9. April 2011
Auf der Vespa durch Rom

Auf der Vespa durch Rom

Rom und die Vespa – eine große Liebe, die keine Spur von Rost angesetzt hat: Mit den Kultrollern geht’s jetzt auf Sightseeing-Tour.

© Frank Heuer
Auf der Vespa durch Rom

Man kann gar nicht verstehen, wie so viel Brautkleid auf dem Ledersitz der alten Vespa Platz gefunden hat. Nun steht die junge Frau, umgeben von cremeweißen Chiffonwolken, vor der Kirche. Hinter ihr parkt fotogen der historische Roller, im Nacken der Braut blitzt ein Tattoo unter der Hochsteckfrisur. Wie hat sie die nur unter dem Helm hervorgezaubert? Schon erklingt Musik aus der runden Kirche Santo Stefano Rotondo auf dem Celio, einem der sieben Hügel Roms. Der Altar steht in der Mitte, die Menschen versammeln sich im Kreis. Valerio Caffio sagt, wenn ich mal heirate, dann auch da, umgeben von der Gemeinde, das sei doch viel schöner, so mitten im Leben, als der übliche Frontalgottesdienst. Und zur Trauung würde er natürlich auch mit seiner geliebten Oldtimer-Vespa vorfahren.

Wer in Santo Stefano heiraten will, muss sich normalerweise auf eine Warteliste setzen lassen. Aber Valerio kennt den Pfarrer. Valerio setzt den Helm auf, startet seine Vespa „Faro Basso“ und fragt: „Fahren wir weiter?“ In der nächsten Kirche kennt er die Pförtnerin, er kennt viele Menschen in Rom. Valerio führt Touristen durch die Stadt, aber nicht in diesen offenen Doppeldeckerbussen, die eine Pest sind und die Straßen der Stadt verstopfen. Sondern auf der Vespa, hinter ihm sitzend oder ihm als Selbstfahrer folgend: „Wir verleihen auch Roller“, sagt er. Aber der Verkehr sei natürlich enorm, und stille Straßen finde nur, wer sich auskennt.

Kaiser, Päpste und Neuseeländer

Durch dieses „Rom für Kenner“ führt unsere Tour am Samstagvormittag, ein neuseeländisches Ehepaar hat sie gebucht. Die beiden fahren Valerio und mir auf einem zweiten Roller hinterher. Wir halten vor der nächsten Kirche, Santi Quattro Coronati. Die Pförtnerin ist eine Augustiner-Chorfrau und lebt hier mit anderen Ordensfrauen in Klausur. Valerio spendet einige Euro, die Tür zum Oratorio di San Silvestro summt und springt auf. Der kleine Raum ist mit wunderschönen Fresken ausgemalt. Sie erzählen von der Konstantinischen Schenkung, mit der die Macht der Päpste begonnen hat. Im vierten Jahrhundert, so zeigen es die großflächigen Bilder, soll der römische Kaiser Konstantin Papst Silvester und all seinen Nachfolgern die politische Oberherrschaft über Rom, Italien und den Westen des Römischen Reiches übereignet haben. Valerio erzählt kurz und spannend, dann fügt er hinzu: „Das ist alles nicht wahr.“

Nichts als Geschichtsfälschung erster Güte, eine im achten Jahrhundert getürkte Urkunde, mit der die Päpste ihren Anspruch auf Ländereien und ihre Vormachtstellung unter den Christen begründet hätten. Die Neuseeländer fallen von einem Erstaunen ins nächste. Dass es Gebäude gibt, die vor 1600 Jahren gebaut wurden, „das können wir gar nicht fassen“, sagt der Mann. „Auf unser Land hat ja erst vor etwa 700 Jahren der erste Mensch einen Fuß gesetzt.“ Am Ausgang der Kirche zeigt Valerio auf eine kleine Holztrommel in der Mauer. Da klopfte man einst an, die Schwestern drehten die Trommel mit der Öffnung zum Besucher – und der legte das neugeborene Mädchen hinein. Eine Art Babyklappe, die dem Frauenkloster den Nachwuchs sicherte. Die ungewollten Kinder fanden bei den Schwestern ein liebevolles Zuhause.

