Abschalten und Ruhe finden Leben im Hier und Jetzt

Abschalten, zur Ruhe kommen, die Gegenwart genießen: Kaum etwas wünschen wir uns mehr, als ganz im Hier und Jetzt zu sein. Trotzdem fällt es uns oft schwer. Die gute Nachricht: Wir können lernen, Multitasking und Müßiggang nebeneinander existieren zu lassen. Denn: Alles, zu seiner Zeit! FÜR SIE-Redakteurin Inken Bartels über das tägliche „Affen“-Karussell im Kopf und was Experten aufgrund eigener Erfahrung für ein entspanntes Leben raten.


Leben im Hier und Jetzt: Der Wunsch ist da, aber wie umsetzen?

Kennen Sie das: Sie machen irgendetwas, sind aber gar nicht bei der Sache, weil Sie im Kopf gerade noch hundert andere Dinge tun? Ich habe neulich, während ich mit einer Freundin telefonierte und meinen Blick dabei durch unsere Küche schweifen ließ, gedanklich die Fenster geputzt, mein Portemonnaie gesucht und überlegt, was ich noch aus der Reinigung holen muss. Ich hatte das nicht vor. Meine Gedanken sind einfach auf Wanderschaft gegangen und haben mich komplett aus dem Hier und Jetzt gerissen. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass ich von dem, was meine Freundin erzählt hat, so gut wie nichts mitbekam. Und das finde ich wirklich schändlich! 

Es war nicht das erste Mal, dass meine Gedanken ein derartiges Eigenleben entwickelt haben. Besonders abends vor dem Schlafengehen geht es in meinem Kopf in letzter Zeit ganz schön rund. Zuerst drängelt sich der zurückliegende Tag noch einmal in mein Bewusstsein. Ein sehr anstrengendes Unterfangen, denn dummerweise kommen mir dabei vor allem Szenen in den Sinn, die vermeintlich nicht so gut gelaufen sind: Hätte ich heute nicht netter zur Kollegin sein können? Hätte ich besser Sport gemacht? Und hätte ich mir die doofe Bemerkung meinem Mann gegenüber nicht lieber geschenkt?

Meine „Hätte, hätte, Fahrradkette“-Gedanken machen mir nicht nur schlechte Laune, sie rauben mir auch den Schlaf. Ach, aber wenn ich sowieso wach liege, kann ich ja auch noch schnell den nächsten Tag durchplanen. In Gedanken schreibe ich To-do- und Einkaufslisten und formuliere innerlich schon mal die Punkte, die ich beim kommenden Elternabend ansprechen will. Wenn ich das erledigt habe, ist aber immer noch nicht Ruhe. Nun fühlen sich auch noch die vermeintlichen Sorgen auf den Plan gerufen, und ich fange an, mich um meine Kinder zu sorgen, meine Eltern, den Weltfrieden. Was für ein Irrsinn! Zumal wenn ich mir am nächsten Morgen völlig gerädert klarmache, worüber ich da eigentlich gegrübelt habe: über Vergangenes, das ich nachweislich nicht mehr ändern kann. Und über Zukünftiges, auf das ich genauso wenig Einfluss habe. Alles reine Fiktion, ungelegte Eier. Nur in der Gegenwart, da wo sich mein Leben tatsächlich abspielt, war ich nicht. So kann es doch nicht weitergehen! 

Multitasking vs. Müßiggang: Es kann nur eines geben. Oder?

Lea Vogel

Unsere Expertin Lea Vogel arbeitet als Coach und Achtsamkeitstrainerin in Berlin. www.lea-vogel-coaching.de

Ich hole mir Rat bei Life- Coach Lea Vogel (33). Wir sprechen über Stress, den eigenen Anspruch und darüber, dass gerade bei uns Frauen beides oft viel zu hoch ist. Familie, Job, Freunde, Sport – unser Alltag ist vollgestopft mit Aufgaben, die wir – natürlich – perfekt erfüllen wollen. Höher, schneller, weiter – dank Multitasking kein Problem. Wir hetzen, stehen ständig unter Strom. Müßiggang? Ach was, der ist bekanntlich aller Laster Anfang. Und so gehen wir zielstrebig bis an unsere Grenzen und darüber hinaus. Bei dem Lebenstempo ist es kein Wunder: Unsere Gedanken befeuern sich, dass es nur so kracht. 

