Handwerksberuf: Marmeladen-Köchin

Marmeladen-Köchin

In unserer Serie stellen wir Ihnen einmal im Monat einen Beruf vor, der schon fast ausgestorben ist. Diesmal: die Marmeladen-Köchin Stefanie Kleinjung aus Wiesbaden

Marmeladen-Köchin

Marmeladen-Köchin

Auf einem langen Tisch türmen sich frische Beeren, Kirschen und Aprikosen, daneben stehen Dutzende Schraubgläser, die noch mit handgeschriebenen Etiketten beklebt werden müssen. In zwei großen Töpfen auf dem Herd köcheln Frucht-Kompositionen, es duftet wunderbar: nach Sommer, nach Kindheit, nach heiler Welt. „The Princess Revolution“ heißen die Marmeladen von Stefanie Kleinjung, und tatsächlich ist der Erfolg der Konfitüren-Produzentin geradezu revolutionär: Rund 500 Gläser kocht sie jeden Tag in ihrer Wiesbadener Manufaktur ein. Die Leidenschaft für selbst gemachte süße Sachen liegt in der Familie.
Schon die Großmutter sei berühmt gewesen für ihre Erdbeermarmelade, erzählt die 38-Jährige: „Den ersten Löffel zu kosten war jedes Mal fantastisch.“ Und dann die wunderbaren Kreationen ihrer Mutter. „Diese Farben, diese Düfte haben mich fasziniert.“ Und so wagt sich auch Kleinjung eines Tages ans Eingemachte, zuerst nur für den Hausgebrauch. Sie macht eine Ausbildung zur Bilanzbuchhalterin, heiratet und bekommt zwei Töchter. Die Idee mit der Manufaktur entsteht nach einem Fest: Stefanie Kleinjung schenkt einer Freundin zum 40. Geburtstag 40 Gläser mit Marmelade – beklebt mit launigen Sprüchen. Kurz darauf meldet sich ihr erster Kunde und ordert ein ähnliches Präsentpaket. „Etwas mit Lebensmitteln machen, eine eigene Produktlinie haben“ – davon hatte die gebürtige Frankfurterin insgeheim immer geträumt. Sie fackelt nicht lange.

Die beste Vorkosterin? Das ist die Mutter


Die beste Vorkosterin? Das ist die Mutter
Es folgt ein Stand auf dem Wiesbadener Wochenmarkt, dann das erste Geschäft in einer ehemaligen Pizzeria. „Sehr winzig, sehr charmant“, erzählt Stefanie Kleinjung. Doch bald viel zu klein. „Wir haben mit etwa 50 Sorten angefangen. Heute sind es mehr als 200.“ Sie erweitert ihr Angebot um SenfSorten und Chutneys. Seit zwei Jahren residiert der kleine Betrieb in der Wiesbadener Innenstadt, in einem hübschen Klinkerbau aus der Gründerzeit. „Zu dem Namen ,The Princess Revolution‘ haben mich meine Töchter inspiriert“, sagt die Chefin, „sie sind jetzt 13 und 10 Jahre alt. Die beiden Krönchen auf unserem Firmen-Logo, das sind sie.“
Sogar Marmeladen hat Stefanie Kleinjung ihren Töchtern gewidmet: „Mandarinchen Emily mit Granatapfelsaft“ ihrer Emily, die so gern Granatäpfel mag, und ihrer Romi „Mandarinchen Romi“. Beide Töchter sitzen schon mal in der Küche, helfen beim Etikettieren und probieren neue Kreationen. Auch Stefanie Kleinjungs Mutter ist eine wichtig Vorkosterin. „Wenn sie sagt, da sollte noch dies oder das rein, streite ich nie mit ihr. In aller Regel hat sie nämlich recht.“ Auf diese Weise sind so fruchtige Köstlichkeiten wie „Erdbeeren mit Sommerkräutern“, „Himbeer-Paprika mit Chili“ oder „Aprikose-Orange mit Zitronenmelisse“ entstanden.

Selbst gestandene Landfrauen staunen
Beinahe jede Woche werden neue Kompositionen ausprobiert, bisweilen äußern die Kunden eigene Wünsche. „Ich koche sehr gern nach“, sagt Kleinjung und erzählt von den schönen Momenten, wenn ein Kunde beim Probieren Tränen in den Augen hat, weil es ihr gelungen ist, mit seinen wenigen Angaben die Marmelade seiner Großmutter zu zaubern. Kein Wunder, wenn die Unternehmerin auch gestandene Landfrauen beeindrucken kann, die gelegentlich zu Verkostungen anreisen. „Die merken schnell, dass ich wirklich alle Fragen beantworten kann und sogar noch neue Tipps habe. Zum Beispiel, dass man viel mehr Zitrone nehmen sollte als allgemein angegeben. Weil Zitrone Farbe und Geschmack intensiviert.“ Sie weiß, wie man Schimmel vermeidet, wann Alkohol dazu sollte, welche Kräuter passen. Über all das und ihre schönsten Rezepte hat Stefanie Kleinjung jetzt auch ein Buch geschrieben: „Konfitüre, Marmelade & Gelee – Meine Lieblingsrezepte für jeden Tag“ (Tre Torri, 19,90 Euro).

Um 2 Uhr früh ist die Nacht zu Ende


Um 2 Uhr früh ist die Nacht zu Ende
Manufaktur, Laden, Internethandel, Wochenmarkt – aus dem einstigen Hobby ist ein florierendes Familienunternehmen geworden. Ein harter Job für die zweifache Mutter. Zwar packen Ehemann John, gelernter Koch und Restaurantfachmann, eine Angestellte und eine Aushilfe mit an, doch die Chefin steht jeden Tag um zwei Uhr nachts auf, um ihr Pensum zu schaffen. In der Manufaktur arbeitet sie bis zum späten Nachmittag. Wenn die Töchter aus der Schule kommen, beginnt ihre zweite Schicht: als Mama, Hausfrau, Gärtnerin in den eigenen Beeten.
„Natürlich ist das anstrengend. Im Weihnachtsgeschäft bekomme ich manchmal bloß zwei Stunden Schlaf. Aber ich bin total glücklich, dass ich kreativ sein kann und dass sich das alles mit der Familie verbinden lässt.“ Die Produktion vergrößern will sie nicht. „Dann würde ich als Chefin nur noch den öden Bürojob machen. Ich brauche es aber, selbst einzukochen. Und ich kann jederzeit an die Tür ein Schild mit ‚Heute geschlossen‘ hängen, wenn ich mit meinen Kindern auf ein Schulfest oder ein Klavierkonzert gehe. Das ist mir wichtiger als 1000 Gläser mehr am Tag.“

Marmeladen- und Senfmanufaktur The Princess Revolution, Rheinstraße 38, 65185 Wiesbaden, Tel. 06 11/9 87 85 83. Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 9 bis 19 Uhr. Online-Versand: www.the-princess-revolution.com

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