Trend: Cocooning

Trend: Cocooning

Wir rücken enger zusammen, kochen, laden Gäste ein, machen es uns daheim so richtig gemütlich – und genau das brauchen wir jetzt auch

Trend: Cocooning
© Yuri Arcurs-fotolia
Trend: Cocooning

Heute einfach mal gemütlich zu Hause bleiben! Wenn Sie sich in letzter Zeit verstärkt nach den eigenen vier Wänden sehnen, bedeutet das keinesfalls, dass sie alt und bequem geworden sind. Im Gegenteil: Sie befinden sich damit in bester Gesellschaft, liegen ganz im Cocooning- Trend. Das englische Wort beschreibt den Rückzug aus der stressigen Alltagswelt in die Geborgenheit des eigenen Heims. Was natürlich nicht bedeutet, dass jeder, der gern im Jogginganzug vor dem Fernseher Pizza isst, deshalb gleich ein Trendsetter ist. Denn es geht um etwas anderes, um das Glück der Einfachheit, um die Rückbesinnung auf Familie, Freunde, Nachbarn, Hobbys. Cocooning steht für ein neues Verständnis von Genuss und Lebensart. Den Luxus, der auch für kleines Geld zu haben ist. Man kuschelt sich wieder enger zusammen – trotzdem wollen die Menschen etwas unternehmen. Da bietet es sich an, Freunde einzuladen und sie mit einem aufwendigen Menü zu bekochen. Das ist deutlich preiswerter als ein Abendessen im Restaurant, und die Atmosphäre ist daheim sowieso viel entspannter.

ZAHLREICHE TV-KOCHSHOWS und Reality-Formate wie „Das perfekte Dinner“ haben es vorgemacht und sind daher für viele Menschen Anregung, sich selbst als Gastgeber zu versuchen. Man lässt sich von den Starköchen inspirieren, probiert aus, kocht nach. Anderen genügt der Spaß beim Zuschauen, wie gebrutzelt, gehackt und gerührt wird. Allein die überwältigenden Einschaltquoten zeigen schon, wie viele sich nach der Geselligkeit sehnen, die solche Sendungen ausstrahlen. Den Erfolg von „Das perfekte Dinner“ erklärt Sonja Harnisch, Pressesprecherin des TV-Senders VOX, so: „Die Sendung wird in privaten Wohnungen gedreht, zu denen man sonst keinen Zutritt hat. Hier kocht der Otto Normalverbraucher – und das oft auf erstaunlich hohem Niveau. Dabei lernt der Zuschauer neue Rezepte kennen und erfährt viel über die Kunst des Gastgebens. Viele kochen die Rezepte nach und holen sich Ideen für Deko und Abendgestaltung.“

Cocooning ist keine Erfindung von Fernsehköchen

COCOONING IST ALLERDINGS keine Erfindung von Fernsehköchen wie Tim Mälzer oder Johann Lafer, sondern wurzelt in den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Geprägt wurde der Begriff von der amerikanischen Trendforscherin Faith Popcorn. Bereits in den späten 80er Jahren prognostizierte sie einen Rückzug ins Private, der Anfang der 90er auch eintrat. Für die Generation der damals 30-Jährigen war die coole New-Wave-Party zu Ende. Im Kinderzimmer krähte der Nachwuchs, oder die Karriere ließ zum Ausgehen keine Zeit mehr. Was lag also näher, als das eigene Couch-Potato-Dasein zum Trend zu erklären? Und was für ein schönes Wort man sich dafür ausgedacht hatte: Es leitet sich ab von „cocoon“ – auf deutsch Kokon – der Hülle, in die sich Seidenraupen einspinnen. Die perfekte Beschreibung für ein wunderbares Gefühl: nach Hause kommen, die Tür schließen, in die Polster fallen – und sofort von einer wohligen Geborgenheit umspült werden. Diesen Wunsch nach Nestwärme nach einem anstrengenden Tag kennt jeder. Wenn dieser Gemütszustand weite Teile der Bevölkerung erfasst, entwickelt sich daraus eine Art Lifestyle. Die momentane Rezession befördert zusätzlich die Freude an den eigenen vier Wänden: Der Job ist vielleicht nicht sicher – das Zuhause schon. Die Frage „Wie stellen Sie sich auf die Wirtschaftskrise ein?“ beantworteten laut einer Umfrage von Elitepartner.de 50,4 Prozent der Frauen und 42,1 Prozent der Männer mit „Ich gehe seltener aus“.

