10. Oktober 2011
Bindungsangst: Männer und ihre Angst sich zu binden

Männer und ihre Angst sich zu binden

Will sie mehr Nähe, sucht er das Weite: Viele Männer scheinen unfähig, eine echte Bindung einzugehen. Wie man erkennt, wenn er es nicht ernst meint.

Meint er es ernst?
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Männer und ihre Angst sich zu binden

Männer und ihre Angst sich zu binden

Manche haben gerade erst eine Trennung hinter sich und suchen nur eine Übergangslösung. Andere haben nur ihre Karriere im Kopf und jetzt keine Zeit „für etwas Ernstes“. Und viele lieben ihre Unabhängigkeit mehr als die Frau an ihrer Seite. Denken nicht daran, vor den Traualtar zu treten. Was ist bloß mit den Männern los? „Es tut mir leid“, sagte er ihr am Telefon, „aber mir wird das gerade alles zu eng. Ich brauche Zeit zum Nachdenken.“ Das war vor zwei Wochen. Seither hat er weder auf ihre E-Mails noch auf Anrufe reagiert. Ist einfach aus ihrem Leben verschwunden. Dabei waren Thomas und Sylvia zwei Jahre lang ein Paar wie aus dem Bilderbuch – traten fast immer zu zweit auf, wirkten harmonisch. Innig. Und nun das: Absturz von Wolke sieben. Warum? Warum suchen Männer das Weite, wenn Frauen anfangen, von Hochzeit, Haus und Kind zu träumen?

Es scheint, als gebe es in der Liebe heute ein seltsames Gesetz von Anziehung und Loslösung: Je mehr die Frau Nähe sucht, desto mehr flüchtet sich der Mann in seine Unabhängigkeit. Vielleicht war dies auch der Grund für die Trennung von George Clooney (50) und Elisabetta Canalis (32). Aus ihrem Freundeskreis hieß es, sie wollte heiraten, er auf keinen Fall. Und je mehr sie ihn unter Druck setzte, desto mehr zog er sich zurück. Ein Muster, das man bei vielen „gebrannten Männern“ findet. Bevor die Gefühle zu intensiv werden, ziehen sie die Reißleine. Wie Thomas, der schon einmal verheiratet war. „Bindungsängstliche Menschen reagieren abweisend, wenn man von ihnen Nähe einfordert. Dahinter steckt die Furcht, verletzt zu werden“, sagt Diplom-Psychologin Lisa Fischbach.

Scheu vor zu viel Nähe

Die einen scheuen also zu viel Nähe – aus Angst, erneut zu scheitern. Die anderen schrauben ihre Ansprüche so hoch, dass selbst ein Supermodel sie nicht erfüllen kann. Anders kann man es wohl kaum erklären, dass ein Film-Beau wie Hugh Grant seit der Trennung von Liz Hurley alle paar Jahre die Frau an seiner Seite wechselt. Man könnte jetzt denken: Gut, George Clooney und Hugh Grant können sich eben die schönsten Frauen der Welt aussuchen. Aber das Frauenkarussell dreht sich nicht nur bei Promi-Männern, wie Lisa Fischbach beobachtet: „In einer Gesellschaft, die vom Recht auf Selbstverwirklichung geprägt ist, wollen sich viele lange ausprobieren, um das Beste für sich zu finden.“

Das belegen auch harte Zahlen: 54 Prozent der Deutschen zwischen 30 und 49 Jahren leben ohne Partner. Aber offensichtlich ist auch der eingefleischteste Junggeselle nicht vor Torschlusspanik gefeit: Ab dem 50. Lebensjahr nimmt die Single-Quote rapide ab – nur noch rund 9 Prozent zwischen 50 und 59 Jahren haben keinen Partner. Nur: Warum dauert es so lange, bis ein Mann „die Beste“ für sich gefunden hat? Zum einen ist da sein biologischer Vorteil. „In der heutigen Zeit mit ihrem Jugendwahn ist es für einen Mann wenig verlockend, sich früh zu binden und Verantwortung zu übernehmen“, sagt Lisa Fischbach. Muss er ja auch nicht: weil ein Mann im Gegensatz zu einer Frau auch noch jenseits der 50 entspannt eine Familie gründen kann. Zum anderen, beobachten Paartherapeuten, sinke bei vielen Singles die Bereitschaft, eine Durststrecke in der Partnerschaft durchzustehen. „Sie geben der Liebe keine Chance zu reifen“, sagt Paar-Coach Michael Mary, der gerade ein Buch über dauerhaft suchende Singles geschrieben hat. „Die meisten geben beim kleinsten Anzeichen von Differenzen auf und dem Partner den Laufpass.“

