
Vor über 50 Jahren verwandelte Iris von Arnim das Krankenhauszimmer in ihr erstes Atelier.
Es gibt diese Karrieren, die mit einem Plan beginnen. Und dann gibt es die von Iris von Arnim, die mit einem Zufall anfängt – und mit der simplen Einsicht, dass man sich beschäftigen muss, „sonst wird man irre.“
Am Anfang steht kein Atelier, kein Konzept, kein Businessplan, sondern ein Krankenhausbett. Ein Unfall reißt Iris von Arnim Anfang der 70er aus ihrem Alltag. Aus Bewegung wird Stillstand. Ein Freund bringt Musik vorbei und zehn Knäuel Wolle: „Gegen die Langeweile." Von Arnim kann zu diesem Zeitpunkt nur rechte und linke Maschen. Eine ziemlich nüchterne Ausgangslage. Aus heutiger Sicht betrachtet, hatte dieser Moment jedoch etwas Magisches. Denn wer wenig kann, probiert mehr und wächst dabei über sich hinaus.
Statt Muster zu stricken, versucht sie sich an Übergängen. Farben laufen ineinander, vorsichtig zuerst, dann mutiger. Rot in Orange, Orange in Gelb, Gelb in Grün. Dahinter steckt kein ausgeklügelter Plan, eher ein Gefühl. Und irgendwann liegt er da: ein bunter Pullover, der wie ein Regenbogen leuchtet. Der Startschuss einer Karriere, in der garantiert keine Langeweile aufkommen wird.
Der große Durchbruch in der FÜR SIE
Dass dieser Pullover einmal ihr Leben verändern würde, ist in diesem Moment nicht nur ungewiss, es ist schlicht unvorstellbar. Bis Freunde sie auf die bunten Pullover ansprechen und jeder seinen eigenen haben will. Ihre erste Kundin? Die Bettnachbarin im Krankenhaus. Die soll sich gleich mehrere Exemplare für den heimischen Kleiderschrank gesichert haben. Es ist die Art von Nachfrage, die aus keinem Plan, keinem Marketingkonzept ensteht. Sie entsteht aus dem Moment selbst. Aus dem Staunen und aus der Freude, etwas Besonderes in den Händen zu halten. Man schaut auf den Pullover, und ohne lange zu überlegen weiß man: Der gehört mir!
1977 verändert sich mit einem Schlag alles für Iris von Arnim. Ihr begehrter Regenbogenpullover erscheint auf dem Cover des FÜR SIE Magazins. Plötzlich ist da die Öffentlichkeit und mit ihr Aufmerksamkeit und Begehrlichkeit in größerem Maßstab. Über Nacht wird Iris von Arnim zum Strick-Star. Dass dieser Pullover ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit gedacht war, sondern aus purer Langeweile entstanden ist, macht die Geschichte fast noch schöner.

Mit dem Regenbogenpullover in der FÜR SIE wurde Iris von Arnim berühmt.
Das Telefon? Steht nach der Veröffentlichung nicht mehr still. Aus Freunden und Bekannten werden Einkäufer und renommierte Modehäuser. Anfangs kann Iris von Arnim all das noch alleine stemmen. Doch irgendwann reichen zwei Hände einfach nicht mehr aus. Egal, wie schnell sie zu diesem Zeitpunkt auch strickt. Also organisiert sie andere Hände. Frauen, die von zu Hause aus arbeiten, am Küchentisch, zwischen Alltag und Radio. Heimarbeit, wie sie damals noch selbstverständlich ist. Aus etwas Privatem wird etwas Gemeinsames. Aus Beschäftigung wird Struktur und aus Struktur wird mit jeder neuen Masche ein Unternehmen: Iris von Arnim.
