Beim Durchstöbern der Kleinanzeigen fand ich Frida: eine Labrador- Hündin, drei Monate jung, pechschwarz. Weil ich mir schon immer einen Hund gewünscht hatte, nahm ich den knuddeligen, tapsigen Welpen zu mir. Frida folgte mir von jetzt an wie ein Schatten. Natürlich habe ich mir ein bisschen was über Hundeerziehung bei anderen abgeguckt. Bald darauf setzte Frida sich, sobald ich den Finger hob, und machte sich erst dann übers Futter her, wenn ich ihr kopfnickend das „Okay“ dazu gab. Selbst Taschentücher und irgendwelchen undefinierbaren Unrat ließ sie nach einem energischen „Hej“ links liegen. Und das ohne Welpenschule. Mann, war ich stolz.

Nur eine Sache kriegte ich nicht in den Griff. Frida liebt Kinder. Fremde Menschen. Und andere Hunde. Kein Spaziergang, ohne dass mein sonst so braver Hund nicht begeistert drauflosgestürmt wäre. Und trotz mehrmaliger Rufe nicht wieder zu mir zurückkommen wollte. Andere Hundehalter waren mit hilfreichen Tipps bei der Hand: „Arbeite mit Leckerlis“ oder „Nimm die Trillerpfeife“. Ich probierte alles aus. Doch nichts half.

Ihr Credo: bloß keine Belohnung

Jetzt wusste ich einfach nicht weiter. Da fiel mir durch Zufall – oder war es wieder Schicksal? – das Buch „Die mit dem Hund tanzt“ von Maike Maja Nowak in die Hände. Was ich da las, war eine Offenbarung für mich. Das Credo der Hundetrainerin: keine Leckerlis, keine konditionierten „Kunststücke“. Stattdessen klare Führung und Kom munikation nach Art der Hunde. Das fand ich ungeheuer spannend. Und das Beste war: Maike Maja Nowak bietet in ihrem Berliner Dog-Institut auch noch konkretes Training für Hund und Frauchen an.

Frida und ich machen uns also auf in die Hauptstadt. Als Treffpunkt haben wir die Bieselfelder Heide ausgemacht, ein hunde- und menschenfreundliches Gelände im Nordwesten der Stadt. Sandiger Boden, gesäumt von mächtigen Kiefern, dazwischen reichlich Platz zum Trainieren. Maja kommt uns lachend entgegen, an ihrer Seite ihre Hunde Mitja, Tinka und Leithündin Frieda. Frieda – wenn diese Namensähnlichkeit mal kein gutes Omen ist.

Während Majas Hunde ihr auf ein einfaches Kopfnicken oder Winken folgen, stürmt meine Frida los. Ich rufe sie zurück, aber sie schert sich nicht drum. Ich schäme mich und rufe sofort energischer. Lauter. Jetzt hat sie mich gehört, trottet langsam, aber lustlos auf mich zu. Gerade will ich durchatmen, als ein Husky heranrauscht. Von rechts kommt noch ein Border Collie dazu, von hinten ein Dalmatiner. „Komisch“, sage ich zu Maja, „normalerweise hört sie auf mich.“ Jetzt ertappe ich mich doch tatsächlich bei einem dieser typischen Hundehalter-Sprüche! „Tja, aber eben nur, solange Frida nicht durch etwas Interessanteres abgelenkt wird“, antwortet Maja.

Trainingsstunde beim Profi

Womit wir schon bei meiner ersten Lektion wären. „Stell dir vor, du agierst wie ein Hund, der eure Gruppe anführt“, bereitet Maja mich für die Trainingsstunde vor. „Du als Leitwesen vermittelst Sicherheit und triffst sinnvolle Entscheidungen, am besten in einer Art, die dem Hund bekannt ist. Sag Frida nur, was sie nicht tun soll. Ansonsten gib ihr Freiheit, dann wird sie dir gern folgen.“ Ein erster Versuch. Als Frida auf Anhieb zu mir kommt, lobe ich sie überschwänglich (Stichwort: positive Bestärkung, habe ich mal irgendwo gelesen). Maja steht lächelnd daneben. „Was denkst du: Feiert der Leithund ein Rudelmitglied dafür, dass er ihm im Ernstfall gerade den Hintern gerettet hat?“ Ertappt! Ich muss lachen. „Nein, denn das versteht sich von selbst.“

Inzwischen tummeln sich immer mehr Hundehalter mit ihren Vierbeinern in unserem Trainingsgebiet. Frida stürmt wieder los. Ein kurzes Zischen von Maja – und Frida stoppt. Warum hört mein Hund nicht auf mich, dafür aber auf eine völlig Fremde? „Weil ich bereits zweimal eine Konsequenz folgen ließ“, klärt mich Maja auf.

