Pendeln für den Job

Pendeln für den Job

Stundenlange Fahrten, wöchentliche Abschiede, kein echtes Zuhause: Für den Job nehmen das unzählige Deutsche in Kauf. Mobilität gilt längst als selbstverständlich. Drei Pendler erzählen von Last und Bereicherung.

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Pendeln für den Job

Frühmorgens in einem Hotelzimmer in Bayreuth. Projektmanagerin Chrissi Rossmanith – schon von Berufs wegen ein Beratungsprofi – muss vor Arbeitsbeginn Entscheidungshilfe leisten: Ihre achtjährige Tochter Freda ist am Telefon und möchte wissen, ob die rote Strumpfhose zum braunen Cordrock passt. Für Mutter und Kind nichts Ungewöhnliches, denn von Montag bis Mittwoch ist die Mama immer nur per Telefon erreichbar.

Die 35-jährige Allgäuerin pendelt zwischen zwei Parallelwelten: dem Zuhause in Marktoberdorf und dem 350 Kilometer entfernten Bayreuth, wo ihr Arbeitgeber sitzt. Noch vor 20 Jahren wäre sie als Exotin betrachtet worden. Doch der Pendler-Wahnsinn hat sich sukzessive etabliert, wurde mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit. Die Kollegin kämpft sich täglich aus dem Speckgürtel in die Großstadt. Für die neuen Nachbarn ist es der dritte Wohnort innerhalb der letzten acht Jahre. Busse karren Arbeitnehmer aus strukturschwachen ländlichen Regionen der neuen Bundesländer in Großstädte wie Berlin und Hamburg. Wirklich alles ganz normal?

Der Mainzer Soziologe Dr. Detlev Lück weiß: „Mobilität ist für viele Familien der einzige Weg, dass beide Partner arbeiten können.“ Doch welche Konsequenzen hat das moderne Nomadentum für Freundschaft, Liebe und Familienleben? Die durchaus heimatverbundene Chrissi Rossmanith gewinnt ihrem „Doppelleben“ Vorteile ab: „Meine Töchter erleben mich selten gehetzt, und sie sind selbstständiger als Kinder von Vollzeit-Mamis.“ Es war vor sechs Jahren keine Frage, das Angebot einer Unternehmensberatung anzunehmen: vier Wochentage Einsatz in der Schweiz – ihre Kinder (damals zwei und sechs Jahre) bei Vollzeit-Nanny und Papa im Home-Office. „Da lernte ich es zu schätzen, dass ich mich an den Jobtagen voll auf die Arbeit konzentrieren kann – und an den Heimattagen ganz auf die Familie.“ Mit dem Wechsel nach Bayreuth hat Chrissi Rossmanith auf drei Arbeitstage reduziert – und dabei nicht das Gefühl, Entscheidendes zu Hause zu verpassen.

Die große Herausforderung

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Ins Nachbarland:Michaela Störr
35, Unternehmerin*, pendelt zwischen München und St. Gallen „Meist packe ich gleich zwei Koffer – einen mit Business-, einen mit Freizeitklamotten. Denn oft fahre ich von Terminen direkt zu meinem Freund in die Schweiz. In den fünf Jahren unserer Beziehung hatten wir immer zwei Wohnsitze. Anfangs war Eifersucht ein Thema. Inzwischen ist aber klar, dass wir zusammenbleiben – und auch -wohnen wollen. Nur wo, das wissen wir nicht!“ *www.lakooperativa.de

Annähernd jeder zweite Erwerbstätige in Europa hat Erfahrung mit berufsbedingter Mobilität. Das belegt die erste repräsentative Studie über deren Ursachen und Folgen in Europa, die die Uni Mainz 2008 veröffentlicht hat. Die Untersuchung offenbart eine verblüffende Erkenntnis: Hinter unserer scheinbar so selbstverständlichen Bereitschaft zur Mobilität stecke eine erstaunliche Sesshaftigkeit, sagt Dr. Detlev Lück, Mitkoordinator der Studie. „Die Menschen nehmen lieber das tägliche oder wöchentliche Pendeln über weite Distanzen in Kauf, als mit Sack und Pack umzuziehen. Dabei würde oft ein Umzug längerfristig zu einem entspannteren Leben führen.“ Denn das ständige Hin und Her schlägt oft auf Psyche und Gesundheit. Zeitverlust und Schlafmangel können auf Dauer etwa zu Erschöpfung, Kopf- und Rückenschmerzen führen.