Vom Regenbogen zur Kaschmirwolle
Mit dem Erfolg kommt etwas, das viele Designerinnen kennen: Kopien. Ihre farbigen Motivpullover aus Seide und Angora tauchen überall auf. Produziert in großen Stückzahlen und zu deutlich niedrigeren Preisen. Ein vertrautes Muster der Modeindustrie. Einschüchtern? Ließ sich von Arnim davon nicht. Für die Strick-Designerin ist es der Moment, in dem sie ihre Arbeit neu denkt. Sie beschließt, radikal umzusteuern. Statt auf Musterpullover setzt sie nun auf Material. Nicht irgendeines, sondern: Cashmere. Mit Erfolg. Heute ist das weiche Material aus der Luxusmode kaum wegzudenken. Doch in Deutschland ist es damals noch eine wahre Seltenheit. Von Arnim reist nach Italien, sucht Produzenten, experimentiert mit Garnen und Farben. Ihre Entwürfe verändern sich. Die Motive verschwinden, die Silhouetten werden klarer, die Farbpalette schlichter. Ein paar Farbtupfer erinnern jedoch auch heute noch an vergangene Tage und an die Anfänge von Iris von Arnim. Statt eines auffälligen Musters wirkt nun das Material selbst. Cashmere wird zum Markenzeichen ihres Labels und trifft damit den Nerv der Zeit. Doch die Zeit selbst steht natürlich nicht still, das muss auch Iris von Arnim in den nächsten Jahren erkennen.
Rückzug? Für von Arnim keine Option
Der Strick-Trend, der schon in der Coronazeit erste Wellen schlägt, erreicht in den Jahren darauf seinen Höhepunkt. Wieder wird Iris von Arnim vor die Frage gestellt, wie sie weitermachen will - und kann. Angst? Keine Option. Rückzug? Auch nicht. Iris von Arnim wählt den Weg nach vorne. Mit Sohn Valentin an ihrer Seite. Das Geheimnis ihres Erfolgs? Authentizität. Die Suche danach ist in Zeiten wie diesen so groß wie nie. Bei Iris von Arnim findet man sie. Und zwar längst nicht mehr nur zwischen Pullovern, Mützen und Schals. Auch die Blazer, Jacken und sogar Jeansmodelle, die mittlerweile zum Sortiment gehören, sprechen diese Sprache.

2006 stieg Valentin von Arnim ins Unternehmen ein. Seit 2009 leitet er das strategische und operative Geschäft.
Iris von Arnim ist eine Herzensmarke mit einer eingeschweißten Fangemeinde: Mütter kommen nicht mehr alleine, sie bringen längst ihre Töchter mit. Und ja, auch für die hat Iris von Arnim etwas im Sortiment – ein zarter Logo-Poncho zum Beispiel. Dass ihre Marke heute, fast fünfzig Jahre später, noch existiert, ist in einer Branche, die vom schnellen Vergessen lebt, keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis von Entscheidungen, die nicht immer bequem waren. Und von einem Instinkt, der früh verstanden hat, dass man keine Angst vor Veränderungen haben muss. Sie vielmehr als Chance sehen sollte. Egal, wie groß diese auch sind.
Wer ein Stück von ihr trägt, merkt sofort, dass hier jemand mit Herz und Verstand arbeitet – und dass Mode mehr sein kann als ein flüchtiger Trend. In einer Welt, in der sich Mode fast täglich neu erfindet, bleibt Iris von Arnim eine feste Konstante. Für die junge Generation von Designer:innen ist sie daher nicht umsonst ein großes Vorbild. Von Arnim zeigt, wie man mit Mut, Geduld und Gespür ein Unternehmen nicht nur gründet, sondern über Jahrzehnte hinweg prägt. Wenn man den Mut dazu hat. Und vielleicht auch ein kleines Bisschen Langeweile.
Iris von Arnim im Interview: "Man muss sich beschäftigen, sonst wird man irre"
Iris von Arnim im Gespräch über Cashmere, Handwerkskunst und die Möglichkeit, Langeweile in etwas Großartiges zu verwandeln.
Ihr erstes Atelier war ein Krankenhauszimmer. War das Stricken für Sie zunächst eher Trost, Flucht, Widerstand gegen Ohnmacht oder reiner Zeitvertreib?
Man muss sich beschäftigen, sonst wird man irre. Ein Freund brachte mir Musik und 10 Knäuel Wolle in unterschiedlichen Farben ins Krankenhaus. Weil ich nur rechts/links stricken konnte, habe ich mit den Farben gespielt und sie ineinander laufen lassen. Dabei ist etwas einzigartiges entstanden: der Regenbogenpullover.
