Interview Wird das Corona-Virus unser Leben verändern?

Das Corona-Virus stellt uns alle vor neue Herausforderungen – bis auf die Kriegsgeneration haben viele Menschen in der Isolation, Kontaktverbot und eine Einschränkung der Menschenrechte in der Bundesrepublik Deutschland noch nie erlebt. Aber (wie) wird es unser Leben in Zukunft verändern? Lesen Sie das spannende Interview mit Zukunftsforscher, Publizist und Autor Erik Händeler!

Frau mit Mundschutz Corona Wird das Corona-Virus unser Leben verändern? © iStock

Isolation, Kontaktverbot, das gewohnte Leben ist auf den Kopf gestellt: Für die meisten Menschen stellt die Corona-Pandemie eine völlig neue Lebenssituation da. Werden wir Ihrer Meinung nach künftig häufiger mit eingeschränkten Lebensverhältnissen rechnen müssen?

Erik Händeler

Erik Händeler, 50, ist freier Wirtschaftspublizist („Die Geschichte der Zukunft“). Er beschäftigt sich vor allem mit Konjunkturzyklen und dem Zusammenhang von Produktivität und Wohlstand – Kontakt: www.kondratieff.biz.

Ja, aber die sind doch nicht nur eingeschränkt. Auf der anderen Seite passen viele Menschen mehr aufeinander auf, wir rufen uns häufiger an, Zoom- oder Skype-Treffen werden normal. Die Zeiten werden anders: Wir werden uns mehr mit uns selbst und mit anderen beschäftigen. Wahrscheinlich wird in den Geschichtsbüchern stehen, der Virus habe eine schwere Weltwirtschaftskrise ausgelöst. Aber ich meine: Die wäre jetzt sowieso gekommen, denn die Wirtschaft war längst instabil, die Verschuldung immens, die Zinsen bei null – nur der Konsum hat die Konjunktur am Laufen gehalten.

Während meine Kollegen auf den Rednerbühnen erzählen, jetzt komme Digitalisierung, meine ich: Was uns Computer an Arbeit abgenommen haben, haben sie längst durchrationalisiert. Die dadurch zusätzlich gewonnen Ressourcen sinken. Wenn im Gegensatz zu früher mein Notebook heute 100-mal schneller geworden ist, ist meine Arbeit aber um null Komma null Prozent produktiver geworden. Weil das Ergebnis nicht von Technik abhängt, sondern von Zusammenarbeit mit anderen Menschen, von Kontakten, vom Denken, also von immateriellen Faktoren. Nicht die Technik, sondern die Menschen hinter der Technik bestimmen mit ihrer Arbeit den Wohlstand. Die notwendige Krise im Wandel von Technik hin zum Menschen – die hat Corona lediglich ausgelöst, aber nicht verursacht.

Ausverkauftes Toilettenpapier gilt in Deutschland als Synonym für Corona – und selbst bei vollen Regalen scheinen viele Menschen das Gefühl zu haben, horten zu müssen. Es scheint, als ob in unserer westlichen Gesellschaft Verteilungskämpfe angekommen sind. Warum fühlen sich die Menschen auch ohne Not so bedroht?

Rational scheint mir das nicht zu sein – da wirken vielleicht die unausgesprochenen Gefühle weiter, die die Kriegsgeneration an ihre Kinder und Enkel weitervererbt hat. Im Moment nimmt der Irrationalismus generell zu – Verschwörungstheoretiker erinnern mich eher daran, wie Menschen im Mittelalter sich die Bedrohungen und Ängste mit Dämonen, Hexen oder den Juden erklärten. Auch hier sehe ich weniger Corona am Wirken als vielmehr den Beginn eines langen Abschwungs: Wenn in der Geschichte früher eine grundlegende Erfindung wie Dampfmaschine, Eisenbahn oder elektrischer Strom sich ausbreiteten, dann wuchs die Wirtschaft stark, neue Probleme konnten mit zusätzlichen Ressourcen gelöst werden. In dieser Zeit sind die Leute optimistisch, Mode, Kultur und Politik werden liberal, die Handelsgrenzen werden geöffnet.

Doch dann kommt der Punkt wo es nichts mehr zu investieren gibt - deswegen sinken die Zinsen gegen null, und das freie Geld fließt in Immobilien und an die Börse, treibt die Kurse, bis der überhitzte Markt zusammenbricht – das war dann 1873 beim Gründerkrach so. Auch 1929 passierte dasselbe, weil Anfang der 1920er Jahre alle Fabriken durchelektrifiziert waren und Ende der 20er Jahre fast alle Haushalte an das elektrische Netz angeschlossen waren.

Heute ist es der Computer, der weniger zusätzlichen Nutzen generiert als zuvor. In der Krise wird es dann irrational – Sündenböcke werden gesucht, sich mit seltsamen Geschichten die veränderte Welt erklärt. Und ja, wenn eine Wirtschaft stagniert, dann kommt es zu Verteilungskämpfen.

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In Ihren Vorträgen sagen Sie, dass nach der Corona-Pandemie das zwischenmenschliche Miteinander wichtiger wird. Dazu gehören Bildung, wie wir miteinander umgehen, mehr Wertschätzung zwischen Frau und Mann. Warum glauben Sie das?

