19. Juni 2012
Coming-Out: Ich bin lesbisch

Coming-Out: Ich bin lesbisch

Es beginnt als leise Sehnsucht – und wirft Utes Leben völlig aus der Bahn. Nach 17 Jahren erkennt sie: „Ich liebe eine Frau!“ Wie sagt man das dem Mann? Den Kindern?

Lesbisch
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Coming-Out: Ich bin lesbisch

Meine Kinder stehen dicht vor mir, und so weit entfernt wie nie zuvor. „Ihr seid das Wichtigste in meinem Leben“, sage ich, aber hören sie mich? Katja ist 17 Jahre alt, Max 15. Sie halten die Köpfe gesenkt, weichen meinem Blick aus. „Lasst ihr euch jetzt scheiden, Mama?“, fragt Max. Ich ziehe ihn an mich, halte ihn fest.

Monatelang habe ich die Worte vor mich hin gewispert, mich gefragt, was passiert, wenn ich sie laut ausspreche. Jetzt stehen sie zwischen uns: „Ich liebe eine Frau.“ Natürlich habe ich es schon früher gemerkt. Mit 13 schwärmte ich für meine Sportlehrerin, mit 15 für meine beste Freundin. Aber Mädchen lieben Jungs. Etwas anderes auszuprobieren als in meinem kleinen Heimatdorf üblich? Unvorstellbar! Ich wollte normal sein, eine wie alle.

Mit 24 lernte ich Bernd kennen, einen Kollegen. Wir haben in den Mittagspausen auf einer Bank gesessen, Salatschalen auf den Knien balanciert, und Bernd hat erzählt. Von Radtouren nach Italien, von dem Haus, das er einmal bauen möchte. Ich habe ihm gern zugehört. Und als er mich zum ersten Mal küsste, hat es sich richtig angefühlt.

„Der Bernd, das ist ein Guter, ein Mann zum Heiraten“, sagte meine Mutter. Ein Mann, bei dem ich mich zu Hause fühlte. Was wollte ich mehr? Von Lust und Leidenschaft wusste ich nicht viel. Katja kam an meinem 26. Geburtstag zur Welt. Dann Max. Wir vier zogen in ein kleines Städtchen nahe Stuttgart. Bernd und ich waren glücklich und als Eltern ein gutes Team. Dass ich nur selten Lust auf Sex hatte, nahm er hin: Wir hatten zwei kleine Kinder und viel Arbeit, und um das Sexleben vieler unserer Freunde stand es nicht besser. Das ist ganz normal, dachte ich, es ist okay so. Ich liebte meine Kinder und meinen Mann.

Ich begegnete ihr an einem Wochenende im Juni 2008, als ich meine Freundin Sandra in Stuttgart besuchte. Bernd war mit den Kindern zum Zelten gefahren. Abends trafen Sandra und ich Freunde in einem Biergarten. Und sie gehörte zu der Runde. „Hallo, ich bin Petra“, sagte sie.

Das erste Treffen

Ich weiß noch, wie sie vor mir stand, in ihrem blauen Kleid, die langen braunen Haare zum Zopf gebunden. Sie setzte sich neben mich, erzählte, dass sie erst kürzlich umgezogen sei, in ihre absolute Traumwohnung, gleich um die Ecke. Ihre Augen funkelten vor Begeisterung. Mir gefiel das.

Wir tranken Wein, lachten viel, redeten über Gott und die Welt. Die anderen nahm ich kaum wahr. Als meine Jacke von der Stuhllehne rutschte, hob Petra sie auf, legte sie mir sanft über die Schultern. Sekundenlang lag ihre Hand auf meinem Arm. Gänsehaut. „Flirtet sie etwa mit dir?“, flüsterte Sandra mir zu und kicherte. Mein verschämtes Lächeln: Ich flirte mit ihr, fuhr es mir durch den Kopf. Schnell schob ich den Gedanken weg. Es war spät, als wir uns verabschiedeten. „Komm doch mal zum Essen bei mir vorbei“, sagte Petra.

Zwei Wochen später saß ich in ihrer Küche. „Das hier ist rein freundschaftlich“, redete ich mir ein und wusste es besser. Als Petra meine Hand nahm, blieb mein Herz fast stehen. Erste Küsse, ich ließ sie zu. Ihre Hände, die meinen Rücken auf und abglitten, erst vorsichtig, dann leidenschaftlich. „Alles ist gut“, flüsterte sie, während sie mit den Fingern sanft den Ausschnitt meiner Bluse entlangfuhr, einen Knopf nach dem anderen öffnete. Ich nickte, zitterte. „Ich möchte es auch“, meine Stimme klang dünn, atemlos.

Ihr Bett war groß, weich. Ich spürte ihre Finger auf meinem Gesicht, meinen Brüsten, zwischen den Schenkeln. In mir. In dieser Nacht kam ich zum ersten Mal in meinem Leben. Es wurde hell, als ich nach Hause fuhr, berauscht, verwirrt. Wie konnte das passieren? Liebe ich jetzt Frauen? Und Bernd? Mir war schwindelig.

