2. Februar 2021
Der Topophilia-Effekt: Was Orte mit unserer Psyche machen

Der Topophilia-Effekt: Was Orte mit unserer Psyche machen

Irgendwas stimmt nicht ... hatten Sie auch schon mal das Gefühl, dass ein bestimmter Ort oder ein Haus etwas in Ihnen bewegt oder auslöst? Lesen Sie das spannende Interview mit Historikerin Dr. Roberta Rio über den Topophilia-Effekt und wie sich dieser auf unsere Psyche auswirkt. 

Oft ist es nicht mehr als ein Gefühl im Bauch. Wie eine leise Stimme, die uns zuflüstert, dass an dieser Stelle irgendetwas nicht ins Bild passt. Wie eine unerklärliche Energie, die über allem hängt. Was ist da los? Man spricht vom Topophilia-Effekt – der Begriff "Topophilia" setzt sich zusammen aus „topos“ (Ort) und „philia“ (Liebe). Laut Dr. Rio steht er für  das Zusammenspiel beider Facetten, für das  Nachforschen, für das Nachfühlen, was ein Ort mit uns macht. Über den Einfluss von Orten haben wir mit Historikerin Dr. Roberta Rio gesprochen, die auch das gleichnamige Buch "Der Topophilia-Effekt" herausgebracht hat:

FS: Frau Dr. Rio, Sie recherchieren die Wirkung von Orten. Das klingt wirklich aufregend. Was hat es mit dieser „Wirkung“ auf sich?

Unsere Umwelt wirkt permanent auf uns ein, jeden Tag, jede Sekunde. Viele dieser Eindrücke nehmen wir ganz bewusst wahr, zum Beispiel über unsere Sinne. Andere bleiben uns jedoch gänzlich verborgen, oder sie äußern sich nur in einem unbestimmten Bauchgefühl. Zu unserer Umwelt gehören natürlich auch die Häuser, in denen wir leben und arbeiten, und die Grundstücke, auf denen sie gebaut wurden. Auch sie wirken auf uns und schenken uns im besten Fall Kraft und Geborgenheit. Es gibt aber auch Orte, an denen wir uns von Anfang an unwohl fühlen, vielleicht sogar krank werden, pleitegehen oder eine Beziehung gegen die Wand fahren, ohne, dass wir uns erklären können, wieso. An dieser Stelle komme ich ins Spiel. 

Das klingt nach Detektivarbeit. Was genau machen Sie denn?

Wenn ich eingeladen werde, ein Gutachten über ein Haus oder eine Wohnung zu erstellen, mache ich mich mit meiner Schäferhündin Leya auf den Weg zu meinem Auftraggeber. Das sind in der Regel Privatpersonen und Unternehmen. Vor Ort schaue ich mir dann alles ganz genau an, lasse die Umgebung und die Architektur auf mich wirken und versuche, daraus erste Infos zur Historie des Ortes zu ziehen. Diesen Teil liebe ich ganz besonders. Vor Gebäuden zu stehen, die viel Geschichte in sich tragen, ist für mich immer etwas ganz Besonderes. Zu wissen, dass in jedem Winkel ganz unterschiedliche Ereignisse stattgefunden haben, ist einfach aufregend. Meine Hündin Leya nimmt bei der Begehung der Räume übrigens eine ganz besondere Schnüffler-­Rolle ein. 

Hunde können Dinge wahrnehmen, die unseren menschlichen Sinnen verschlossen bleiben. Ihr Geruchszentrum ist etwa 40-mal so groß wie das von uns. Hunde können sogar Dinge riechen, die längst in der Vergangenheit liegen.

FS: Dann ist Leya ja die Spürnase ...

Stimmt (lacht), sie ist auf ihre Art selbst eine Historikerin. Erst vor Kurzem hat sie mich wieder mal beeindruckt, auf dem Geburtstag einer Freundin. Dort hat sie sich standhaft geweigert, das Wohnzimmer zu betreten. Später hat sich dann herausgestellt, dass in dem Haus früher eine Metzgerei war und im Wohnzimmer die Tiere geschlachtet wurden.

FS: Könnte das nicht auch Zufall gewesen sein? Oder Trotz?

Natürlich, aber viele Hundebesitzer und -besitzerinnen werden Ihnen bestätigen, dass Tiere augenblicklich spüren, ob etwas nicht stimmt. 

FS: Kommen wir zurück zu Ihnen. Wie geht es nach der Begehung weiter?