Dr. Ralf Wieking (38) sieht am meisten das Familienleben herausgefordert. Er arbeitet wochentags als Oberstabsarzt beim Flottenkommando in Glücksburg bei Flensburg, hat dort eine kleine Wohnung. Nur die Wochenenden verbringt er bei seiner Frau und den zwei Töchtern (3 und 4) in Hamburg. „Es bedeutet einen gigantischen organisatorischen und finanziellen Aufwand, meine Abwesenheit auszugleichen.“ Von Wäsche bis Elternabend – alles hängt an Ehefrau Meiken. „Im Notfall bin ich nicht immer kurzfristig greifbar“, sagt er. Sollte allerdings sein nächster Dienstort auf mehrere Jahre angelegt sein, wird die Familie mit umziehen. „Es ist ja auch eine Bereicherung, gemeinsam Neues zu entdecken.“

Nicht zuletzt deshalb haben sich die Wiekings vor Jahren bewusst für seinen Jobwechsel vom zivilen Krankenhaus zur Marine entschieden – inklusive Pendelei oder häufigem Wohnortwechsel. „Es ist mein Traumberuf, dafür nehmen wir Nachteile in Kauf.“

Die gewonnene Freiheit

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Job mit Zweitwohnung:Dr. Ralf Wieking
38, Oberstabsarzt, Familie in Hamburg, Arbeit 170 km nördlich „Das Gute an meinem Zweitwohnsitz an der Ostsee: Er ist für die Familie wie eine Ferienwohnung. Die Fahrten finde ich okay, weil ich Hörbücher höre. Am Wochenende darf sich meine Frau vom Alltagsstress erholen, ich bin für die Kinder zuständig. Nur das Gefühl, an einem Ort langfristig zu Hause zu sein, vermisse ich manchmal.“

Tatsächlich empfinden Pendler ihren Alltag als weniger stressig, wenn das Modell frei gewählt ist und Spielraum bietet. „Da genügt es oft schon, wenn man nicht zu Stoßzeiten fahren muss, der Arbeitgeber Verständnis hat und eine gewisse Flexibilität zulässt“, sagt Dr. Lück. Vielleicht ist die allseits geforderte Mobilität aber auch ein Modell, das sich nur für bestimmte Lebensabschnitte eignet.

Dem stimmt Michaela Störr (35) zu. Die Münchnerin und ihr Freund kennen nur die Liebe auf Distanz. Weil die PR-Beraterin und Reiseunternehmerin selbstständig arbeitet – Laptop immer dabei! – kann sie öfter mal übers Wochenende hinaus bei ihm im schweizerischen St. Gallen sein. „Diese Freiheit ist ausschlaggebend dafür, dass wir die Pendelei schon seit fünf Jahren aushalten.“ Zumal sie zusätzlich zu den privaten Autofahrten auch für ihre Firma häufig reist. Sie sieht es als Vorteil, dass jeder an den getrennten Tagen Zeit für den eigenen Freundeskreis oder Hobbys hat.

Dass räumliche Distanz Paare sogar glücklicher machen kann, hat die Psychologin Fanny Jimenez von der Berliner Humboldt-Uni erforscht. Allerdings soll das nur für die ersten drei Jahre gelten. Michaela Störr gibt zu: „Wir sind uns einig, dass zwei Wohnsitze keine Dauerlösung sind – schon gar nicht, wenn doch irgendwann Familienplanung zum Thema wird.“

Die Aktion Equal Pay Day macht auf die klaffende Gehaltslücke aufmerksam, die immer noch zwischen Männern und Frauen besteht. Doch welche Gründe gibt es dafür?...
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