Beginn des Doppellebens

Zu Hause machte ich weiter wie immer, kochte Mittagessen, half Katja bei den Hausaufgaben, fuhr Max zum Fußballtraining. Abends saß ich mit Bernd auf dem Sofa. Wenn der Fernseher läuft, muss man nicht reden. Darüber, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte als an Petra, ihre Berührungen. Darüber, dass ich unbedingt mehr davon wollte, viel mehr. Das Verlangen wird weggehen, sagte ich mir, es muss.

Zwei Monate später feierte Bernd seinen 40. Geburtstag. Er schlief mit mir. Ich hielt die Augen fest geschlossen, spürte ihn in mir, seinen Atem neben meinem Ohr. Wie kann sich etwas so Vertrautes so fremd anfühlen? Und wie viel zärtlicher und leidenschaftlicher war es mit Petra? „Ich liebe dich“, sagte Bernd danach. Ich wollte nur aufstehen und duschen. Aber ich blieb bei meinem Mann liegen. Er konnte nichts dafür.

Zehn Tage später hielt ich es nicht mehr aus. Ich fuhr zu Petra. Danach sahen wir uns regelmäßig. Bernd erzählte ich, dass ich mit Sandra einen Salsa-Kurs in Stuttgart besuchte. Drei Stunden pro Woche, die nur Petra und mir gehörten. Hin und wieder gingen wir ins Kino oder essen. Aber meistens landeten wir sofort im Bett. Manchmal, wenn Bernd beruflich zwei, drei Tage unterwegs war, übernachteten die Kinder bei Freunden. Das waren die schönsten Nächte für Petra und mich.

Sandra war meine einzige Vertraute. „Ich verstehe mich selbst nicht, aber es fühlt sich richtig an mit Petra. So, als ob ich erst jetzt anfangen würde zu leben“, erklärte ich ihr. Sandra hielt zu mir, und sie verstand mich, auch meine Angst. Lesbisch sein. Würde ich das schaffen, mit allen Konsequenzen? Und was, wenn Katja und Max mich ablehnen würden, nichts mehr mit mir zu tun haben wollten? Das könnte ich nie ertragen.

„Ich muss durchhalten, der Kinder wegen“, sagte ich mir und Petra immer wieder. Sie war oft traurig deswegen: „Aber dich aufgeben, nein. Ich habe dich lieber drei Stunden pro Woche bei mir als gar nicht.“ Auch dafür liebte ich sie. Und führte ein Doppelleben, drei Jahre lang.

Das Coming-Out

„Man hat dich gesehen.“ Bernds Worte empfingen mich an der Haustür. Ich schloss die Augen. Für ein paar Sekunden stand ich einfach nur da, regungslos. Dann erzählte ich ihm alles. Mein Mann wollte, dass es aufhörte. Er war verletzt, traurig. Und ich war erleichtert. Endlich waren die Heimlichkeiten vorbei, endlich konnte ich zu der Frau stehen, die ich war. Jetzt gab es keinen Weg zurück, aber das wollte ich auch nicht.

„Ich habe mich in eine Frau verliebt“, höre ich mich sagen. Immer wieder habe ich das Gespräch mit den Kindern in Gedanken durchgespielt, mir Mut gemacht: Sie werden es verstehen. Max windet sich nicht aus meinem Arm. Er schaut mich an, und er fragt. „Lasst ihr euch jetzt scheiden? Wie, eine Frau? Und was wird aus uns?“ Er fragt mich nach Petra, und ob ich lieber bei ihr wohnen möchte. „Ich weiß es noch nicht“, antworte ich. Katja schweigt. Und geht weg.

„Bist du jedes Mal bei ihr gewesen, wenn du nach Stuttgart gefahren bist?“, fragt sie mich am nächsten Morgen. Wir stehen in der Küche. Ihren herausfordernden Blick kenne ich nur zu gut: Sie verlangt die Wahrheit und nimmt das Risiko in Kauf, sie nicht ertragen zu können. „Und was ist mit Papa? Und wolltest du jemals Kinder, uns, deine Familie?“ Katjas Stimme zittert.

Ich erzähle von meinen Gefühlen als Teenager, von der heimlichen Gewissheit, anders zu sein als die anderen. „Aber Max und du wart immer mein größtes Glück.“ Mein Blick bittet um Verständnis. Katja schüttelt den Kopf. Aber sie fragt weiter, schonungslos. Wir sprechen viel während der nächsten Tage. Als meine Tochter schließlich sagt, dass sie mich versteht, weine ich.

Einen Monat später ziehe ich mit Max nach Stuttgart. Katja bleibt bei ihrem Vater. Beide Kinder mögen Petra, halten jedoch Abstand. Einige Bekannte haben den Kontakt abgebrochen. Und Bernd ist feindselig. Ich habe viel verloren. Mein neues, richtiges Leben zu leben hat einen hohen Preis. Aber es ist mein größtes Glück.

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