Bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln Warum ist die Ampel so umstritten?

Foodwatch-Chef Thilo Bode fordert die Einführung der Ernährungs-Ampel und eine bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln. Burger mag er trotzdem

Das klingt nach einer guten Sache. Warum ist die Ampel so umstritten?

Die Nahrungsmittelindustrie wehrt sich dagegen, weil sie – auch wenn das platt klingt – davon lebt, dass die Lebensmittel zu viel Salz, Fett und Zucker enthalten. Weil diese Stoffe Geschmacksträger sind. Wenn die Kunden aber nicht genau wissen, wie viel davon drin ist, kommen gesundheitliche Bedenken gar nicht erst auf. Deshalb stehen diese Informationen, wenn überhaupt, nur versteckt und schöngerechnet auf den Verpackungen. Die Industrie trägt erhebliche Mitverantwortung dafür, dass Übergewicht zur Volkskrankheit geworden ist. Sie finden heute praktisch kein Nahrungsmittel mehr, das keinen Zucker enthält. Unser Zuckerkonsum hat sich seit den 50er Jahren verdoppelt.

Glauben Sie denn wirklich, dass die Deutschen sich gesünder ernähren, wenn die Ampel drauf ist?

Ich glaube nicht, dass die Leute dann automatisch gesünder essen. Aber sie bekämen echte Wahlfreiheit. Und ich glaube, in der Lebensmittelindustrie würde es einen Wettbewerb um vernünftige Nährwertgehalte geben. Weil kein Unternehmen zu viele rote Punkte auf seinen Produkten haben möchte.

Den meisten Menschen wäre doch schon viel geholfen, wenn sie einfach mehr Sport treiben würden.

Das sagt die Nahrungsmittelindustrie auch immer: Die Leute sollen sich mehr bewegen. Natürlich ist ausreichend Bewegung wichtig. Aber die Lebensmittelindustrie ist doch kein Fitnessstudio! Ihre Verantwortung liegt darin, gute Produkte zu verkaufen und die Inhaltsstoffe transparent zu machen. Alles andere sind Ablenkungsmanöver.

Laut einer Emnid-Umfrage sind 67 Prozent der Bürger für die Lebensmittel- Ampel. Verbraucherministerin Aigner favorisiert das sogenannte GDA-Modell („Guideline Daily Amounts“), bei dem die Nährwerte in Prozent des Tagesbedarfs angegeben werden. Ist das nicht auch gut?

Ich halte es für Irreführung.

Warum?

Bei ihren „Empfehlungen“ für den Tagesbedarf legen die Hersteller den Energiebedarf einer erwachsenen Frau zugrunde: 2000 Kalorien. Selbst bei Lebensmitteln für Kinder ist das der Richtwert, obwohl Kinder, je nach Alter und Größe, einen niedrigeren Bedarf haben. Außerdem gibt die Industrie die Nährwertgehalte beim GDA-Modell für eine willkürliche Portionsgröße an – eine halbe Tiefkühlpizza oder eine Handvoll Kartoffelchips zum Beispiel. Das führt dazu, dass Zucker-, Fett- und Salzwerte viel niedriger erscheinen, als sie eigentlich sind. Und weil nicht einmal alle Kartoffelchips-Hersteller dieselben Portionsgrößen verwenden, ist auch der Vergleich zwischen zwei Produkten nur mit dem Taschenrechner möglich.

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Autor:
Birgit Hamm