Die Zusammenarbeit von Menschen wird tatsächlich wichtiger. Die Maschinen haben weitgehend die materielle Arbeit übernommen, die Computer die strukturierte Wissensarbeit wie Gehaltsabrechnung, Robotersteuerung und Adressverwaltung. Was bleibt, ist die Arbeit am Menschen, die kleinteilige materielle Arbeit sowie die Arbeit mit Informationen. Und Umgang mit Wissen ist immer Umgang mit anderen Menschen, die wir unterschiedlich gut kennen, unterschiedlich gerne mögen, und mit denen wir unterschiedlich viele berechtigte Interessensgegensätze haben. Bauen wir die Maschine, und ja, mit welchem Argument? Wer dann nicht unterschiedliche Interessen und Sichtweisen sachlich klären kann, sondern sich in Beziehungs- und Machtkämpfe verstrickt, der ist nicht produktiv.

Geld kann man sich überall in der Welt leihen, eine Maschine weltweit einkaufen, sich das Wissen der Menschheit aus dem Internet holen. Der einzige, entscheidende Standortfaktor wird die Fähigkeit der Menschen vor Ort, produktiv mit Wissen umzugehen. Drei mittelmäßige Leute, die gut zusammenarbeiten, sind bedeutend produktiver als der Super-Crack, bei dem es aber leider nicht gelingt, die Ergebnisse der Arbeitsteilung zusammenzuführen. Bei der Zusammenarbeit von Männern und Frauen geht es nicht nur um Wertschätzung, sondern vor allem auch die individuell ausgeprägten Unterschiede in Wahrnehmung und Verhalten.

Laut einer Erhebung des WZB-Instituts trifft die Mehrfachbelastung Job im Homeoffice, Homeschooling und Haushalt Frauen aber stärker als Männer - wie kann da eine Gerechtigkeit aussehen?

Das mag so sein, als kurzes Blitzlicht auf die aktuelle Situation, aber ich meine, es sagt mehr aus, sich die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte anzuschauen. Und da ist der Trend klar, dass Männer mehr Zeit mit Kindern verbringen, schon weil es ihr Leben bereichert. Auf die Zukunft hin verlängert, meine ich, dass die Persönlichkeitsstruktur ausschlaggebender sein wird für die Rolle in der Ehe und in der Familie als das Geschlecht.

Wenn die Wirtschaft wieder an Fahrt aufnimmt: Wie wird das aussehen? Wird der Umweltschutz eine Rolle spielen oder werden wir unsere natürlichen Ressourcen mehr denn je ausbeuten?

Da laufen mehrere Prozesse gleichzeitig ab. Je mehr der CO2-Verbrauch eingespeist wird, umso teurer wird materieller Konsum werden. Dann ist da der Wandel von Status: Drückt heute ein großes teures Auto wirklich noch einen hohen Status aus? Oder nur, dass es einem viel wert ist, und sei es auf Kredit? Oder wird nicht jemand im dicken Auto angesehen als jemand, der auf Kosten aller zu viel Ressourcen verbraucht und sich zu viel Platz anmaßt?

Außerdem ist Konsum extrem belastend. Je mehr Wissensarbeit zu leisten ist, umso mehr müssen wir die Gedanken frei haben für inhaltliche Themen. Alles, was wir besitzen, kostet nicht nur Stauraum, sondern auch Pflege und damit meine wertvolle Lebenszeit. Jemand, der etwas im Kopf hat, wird sich auf das Nötigste beschränken, um seine Zeit und geistige Kraft auf die Bewältigung von Wissensarbeit konzentrieren zu können. Dazu kommt, dass Konsum immateriell wird: Sich mit seiner Familiengeschichte und den vererbten Wertvorstellungen auseinandersetzen, Weiterbildung, Persönlichkeitsanalyse, Freunde treffen. Das kostet auch, verbraucht aber nicht unbedingt Ressourcen.

Sie sagen auch “Der Wohlstand entscheidet sich an der Frage, wie produktiv Menschen Wissen anwenden“ und dass es mit mehr Digitalisierung sogar mehr Arbeit als vorher gibt. Erklären Sie uns das bitte.

Bis vor zwei Jahren haben die nassforschen Digitalisierungsprediger erzählt, dass durch Digitalisierung bis zu 40 Prozent der Arbeitsplätze verschwinden werden. Das Gegenteil ist der Fall: Nur weil wir produktiver werden, gibt es neue Arbeitsplätze, die vorher gar nicht rentabel waren. Die Dampfmaschine hat ja nicht die Leute arbeitslos gemacht, sondern erst Unmenge an neuer Arbeit geschaffen. So ist es auch jetzt. Datenanalysten, Mediendesigner und Programmierer erzielen Einkommen, das sie dann auch in der Kneipe oder bei der Floristin ausgeben. Eine Wirtschaftskrise werden wir niemals durch Geld bewältigen, sondern nur durch eine höhere Produktivität. Und die liegt jetzt eben im Menschen, in seiner Gesundheit, in seiner Vernetzung.

Hr. Händeler: Was glauben Sie persönlich: Wie wird die Welt nach Corona sein?

Das ist eine Welt, die erfolgreich lernt, weniger materiell zu arbeiten sondern immateriell, und dabei besser mit sich selbst und mit anderen zurecht kommt.

Immer aktuell: der Corona-Ticker

Datum: 18.05.2020
Interview: Tanja Seiffert

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