Die große Kränkung Mein Mann möchte keinen Sex mehr mit mir

Männer wollen immer? Nein! Viele Frauen trifft es hart, wenn sich der Partner der Intimität verweigert – diese Kränkung ist nur schwer zu ertragen. Was unsere Expertin rät, wenn er einfach keinen Sex mehr will.

Mann will kein Sex Mein Mann möchte keinen Sex mehr mit mir © iStock

Das „Gemetzel da unten“ hat ihn abgetörnt

Während der ersten Wochen nach der schweren Geburt ihrer Tochter war Carolin Segers noch zutiefst dankbar dafür, dass ihr Mann Peter kein körperliches Interesse an ihr zeigte. „Ich dachte, er ist einfach rücksichtsvoll“, erinnert sich die 42-Jährige. Doch auch als sie nach einigen Monaten wieder Lust auf Sex signalisiert, wimmelt ihr Mann alle Avancen ab. „Er fand jedes Mal neue Ausreden, warum es gerade nicht passte. Mal war er von der Arbeit gestresst, mal hatte er Angst, wir würden das Baby aufwecken, dann plagten ihn Magenschmerzen. Einmal gab er auch zu, wie sehr ihn das Miterleben der Geburt grundsätzlich abgetörnt hatte, das ,Gemetzel da unten‘, wie er es nannte.“ 

Einer von fünf Männern keinerlei erotischen Antrieb

Dass das alte Klischee „Der Mann hat ständig Lust und die Frau hat Migräne“ schon lange nicht mehr stimmt, erleben immer mehr Paare. Seit einigen Jahren berichten Therapeuten über eine steigende Zahl von Fällen männlicher Unlust. Nach Schätzungen des US-amerikanischen Sexualmediziners Irwin Goldstein, Herausgeber des „Journal of Sexual Medicine“, verspürt einer von fünf Männern keinerlei erotischen Antrieb. Und 30 Prozent aller Frauen gaben in Befragungen an, regelmäßig mehr Lust auf Liebe als ihr Partner zu haben. Oft sind die Gründe für seine mangelnde Libido schwer aufzuspüren. „Lust ist eine vielschichtige und individuelle Angelegenheit“, bestätigt Psychologin und Sexualtherapeutin Alexandra Hartmann aus München. „Deshalb lässt sich häufig nicht die eine Ursache benennen. Stress im Berufs- und Familienleben spielt aber sicher eine wichtige Rolle.“ Experten vermuten zusätzlich einen großen Einfluss der ständigen Erreichbarkeit und der Informations- und Bilderflut über die Neuen Medien. Denn wo bleibt Platz für Muße und Sinnlichkeit, wenn das Gehirn unter Dauerbeschuss steht? Und welchen Reiz bietet Alltagssex überhaupt noch in Zeiten, in denen man auf Webportalen wie Pornhub und Co. die wildesten Fantasien bequem am PC (und ohne Partnerin mit eigenen Bedürfnissen) ausleben kann? 

Schließlich scheint sich auch der Wandel der Geschlechteridentität auf das Begehren auszuwirken: Heute herrscht große Verunsicherung über gesellschaftliche Rollenbilder und typisch männliche oder weibliche Attribute. Unabhängig von den Gründen verspüren abgewiesene Frauen eine ganz besondere Form der Abwertung: Die meisten haben noch die frühere Vorstellung des „allzeit bereiten“ Partners verinnerlicht. Und so zweifeln sie automatisch an ihrer Attraktivität. „Das hat viel mit dem Selbstwertgefühl zu tun“, weiß Therapeutin Hartmann. „Frauen suchen die Schuld oft bei sich, schieben seine Unlust dann auf ihre vermeintlich zu dicken Oberschenkel.“ Ein Reflex, den auch Nicole Lange kennt. Sie lebt seit Jahren in einer sexlosen Partnerschaft. „Es ist wie Bruder und Schwester. Zwar nimmt mein Lebensgefährte seit längerem Antidepressiva wegen seines Burnout, die sicher alles andere als anregend sind.“ Dennoch kann sich die 51-Jährige nicht von der Vorstellung lösen, dass ihre Figur – sie nahm über die Jahre rund 15 Kilo zu – der eigentliche „Lustkiller“ ist. 

Warum uns seine Ablehnung im Schlafzimmer so hart trifft

Alexandra Hartmann erklärt das so: „Beim Sex geht es um völlige geistige und körperliche Hingabe und um exklusive Intimität. Nimmt der Partner dieses Angebot nicht an, fühle ich mich auf ganzer Ebene bloßgestellt und zurückgewiesen.“ Zudem ist das Thema äußerst schambesetzt, viele trauen sich noch nicht mal, mit der besten Freundin darüber zu sprechen, und leiden still. Gerade dann, wenn nicht Unlust, sondern Unvermögen das Sexualleben auf Eis legt. 