Wir sitzen wieder auf, es geht zur Via Appia. Auf historischen Straßen mit ebensolchen Rollern. Eine holprige Fahrt: Im Basaltpflaster aus dem vierten Jahrhundert haben sich Spuren zahlloser Räder eingegraben. Valerios „Faro Basso“ ist Baujahr 1953, ein begehrtes Sammlerstück, aus erster Hand gekauft. Der Vorbesitzer, 1925 geboren, fuhr den Roller bis 2001. „Der Motor ist top, auch nach mehr als 50 000 Kilometern“, erzählt Valerio. Nur die Karosserie habe er restauriert. Ist es anstrengend, eine historische Vespa zu fahren? Nein, antwortet er, für ihn, gerade einmal 33 Jahre alt, sei das eine Ehre: „Auf solchen Modellen hat schon mein Urgroßvater gesessen.“

Eine Freundschaft fürs Leben

Eine Freundschaft fürs Leben

„Eine Vespa, das ist was fürs Leben, die kaufst du einmal und hast sie für immer“, sagt Valerio. Italiener, jedenfalls solche wie er, kümmerten sich nicht um Fahrkomfort, denn natürlich sei es nie bequem, so einen Oldtimer zu steuern, der Lenker ruckele, die Federung sei hart, der Motor laut. „Vespa fahren ist eine Herzensangelegenheit, das hast du im Blut.“ Er hat seine erste mit 16 Jahren gekauft. „Mit ihr habe ich angefangen zu leben. Ich bin in der periferia aufgewachsen, in den Vorstädten. Erst mit ihr konnte ich Rom erkunden und meiner ersten Liebe begegnen, das hat alles mit einer Vespa zu tun.“

Jetzt erreichen wir die „Bocca della Veritá“, den „Mund der Wahrheit“. Vor der Steinmaske drängelt sich eine Gruppe japanischer Touristen, natürlich auf Rollern. Hier spielt eine Schlüsselszene des wohl berühmtesten Films mit einer Vespa in einer der Hauptrollen, 1953 gedreht, „und in Japan immer noch sehr populär“, sagt Valerio. Der oscarprämierte Streifen trägt im Original den Titel „Roman Holidays“. Auf deutsch heißt er „Ein Herz und eine Krone“. Der Inhalt: Mann trifft Frau zum Verlieben und Vespafahren. Reporter Joe, Gregory Peck, findet eine Schlafende auf einer Parkbank, bringt sie zu sich nach Hause und chauffiert sie einen Tag lang durch Rom, auf dem Modell, das auch Valerio besitzt.

Die junge Frau ist die ausgebüxte Prinzessin Ann, gespielt von Audrey Hepburn. Da er und sie ihre wahren Identitäten voreinander verheimlichen, Eine Portion Glück gefällig? Dann am Trevi-Brunnen halten und einen Cent über die rechte Schulter ins Bassin werfen. Postkarten erzählen von der guten alten Zeit, als Rom und die Vespa Hollywood eroberten mag Ann ihren Arm nicht in den „Mund der Wahrheit“ stecken. Lügnern wird nämlich, der Legende nach, die Hand abgebissen. Joe wagt es dennoch, und zieht danach einen scheinbar leeren Jackenärmel heraus. Das Entsetzen Audrey Hepburns soll übrigens nicht gespielt sein, denn die Szene soll Gregory Peck improvisiert haben.

