18. Februar 2021
Wie wird die Welt nach Corona aussehen?

Wie wird die Welt nach Corona aussehen? Zukunftsforscher Erik Händeler im Interview

Corona hält uns nach wie vor fest im Griff – mutierte Corona-Varianten, die noch ansteckender sind, machen uns Sorgen, die Impfkampagnen laufen schleppend, der Schaden an Mensch und Wirtschaft ist nicht absehbar. Wir haben mit Zukunftsforscher, Publizist und Autor Erik Händeler gesprochen, wie seiner Meinung nach die Welt nach Corona aussehen wird. Lesen Sie das spannende Interview!

FS: Lieber Herr Händeler, wir befinden uns aktuell in einem härteren Lockdown, doch durch Corona-Mutationen denkt die Regierung über weitere Verschärfungen nach. Trotz der hohen Todeszahlen haben aber längst nicht alle Verständnis für diese Maßnahmen. Dazu kommen Corona-Leugner. Wie werden wir Menschen Ihrer Meinung nach emotional aus dieser Krise hervorgehen – werden wir (wieder) solidarisch sein, gespalten oder machen wir weiter wie bisher?

Es gibt kein Zurück in die Zeit vor Corona. Wir werden auch nach der Pandemie eher Zoom-Besprechungen haben als in eine andere Stadt zu fahren. Und emotional: Ich vermute, wir werden den Kontakt mit echten Menschen mehr wertschätzen. Zu den Verschwörungstheoretikern: Das wirft zwei Fragen auf – nach dem Individualismus und nach der Wirklichkeit. In den vergangenen 50 Jahren hatten wir mehr Wohlstand durch mehr Individualismus. Das Auto erlaubte es, seiner Großfamilie im Dorf davon zu fahren und die Menschen zu treffen, die dieselben Interessen haben wie man selbst.

In der Wissensgesellschaft, die wir jetzt erreicht haben, sind die Themen so komplex, dass sie der einzelne nicht überblicken kann. Deswegen sind wir viel mehr als früher angewiesen auf das, was andere können oder wissen. Wer da nur von seiner Kostenstelle und seiner Karriere ausgeht, ist nicht produktiv. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem noch mehr Individualismus Wohlstand vernichtet. Den gibt es in Zukunft nur, wenn der einzelne sich zwar in Freiheit mit seinen Gaben entfalten kann, aber sie einsetzt für das ganze Projekt, nicht für seinen Eigennutz. Den Corona-Leugnern geht es nur um sich selbst, nicht um ihre Verantwortung für andere, die sie anstecken könnten.

Die zweite große Auseinandersetzung, die sich seit langem anbahnt und durch Corona auf die Spitze getrieben wird, ist die, ob es Wahrheit gibt. Die Subjektivisten meinen, es gibt keine Wirklichkeit. Die fernöstlichen Religionen und manche alte griechische Philosophie denken so. Dann lohnt sich auch keine Wissenschaft. Wer meint, dass es keine Wirklichkeit gibt und jeder nur seine Wahrheit hat, der soll mal auf eine heiße Herdplatte langen. Die Wirklichkeit existiert unabhängig von unserem Erkennen. Weil wir aber so konstruiert sind, dass jeder nur einen Teil der Wirklichkeit erkennt, sind wir darauf angewiesen, uns mit der Wahrnehmung anderer auseinanderzusetzen. Fakten zu leugnen oder Behauptungen nicht zu beweisen, wie es die Leute mit Verschwörungs-Lügen tun, ist nicht nur ein Seuchen-Problem. Es behindert auch den Wohlstand in der vor uns liegenden Zeit, in der es darum geht, produktiv mit Wissen zwischen Menschen umzugehen.

FS: In unserem ersten Interview, das wir im Mai 2020 geführt hatten, sagten Sie, dass eine Weltwirtschaftskrise sowieso gekommen wäre und nur der Konsum die Konjunktur am Laufen gehalten hat. Gleichzeitig glauben Sie, dass immaterielle Werte viel mehr zählen. Wie soll eine am Boden liegende Wirtschaft durch ein besseres Miteinander wieder in Schwung kommen? Wie sollen Menschen das verstehen, deren Jobs bedroht sind – oder gar über Jahre wegfallen?

Interview mit Erik Händeler Mai 2020: Wird das Coronavirus unser Leben verändern?

Es entsteht mehr Arbeit, als wegfällt, und das ist in der Geschichte immer so gewesen, wenn eine neue Technik wie Dampfmaschine, Eisenbahn oder elektrischer Strom sich ausbreiten. Weil dann neue Arbeit möglich wird, die vorher nicht rentabel war. In den vergangenen 200 Jahren hatten wir mehr Wohlstand, weil wir materielle und energetische Prozesse in der Arbeit produktiver gestaltet haben. Aber jetzt machen die Maschinen die materielle Arbeit – Industrie 4.0 – und Computer samt künstlicher Intelligenz übernehmen strukturierte Wissensarbeit, also Daten analysieren, Roboter steuern, Infos verarbeiten, wie übrigens schon seit Jahrzehnten. Was an Arbeit bleibt, ist die Arbeit am Menschen und Arbeit mit Wissen: Beraten, organisieren, Infos für das Problem suchen, es lösen, verstehen, was der Kunde meint.