„Wenn wir Stress haben, sind die Dinge in unserem Kopf ungeordnet. Unser innerer Kontrolleur versucht durchs Grübeln, Ordnung ins Chaos zu bringen“, erklärt mir Lea. 
„Er sagt: Los, denk weiter! Das führt aber nur selten zu einer Lösung, sondern verursacht nur noch mehr Stress.“ Die Buddhisten, so lerne ich, nennen unseren umtriebigen Geist Monkey Mind. „Wie ein Affe, der sich immer weiter von Ast zu Ast schwingt, kreisen unsere Gedanken, ohne Ruhe zu geben.“ Leas Tipp, um wieder das Jetzt im Hier zu spüren: mehr Achtsamkeit. „Durch unsere Gedanken und durch äußere Reize werden wir permanent aus der Gegenwart gerissen. Die Achtsamkeit, das heißt regelmäßig praktizierte Meditation, lehrt uns, das erst einmal überhaupt wahrzunehmen. Und wenn wir es wahrnehmen, können wir entscheiden: Wollen wir zurück in die Gegenwart, oder gehen wir mit den Gedanken?“

Fürs Leben im Hier und Jetzt Achtsamkeit smart integrieren – und nicht bewusst wollen 

Fünf Minuten tägliche Meditation seien schon toll, so Lea. „Einfach nur rumzusitzen und unserem Atem zu lauschen kommt uns oft unproduktiv vor, und uns fallen tausend Dinge ein, die wichtiger sind. Aber diese fünf Minuten sollten wir uns gönnen und als eine Zeit betrachten, die nur uns gehört.“ Auf keinen Fall sagt Lea, solle die Achtsamkeit aber zu einem weiteren Punkt auf unserer To-do-Liste, sondern unkompliziert in den Alltag integriert werden. Das klingt gut.

Jan Kablitzer: „Die Krise hat mich zu einem bewussteren Leben geführt“

Jan Kalbitzer

Unser Experte Jan Kalbitzer ist Autor, Psychiater und Psychotherapeut. www.kalbitzer.net

Doch bevor ich auf meinem neuen Meditationskissen Platznehmen, will ich mit Jan Kalbitzer (40) sprechen. Der Berliner Psychiater und Psychotherapeut hat sich aus ganz persönlichen Gründen mit der Kraft der Gegenwart beschäftigt. Mit Ende 30 geriet er in eine Krise, alter plötzlich unter innre tief greifenden Angst zu sterben litt. Auch körperliche Symptome kamen hinzu wie Herzstolpern und Erschöpfung.

Statt vor seinen Ängsten wegzulaufen, stellte sich Kalbitzer ihnen. Er nahm eine Auszeit, sprach viel mit Kollegen und überwand die Krise schließlich. „Die Gegenwart ist deshalb so wichtig, weil sie die einzige Zeit ist, in der wir das Leben wirklich spüren können – Freude, Zufriedenheit, aber auch Unglück und Schmerz. Wenn wir diese Gefühle wahrnehmen und zulassen, können wir handeln, Prioritäten überdenken und unser Leben neu ausrichten“, sagt Kalbitzer. „Durch die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Endlichkeit habe ich viel über mich gelernt, darüber, was mir wichtig ist und was nicht. Die Krise hat mich zu einem bewussteren Leben geführt.“ Auch für ihn ist Achtsamkeit ein probates Mittel, um regelmäßig zur Ruhe zu kommen, in sich hineinzuhorchen und sich bewusst zu machen, wie sich das Leben gerade anfühlt. „In der ganzen Achtsamkeitsbewegung sehe ich allerdings die Gefahr, dass die darf bei mehr Übungen zur reinen Entspannung genutzt werden und damit nur als ein weiteres Mittel zur Selbstoptimierung. Wahre Achtsamkeit aber sollte auch immer den Prozess der Klärung miteinbeziehen: Was ist? Will ich das, was ist? Wenn nicht, sollte ich handeln.“ 

