Reisebericht Ursprüngliches Thailand

"Wiedersehen mit meiner alten Liebe." Nach zehn Jahren kehrt FÜR SIE Autorin Verena Lugert zurück nach Asien und probiert es aus, mit dem Rucksack durch Asien reisen.

 

An der Ostseite von Phuket ist Thailand noch so, wie ich es liebe

Wie anders das früher war, denke ich versonnen. Da schleppte man sich zum Busbahnhof, die Rucksäcke wurden auf dem Dach festgeschnallt, man rumpelte stundenlang bei kreischender Thai-Popmusik durchs Land, wurde an irgendeiner traumhaften Bucht ausgespuckt. Die Unterkünfte unterschieden sich nicht wesentlich voneinander, und kurze Zeit später fand man sich auf der Terrasse seines frisch angemieteten Bambushüttchens wieder. Zündete eine Petroleumlampe an, nahm einen Schluck vom Sang Thip, dem Thai-Whiskey, lauschte den Wellen, die sich am weißen Sandufer brachen. Und blieb dann erst mal ein paar Tage.

Etwas entmutigt erreiche ich Phuket City, die Hauptstadt der Insel. Und mit einem Schlag wirkt alles komplett anders. Ich sehe sino-portugiesische Architektur, kleine Läden, geblümte Fliesen, verzierte Giebel, rote Laternen – aber dafür: kaum Touristen! Was für ein Gewimmel. Es ist Jahrmarkt und die Straßen können die schiere Masse der Menschen, Gerüche und Geräusche kaum noch fassen. Brüllend laute Musik schwappt aus den Lautsprechern, auf der Tanzfläche tobt die Hölle. Eine Traube von Zuschauern ballt sich um das Tanzpodest. Drei alte Männer mit weißen Bärten, lang und dünn wie Fäden, sitzen in Unterhemden auf Plastikstühlen, halten jeder eine eiskalte Flasche Chang-Bier in den schlanken Händen und schnippen gut gelaunt Zigarettenasche auf den Asphalt.

Kinder lassen knatternd meterlange Ketten von Knallfröschen krachen. In einem China-Restaurant steht ein flauschiger Chow-Chow hechelnd auf einem der Tische und betrachtet interessiert die wogende Szenerie. Die Wirtin hebt ihn hoch, tritt mit dem Hund auf die Straße, wiegt ihre Hüften im Takt der Musik. Überall zischt es von heißem Öl, in dem Garnelen, Teigfladen, Kartoffelplätzchen frittiert werden. Es kocht in hohen Töpfen, fette Brühe brodelt in den Buden und Ständen vor sich hin. Minispiegeleier wie aus der Puppenküche werden in Bananenblätter- Körbchen geschichtet. Es ist ein ohrenbetäubender Klangtaifun, der von den Ständen kommt, aus jedem Büdchen krachwummt es markerschütternd. Polizisten trillern mit ihren Pfeifen, dumpfe Bässe überlagern sich, und alles ist Geschrei, Geschiebe, Geruch.

Südostasien! Jetzt endlich erkenne ich das Land meiner Erinnerung begeistert wieder. Ich suche mir einen Stuhl, der an einem der Stände steht, vor mir ein Bier, das umgerechnet 50 Cent kostet, die Wirtin bringt Reis, dazu Fisch und ein Trio infernalisch scharfer Soßen. Ich verteile sie löffelweise über mein Essen und denke: Wunderbar, ich bin wieder dabei! Auf der Ostseite der Insel ist Thailand noch so, wie ich es von früher liebe. Ich fahre an Kautschukplantagen vorbei, dazwischen Urwald, die Landschaft in brüllendem Grün, dem saftigen Dunkeloliv von Palmen, von Gräsern, Bananenblättern und Stauden. Und immer wieder ragt aus dem Dickicht die Spitze einer Pagode, glänzend wie Gold. Ein Affe huscht eine Staude hinauf, eine Babybanane im braunen Händchen. Mit schwarzen Augen blickt er um sich. Um dann den Kopf zu wenden und sich mit dem Schwanz um einen Ast in die Höhe zu schwingen. Kokosnüsse hängen an Palmen, lila leuchten Orchideen.

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Verena Lugert