Ich recherchiere die Geschichte des Hauses in Gemeinde und Kirchen-Archiven. Das ist wirklich spannend, denn man kann vorher kaum erahnen, auf welches Geheimnis man stößt. Online recherchiere ich auch, aber im Netz gibt’s leider jede Menge Unfug. Neben der Archivarbeit spreche ich auch mit den Nachbarn und Alteingesessenen im Ort, die oft überliefertes Wissen haben. Im besten Fall komme ich so wiederkehrenden Mustern auf die Spur. Sie sind der eigentliche Kern meiner Arbeit.

FS: Was sind das für Muster?

An einigen Orten wiederholen sich die Ereignisse, oft über Jahrhunderte. Krankheitsfälle, wirtschaftliche Misserfolge, Scheidungen ...

FS: Haben Sie ein Beispiel für uns?

Etliche! Ich erinnere mich noch gut an eine Frau, die mich kontaktiert hat. Nach dem Umzug in eine neue Wohnung haben sie und ihr Mann sich plötzlich andauernd gestritten. 

FS: Das ist in langen Partnerschaften ja nicht unbedingt ungewöhnlich ...

Ja, das ist möglich, aber in diesem Fall fing alles mit dem Umzug an.

FS: Und wie ging es dann weiter?

Ich habe mir die Geschichte des Hauses angesehen und Erstaunliches herausgefunden. Es war früher ein Gerichtsgebäude. Dort wurde also jeden Tag gestritten. Und nicht nur das: Es stellte sich heraus, dass sich die letzten drei Paare, die dort gewohnt hatten, haben scheiden lassen. Daraufhin sind die beiden ausgezogen und leben nun sehr glücklich in einer neuen Wohnung. 

FS: Spannend, aber ist das beweisbar?

Nein, ich bin Historikerin. Ich kann bei meiner Arbeit nur subjektive Schlüsse aus der Geschichte ziehen. Aber es hat sich unzählige Male gezeigt, dass es diese Muster gibt und dass sie sich wiederholen können. 

FS: Gibt es auch messbare Nachweise?

Manchmal liegt die Erklärung nicht in der Geschichte, sondern in geologischen Störungen. Um die zu finden, braucht es andere Spezialisten. 

FS: Ist die Scheidungswohnung denn nun für alle Zeit verflucht? Wird es dort künftig allen so ergehen? 

Nein, Orte haben nicht auf jeden Menschen die gleiche Wirkung. Manchmal ist ein Ort mit negativer Energie sogar gut für die Lebensphase, in der wir gerade stecken, weil wir eine bestimmte Erfahrung machen müssen, wie C.G. Jung sagen würde. Vielleicht ist beispielsweise der Wunsch nach einer Trennung längst in uns, und deshalb zieht es uns in ein Scheidungshaus.

FS: Was empfehlen Sie Menschen, die vor einem Umzug stehen?

Die meisten Leute denken rational, wenn sie eine Immobilie besichtigen. Sie fragen sich, ob der Preis stimmt und ob es einen Südbalkon gibt. Es wäre jedoch besser, auch auf das Bauchgefühl zu hören. Was empfinden Sie beim Reinkommen? Fühlen Sie sich sofort wohl oder haben Sie ein komisches Gefühl? Geben Sie Ihrem ersten Eindruck mehr Raum, vertrauen Sie sich!

FS: Wovon raten Sie ab?

Ziehen Sie nicht in ein Scheidungshaus oder in die Nähe einer Ruhestätte. Bei einigen Straßennamen sollten Sie ebenfalls hellhörig werden. Ein Haus im Galgenweg oder in der Schlachthofstraße zum Beispiel ist mit Vorsicht zu genießen. 

FS: Sollte man auch recherchieren?

Ja, oder Sie rufen mich an (lacht). Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich schlauzumachen, online oder in Archiven. Aber genauso gut ist es, einfach mal bei den Nachbarn zu klingeln oder mit Leuten im Ort zu sprechen. Erkundigen Sie sich nach den Vormietern und nach der Vergangenheit der Gegend. Fragen Sie, ob Ihre Nachbarn sich wohlfühlen. Das ist ein gutes Indiz für die Entscheidung. Aber am Ende zählt Ihre Intuition. Mein Tipp: Nehmen Sie einen Hund mit. Die wissen sofort, was Sache ist. 

Interview: Ina Volkmer
 

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