Antike Schätze und Petticoats

Die Japaner sind, wie wir, Kunden von Valerio: Seine Firma, die er mit einem Freund führt, hat 25 Vespas und 35 andere Roller. Die Gäste aus Fernost wählen eine Route, die aus dem Zentrum hinausführt.Wir fahren hinein, Richtung Kapitolshügel. Es wird voller auf den Straßen. Die Stadt müht sich redlich, des Verkehrs Herr zu werden. Bald soll es eine dritte U-Bahn geben –wenn es denn vorwärtsgeht mit den Grabungen. Jeder kleine Spatenstich in Rom birgt eine große Entdeckung für die Menschheit: überall Spuren des Altertums, die die Bauarbeiten verzögern.

DIE BESTEN ADRESSEN FÜR ROM :

VESPA FAHREN: Eine geführte Tour als Sozia auf der historischen Vespa kostet 150 Euro inkl. Helm und Eintrittspreisen. Gesprochen wird Englisch. Selbstfahrer auf modernen Vespas bezahlen 120 Euro pro Person. Bici & Baci, Via del Viminale 5, 00185 Rom, info@bicibaci.com, www.bicibaci.com.

WOHNEN WIE DIE RÖMER: Daniela de Majo, geboren und aufgewachsen in der Hauptstadt, und ihr österreichischer Mann vermieten hinter dem Vatikan mehrere Apartments in einem Stadthaus. Einen täglichen Markt gibt es direkt vor der Tür: Wer kochen möchte, findet eine fantastische Auswahl an Fisch und Gemüse. Zu Fuß ist man in zehn Minuten am Petersplatz. Romahouse: Apartment für 2 Personen ab 94 Euro pro Nacht. Via Gregorio VII 141, 00165 Rom, email@romahouse.com, www.romahouse.com.

ANREISE: Günstige Flüge nach Rom gibt es mit Easyjet von Berlin und Düsseldorf ab 129 und 156 Euro, www.easyjet.com. Alitalia fliegt ab Frankfurt ab 143 Euro und Lufthansa ab München ab 197 Euro, www.alitalia.com und www.lufthansa.com.

Die historische Innenstadt ist zwar für Autos gesperrt, nur merkt man davon wenig. Ausnahmegenehmigungen sind leicht zu bekommen, wenn man die richtigen Leute kennt. „Scooter“, wie Roller in Italien genannt werden, dürfen ohnehin überall fahren. Auch wenn sie alt sind und stinken. Er könne sich nicht vorstellen, sagt Valerio, dass sich das jemals ändern werde. „Natürlich verschmutzen sie die Luft. Aber so eine Vespa ist Teil unserer Geschichte. Sie steht doch in der ganzen Welt für italienischen Lebensstil.“
Mann trifft Frau zum Verlieben und Vespafahren, diese Geschichte kann auch Valerio erzählen. Eine Französin war es, die er als junger Matrose in Rom traf und der er mit seinem Roller die Stadt zeigte, eine Woche lang. „Sie hat sich verliebt, ich weiß nicht, ob in mich oder in die Tour“, sagt er und grinst. Sie sind nicht mehr zusammen, jetzt lebt er mit einer Römerin, der Frau, die er in der runden Kirche heiraten würde. Aber nach der Woche mit der Französin, damals vor sieben Jahren, habe er überlegt, ob das nicht eine Geschäftsidee sein könnte, Sightseeing per Scooter.

Mit seinem Freund, der Vespas verlieh, bot er Touren an. Die Nachfrage war bald so groß, dass der Seemann von Bord ging und Stadtführer wurde. Rom bei Nacht, das sei eine seiner Lieblingstouren, die Lichter, der Trubel, die Stille. Dürfte die Sozia dann in einem Kleidchen mitfahren, so im Fünfziger- Jahre-Stil, mit Petticoat, beide Beine sittsam auf einer Seite der Bank? Valerio winkt ab. So fahre niemand mehr. Aber die Alu-Fußstützen für den Damensitz, die hat die „Faro Basso“ noch. Ist ja schließlich alt, ein Original. Und glänzt wie neu. Nachts umso mehr.

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