Keine panische Flucht

DIESER RÜCKZUG IST KEINE panische Flucht, sondern eine aktive Hinwendung zu einem neuen Lebensverständnis: Wir suchen unser Glück nicht im Streben nach mehr Prestige und Geld, sondern möchten uns in unserem unmittelbaren Umfeld so wohl wie möglich fühlen. Das eigene Heim erfährt so eine enorme Aufwertung. Eine Tatsache, über die sich natürlich auch die Möbelindustrie freut. „Je schwieriger die Außenwelt für jemanden wird, desto größer wird für ihn die Bedeutung seiner Wohnung, seiner Höhle“, erklärt Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Verbands der deutschen Möbelindustrie. Während sich viele Menschen früher gern mit edlen Kleidermarken, teuren Reisen und großen Autos in Szene gesetzt haben, sieht Klaas nun eine neue Entwicklung: „Heute definieren sich die Menschen stärker durch ihre Einrichtung. Es gibt auch einen Trend zu größeren Esstischen, weil sich das Leben immer mehr in der Küche abspielt.“ Solange sie genug Platz bietet.

Große Sehnsucht nach Geborgenheit

Der große Tisch ist unverzichtbar für gesellige Abendessen mit Gästen, aber auch das Drumherum muss stimmen. Momentan sind Deko-Objekte aus Naturmaterialien beliebt – etwa ein großer Hagebuttenzweig in der Bodenvase, Zierkürbisse, Kiefernzapfen; alles sieht aus, als hätte man es gerade von einem langen Spaziergang mitgebracht. Nicht nur unseren Gästen wollen wir eine schöne Wohnung präsentieren, wir möchten uns auch selbst täglich darin wohlfühlen. Da ist es nur naheliegend, dass opulente Sitz- und Liegelandschaften das Sofa ablösen – die perfekte Ergänzung zum großen Flatscreen-TV, das in vielen Wohnzimmern bereits den alten Fernseher verdrängt hat. Wozu noch ins Kino gehen, wenn man sich Filme und gut gemachte TV-Serien auf DVD anschauen kann? Dass auch dicke, kuschelweiche Teppiche in Cremefarben wieder die nackten Holzfußböden bedecken, passt da ebenso ins Bild wie die Tatsache, dass in vielen Wohnzimmern jetzt ein Kaminfeuer flackert – wenn auch, dank moderner Technik, nicht immer ein echtes. Alles beschienen vom milden Licht der Weichzeichner-Glühbirnen in Apricot.

Hang zur Heimeligkeit

DER HANG ZUR HEIMELIGKEIT macht nicht an der Türschwelle halt. Kurz nachdem Michelle Obama erklärte, dass das Weiße Haus von nun an auch einen Gemüsegarten haben werde, löste sie damit auch bei uns eine grüne Welle aus: Gartenbesitzer, die früher höchstens ein paar Küchenkräuter neben ihren Dahlien, Rosen und Azaleen duldeten, ernten heute Zucchini, Blattsalate und Bohnen. Und wer keinen eigenen Garten hat, wird zum Balkongärtner: Minizüchtungen von Paprika, Blumenkohl und Auberginen machen den Gemüsegarten im Westentaschenformat möglich. Vor allem junge Familien reißen sich um die begehrten Parzellen in den Kleingartenkolonien – und bringen frischen Wind in die schnurgeraden Kohlkopfreihen dieser einstigen Horte deutscher Spießbürgerlichkeit. Es ist die Sehnsucht nach einem einfacheren Leben mit mehr Bodenhaftung: „Die Welt mag sich wandeln – mir persönlich geht es gut“, sagen laut einer Studie der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen immer mehr Bundesbürger. Ein Beweis für die positive Kraft der Rückbesinnung auf das, was wirklich zählt im Leben. Die aktuellen Ergebnisse des Zuversichtsindex, eine repräsentative Befragung, die die Allianz-Versicherung in Zusammenarbeit mit der Uni Hohenheim durchführt, zeigt: Mit 82 Prozent ist die Zuversicht sehr groß, wenn es um Entwicklungen im Familien- und Freundeskreis geht. Weit weniger positiv fällt die Einschätzung hinsichtlich der Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt aus: Nur 6 Prozent sind hier optimistisch.

SICHER KANN MAN DEN TREND zur Häuslichkeit als spießig abtun oder als neues deutsches Biedermeiertum belächeln. Aber es ist einfach schön, zu wissen, dass es da einen Ort gibt, an dem wir uns wohlfühlen. Vielleicht sogar glücklich sind. Allein und mit anderen. Dann wird die Krise zur Chance – und unser Leben ein bisschen reicher.

Der 7 Jahres-Rythmus
Höhen und Tiefen, Triumph und Niederlage – warum passieren große Ereignisse zu bestimmten Zeiten? Weil unser Schicksal offenbar von 7-Jahres-Schritten bestimmt...
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