„Impotenz? Hielt ich für ein Problem alter Leute.“ Als dann ihr Mann mit Mitte 40 plötzlich betroffen war, schob Wiebke Gruber, 47, es zunächst auf zu viel Alkohol, auf Stress. „Doch irgendwann wurde klar: Er kriegt tatsächlich keinen mehr hoch!“ Ein Albtraum für beide. Wiebkes Ehemann zog sich immer mehr zurück, verweigerte bald jegliche körperliche Nähe. „Und ich überlegte ständig, was ich anders machen könnte, ob ich zu wenig experimentierfreudig war oder meine Baumwollschlüpfer ihn nicht anmachten.“ Nachdem Wiebke in ihrer Verzweiflung eine Trennung vorschlug, brach ihr Mann richtiggehend zusammen. Er ließ sich vom Arzt durchchecken – ohne Ergebnis. Heute gehen die beiden regelmäßig zur Paartherapie, um der psychischen Blockade auf die Spur zu kommen. Ob ihr Weg zurück zu einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung führt, ist offen, weiß Expertin Hartmann. „Manchmal steht am Ende auch die Trennung. Aber ich kann Paare nur ermutigen, frühzeitig die Verantwortung für die eigene und die gemeinsame Lust zu übernehmen und immer wieder Bedürfnisse und Erwartungen klar zu formulieren.“ 

Das sagt die Expertin: „Lust kann man sich abgewöhnen!“ 

Alexandra Hartmann
Die Psychologin und systemische Therapeutin Alexandra Hartmann berät in ihrer Münchner Praxis Singles und Paare. Sie ist Autorin des Paar-Ratgebers „Meine Bedürfnisse, deine Bedürfnisse“. 

Zeigt seine Unlust, dass in der Partnerschaft grundsätzlich etwas schiefläuft?

Nicht unbedingt. Es besteht oft noch ein starkes Gefühl von Liebe und Verbundenheit. Da der Sexualtrieb generell durch den Reiz des Neuen getriggert wird, passiert es in Langzeitbeziehungen oft, dass das Verlangen sinkt.

Können Paare gegensteuern? 
Besonders wichtig ist es, einander nahe und in emotionalem Kontakt zu bleiben. Der Austausch von Gefühlen auf verbaler und körperlicher Ebene stellt immer wieder Intimität her.

Was raten Sie Frauen, die sich durch die erotische Zurückweisung gekränkt fühlen?
Sie sollten versuchen, auch die Not des Partners zu sehen. Eine Paartherapie ist eine Möglichkeit, Blockaden zu erkennen und einen neuen Raum für Gefühle zu gestalten.

Ist ein Weg aus der Lustlosigkeit denkbar?
Tatsächlich kann man sich das Lustempfinden abgewöhnen. Wer lange keinen Sex mehr hatte, vermisst ihn vielleicht nicht mehr. Deshalb ist mein Tipp: Verabreden
 Sie sich wieder regelmäßig zur Liebe! Was in der ersten Verliebtheit emotional gesteuert wird, müssen Sie später rational entscheiden. Klingt erst mal nicht romantisch, führt aber auf Dauer wieder zu mehr Verbundenheit und Spaß an der Beziehung..

Und was, wenn alles nichts hilft – zusammenbleiben ohne Sex?
Als rein funktionale Partnerschaft, wenn beide das in Ordnung finden, warum nicht? 

Lesen Sie unseren Artikel: Wie Paare es schaffen, zusammenzubleiben

Wenn er nicht kann, obwohl er will

Williger Geist, schwaches Fleisch? Erektionsstörungen sind ein verbreitetes Problem und haben laut Andrologen in der Mehrzahl der Fälle körperliche Ursachen, beispielsweise Gefäß- oder auch Nervenerkrankungen. Ein hormonelles Ungleichgewicht kommt ebenfalls als Auslöser infrage, hauptsächlich ein bestehender Mangel des Sexualhormons Testosteron oder ein zu hoher Östrogenspiegel. Manchmal entstehen Potenzprobleme auch als Nebenwirkung von Medikamenten (z. B. Antidepressiva, Mittel gegen Bluthochdruck, entwässernde oder cortisonhaltige Präparate). Wichtig: Die falsche Scham überwinden, die Ursache ärztlich abklären lassen. Erst dann kann die passende Therapie oder gegebenenfalls ein Medikamentenwechsel weiterhelfen. 

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Datum: 28.10.2019
Auto: Tanja Eckes 

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