6. Oktober 2020
Always-Kampagne: "Die unangenehmste Frage, die mir gestellt wurde"

"Du willst keine Kinder?" – "Das war die unangenehmste Frage, die mir gestellt wurde"

Jede 2. Frau fühlt sich im Alltag von Selbstzweifeln verunsichert – das ist das Ergebnis einer YouGov-Studie im Auftrag von Always. Aber woher kommen diese Gedanken bei Frauen, die ständig um das Eine kreisen: das Gefühl, nicht genug zu sein, nicht gut genug zu sein? Verena (33), die wir hier vorstellen möchten, gibt uns ihre ganz persönlichen Antworten.

Der gesellschaftliche Druck lastet immer noch schwer

Always machte im Mai mit der Kampagne #dubistdieantwort auf vorhandene gesellschaftliche Erwartungshaltungen gegenüber Frauen aufmerksam. Zum Beispiel gaben 41% der befragten Frauen an, dass die Gesellschaft von ihnen erwarten würde, für ihre Familie die eigene Karriere zu opfern, wobei nur 7% der Befragten tatsächlich bereit dazu wären, dies zu tun.

Außerdem wird insbesondere von jüngeren Frauen der gesellschaftliche Druck stärker wahrgenommen. Fast ein Viertel der 25–34-Jährigen fühlt sich durch übergriffige Fragen wie z.B. „Wie sieht es mit Kindern aus?“ oder „Wie, du arbeitest trotz Kind weiterhin Vollzeit?“, bewusst unter Druck gesetzt.

Davon kann auch Verena ein Liedchen singen. Was Sie zu dem teilweise schwer auf ihren Schultern lastenden Gesellschaftsdruck sagt und was sie tatsächlich glücklich macht, verrät sie in diesem Interview. 

Was war die unangenehmste Frage, die dir mal jemand gestellt hat?

„Du willst keine Kinder? Ist doch schön, ein eigenes Kind zu haben.“ Als ich das gehört habe, dachte ich: Darf ich das selbst entscheiden?! In meiner Partnerschaft wird meine Partnerin diesen „Teil“ übernehmen. Bei einer homosexuellen Beziehung wird dann natürlich gleich weiter nachgefragt: „Und wie macht ihr das? Willst du nicht, dass es dein eigenes Kind wird?“ Dabei wird es doch selbstverständlich mein eigenes Kind, ich trage es bloß nicht aus. Wo ist das Problem?

Was glaubst du, woher kommt der Antrieb bei den Leuten, diese Fragen zu stellen?

Ich glaube das ist auch generationsabhängig. Bei älteren Generationen ist der Wunsch, Kinder und Enkelkinder zu bekommen, gesellschaftlich einfach verankert. Für sie waren Kinder immer da und sollten immer da sein – also eigene Kinder. Wenn ich z.B. äußere, dass ich ja ein Kind adoptieren kann, werde ich mit einer Antwort konfrontiert wie: „Hmm ok, das Baby ist niedlich, aber es ist nicht deins“.

Nimmst du dein Leben als selbstbestimmt war?

Ja, zu Beginn meines Erwachsenenlebens hat meine Familie noch versucht, mir reinzureden. Aber ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Wenn ich glücklich bin, dann ist alles gut.

Hast du für die nächsten zehn Jahre Ziele und Träume, die du dir erfüllen möchtest?

Ja, meine Freundin und ich wollen eine Familie gründen. Ich bin sehr gespannt darauf, wie ich als Mama sein werde.

"Wir sollten sowieso nicht in den Kategorien 'Mann' und 'Frau' denken"

Hast du das Gefühl, die Gesellschaft stellt Erwartungen an dich als Frau?

Ja, gerade, was das Thema Arbeit angeht, beziehungsweise, dass man als Frau beides vereinen kann: Mutter sein und arbeiten. Wir sollten sowieso nicht in den Kategorien „Mann“ und Frau“ denken, sondern, dass wir alle Menschen sind. Genau das muss mehr in den Köpfen verankert sein.

Was würdest du sagen ist die überholteste Vorstellung, die es diesbezüglich noch gibt?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass Frauen nicht so ernst genommen werden wie Männer. Zum Teil werden sie nicht mal als „Menschen“ wahrgenommen. In skandinavischen Ländern ist man bereits weiter. Dort werden nicht nur „er“ und „sie“, sondern auch „sie“ als Plural genutzt, womit man einfach einen Menschen betitelt, ohne auf das Geschlecht einzugehen.

Hast du das Gefühl, dass dir aufgrund deines Geschlechts auch schon einmal Chancen verwehrt wurden?

In Bezug auf das Thema Gehalt spüre ich den Unterschied definitiv. Ich leiste das Gleiche wie mein männlicher Gegenpart, werde aber schlechter bezahlt.

Gibt es in deinem Leben Menschen, deren Erwartungen du bei aller Selbstbestimmung nicht enttäuschen möchtest?

Ganz klar, meine Familie! Es mir wichtig immer in Kontakt zu bleiben, damit sie mein Leben mitverfolgen können. Eltern müssen lernen, damit umzugehen, dass ihr Kind homosexuell ist. Ich komme aus einem kleinen Dorf bei Stuttgart. Dort lebt man anders als in Berlin, wo jeder sein kann, wie er will.

"Es macht mich unglaublich glücklich, dass ich diese Stärke jetzt habe"

Was bedeutet Weiblichkeit für dich?

In erster Linie: selbstbestimmt zu sein, handeln, agieren, leben, mich kleiden aber auch essen und trinken. Aber auch, mich in mir wohl zu fühlen, abseits der gesellschaftlichen Normen oder Erwartungen. Ich möchte als Mensch gesehen werden. Unsere Gesellschaft bezeichnet sich selbst als „emanzipiert“. Aber wenn man genauer hinschaut, ist es de facto leider nicht so.

Was macht dich gerade jetzt, an dem Punkt wo du in deinem Leben bist, besonders glücklich?

Meine Beziehung, weil ich meine gleichgeschlechtlichen Partnerschaften jahrelang nicht offen gelebt habe. Ich war damals noch nicht soweit, dass ich dem gesellschaftlichen Druck standgehalten hätte. Es macht mich unglaublich glücklich, dass ich diese Stärke jetzt habe.

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