19. Oktober 2020
Mein Leben mit Hashimoto – Patienten-Interview

Patienten-Interview: Mein Leben mit Hashimoto

Die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis ist in Deutschland  weit verbreitet: Etwa zehn Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Frauen erkranken zehnmal häufiger als Männer. Eine von ihnen ist Kathrin Haller*, die uns ihre Geschichte erzählt hat. Lesen Sie das Interview!

Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht: Moment, da stimmt etwas nicht bei mir?

Mit 13 nahm ich innerhalb eines Jahres zwölf Kilo zu, obwohl ich nicht mehr aß als vorher. Außerdem war ich oft müde, fühlte mich niedergeschlagen und hatte häufig Probleme, mich in der Schule zu konzentrieren. Ich hatte auch keine Lust mehr, in der Freizeit noch was Schönes mit meinen Freunden zu unternehmen. 

Was haben die denn dazu gesagt? Und wie hat Ihre Familie reagiert?

Für meine Freunde war ich bald nur noch die, die sich zu nichts aufraffen konnte und mies drauf war. Einige fingen auch an, mich wegen des Gewichts zu mobben, darunter habe ich sehr gelitten. Als Teenie zu hören, man sei dick und solle halt nicht so viel essen ... das macht etwas kaputt in dir, das lässt sich nicht mehr reparieren. Und meine Familie? Die verharmloste mein Leid, dachte, das wäre typisch für die Pubertät. Junge Betroffene müssen sich oft anhören, es liege an der Psyche. Bei Älteren heißt es: Das sind die Wechseljahre. Hätte man bei mir die richtigen Schlüsse gezogen – ich hätte die ganzen Beschwerden wahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes nicht am Hals gehabt.

Wann kam der Verdacht auf, dass die Ursache die Schilddrüse sein könnte?

Den Verdacht hatte ein Orthopäde, bei dem ich 2006 wegen anderer Beschwerden war. Er riet mir, das beim Hausarzt checken zu lassen. Als ich dem mein Leid schildern wollte, hörte er gar nicht zu, sondern verschrieb sofort Hormon-Tabletten. Die waren aber überdosiert, sodass sich meine Symptome plötzlich umkehrten: Dass ich abnahm (innerhalb weniger Monate von 72 auf 66 Kilo bei 1,65 Metern), fand ich ja noch toll. Doch mein Puls raste ständig, und ich wurde schnell aggressiv.

Haben Sie die Tabletten trotzdem weiter eingenommen oder wieder abgesetzt?

Ich habe sie dem Arzt mit den Worten zurückgegeben: „Die können Sie selber nehmen!“ Dann habe ich mich noch drei Jahre so durchgekämpft, bis ich in einer totalen Unterfunktion landete – zwar keine Gewichtszunahme mehr, aber ich war dauermüde, wollte nur noch schlafen. Ein neuer Hausarzt überwies mich dann zum Glück an einen Nuklearmediziner, und nach genauen Laboruntersuchungen und Ultraschall der Schilddrüse bekam ich die Diagnose: Hashimoto-Thyreoiditis. Endlich! Endlich wusste ich, was los ist.

Was hat sich durch die Diagnose und die darauf folgende Behandlung geändert?

Alles. Denn mit Hashimoto muss man nicht leiden – vorausgesetzt, es wird erkannt und mit der individuell nötigen Gabe von Hormonen behandelt. Meine Beschwerden sind fast verschwunden. Ich habe aber durch eine Begleiterkrankung eine Typ-A-Gastritis entwickelt, durch die meine Magenschleimhaut Vitamin B12 nicht verarbeiten kann. Viele Betroffene haben Begleiterkrankungen – weil Ärzte einfach nicht an die Schilddrüse denken. Sie ist das vergessenste Organ im Körper. 

Was müsste sich Ihrer Meinung nach im Umgang mit der Erkrankung ändern?

Sie müsste mehr ins Bewusstsein rücken, die Symptome dürfen nicht verharmlost werden. Betroffenen rate ich: Wendet euch an die Schilddrüsen-Liga. Da sind Experten, die sich viel Zeit nehmen, man erhält Infos und kann sich austauschen. Bei einem Besuch dort sah ich: Es gibt keine Sprech-, sondern „Zuhörzimmer“. So was auch bei Ärzten – das wäre klasse. 

*Sie möchte anonym bleiben.

Was bei Hashimoto im Körper passiert

Bei der Erkrankung sieht der Körper die Schilddrüse als fremdes Gewebe an und beginnt, sie zu zerstören. Das führt zu einer chronischen Schilddrüsenentzündung und -unterfunktion. Symptome sind unter anderem Müdigkeit und Gewichtszunahme. Hashimoto ist nicht heilbar, die Betroffenen müssen ihr Leben lang Schilddrüsenhormone einnehmen. 

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