Selberstricken Lust auf etwas Einmaliges

Überall wird jetzt gehäkelt und genäht. Selbst Street-Art-Künstler schlagen weich und wollig zu. Was fasziniert alle so am Selbstgestrickten?

Lust auf etwas Einmaliges

Love aus Strick

Etsy zum Beispiel startete 2005 in Brooklyn, mittlerweile sind dort mehr als 400 000 Anbieter mit ihren Produkten online. Die deutsche Plattform Da-Wanda (seit 2006) konnte allein im letzten Jahr die Zahl der Verkäufer fast verdoppeln, von 50 000 auf heute 95 000. In den „Etsy Labs“ in Berlin findet jeden Montag eine kostenlose „Craft Night“ statt: Siebdrucken, Voodoo-Puppen basteln, Porzellan bemalen standen zuletzt auf dem Programm. Und heute Abend: japanische Zori-Sandalen aus den Stoffresten alter T-Shirts knüpfen. Etwa 30 Leute sitzen hochkonzentriert, strumpfsockig und ein bisschen verzweifelt auf dem Boden, eine Nylonschnur in der Hand, T-Shirt-Würste neben sich, und versuchen, Zori-Lehrer Petes Anweisungen zu folgen. Bei mir entsteht nur Schnursalat. Zum Glück gibt es meine Nachbarin Suse, die geduldig meine Finger hin und her biegt. Suse entwirft selbst Kindermode und sagt, dass sie „Upcycling“, also aus alten Sachen neue machen, toll findet. Und so langsam entsteht auch aus meinen Stoffwürsten ein pantoffelförmiges Gebilde.

Strickball

Was treibt die Selbermacher an? „Die Leute haben immer weniger Lust auf industriell gefertigte Massenware, die keine Geschichte und keinen Charakter hat“, sagt Marie Zeisler von Etsy. „Du stellst was mit den eigenen Händen her und hast danach etwas in der Hand, das ist sehr befriedigend. Je mehr die Welt sich technisiert, desto stärker sehnen sich die Menschen nach Selbstgemachtem.“ Statt der ewig gleichen Teile der ewig gleichen Modelabel also ein Statement zur Individualität, zum Einmaligen und Unverwechselbaren. Kein Wunder: In Zeiten, da wir täglich acht Stunden vorm Computer sitzen und unsere Arbeit nur noch virtuell ist, steigt die Lust auf das Echte, Wahre.

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Autor:
Lisa Seelig