Ich denke über meinen Ist-Zustand nach und fühle auf meinem Meditationskissen in mich hinein. Außer dass ich mir manchmal weniger Stress wünsche und die Dinge gern ein wenig lockerer nehmen würde, fühle ich keine großen Baustellen. Was ich aber fühle, ist, wie meine Gedanken gerade wieder anfangen abzudriften. Und eine Frage lässt mich dabei nicht los: Sind meine Grübel-Attacken, die mich permanent aus dem Hier und Jetzt reißen, wohl typische Sorgen einer Mittelschichts-Großstädterin? Ich unterbreche die Meditation und telefoniere mit Ruth Häckh, Wanderschäferin aus Sontheim in Schwaben. 

„Tiere sind eine gute Schule, um die Gegenwart wahrzunehmen“ 

„Die Natur und vor allem die Tiere sind definitiv eine gute Schule, um die Gegenwart wahrzunehmen. Ich kann mir gar keine Ablenkung leisten. Nur wenn ich konzentriert bin, bin ich mit meiner Herde verbunden und kann fühlen, wie es den Schafen geht.“ Ob sie in der Einsamkeit mit den Tieren nicht auch mal ins Grübeln kommt, will ich wissen. „Selten. Ich glaube, in der Natur verschwinden Sorgen schneller. Außerdem bringt es ja nichts, die Gedanken kreisen zu lassen.“ Sie lacht herzlich. Und dann hat Ruth Häckh noch einen Tipp für mich, um mehr im Hier und Jetzt zu sein: „Denke beim Zähneputzen nur ans Zähneputzen, dann ist fürs Grübeln kein Platz.“ 

In den letzten Tagen habe ich viel gelernt. Ich weiß jetzt, dass Stress uns Affen beschert, die Spaß daran haben, uns aus der Gegenwart zu kicken. Um da wieder reinzukommen, hilft Achtsamkeit, was fast das Gleiche ist wie Schafehüten. Manchmal muss man die Gegenwart aber auch aushalten können und sich dem Schmerz mit seinem Ruf zum Handeln stellen. Nur so ist Veränderung möglich. Und hin und wieder kann es nicht schaden, das Leben vor dem Hintergrund der Endlichkeit zu betrachten. Das schärft den Blick fürs Wesentliche. Vor allem aber habe ich gelernt, dass die Gegenwart der einzige Moment ist, der wirklich in unseren Händen liegt. Also: wann, wenn nicht jetzt? Lassen Sie uns die Zeit nutzen. 

Leben im Hier und Jetzt: Tipps für mehr Gelassenheit

Um uns selbst in der Gegenwart spüren zu können, hilft nur eins: Ruhe und Entspannung.

  • Digital Detox Einfach mal nicht erreichbar sein und nicht auf jede Nachricht sofort reagieren entschleunigt total. 
  • Meditieren Auf einem Kissen oder einem Stuhl sitzen und auf die Atmung achten. Wenn die Gedanken kommen, die Aufmerksamkeit zurück auf die Atmung lenken.
  • Bodyscan Auf den Rücken legen und in Gedanken jeden Körperteil abscannen. Gute Methode, um den Geist vor dem Einschlafen zu beruhigen.
  • Schreiben Post vom eigenen Ich? Warum nicht. Schreiben Sie sich selbst einen Brief, stellen Sie sich Fragen und seien Sie gespannt auf die Antworten.
  • Kochen & Backen Ohne Hektik Gemüse zu schnippeln, Teig zu kneten und Essen zuzubereiten kann sehr glücklich machen.
  • Lesen Zeit nur für uns. Ob Romane, Gedichte oder Mutmach-Zitate wie diese japanische Weisheit: „Selbst ein Weg von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt.“

 
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