Ess-Störung Diagnose Magersucht

Hanna-Charlotte ist 1,62 Meter groß und wiegt dabei nur 36 Kilogramm. Ihre Ess-Störung entwickelte sie vor drei Jahren. Wie erlebt die Abiturientin ihre Magersucht, was bedeutet es für die Mutter? Ein Schicksal, zwei Perspektiven.

Waage und Maßband: Wer an Weihnachten ein paar Tipps beherzigt, ist danach auf eine Diät nicht angewiesen Diagnose Magersucht © Thinkstock

Die Mutter
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Wenn ich meiner Tochter zwei Kartoffeln auf den Teller lege, antwortet sie: „Ich esse nur anderthalb.“ Ich sage: „Zwei Kartoffeln müssen sein.“ Hanna: „Eindreiviertel.“ Ich: „Zwei.“ Hanna: „Eindreiviertel, und dazu ein Stückchen Fleisch.“ Manchmal habe ich es so satt, mit ihr um jeden Bissen zu ringen! Seit über drei Jahren bestimmen zermürbende Ess-Verhandlungen und zähe Mahlzeiten unseren Alltag, weil die Magersucht meine Familie im Griff hat. Wenn ich nachts aufwache, schleiche ich an Hannas Bett, um zu sehen, ob sie noch atmet. Denn mit 36 kg bei 1,62 Metern ist sie extrem untergewichtig. Dreimal ließen wir sie bereits in eine Klinik einweisen. Doch jetzt ist sie volljährig und hat entschieden: „Ich will nicht mehr in die Klinik, Mama, ich möchte bei dir bleiben.“ Ich habe daher eine Abmachung mit ihr getroffen: Solange sie kein Gramm abnimmt, kann sie bleiben. Ist das richtig? Ich weiß es nicht. Ich will nur, dass sie nicht verhungert. Und dass Hannas jüngere Geschwister (12 und 14) so normal wie möglich leben können. Das ist jeden Tag ein Kraftakt.

Wie es zu ihrer Magersucht kam? Schwer zu begreifen. Hanna war damals fast 16, hatte ihre erste feste Beziehung, ging auf Partys. Und auch ich lernte jemanden kennen. Von Hannas Vater hatte ich mich getrennt, als sie ein Kleinkind war. 2007 ist er gestorben. Auch meine zweite Ehe scheiterte. Mama, du brauchst wieder einen Mann, hatte Hanna immer gesagt. Als Peter dann in unser Leben trat, passte ihr das gar nicht. Sie reagierte zickig, besonders bei den gemeinsamen Mahlzeiten: „Kein Hunger“, „Schmeckt nicht“, „Hab’ schon gegessen“. Ich hielt das für pubertäre Bockigkeit. Wer macht mit seinem Partner Schluss, nur weil die Beziehung der Teenager-Tochter nicht passt?

Dass mehr als Protest dahintersteckt, wurde mir bald klar. Hanna, die immer schon schlank und sportlich war, nahm innerhalb von einem Dreivierteljahr elf Kilo ab! Ich hakte vehement nach, was los ist. Schloss uns beide einmal sogar im Bad ein, damit sie damit rausrückte. Sie weinte – und wusste es nicht. Doch ich wusste: Wir brauchten Hilfe, dringend, sie wurde immer weniger. Wenn ich heute grüble, was falsch gelaufen ist, komme ich auf Väter, die sich aus allem heraushielten, Hannas Fixierung auf mich, ihr braves, angepasstes Wesen, ihren großen Ehrgeiz. Selbst jetzt ist Hanna trotz ihres Zustandes, in dem sie sich kaum auf etwas konzentrieren kann, eine sehr gute Schülerin. Nur ist sie nie zufrieden mit dem, was sie leistet. Ich fand Hanna immer gut, wie sie ist. Habe ich ihr das nicht oft genug gesagt? Wenn ich mittags von der Arbeit komme, bleibe ich manchmal im Auto sitzen, heule und frage mich: Wie lange schaffe ich das noch? Peter kommt zu kurz. Für Freunde oder Hobbys bleibt weder Zeit noch Energie. Für mich selbst auch nicht. Dann reiße ich mich zusammen, gehe ins Haus und bin bereit für eine neue Mahlzeit, ein neues Ringen.

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Autor:
Bettina Laude