30. Oktober 2012
Reisetipp Tanger in Gibraltar

Reisetipp Tanger

Sie vereinigt das Beste aus Europa und Afrika: Die weiße Stadt Tanger an der Straße von Gibraltar hat Autor Michael Kneissler regelrecht verzaubert.

Tanger
© Thinkstock
Reisetipp Tanger

Reisetipp Tanger

Auf den Klippen ist der Weg für das Taxi zu Ende. Wir zahlen neun Dirham für die Stadtfahrt, kaum 90 Cent. Dann geht es zu Fuß ein paar Dutzend Schritte zwischen weiß getünchten Mauern durch eine schmale Gasse bis zu einem Tor, über dem in provisorischen Buchstaben die Worte „Café Hafa 1921“ aufgemalt sind. Wir passieren den engen Durchgang – und dann bleiben wir abrupt stehen. Der Ausblick verschlägt uns den Atem.

Vor uns liegt das Meer, tiefblau mit weißen Schaumkronen, und der Blick schweift über die Straße von Gibraltar bis nach Spanien. Zahlreiche Schiffe sind unterwegs. Links geht es zum Atlantik, rechts ins Mittelmeer. Über uns wölbt sich der Himmel in zartem Blau. Unter uns sind schmale Terrassen in den Felsen gehauen, auf denen weiße Tischchen und Plastikstühle stehen. Wir hatten gehört, dass dies ein magischer Ort sei. Aber dass die Magie so spektakulär aussieht, damit hatten wir nicht gerechnet. Der Blick vom uralten „Café Hafa“ symbolisiert alles, was Tanger ausmacht: die dramatische Architektur an der Steilküste, der Zusammenfluss zweier Meere, die Nähe Europas und die Weite Afrikas, die sich südlich der Stadt über Tausende von Kilometern bis an das Kap der Guten Hoffnung erstreckt.

Wir nehmen an einem der wackligen Tische Platz und bestellen den traditionellen Minztee, den hier schon der Maler Henri Matisse, der Schriftsteller Tr uman Capote und Mick Jagger von den Rolling Stones zu sich nahmen. Im vergangenen Jahrhundert war Tanger Treffpunkt der internationalen Boheme. Doch der letzte große Künstler, der hier seinen Tee schlürfte, war Michael Jackson. Und der starb 2009.

Jetzt führt das Café eine Art Dornröschenschlaf. Aber immer noch ist es ein Ort, wie es ihn nur einmal gibt auf der Welt. Das sagt Ahmed, der Kellner, der als Einziger die alten Zeiten überlebt hat. „Wer einmal hier war“, sagt er, „wird den Platz nie vergessen. Er prägt sich nicht nur dem Auge ein, sondern auch der Seele.“

Aber das gilt für die ganze Stadt. Kühn krallen sich die weißen Häuser Tangers an die Hänge über dem Meer. Verwunschene Paläste, baufällige Synagogen, uralte Kirchen und überfüllte Moscheen verstecken sich im Straßengewirr der alten Medina. Vor 70 Jahren war das hier der Sündenpfuhl Afrikas. Tanger war ein Steuerparadies nach internationalem Recht, und Millionäre, Betrüger, Glückssucher, Liebende, Künstler, Spione und Diplomaten verkehrten in den Hotels, Kaffeehäusern, Haschischhöhlen und Bordellen. Heute gehört Tanger zu Marokko und ist eine der friedlichsten und sichersten Städte Afrikas.

Das Treiben der Stadt

Ahmed bringt den Tee. Dunkel schimmert er in den kleinen Gläsern, und beim ersten Schluck verbreitet sich eine bittere Süße am Gaumen – der typische Geschmack Marokkos. Hergestellt wird der Tee nach einem alten Ritual mit chinesischem Gunpowder und frischer Nana-Minze aus dem nahen Rif-Gebirge, die die Bauersfrauen auf den Märkten verkaufen. Wir folgen den engen Gassen durch die Altstadt. Es geht steil bergauf zur Kasbah, der ehemaligen Festung. Hier herrscht nicht mehr die hektische Geschäftigkeit aus dem Gold- oder Lederviertel der Medina rund um den Petit-Socco-Platz mit seinen Cafés und Hotels. Hier leben Familien in liebevoll restaurierten Palästen, die von farbenprächtiger Bougainvillea überwuchert sind.

Der Innenhof der Kasbah ist eine Oase der Ruhe. Unter Schatten spendenden Bäumen voller Spatzen wuchern üppige exotische Pflanzen. Springbrunnen plätschern, und die hohen Mauern halten Hitze und Lärm fern. Später flanieren wir durch die Neustadt mit ihren Boutiquen, Garküchen und Kaffeehäusern rund um den Boulevard Pasteur. Wir trinken einen nahrhaften Shake aus Milch, Avocado und Mandeln in der belebten Avenue de Fès und essen danach im „Al Hamra“ (Rue du Mexique) für ein paar Euro scharf gewürzte Merguez (Lammfleischwürstchen) mit Salat und Kartoffelchips.