Zu hohe Ansprüche

Bevor es (zu) kompliziert wird, trennt man(n) sich lieber. Dazu passt, dass es meist erfolgreiche Männer mit großem Ego sind, die die Frauen an ihrer Seite wie die Reifen an ihren Sportwagen wechseln. Prominente Beispiele gibt es viele: Beckenbauer tauschte in jungen Jahren öfter seine Frauen gegen ein jüngeres Modell. Lothar Matthäus schloss viermal, Joschka Fischer sogar fünfmal den Bund fürs Leben. Ein Trend, der längst gesellschaftsfähig geworden ist, wie Forschungsergebnisse bestätigen: In allen hoch entwickelten Ländern werden Partnerschaften immer serieller – da fällt der bindungsunwillige Mann auf den ersten Blick nicht auf. Und doch gebe es Warnzeichen, sagt Lisa Fischbach, die bei Elitepartner.de Singles berät. Nach der anfänglichen Verbindlichkeit werde es immer schwieriger, Nähe zu schaffen. „Plötzlich hat er kaum noch Zeit. Hält den Freundeskreis getrennt und macht nur ungern langfristige Pläne.“ So war es auch bei Thomas, sagt Sylvia. Vor jedem Gespräch über ihre Zukunft habe er sich gedrückt.

Aber warum scheuen so viele Männer eine echte Bindung? Zum Teil, meinen Psychologen, liege das an ihrer Erziehung. Nicht wenige der heute 30- bis 40-Jährigen wurden von ihren Eltern wie Prinzen großgezogen. Die Folge: Jeder hält sich für etwas ganz Besonderes und sucht die perfekte Traumfrau. „Die Ansprüche sind überzogen“, sagt auch Michael Mary. Es solle nicht nur passen, sondern auch funken – und das auf ewig. Und wenn nicht? Dann klickt man zur Nächsten: Die Versuchung im Internet ist groß, die Auswahl an Partnerinnen riesig. Kein Wunder, dass da gerade ein Mann, der sich selbst für einen Traumprinzen hält, immer weiterfischt – könnte ja sein, dass im Netz eine noch attraktivere Nixe auf ihn wartet. Und Sylvia? Sie hofft noch immer auf einen Anruf, auf eine Entschuldigung oder zumindest auf eine Erklärung vom „Mann ihres Lebens“. Aber so wirklich rechnet sie inzwischen nicht mehr damit.

Erfahrungsprotokolle


„Ich glaubte, bei mir würde er sich ändern“

Meike, 35, Logopädin, Single

„Als Nick damals in unsere Abi-Klasse kam, habe ich mich sofort verknallt. Ich weiß noch, wie mich meine Freundin vor ihm gewarnt hat: Nick würde gern flirten, aber mehr auch nicht. Natürlich habe ich ihr nicht geglaubt. Und mir bei ihr, als ihm ,alles zu eng wurde‘, die Augen ausgeheult. Vor zwei Jahren hat er sich dann plötzlich wieder gemeldet. Wir haben uns getroffen, in die Augen geschaut und boom: Alles war wie früher! Er sagte, dass er damals zu jung für etwas Festes gewesen wäre, mich aber nie vergessen hätte. Und ich? Glaubte wirklich, dass ich seinen Panzer knacken würde. Doch als ich mit ihm zusammenziehen wollte, sagte er: ,Ich liebe dich, aber ich will nicht jeden Morgen neben dir aufwachen.‘“

„Warum soll ich mich jetzt schon festlegen?“

Christian, 43, Pilot, ledig

„Ich liebe die Fliegerei, und ich liebe meine Freiheit. Doch in jeder festen Beziehung, auf die ich mich bisher eingelassen habe, wollten die Frauen früher oder später, dass ich mein Leben ändere: Dass ich einen sicheren Job annehme, mit einem festen Flugplan und monatlichem Gehalt. Doch das ist nichts für mich. Ich finde es ja gerade spannend, dass ich als freier Pilot nicht weiß, wo ich übermorgen landen werde. Mal fliege ich Entwicklungshelfer in den Sudan, mal mit einer Jagd - gesellschaft in die Taiga. Und ja, unterwegs lerne ich auch viele interessante Frauen kennen – manche auch näher, die mir schon gefährlich werden. Warum sollte ich heiraten? Damit lasse ich mir lieber noch ein bisschen Zeit.“