Gab es einen Schlüsselmoment der Ihnen gezeigt hat: Stricken ist mehr als nur eine schöne Ablenkung, sondern ein wahres Geschäftsmodell?
Das ist sicher meine Idee des Regenbogenpullovers. Aus dieser ist meine Marke entstanden, und jetzt – nach 50 Jahren – gibt es sie immer noch. Kaschmir sieht man heute an jeder Ecke. Das war damals ganz anders.
Wie sind Sie damals an das Material gekommen und was hat Sie daran so fasziniert? Sie waren eine der Ersten in Deutschland, die daraus Kollektionen produzieren ließen
Zu Beginn meiner Karriere waren meine farbenfrohen Motiv-Pullovern aus Seide und Angora ein großer Erfolg. Es gab damals nichts Vergleichbares auf dem Markt. Als mein Stil massenhaft in Billiglohnländern kopiert wurde, wollte ich etwas ganz anderes machen. Ich wollte professioneller werden. Weg von den Handstrickmaschinen und weg von den Mustern und Motiven. Ich war in der Luxusbranche erfolgreich, somit kam nur Cashmere als neues Material in Frage. Ich habe mir in Italien, dem Land der Mode, einen erfahrenen Produzenten gesucht und Unis in den schönsten Farben und Formen gemacht. Das war neu und ist bis heute ein Erfolg.
Ihr Sohn Valentin ist seit 2010 Teil des Unternehmens. Hat er sich selbst schon mal an Nadeln und Wolle probiert oder ist das gar nichts für ihn?
Valentin hat früher als Kind zwischen den Designerinnen gesessen und Pullover gezeichnet. Er ist in der Firma aufgewachsen und hat von klein auf ein Gespür und Verständnis für das Strickhandwerk.
Können Sie sich noch an den Verkauf Ihres ersten Pullovers erinnern? Wie war das für Sie?
Das war ein Zufall. Ich habe bunte Farbverläufe gestrickt, und dann kamen die ersten Bekannten und wollten auch so einen Pullover haben. Irgendwann gab es so viele Anfragen, ich musste mir Strickerinnen in Heimarbeit suchen, das gab es damals noch in Deutschland.
Welches Kleidungsstück ist Ihnen in Ihrer Unternehmensgeschichte besonders in Erinnerung geblieben und warum? Es bleibt der Regenbogen-Pullover. Stricken erlebt seit einigen Jahren ein Comeback.
Was glauben Sie: Ist das eine Modeerscheinung – oder ein echtes Bedürfnis unserer Zeit?
Zu meinen Anfängen waren die meisten Magazine Strickanleitungen. Frauen haben viel zu Hause gestrickt. Leider ist über die Jahre die handwerkliche Tradition und die Leidenschaft für das Stricken zurückgegangen, auch deshalb musste ich mir Produzenten und Strickerinnen im Ausland suchen. Es freut mich, wenn junge Menschen ihre Kreativität ausleben und Neues entsteht.
Stricken Sie heute noch hin und wieder?
Nur noch selten für meine Enkelin Daisy.
Sie haben eine besondere Verbindung zur FÜR SIE: 1977 erschien ihr Rainbow-Sweater in der Printausgabe unseres Magazins - und machte Sie schlagartig berühmt. Können Sie sich noch an den Tag erinnern, an dem Sie das Magazin in den Händen gehalten haben? Wie hat sich das für Sie angefühlt? Das Telefon stand danach bestimmt wochenlang nicht mehr still, oder?
Meine farbenfrohen Pullover fielen auf, sie waren eben einzigartig, so etwas gab es nicht auf dem Markt. Die Menschen waren damals verrückt nach meinen Pullovern. Ich konnte gar nicht so viel stricken, wie ich verkaufen konnte. Auf der Messe in Düsseldorf wollten die Einkäufer der besten Modehäuser Deutschlands meine Pullover haben. 1977 erschien mein Regenbogenpullover auf dem Cover der Für Sie. Das war der Durchbruch.