Über die Place de Faro geht es zurück zum Hotel. Die Place de Faro ist eine Terrasse am Beginn des Boulevard Pasteur mit einem wunderbaren Blick über die Medina und den Hafen auf das Meer. Ganz Tanger trifft sich hier bei Sonnenuntergang und beobachtet, wie das Meer zu glühen beginnt und später dunkel wird, während die Lichter Spaniens am Horizont auftauchen. Manche machen es sich auf den Mauern rund um den Platz so bequem, dass er im Volksmund Sour Al Maagazine genannt wird: Mauer der Faulpelze.

Das „El Minzah Hotel“ ist nur wenige Schritte entfernt. Ein Grandhotel aus vergangenen Zeiten. Livrierte Türsteher in orientalischen Pluderhosen begrüßen die Gäste, und hätten die Zimmer keine Klimaanlage und hochmoderne Flachbild-Fernseher, könnte man denken, nichts hätte sich geändert, seit der Milliardär Aristoteles Onassis hier mit der Operndiva Maria Callas zu Gast war. Hier verkehrten einst Milliardäre, Diplomaten und Spione. Geschäfte wurden gemacht, Politik verhandelt und prachtvolle Galas veranstaltet.

Reise-Infos für Tanger

Auch heute noch ist das „El Minzah“ das erste Haus am Platz. Als wir da sind, feiert eine große, reiche Sippe von Marokkanern die halbe Nacht im Innenhof ein rauschendes Fest zur ersten Menstruation der Tochter. Am nächsten Tag fahren wir die paar Kilometer am Königspalast vorbei zum wilden Kap Spartel, das sich dramatisch in den Atlantik hinausschiebt. Hier soll der griechische Held Herkules die Erde gespalten haben, um das Mittelmeer mit dem Ozean zu verbinden. Südlich des Kaps liegen die schönsten Strände der Stadt. Nur 15 Kilometer vom Zentrum entfernt öffnen sich weite, unberührte Buchten zum Atlantik. Das „Le Mirage“, eines der schönsten Hotels Marokkos, ist hier in eine der Steilklippen hineingebaut.

Am Abend sind wir mit einer Bekannten im „El Dorado“ verabredet, einem der besten Restaurants in der Stadtmitte. Mimi ist eine moderne Marokkanerin, verheiratet mit einem Franzosen, berufstätig. Sie arbeitet für einen deutschen Makler, sechs Tage die Woche. Ihre Tochter wird von einer Nanny betreut. Einmal in der Woche trifft sie sich hier mit ihrem Mann, Kollegen und Freunden zum Essen, Klönen, Trinken und Rauchen. Es gibt frische Seezunge und butterweiche Tintenfische. Einige der Männer suchen sich an der Kühltheke riesige Rindersteaks aus, die dann direkt zur Grillstation getragen werden und über den Tellerrand lappen, wenn sie zischend vor Hitze zurückkommen. Dazu gibt es Bier und marokkanischen Wein.

Die Stimmung ist gut und laut, und wir fühlen uns willkommen. Zum Abschied werden wir von allen geküsst und umarmt. „Weint nicht zu viel“, sagt Mimi. „Wieso?“, frage ich. „Ist ein Sprichwort hier in Tanger: Wer die weiße Stadt einmal gesehen hat, wird um sie weinen, wenn er wieder in der Ferne ist“, lacht Mimi. „À bientôt – bis bald!“

Reise-Infos für Tanger

  • TANGER ist eine Hafenstadt im Nordwesten Marokkos, gegenüber von Spanien (www.visitmorocco.com).
  • REISEZEIT: Ganzjährig. November, Dezember, Januar und Februar sind kühler (da freut man sich abends, wenn die Unterkunft beheizbar ist), Juli und August sind sehr heiß.
  • ANREISE: Mit Germanwings von Köln. Mit Iberia via Madrid. Oder per Billigflug nach Málaga/Spanien, mit Bus oder Mietauto nach Tarifa, weiter mit der Fähre (Mietautos dürfen nach Marokko nicht mitgenommen werden).
  • HOTELS: Altmodisch luxuriös: „El Minzah Hotel“ (www.elminzah.com), ab 125 Euro/DZ. Eins der schönsten Hotels Marokkos direkt am Atlantik: „Le Mirage“ (www.lemirage-tanger.com), ab 180 Euro/Bungalow. Marokkanisch, authentisch, liebenswert: „Riad Tanja“ in der Medina (www.luxury-riads.com), ab 70 Euro/DZ.
  • FERIENWOHNUNGEN vermittelt der Deutsche Reinald Beck, z. B. in der Anlage „Atlantic Magma“. Er besitzt eine der größten Immobilienagenturen Tangers (www.immonrea.com).
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