„So begehrt habe ich mich noch nie gefühlt“

Sonja, 41, pharmazeutisch-technische Assistentin

„Vom ersten Moment an spürte ich diese Anziehungskraft. Guido war der neue Ski-Trainer bei uns im Ort, funkelnde Augen, gebräunte Haut, stets umlagert von Frauen. Aber er schenkte nur mir seine Aufmerksamkeit und gab mir mit seinen Blicken zu verstehen, dass er mich will. Erst versuchte ich noch, vernünftig zu sein, aber nach dem ersten Kuss war ich verloren. So begehrt, so lebendig hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Nach der Saison zog er von Bayern nach Tirol, unterrichtet jetzt dort. Ab und zu schickt er eine SMS, aber mir ist klar, dass es vorbei ist. Meine Mutter hat mich mal gefragt: ,Musste es denn dieser Typ sein?‘ Um ehrlich zu sein: Ja!“

„Er hat im Netz heimlich weitergesucht“

Iris, 37, Hotelkauffrau, inzwischen geschieden

„Stefan und ich hatten uns übers Internet kennengelernt. Gleich bei unserem ersten Date spürte ich: Er ist es! Seine temperamentvolle Art, sein Humor – es passte einfach alles. Deshalb habe ich auch sofort Ja gesagt, als er mir ein halbes Jahr später einen Heiratsantrag machte, denn er war meine große Liebe – und ich seine. Dachte ich. Bis zu dem Tag, als eine Freundin anrief und mir erzählte, dass sie Stefan in einer Partnerbörse entdeckt habe. Da planten wir gerade unsere Traumhochzeit! Ich konnte es nicht fassen, war außer mir vor Wut. Er aber blieb cool. ,Ach, das ist doch nur ein Spiel‘, winkte er ab. ,Da ist doch nichts dabei …‘ Für mich schon, es war der Anfang vom Ende.“

Experten-Interview


Einen erwachsenen Mann umerziehen? Unmöglich!

Michael Mary, 58 ist Coach und Autor. Er berät seit über 30 Jahren Paare. In diesem Für Sie-Interview berichtet er von einsamen Wölfen und dem Irrglauben, sie zähmen zu können

Für Sie: Was macht ausgerechnet freiheitsliebende Männer so anziehend?

Frauen meinen oft, ihren Selbstwert an der Zuwendung von Männern festmachen zu können. Da scheint es besonders interessant, einen einsamen Wolf zur Strecke zu bringen.

Wie erkennt man als Frau einen bindungsunfähigen Mann?

Ich spreche lieber von bindungsunwilligen Männern oder Frauen. Die erkennt man ganz einfach daran, dass sie sich über einen bestimmten Punkt hinaus nicht weiter auf eine Partnerschaft einlassen. Sie halten den anderen von ihrem Leben fern.

Aber bis ich das merke, bin ich oft schon verliebt. Was dann?

Sich zu bemühen ergibt wenig Sinn, eher sollte man vorsichtig sein und sich nicht einfach verschenken. Eine Frau etwa, die weiß, dass sie mehr als Sex will, sollte sich auch nicht sofort auf Sex einlassen! Interessierte Partner kommen sich Schritt für Schritt entgegen. Wenn einer stehen bleibt, sollte der andere nicht nach vorn preschen.

Zum Weiterlesen:

„Wo bist du und wenn nicht wieso?“ erscheint am 1. September (GU, 14,99 Euro)

Viele Frauen glauben, sie könnten den Mann an ihrer Seite zähmen …

Erziehungsversuche unter Erwachsenen sind zum Scheitern verurteilt. Man kann niemanden ändern, nur dessen Verhalten beeinflussen. Aber das ist nicht direkt möglich, sondern nur indirekt – indem man sein eigenes Verhalten ändert.

Sind Kompromisse ein Weg, doch noch zueinanderzufinden?

Kompromisse taugen nicht für die Liebe, nur für die Partnerschaft. Zu einer echten Partnerschaft kommt es aber meist erst gar nicht, weil viele der dauerhaft suchenden Singles eine Bindung verhindern, indem sie von Anfang an auf Störendes starren und Positives abwerten.

Aus Angst, erneut zu scheitern?

Ja. Um auf Nummer sicher zu gehen, sprechen sie ihr Urteil sofort, gestützt auf eigene Vermutungen und Ängste. Die Folge: Sie sortieren aus und bleiben allein.

Weil sie die „Gnade der Blindheit“ verloren haben, wie Sie sagen?

Um sich verlieben zu können, muss man blind sein, zumindest auf einem Auge. Dauerhaft suchende Singles haben aber beide Augen weit auf, daher können sie sich emotional nicht einlassen. Am besten gibt man das Ziel, einen Partner zu suchen, auf – und sucht stattdessen gute Begegnungen, in denen sich beide aufeinander beziehen.

Mehr Infos über den Coach und seine Methode: www.michaelmary.de

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