Ein Winken – und der Hund pariert

Tatsächlich hatte sie Frida vorhin mit zwei Fingern einen kleinen Stüber versetzt, als der Hund noch an der Leine war und gerade wieder loslaufen wollte. Das reichte, um Frida davon zu überzeugen, dass das Stoppzeichen ernst gemeint war. „Du brauchst nur wenig zu machen, dann aber richtig. Wenn sie bei Gefahr oder ohne Erlaubnis vorläuft, würde eine Hundemama sie mit einem Knurren oder Bellen warnen. Als Mensch kannst du stattdessen ein kurzes, scharfes ‚Ssst‘ verwenden“, sagt Maja. Das leuchtet mir ein. Trotz meines Versuchs rennt Frida auf den nächstbesten Pudel los. Da hilft nur Konsequenz. „Nimm sie wieder an die Leine und zeig ihr, dass du es ernst meinst. Schieb Frida schwungvoll hinter dich, wenn sie nicht gehorcht.“ Okay, das funktioniert. Zwar nicht nach dem ersten „Ssst“, aber nach dem dritten Zurückschieben bleibt Frida zuverlässig an meiner Seite. Und ich wachse um einen Meter.

Eine Sache, die mich von Beginn an irritiert hat, ist, dass Frida mich nie anschaut. Wie soll ich so mit einem Hund kommunizieren? „Frida muss lernen, dich um Hilfe zu bitten, wenn sie ein Problem hat. Beweise ihr, dass du dafür auch eine Lösung hast“, sagt Maja. Und drückt mir ein Stück Knoblauchwurst in die Hand. Ich halte sie geschlossen. Frida schnüffelt wie verrückt und versucht kratzend an den Leckerbissen heranzukommen. Eine Minute, zwei Minuten – dann schaut sie mich endlich an. Lange, als blickte sie mir direkt ins Herz. Ich öffne die Faust.

Wieder zu Hause denke ich: Ob ich es jemals schaffe, so souverän, mühelos und entspannt mit Frida spazieren zu gehen, wie Maja es mit ihren Hunden kann? Was mich hoffen lässt: Frida bleibt mittlerweile an meiner Seite, auch wenn sie andere Hunde sieht. Sie rast auch nicht mehr ohne Erlaubnis auf den Nachbarn zu. Es gibt nur ein Problem: Frida schaut mich jetzt andauernd so herzbewegend an, dass ich meine Führungsrolle mitunter vergesse. Macht nichts. Hauptsache, sie folgt mir, wenn es wieder mal „um die Wurst“ geht.

Interview mit der Hundetrainerin

„Ich arbeite nicht mit Dressur“

Maike Maja Nowak (50) studierte Hundepsychologie und Verhaltenstherapie für Hunde. Ihre ungewöhnlichen Methoden lehrt sie im eigenen Dog-Institut in Berlin

FÜR SIE: Frau Nowak, was unterscheidet Ihr Hundetraining eigentlich von anderen Erziehungsmethoden?

Maike Maja Nowak: Es ist eine Kommunikationsform, die dem kulturellen Verhalten der Hunde sehr nahekommt. Ich arbeite nicht mit Dressur, sondern kommuniziere mit Hunden über Abbruchsignale und Körpersprache.

Wie muss man sich das vorstellen?

Wir Menschen haben dem Hund unsere Art zu kommunizieren übergestülpt wie einen fremden Hut – und wundern uns, warum dieser Hut nur wenigen Hunden passen will. Ein Beispiel: Wir erklären Hunden, was sie zu tun haben, zum Beispiel „Sitz“, „Platz“, „Bleib“. Ein Leithund hebt aber nicht die Pfote, weist auf einen Platz und sagt: „Geh du mal da hin und bleib da.“

Und was macht er stattdessen?

Er wird eher den Raum, in dem der andere Hund gerade nicht sein soll, mit einem Tabu belegen. Dazu braucht man nur eine einzige funktionierende Vokabel: ein prägnantes Stoppgeräusch, das kann ein „Ssst“ sein oder ein „Hej“. Es geht gar nicht um den Laut an sich. Sondern um die Konsequenz, die sofort erfolgen muss, wenn das Abbruchsignal nicht beachtet wird. Das führt dazu, dass ein Hund schon nach kurzer Zeit hört.

Wie haben Sie zu dieser Form der Kommunikation gefunden?

Meine Lehrmeister waren zehn wilde Hunde, mit denen ich sieben Jahre lang in dem kleinen russischen Dorf Lipowka zusammengelebt habe. Damals war ich noch Liedermacherin und hatte – frei von jedem Ehrgeiz einer Hundetrainerin – ausreichend Zeit, die Hunde genau zu beobachten und ihre Verhaltensweisen zu studieren.

Welche Grundsätze gelten bei einer naturgemäßen Hundeerziehung?

Lese-Tipp:

„Wanja und die wilden Hunde“ heißt das neue Buch von Maike Maja Nowak (Mosaik, 17,99 Euro). Kontakt: www.dog-institut.de

Das Wichtigste ist, dass man lernt, sich wie ein Leithund zu verhalten. Der kümmert sich nicht darum, ob ein Hund den Anschluss hält. Er rennt ihm nicht nach oder wartet brav auf ihn. Ein Leithund ist vielmehr damit beschäftigt, kritische Situationen im Blick zu haben und überlegt zu handeln. Wir Menschen dagegen drehen uns aus Kontrollzwang oder Angst ständig nach dem Hund um und rufen ihn zu uns. Wir nehmen dem Hund damit die Aufgabe ab, Anschluss an sein Rudel zu halten. Natürlich entgeht ihm nicht, dass wir unsicher sind.

Wie lange muss man die neue Art der Ansprache denn üben?

Das geht oft schneller als gedacht. Hunden reichen zwei bis drei Wochen – dann hören sie wunderbar.

Wir zeigen den Trailer zum Buch:

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