Selberstricken Selbermachen als Nostalgie-Trip

Überall wird jetzt gehäkelt und genäht. Selbst Street-Art-Künstler schlagen weich und wollig zu. Was fasziniert alle so am Selbstgestrickten?

Selbermachen als Nostalgie-Trip

Strickkunst in New York

Ein Kunstwerk von Unbekannten in New York.

Durch das Selbermachen wie früher kann man auch ein bisschen flüchten vor der harten, globalisierten Welt da draußen – unsichere Jobs, unsichere Beziehungen, nichts bleibt, wie es war. Vielleicht tut es da ganz einfach gut, sich in eine selbst gestrickte Wolldecke zu kuscheln und selbst gemachte Brombeermarmelade zu essen – ein schöner kleiner Nostalgie-Trip. Jedenfalls wollen immer mehr Leute wissen, wie’s geht. Tania Gehrmann hat 2004 in Berlin ihren Stoffladen „Frau Tulpe“ eröffnet, ihre Nähkurse sind seit einiger Zeit proppenvoll, und vor Kurzem hat sie einen zweiten Laden in Hamburg aufgemacht. Imke, 29, lässt sich gerade von Tania 1,20 Meter grünen Cordstoff abschneiden. Sie näht an einer Patchwork-Krabbeldecke. „In meinem Freundeskreis ist ein Babyboom ausgebrochen – ich schenke jeder Freundin zur Geburt eine selbst gemachte Decke“, erzählt sie. Imke hat das Nähen von ihrer Mutter gelernt. „Sie kann sogar Mäntel schneidern. Darum beneide ich sie sehr.“

Stoff zuschneiden

Tania Gehrmann schneidet im Stoffladen „Frau Tulpe“ den Stoff zu

Ich suche einen süßen Stoff mit Retro-Märchenmotiven aus. „Diese Stoffe sind unglaublich hip zurzeit“, sagt Tania Gehrmann. Das passt zur Nostalgie-Theorie: Selbermacher treibt auch die Sehnsucht nach ein bisschen heiler Welt. Mit dem Stoff geht es ins „Linkle Stitch ’n Bitch Nähcafé“ der Niederländerin Linda Eilers, 33. Zwischen Stoffbergen, Stecknadelknäueln, Garnpyramiden und Wolle surren um die zehn Nähmaschinen, einige davon Oldtimer aus DDR-Zeiten. Nähbegeisterte können jederzeit vorbeikommen, einen Kaffee trinken und zahlen fünf Euro pro Stunde für die Maschinennutzung. „Als ich 2006 aufmachte, kamen vor allem ältere Damen“, sagt Linda. Heute kommen vor allem junge Frauen zwischen 25 und 35, und die Älteren sind auch noch dabei. Heide Besuch, 60, näht Gardinen, eine junge Frau schneidet weißen Stoff für ein Kostüm, dessen Vorlage sie einem japanischem Manga entnommen hat. Heides Söhne, 29 und 31, kommen regelmäßig, um ihre Kostüme zu nähen, beide arbeiten als Pantomime.

Nähen im Nähcafé

Autorin Lisa Seelig saß im Berliner „Linkle Stitch ’n Bitch Nähcafé“ zum ersten Mal an einer Nähmaschine

Unter Lindas Anleitung soll mein „Projekt“ entstehen – eine Kissenhülle. Ich saß noch nie an einer Nähmaschine, Linda erklärt geduldig, und es fühlt sich an wie das erste Mal Fahrradfahren ohne Stützräder, als wenig später die Nähmaschine losrattert. Anfangs muss ich etwas Panik unterdrücken. Aber nach einer halben Stunde ist der Kissenbezug fertig! Zugegeben, nur die abgespeckte Variante, ohne Reißverschluss, aber es muss ja auch nicht gleich der Mount Everest sein am ersten Tag. Am Abend lege ich das Kissen demonstrativ aufs Sofa. Mein Mann schaut ein bisschen befremdet, aber bevor er etwas sagen kann, sage ich stolz: „Hab ich selbst gemacht.“ Das nimmt ihm sämtlichen Wind aus den Segeln. Auch das ist so toll am Selbermachen: Egal wie unperfekt oder schief etwas ist, es ist etwas Besonderes. Die „Encyclopädie der weiblichen Handarbeiten“ werde ich demnächst zwischen den Coffeetable-Books im Wohnzimmer platzieren. Und die Denkmäler in der Stadt seh ich auch schon mit ganz anderen Augen...

1 2 3 4
Schlagworte:
Autor:
Lisa Seelig