Wenn zwei Abteilungsleiter aber nicht miteinander reden, macht sie keine Dingenskirchen-Technology produktiver. Weil die Produkte, für die wir Geld ausgeben, zunehmend immateriell sind. Und selbst wenn wir Dinge herstellen wie Autos, wächst der Anteil von immaterieller Gedankenarbeit. Die funktioniert aber nur bei Ehrlichkeit, Transparenz, Orientierung am Projektnutzen anstatt am Eigennutzen, konstruktivem Streiten. Das hat nichts mit sozialer Utopie zu tun, sondern mit knallhartem Überleben am Markt. Nachdem uns Technik nicht mehr groß produktiver macht, liegen die großen Fortschritte nun in der Fähigkeit, besser mit Wissen zwischen Menschen umzugehen. Statt produktiverer Maschinen geht es jetzt um besser zusammenarbeitende Menschen.

FS: Wir wollen Klimaziele vorantreiben, was in Cornazeiten löblich, aber nicht ganz einfach ist. Es ist schließlich alles eine Frage der Kosten. Welche Branchen sind Ihrer Meinung nach die Verlierer und Gewinner der Krise? Wie könnte eine "neue Welt" aussehen?

Jede Generation in der Geschichte musste Altes loslassen, Neues lernen und in eine neue Infrastruktur investieren – so what? Wir investieren in Solarzellen und Windparks, ersetzen bestehende Energieformen durch andere, die langfristig billiger sind und fast keine Folgekosten haben, etwa durch die Erderhitzung. Wir werden unsere Energie CO2-frei gewinnen, wir werden kleinere Autos fahren, mehr kurzzeitig mieten als alles besitzen zu müssen.

Gewinnen werden alle Branchen, die mit Menschen zu tun haben, mit Bildung, Gesundheit, mit Wissen. Wobei das alle Branchen querbeet betrifft. Ein Fließenleger weiß zwar, wie viele Quadratmeter Fließen er in einer Stunde legt. Aber er muss viel mehr als früher Bescheid wissen, beispielsweise über Materialien, Design und Lieferbarkeit. Und er muss auch ein schwieriges Ehepaar beraten können – das ist dann die unscharfe, unstrukturierte Wissensarbeit, die in Zukunft wächst. Wie gut wir das hinbekommen, davon hängt der Wohlstand ab.

FS: Es ist wohl jedem klar, dass die astronomisch hohen Kosten von allen zu tragen sein werden. Die Politik scheint den Superreichen aber nach wie vor einen besonderen Status zukommen lassen zu wollen. In Coronazeiten ist die Schere zwischen Arm und Reich aber noch weiter auseinandergegangen. Glauben Sie, dass der Gerechtigkeitsgedanke noch Realisierung findet?

Ja. Ein Staat, der nicht umverteilt und nicht dafür sorgt, dass die untere Schicht lernen und gesund leben kann, zerbricht. Und dann geht das Lernen wieder von vorne los.

FS: Wie wird die Welt nach Corona aussehen? Bitte vervollständigen Sie diese Sätze:

Flugzeuge werden ...

…weniger fliegen, irgendwann sogar mit Wasserstoff – aber sie werden fliegen.

Wirtschaftsnationen werden ...

…eine Untereinheit des Ganzen. In der Geschichte gibt es einen langen Zug hin zur größeren Einheit. Hermann der Cherusker, der bei Kalkriese die Römer im Jahr 9 n.Chr. besiegte, wurde noch von seinen eigenen Leuten umgebracht, damit er nicht sowas wie ein Herzogtum startet. Das hat dann bis zu den Karolingern bei uns gedauert. Irgendwann nach 1.000 Jahren gab es ein geeintes Deutschland, ein angenähertes Europa, Weltorganisationen. Irgendwann ist jede Ebene für seine Probleme zuständig, während die Dinge, die alle angeht, auf globaler Ebene geregelt werden. Außerdem hat die Wirtschaft schon immer dafür gesorgt, dass sich Normen weltweit durchsetzten und Märkte größer wurden, zu denselben Bedingungen. 

Armutsbekämpfung ist ...

... eine Frage der Kultur. Es reicht nicht, Geld, Wissen und Technik zu geben, wenn sich nicht auch Verhaltensweisen ändern, etwa bei den Frauenrechten.

Das Klima wird ...

... so werden, wie es die Forscher voraussagen, aber Homo Sapiens ist lernfähig. Wenn wir kooperieren, bekommen wir die Folgen weltweit gemeinsam in den Griff.

Zukünftige Generationen werden …

... lernen, wie sie selbst ticken und wie sie am besten mit anderen zusammenarbeiten.

FS: Gibt es etwas in der nahen Zukunft, das Sie jetzt als tröstlich wahrnehmen? Was kann uns in dieser angespannten Situation Auftrieb geben?

Die Zukunft ist offen, weil wir nicht wissen können, wie Menschen sich entscheiden. Die Geschichte ist ein Lernprozess und wenn eine Lektion nicht gelernt wurde, gibt es eben einen neuen Anlauf. Gruppenethik wie Nationalismus funktioniert nicht mehr in einer komplexen Welt und scheitert. Ein reiner Individualismus macht eine Gesellschaft jetzt auch nicht mehr lebenswerter. Was vor uns ist, ist die Zeit, in der wir lernen, zwar selbstverantwortlich in Freiheit zu leben, aber eben nicht für uns, sondern um uns um das Gemeinwohl zu kümmern. Kann sein, dass das etwas dauert.

FS: Was von dem, was Sie im Mai 2020 gedacht hatten, hat sich nicht bestätigt?

Was ich im Interview sagte, hätte ich jetzt auch so sagen können. Wo ich mich geirrt habe: Ich dachte, Corona geht schneller vorbei.

FS: Vielen Dank für das Interview!

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